Der aufgeklärte Patient in der Informationsgesellschaft

Ausgabe: 4/2001

47. Jahrgang

Jahrgang: 2001

Inhalt: Ausgabe

Welche und wie viel Öffentlichkeit braucht die Wissenschaft?

Just, Hanjörg

Das Zusammenwirken von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit birgt zugleich Chancen und Schwierigkeiten. Dieser Beitrag beschreibt zunächst fünf Ebenen von Öffentlichkeit, in denen sich die Wissenschaft bewegt. Sodann geht er am Beispiel des »Shannon-Weaver-Diagramms« detaillierter auf die Rolle der Medien im Prozess der Vermittlung von Information (Wissenschaft) und Bestimmungsort (Öffentlichkeit) ein. Der Beitrag plädiert am Ende für eine grundsätzliche Öffnung der Wissenschaft gegenüber der Öffentlichkeit und den Medien, mahnt aber zugleich zur Vorsicht, die eigenen Spielregeln der Wissenschaft nicht denen der Medien zu opfern.

Arzt und Patient – und Öffentlichkeit?

Gerok, Wolfgang

Im Dreiecksverhältnis von Arzt, Patient und Öffentlichkeit bestehen vielfältige Interaktionen und Abhängigkeiten. In zwei Schritten untersucht dieser Beitrag zunächst das Verhältnis von Patient und Öffentlichkeit (repräsentiert durch die Medien) und sodann die Beziehungen zwischen Arzt und Öffentlichkeit. In der notwendigen Reduktion und Selektion bei der Informationsvermittlung durch die Medien entdeckt der Autor eine Gefahr für das Arzt-Patienten-Verhältnis: Bei den Patienten werden möglicherweise nicht erfüllbare Erwartungen geweckt. Der Arzt ist hingegen gegenüber der Öffentlichkeit (den Medien) nicht nur Empfänger, sondern auch Lieferant von Informationen (Experte). Hier besteht eine Gefahr von Verfälschungen, hervorgerufen durch eine Krise des Expertenwesens. Der Beitrag kommt zu dem Schluss, dass das Verhältnis von Arzt, Patient und Öffentlichkeit nur dann funktionsfähig sein kann, wenn die Beziehungen von Vertrauen geprägt sind, wozu auch gehört, dass missachtetes Vertrauen (Falschinformationen etc.) geahndet wird.

Rezeption von Wahrheit in den Medien

Donsbach, Wolfgang

Das komplexe Thema der Rezeption von Wahrheit in den Medien wird in diesem Beitrag vor allem im Hinblick auf Einfallstore für Irrtümer und Verzerrungen in den Medien untersucht. Wie nehmen Medien Wahrheit wahr und wie stellen sie diese dar? Nach einer Einordnung der Sozialwissenschaften in die Konstruktivismusdebatte widmet sich der Hauptteil der Untersuchung den Einflüssen auf Nachrichtenentscheidungen: Medienstrukturen, Verhalten der Rezipienten und Journalisten (als Subjekt und Profession). Der komplexe Prozess der Nachrichtenentscheidung, so die These, ist mit zahlreichen Fallen versehen, die zu einer nicht wirklichkeitsadäquaten Berichterstattung führen können. Ansätze zu einer Qualitätsverbesserung werden in einer besseren Verankerung des Falsifizierungs-Prinzips im Journalismus gesehen.

Einwilligungsfähigkeit in der Partnerschaft zwischen Arzt und Patient

Kindt, Hildburg

Willensbildung, ein Endresultat instabilen Prüfens und Abwägens, vollzieht sich nicht nur im eigenen Bewusstsein, sondern ist von einem zwischenmenschlichen und situativen Kontext mitgestaltet. Dieser Beitrag widmet sich dem Thema Einwilligungsfähigkeit im interaktiven Entscheidungsprozess zwischen Arzt und Patient. Im Konflikt zwischen Patientenautonomie und nur ärztlicher Entscheidung plädiert der Beitrag für ein relationales Modell des Informed consent. In einem zweiten Schritt wird auf die Einwilligungsfähigkeit psychisch Kranker am Beispiel der Einwilligung zu wissenschaftlichen Studien eingegangen. Am Ende fordert die Autorin dazu auf, in diesem sensiblen Bereich den Stellenwert von Krankheit bei psychisch Kranken, einschließlich der dazugehörigen Arzt-Patient-Beziehung besser zu berücksichtigen.

Eigenverantwortung als medizinethisches Rationierungskriterium

Dietrich, Frank

Der Artikel befasst sich mit der Diskussion über die Rationierung medizinischer Güter, die gegenwärtig in zahlreichen Ländern intensiv geführt wird. Der Autor vertritt die These, dass der Aspekt des Eigenverschuldens bei der Allokation knapper Gesundheitsgüter eine maßgebliche Rolle spielen sollte. Ausgehend von Ronald Dworkins Unterscheidung von »option luck« und »brute luck« wird zunächst geklärt, wann sinnvoll von Eigenverschulden gesprochen werden kann. Anschließend wird erörtert, unter welchen Bedingungen es gerechtfertigt ist, Personen nachrangig zu behandeln, deren Erkrankung sich auf gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen, wie z.B . exzessiven Alkoholkonsum, zurückführen lässt. Sodann wird das Kriterium des Eigenverschuldens im Kontext der privaten Krankenversicherung und des Klubs der Organspender betrachtet. Die Untersuchung zeigt, dass das Eigenverschulden ein geeigneteres Kriterium für die Rationierung knapper medizinischer Güter ist als alternativ zu erwägende Kriterien.

Medizinische Forschung an einwilligungsunfähigen Personen. Zur deutschen Diskussion um das Menschenrechtsübereinkommen des Europarates zur Biomedizin

Wölk, Florian

Das Menschenrechtsübereinkommen des Europarates zur Biomedizin aus dem Jahre 1997 gehört zu den umstrittensten internationalen Rechtsdokumenten der letzten Jahre. Aus deutscher Perspektive sind dabei die Regelungen der medizinischen Forschung an einwilligungsunfähigen Probanden wesentlicher Gegenstand einer umfassenden gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung. Der vorliegende Beitrag gibt die Entstehungsgeschichte und den Inhalt des Übereinkommens, sowie die deutsche Diskussion um die Regelungen der medizinischen Forschung an einwilligungsunfähigen Probanden wieder und unterzieht diese einer Bewertung. Letzteres wird auch im Zusammenhang mit jüngsten Entwicklungen im europäischen Arzneimittelrecht diskutiert. Das Übereinkommen wird im Ergebnis nicht als taugliches Vorbild für eine umfassende Regelung der medizinischen Forschung in Deutschland angesehen. Insbesondere die Regelungen zur Forschung an einwilligungsunfähigen Probanden gewährleisten keinen ausreichenden rechtlichen Schutz der betroffenen Personen.

Heilungsversprechen versus Menschenwürde. Elemente einer Kritik neuer Biotechnologien

Ewig, Santiago

Die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen impliziert eine Abkehr von einem Begriff der Menschenwürde, der die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens in seiner gesamten Entwicklung zum Inhalt hat. Der Schutz durch die Menschenwürde gilt nicht mehr unbedingt, sondern wird abhängig von einem Zuspruch aufgrund von Prädikaten, die der Mensch aufweisen muss. Eine Kritik der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen muss daher eine Kritik ihrer zugrunde liegenden biologischen, ethischen, medizinischen und gesellschaftlichen Leitbilder sein. Dabei wird deutlich, dass diese im Zusammenhang mit anderen neuen Biotechnologien Teil eines neuen Typs der Ideologiebildung sind, die als Ideologie der absoluten Gesundheit bezeichnet werden kann. In der Konsequenz setzt diese den Grundkonsens der Gesellschaft aufs Spiel. Es erscheint daher dringend notwendig, eine umfassende Neubesinnung über die Grundlagen des wissenschaftlichen und ärztlichen Tuns, mithin über die Grundlagen der der Menschenwürde in Gang zu setzen.

Haben – Sein

Splett, Jörg

1. Erich Fromm
Haben oder Sein: als »zwei grundlegend verschiedene Formen menschlichen Erlebens.

Clemens Breuer (Hg.), Ethik der Tugenden. Menschliche Grundhaltungen als unverzichtbarer

Buch, Alois Joh.

Mit den Tugenden, deren Entfaltung Hrsg. zufolge zum »Grundbestand jeder Kultur« (V) gehört, nimmt diese Festschrift für den emeritierten Augsburger Moraltheologen J. Piegsa eine gleichermaßen moraltheologisch wie sozialethisch bedeutsame Thematik auf, deren grundsätzliche Dimension für Sittlichkeit überhaupt im Untertitel angezeigt wird.

Alexander Lohner, Personalität und Menschenwürde. Eine theologische Auseinandersetzung

Höver, Gerhard

»Nach allgemeinem sittlichen Verständnis ist es nicht erlaubt, einen unschuldigen Menschen (d. h. einen Nicht-Aggressor) zu töten.

Adrian Holderegger/Jean-Pierre Wils (Hgg.), Interdisziplinäre Ethik: Grundlagen, Methoden, Bereiche. Festgabe für Dietmar Mieth zum sechzigsten Geburtstag, Freiburg/Schweiz (Universitätsverlag); Freiburg i.Br.; Wien (Herder) 2001 (Studien zur theologischen Ethik; Bd. 89), 490 Seiten.

Noichl, Franz

Diese umfangreiche Festschrift für den Tübinger Ethiker und Leiter des Zentrums für Ethik in den Wissenschaften Dietmar Mieth zu seinem sechzigsten Geburtstag versammelt Beiträge seiner Schüler und Schülerinnen sowie Kollegen und Kolleginnen. Die Aufsätze werden unter dem Leitgedanken einer Interdisziplinären Ethik zusammengefasst, um damit aus verschiedenen Perspektiven einem Grundzug im Forschen und Lehren des Geehrten Rechnung zu tragen: »im Dialog mit anderen ethischen Disziplinen um die Rationalisierung von moralischen Konflikten« zu ringen, wie es die Hgg. im Vorwort formulieren (8). Die Beiträge sind drei Themenbereichen zugeordnet: Grundlagen (1.), Methoden/Ansätze (2.) sowie Bereiche (3.). Ein ausführliches Verzeichnis der Publikationen von Dietmar Mieth und ein Autorenverzeichnis schließen den Band ab.

Erik Rosenboom, Ist der irreversible Hirnausfall der Tod des Menschen?, Frankfurt a.M. u. a. (Peter Lang) 2000 (zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1998), 283 Seiten.

Spittler, Johann Friedrich

In seiner an die Dissertation vor der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen angeschlossenen Buchpublikation beschäftigt sich der Autor mit den medizinischen, philosophischen und theologischen Aspekten zum anthropologischen Verständnis des Hirntodes. Er versteht den dissoziiert hirntoten, organinteraktiv noch lebenden Körper bis zur Organdesintegration als einen noch lebenden Menschen. Dementsprechend wird eine enge Zustimmungslösung gefordert und schließlich eine restriktive Transplantationspolitik befürwortet.

Das britische core curriculum in Medizinethik und Medizinrecht – ein Vorbild für Deutschland?

Töpfer, Frank • Wiesing, Urban

1. Einleitung. Im Jahre 1993 veranlasste das britische General Medical Council eine umfassende Reform der ärztlichen Ausbildung. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem gefordert, der Medizinethik und dem Medizinrecht größeres Gewicht beizumessen.