Stammzellenforschung

Ausgabe: 3/2001
(nur Online verfügbar)

47. Jahrgang

Jahrgang: 2001

Inhalt: Ausgabe

Embryonale Stammzellen – tiermedizinische Grundlagen und wissenschaftliche Perspektiven in der Humanmedizin

Prelle, Katja

Pluripotente embryonale Stamm(ES)-Zellen werden aus undifferenzierten Zellen früher Embryonalstadien etabliert und wie embryonale Keim(EG)-Zellen, die aus fetalen primordialen Keimzellen abgeleitet werden, für den Gentransfer in die Keimbahnen von Mäusen genutzt. ES-Zellen können auch in vitro in embryoähnliche Aggregate »embryoid bodies« differenziert werden, die meso-, ekto- und endodermale Zellen enthalten. Diese Plastizität der ES-Zellen ermöglicht Untersuchungen von embryotoxischen Substanzen sowie genetische Analysen von Differenzierungsprozessen in vitro. Inzwischen etablierte humane ES-/EG-Zellen können in somatische Zellen differenziert werden und bieten Möglichkeiten für Zell- und Gewebetransplantationen. Beim »therapeutischen Klonen« werden dafür Körperzellen von Patienten durch Kerntransfer in entkernte Eizellen reprogrammiert, und aus den Kerntransferembryonen werden autologe ES-Zellen etabliert, die gezielt in den benötigten Zelltyp differenziert würden. Zuvor müssen aber neben grundlegenden wissenschaftlichen auch ethische und juristische Fragen geklärt und gleichzeitig Alternativen wie die Transdifferenzierung adulter Stammzellen untersucht werden.

Der »therapeutische Imperativ« als ethisches und sozialethisches Problem. Zur Gefährdung der Würde des Menschen durch die Totalisierung einer »Ethik des Heilens« am Beispiel der Debatte um »therapeutisches Klonen« und verbrauchende Embryonenforschung

Brüske, Martin

In der deutschen Debatte um »therapeutisches Klonen« und »verbrauchende« Embryonenforschung hat sich auf der Seite der Befürworter die »Ethik des Heilens« als Leitbegriff etabliert. Die innere Struktur dieser Ethik ist als »therapeutischer Imperativ« formuliert worden. Der Artikel problematisiert sie, insofern diese eine Tendenz zur Totalisierung in sich trägt. Diese Tendenz besteht vor allem dann, wenn kategorisch geltende Widerlager wie die Unverfügbarkeit der Menschenwürde und die universale Geltung des Tötungsverbots ausfallen, die die Grundlage einer humanen und liberalen Gesellschaft bilden. Diese werden in ihrem inneren Zusammenhang auf dem Hintergrund der gegenwärtigen Auseinandersetzung um den status embryonis positiv begründet. Zusätzlich wird die sozialpsychologische Plausibilität der »Ethik des Heilens« kurz beleuchtet.

Verfassungsrechtliche Aspekte des so genannten therapeutischen Klonens

Höfling, Wolfram

Der Verfasser beschäftigt sich mit der Frage der verfassungsrechtlichen Zulässigkeit der Gewinnung embryonaler Stammzellen mit Hilfe des so genannten therapeutischen Klonens, d. h. der Reprogrammierung somatischer Zellen durch Zellkerntransfer.

Stammzellenforschung und therapeutisches Klonen – die Situation in Großbritannien

Chadwick, Ruth

1. Einleitung: Der Kontext der Debatte.
Die britische Öffentlichkeit hat die möglichen therapeutischen Anwendungen der Stammzellenforschung, wie sie z. B. bei der Behandlung von Leiden wie der Parkinson-Krankheit diskutiert werden, mit ähnlich großer Anteilnahme begleitet wie die ethischen Fragen, die sich aus diesen Entwicklungen ergeben, und die im größeren Zusammenhang der Diskussion um die Biotechnologie in Großbritannien zu betrachten sind.

Embryonenforschung, Stammzellengewinnung, therapeutisches Klonen – zur politisch-ethischen Diskussion in Frankreich

Holderegger, Adrian

Die Länder Europas befinden sich zurzeit in einer heiklen Phase ethischer und rechtlicher Diskussion um den vielfältigen und möglichen Umgang mit Embryonen insbesondere in den ersten vierzehn Tagen nach der Keimzellenverschmelzung. Zur Diskussion steht vor allen Dingen das so genannte therapeutische Klonen, das im Zusammenhang mit der Forschung an embryonalen Stammzellen steht. Im Folgenden geht es darum, einigen Grundlinien der Diskussion in Frankreich nachzugehen, die leider in den deutsch- und englischsprachigen Kontexten nicht entsprechend wahrgenommen wird, obwohl die Auseinandersetzung in den dortigen Fachwissenschaftskreisen, aber auch in der Öffentlichkeit sehr viel früher – intensiv und differenziert – eingesetzt hat als in den übrigen europäischen Ländern. Darin spiegelt sich das Problem, dass sich die frankophone, sehr eigenständige, in einer langen Wissenschaftstradition wurzelnde, äußerst erfolgreiche (Human-)Wissenschaft und Kultur in eine andere Kultur und Wissenschaftstradition hinein kaum vermittelt. Obwohl Französisch eine der offiziellen Sprachen innerhalb der EU ist, bleibt es Tatsache, dass die biomedizinische Diskussion vorwiegend in eigenen Bahnen läuft, die sich mit anderen kaum kreuzen.

Die ethische Diskussion um embryonale Stammzellen aus internationaler Sicht – das Beispiel Italien

Maio, Giovanni

Dürfen Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verbraucht werden, wenn die Chance besteht, dass damit Erfolg versprechende Therapien entwickelt werden könnten? Diese Frage beschäftigt seit zwei Jahren die gesamte Welt. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht davon zu trennen, welchen moralischen Status man dem Embryo zuschreibt. Betrachtet man den Embryo als Person, erscheint dessen Verwendung zu Forschungszwecken als krasse Verletzung der personalen Würde; schreibt man dem Embryo einen Objektstatus zu, erscheint diese Forschung bei gegebenem potentiellem Nutzen als gerechtfertigt. Doch was macht man, wenn die moralische Statusfrage offen bleiben muss? Dass der moralische Status des Embryos selbst in traditionell katholischen Ländern eine Streitfrage bleibt, zeigt der Blick über den nationalen Tellerrand und insbesondere der Blick auf das katholische Land Italien.

Opfer?

Splett, Jörg

»Opfer« heißt im Deutschen sowohl die Handlung (immolatio) wie das im Vollzug Geopferte (victima); sodann selbst ohne Opferung Zerstörtes und Verlorenes. Ja, dies muss schließlich nicht einmal in dem Sinne »geopfert« sein/werden, dass man es zwar nicht selbst vernichten will, aber seinen Verlust in Kauf nimmt (vom »Bauernopfer « im Schach bis zu militärischen oder Opfern im Straßenverkehr – wie nicht zuletzt auch beim »Verbrauch« von Embryonen): Wir sprechen von Erdbebenopfern, von solchen einer Epidemie, sogar eines Verbrechens. In den hier vorgelegten Gedanken soll es um die Handlung gehen, so dass hier mit »Opfer« stets »Opfern«, »Opferung« gemeint ist.

»Lasst uns Menschen machen …«. Über Homunculi und andere Kreaturen

Wetzstein, Verena

Ähnlich wie der US-amerikanische Wissenschaftler Richard Seed im Jahre 1998 kündigte der italienische Fortpflanzungsmediziner Severino Antinori in diesem Jahr an, im Sommer 2002 den ersten geklonten Menschen auf die Welt zu bringen.1 Ein genetisch mit dem »Vater« identischer Mensch solle nach dem Klonvorgang und einer 9-monatigen Schwangerschaft im Leib einer genetisch nicht beteiligten »Mutter« geboren werden. Diese von anderen Wissenschaftlern als Utopie bezeichnete Möglichkeit des reproduktiven Klonens erhitzt zusammen mit der Frage nach der Erlaubtheit des zurzeit in den meisten Ländern ungeregelten oder verbotenen so genannten therapeutischen Klonens die Gemüter.2 Seit der Geburt des schottischen Klonschafs »Dolly« im Jahr 1996 erregt die Methode des Klonens eines Zellkerns und die damit verbundene Herstellung eines Säugetieres mit dem identischen Erbgut eines anderen erwachsenen Tieres großes Aufsehen: Sollte das reproduktive Klonen, d. h. das Herstellen einer genetisch identischen Kopie, bald auch beim Menschen möglich sein? Kann der Mensch bald Menschen schaffen?

Nikolaus Knoepffler, Forschung an menschlichen Embryonen. Was ist verantwortbar?, Stuttgart/Leipzig (S. Hirzel Verlag) 1999, 203 Seiten.

Bormann, Franz-Josef

Die Frage nach der moralischen Zulässigkeit verbrauchender Embryonenforschung zur Realisierung hochrangiger Forschungsziele steht derzeit im Zentrum der bioethischen Diskussion. Mit seiner am Münchener Institut für Technik – Theologie – Naturwissenschaft verfassten Habilitationsschrift möchte N. Knoepffler (= K.) nicht nur »eine möglichst umfassende und zugleich neue Darstellung des Problemfeldes bieten«, sondern auch eine Entscheidungsbasis von praktischer Relevanz angesichts neuer Herausforderungen … erarbeiten« (14). Die Studie gliedert sich in sechs Abschnitte.

Alberto Bondolfi, Ethisch denken und moralisch handeln in der Medizin. Anstösse zur Verständigung, Zürich (Pano Verlag) 2000 (= Theophil. Zürcher Beiträge zu Religion und Philosophie, Bd. 3), 236 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Zu den Herausforderungen des ethischen Diskurses speziell in ›Medizinethik‹ bzw. ›Bioethik‹ werden mit diesem Bändchen insgesamt 19 Beiträge vorgelegt – eine Sammlung zumeist auch anderweitig in ähnlicher Version erschienener Texte des Verf.

Alfred J. Schauer/Hans-Ludwig Schreiber/Zdzislaw Ryn/Janusz Andres (Hgg.), Ethics in Medicine, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2001, 583 Seiten.

Zimmermann-Acklin, Markus

Der Sammelband dokumentiert die Akten eines deutsch-polnischen Symposiums zu Fragen der Medizinethik, welches 1998 in Krakau von den beiden Partneruniversitäten Göttingen und Krakau veranstaltet wurde. Die insgesamt 63 Autorinnen und Autoren – rund zwei Drittel von ihnen repräsentieren die beiden verantwortlichen Universitäten – stammen zum großen Teil aus dem Bereich der Medizin. Interdisziplinären Charakter erhält der Band durch die Beteiligung von deutschen und polnischen Experten aus den Bereichen Philosophie, Theologie, Recht, Ökonomie, Biologie und Psychologie. Die 53 sehr unterschiedlich langen und englischsprachigen Beiträge werden – ergänzt um die »Krakauer Erklärung« (523–529) und die Akten eines Satellitensymposiums zum Thema »Ethik der Tierversuche« (531–575) – in folgenden acht Hauptkapiteln präsentiert: Theologische und philosophische Vorstellungen vom Wert des menschlichen Lebens (15–45), Ethikunterricht in der medizinischen Ausbildung (47–88), ethische Überlegungen zur Behandlung Sterbender auf Notfall- und Intensivstationen (89–124), Gewebe und Organtransplantation (125–156), Qualitätskontrolle, Verfehlungen und Verantwortung von Ärzten (157–237), Bedeutung der europäischen Menschenrechtskonvention zur Biomedizin (239–300), Ethik der medizinischen Forschung (301–406) und Ethik in der Medizin und Gesundheitsfürsorge (407–521). Auffällig ist, dass mit etwa einem Drittel des Gesamtumfangs ein beträchtlicher Teil des Sammelbandes von A. J. Schauer, einem der Herausgeber, Direktor des Instituts für Pathologie der Georg August Universität Göttingen und Senatsbeauftragter für die Partnerschaft mit der Universität Krakau, (mit-)verantwortet und damit der medizinischen und insbesondere klinischen Perspektive ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. In seiner Eröffnungsrede formuliert er als Zielvorgabe des Symposiums, in Deutschland und Polen dringend anstehende Probleme der Medizin- und Bioethik tiefer verstehen und gemeinsam nach neuen Lösungswegen suchen zu wollen (13). Nach eingehender Diskussion wurde beschlossen, die so genannte Holocaust-Thematik im Programm nicht zu berücksichtigen; der Opfer des Terrors während und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde stattdessen im Rahmen einer interkonfessionellen Feier im Anschluss an das Symposium gedacht.

Stammzellen – neue Perspektiven für Zell- und Gewebeersatz?

Rohwedel, Jürgen

Die Medizin sucht nach Möglichkeiten, einen Ersatz für defekte Gewebe und Organe zu entwickeln. Hierbei sind Stammzellen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Bei diesen Zellen handelt es sich, im Gegensatz zu differenzierten Zellen der Gewebe und Organe, um undifferenzierte Zellen, die besondere Eigenschaften aufweisen, die sie für eine Verwendung zur Zelltherapie geeignet erscheinen lassen. Sie sind einerseits potentiell unsterblich, fähig zur Selbsterneuerung, und zum anderen können sie in verschiedene Zelltypen differenzieren. Embryonale Stammzellen (ES-Zellen), isoliert aus frühen Embryonen, sind relativ gut charakterisiert und fähig zur Differenzierung in Zelltypen aller drei Keimblätter. Ein großer Nachteil dieser Zellen im Hinblick auf ihre therapeutische Verwendung ist, dass sie aus Embryonen gewonnen werden, denn um Immunreaktionen bei der Transplantation zu vermeiden, ist eine autologe Transplantation, d. h. die Transplantation von Zellen, die genetisch identisch zu den Zellen des Empfängers sind, anzustreben. Dies kann bei ES-Zellen nur durch das so genannte therapeutische Klonieren verwirklicht werden. Dieses Verfahren ist sehr aufwendig und ineffizient und es wird eine große Anzahl Embryonen benötigt. Adulte Stammzellen bieten sich als Alternative an. Da diese aus dem Gewebe des Transplantatempfängers isoliert werden können, ist die autologe Transplantation hier einfacher zu verwirklichen. Allerdings sind die meisten adulten Stammzellen nur unzureichend charakterisiert und zeigen eine stärker eingeschränkte Differenzierungsfähigkeit. Die Frage also, ob Stammzellen für die Zelltherapie genutzt werden können, und welche Stammzellen hierfür besser geeignet sind, lässt sich zurzeit noch nicht beantworten. Intensive Forschungsarbeit auf diesem Gebiet ist notwendig.

Die Ethik des Heilens und die Menschenwürde. Moralische Argumente für und wider die embryonale Stammzellenforschung

Schockenhoff, Eberhard

Mit dem Ziel der ethischen Urteilsbildung über Stammzellenforschung und therapeutisches Klonen werden die von verschiedener Seite vorgetragenen Argumente, die für eine Zulassung der embryonalen Stammzellenforschung sprechen, auf ihre Tragfähigkeit hin untersucht. Gegen eine ethische Argumentation, die ontologisch am vollen Menschsein und moralisch am Subjektstatus des Embryos festhält und infolgedessen die Abwägungsfähigkeit seines Lebensrechts zugunsten von hochrangigen Forschungsinteressen oder der Gesundheit künftiger Generationen bestreitet, erheben sich Einwände von unterschiedlichem Gewicht. In diesem Beitrag wird geprüft, ob das Lebensrecht des Embryos zu relativieren ist, um es auf dem Weg einer Güterabwägung den Interessen der Forschung unterordnen zu können, ob ein zuerkanntes Lebensrecht des Embryos im Fall der überzähligen Embryonen etwaigen höherstufigen Pflichten weichen muss sowie ob Argumente pragmatischer Art einen Rechtfertigungsgrund für die embryonale Stammzellenforschung darstellen können.