Notfallmedizin

Ausgabe: 2/2001

47. Jahrgang

Jahrgang: 2001

Inhalt: Ausgabe

Chancen und Grenzen der kardiopulmonalen Reanimation in der präklinischen Notfallmedizin

Mohr, Michael

Herausragende Aufgabe der präklinischen Notfallmedizin ist die Durchführung kardiopulmonaler Reanimationsversuche bei einem plötzlichen Kreislaufstillstand. Vor rund 40 Jahren wurden moderne Wiederbelebungstechniken als Notfallmaßnahme in die medizinische Routine eingeführt. Neben Ärzten und Schwestern wurde auch Rettungsdienstpersonal in großem Stile in der Anwendung von externer Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung ausgebildet. Die Schulung von Laienhelfern in der Anwendung solcher Basismaßnahmen, die Frühdefibrillation durch nicht-ärztliches Personal und die schnelle Verfügbarkeit differenzierter medizinischer Hilfe im präklinischen Bereich haben zu einer weiteren Verbesserung der Rettungskette geführt. Trotz dieser Erfolge scheitert bei einem plötzlichen Kreislaufstillstand noch immer die Mehrzahl der Wiederbelebungsversuche. Gelingt zwar die Wiederherstellung des Kreislaufs, bleibt der Patient aber bewusstlos und verstirbt später in der Klinik, so bedeutet dies eine Verlängerung des Sterbeprozesses. Andere Patienten überleben als Pflegefall mit schweren neurologischen Defiziten. Angesichts solcher Verläufe stellt sich die Frage, wieweit auch in der Notfallmedizin allgemeine ethische Fragen Berücksichtigung finden können. Wieweit kann ein Nutzen für die Patienten erreicht, ihr Selbstbestimmungsrecht respektiert und eine potentielle Schädigung vermieden werden? Der Erörterung dieser Fragen widmet sich der vorliegende Beitrag.

Zur Ethik in der Notfallmedizin

Engelhardt, Dietrich v.

Die Notfallmedizin steht vor besonderen Problemen und Anforderungen (begrenzte Zeit, begrenztes diagnostisches Wissen, begrenzte therapeutische Möglichkeiten). Diese müssen in der medizinethischen Reflexion bedacht werden. Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich nach einer Darstellung grundlegender ethischer Prinzipien mit deren Konkretionen in der Notfallmedizin: Aufklärung und Autonomie, Würde, Tugenden, Schweigepflicht, Therapieverzicht, Euthanasie, Schuld und Allokation.

Triage

Wuermeling, Hans-Bernhard

Katastrophensituationen führen meist zu dem Problem, dass einer großen Zahl medizinischer Hilfe bedürftiger Menschen nur wenig Ressourcen zugeteilt werden können. Der Arzt steht vor der konkreten Frage, welchen Patienten er zuerst behandeln soll. Unter Triage versteht man die Einstufung der Hilfsbedürftigen nach Behandlungsprioritäten. Dieser Beitrag beschreibt zunächst fünf Triagestufen und wendet sich dann der Untersuchung zu, wie Triageentscheidungen sittlich akzeptabel getroffen werden können. Da es in der notfallmedizinischen Praxis keine glatte Lösung des Problems geben kann, plädiert der Aufsatz für eine Reflexion der Triagesituation von Ärzten vor der Katastrophe.

Therapiebegrenzung und Therapieabbruch. Ein ethisches und juristisches Dilemma in der Intensivmedizin

Bauer, Axel W.

Therapiebegrenzungen und Therapieabbrüche in der Intensivmedizin unterliegen im klinischen Alltag nicht der autonomen und selbstbestimmten Entscheidung der meist bewusstlosen Patienten, auf die das idealisierte »Gesprächsmodell« der Arzt-Patient-Beziehung nicht passt. Die juristische Frage, ob Entscheidungen über einen zulässigen Therapieabbruch von Vormundschaftsgerichten genehmigt werden dürfen oder ob Angehörige und Ärzte das damit verbundene geringe strafrechtliche Risiko alleine tragen müssen, hat in Deutschland seit 1998 zu teilweise konträren Gerichtsbeschlüssen geführt. Diverse schriftliche Vorausverfügungen des Patienten, die neuerdings gerne als Ausweg genannt werden, erscheinen in der Intensivmedizin als wenig zuverlässige Instrumente, da die spezifische Situation eines Intensivpatienten von diesem in gesunden Tagen kaum zutreffend antizipiert werden kann. Tatsächlich zeigen statistische Erhebungen, dass die paternalistisch gefällten Entscheidungen über Therapiebegrenzungen und Therapieabbrüche einer subjektiven Moraltheorie der Ärzte zu folgen scheinen, die von ihnen jedoch lediglich deskriptiv und nicht – wie es notwendig wäre – unter normativen Aspekten diskutiert wird. Das höchstpersönliche Lebensrecht von Intensivpatienten darf aber auch künftig nicht von Expertenbefragungen abhängen, die ihre ethische Legitimation aus demoskopischen Zirkelschlüssen gewinnen.

Nach der Katastrophe: Gegafft und nichts gesehen, geholfen und nichts heil? Zur praktischen Ethik extremen Verhaltens.

Dombrowsky, Wolf R.

Was treibt Menschen um, wenn sie bei Unfällen und Katastrophen den Entblößungen der Opfer bis aufs Kreatürliche beiwohnen und gebannt Maulaffen feilhalten wollen? Sind es Sensationslust und Voyeurismus, oder ist Schauen und Zuschauen ein sozialevolutionärer Mechanismus, der Probehandeln in sicherer Distanz ermöglicht und somit das biologische Muster von Flucht und Kampf überwinden hilft? Zuschauen wird in diesem Sinne analysiert und als Fähigkeit beschrieben, die Welt über Vorstellbarkeit handhabbar und beherrschbar zu machen. Dabei-Sein und »hinter die Dinge schauen können« lässt Welt und in der Differenz dazu überhaupt erst Identität gewinnen. Ob man die Sicherheit des Zuschauens verlässt, um bei der Entblößung anderer von den gewohnten kulturellen Sicherheiten zu einem mitfühlenden und helfenden Mitmenschen zu werden, oder ob man ein bloßstellender Gaffer bleibt, der die Hilflosigkeit anderer missbraucht, um Dinge zu betrachten, die sonst nur mit Einverständnis gezeigt werden, steht heute zunehmend im Belieben des Individuums. Die ehemaligen sozialen Bindekräfte wie Pietät oder Schamgefühl sind durch die Vermarktung des Schauens und Zuschauens bedeutungslos geworden. Weil die Welt bereits auf Distanz ist, konstituiert sich moderne Identität nicht mehr durch distanzierende Vorstellungskraft, sondern durch die distanzlose Nähe medialen Wahrgenommenwerdens. Wer in den Medien ist, ist jemand, ganz gleich, welcher Entblößungen es bedarf, um dorthin zu gelangen. Deshalb birgt modernes Gaffen nichts Entblößendes mehr und scheint Entblößtes keiner sozialen, pietätvollen Bedeckung mehr zu bedürfen. Der moderne mediale Blick sozialisiert Dabeisein ohne Nähe und Gefühle ohne Mitgefühl.

Notfallseelsorge – für den Notarzt ein hilfreiches Glied in der Rettungskette

Müller-Lange, Joachim

Seit ca. 10 Jahren etabliert sich die Notfallseelsorge in vielen Städten und Kreisen als neues kirchliches Arbeitsfeld der gesellschaftlichen Diakonie.

Zur Ethik der fremdnützigen Forschung an Kindern

Maio, Giovanni

Die Forschung an Kindern gehört zu den besonders umstrittenen Themenbereichen der medizinischen Ethik, da diese gemeinhin undifferenziert mit der Forschung an nicht einwilligungsfähigen Erwachsenen zusammengebracht wird. Die Arbeit macht deutlich, dass die Forschung an Kindern eine Reihe pädiatriespezifischer Probleme aufwirft, die sich nicht auf die Problemkonstellation der Forschung beispielsweise an Alzheimer-Patienten übertragen lassen. Daher wird dafür plädiert, die Forschung an Kindern als eigenständiges Problem zu betrachten. Es werden drei unterschiedliche Bewertungsmöglichkeiten der Forschung an Kindern dargestellt und diese einer kritischen philosophischen Analyse unterzogen. Insbesondere wird der Begriff der Fremdnützigkeit und des minimalen Risikos thematisiert und der Frage nachgegangen, unter welchen Bedingungen eine fremdnützige Studie erfolgen müsse, damit sie nicht gegen das Kant’sche Instrumentalisierungsverbot verstößt.

Die Heilung des Gelähmten – Gedanken zur Notfallseelsorge

Müller-Lange, Joachim

An zahlreichen Orten haben sich bis heute ökumenische Kreise von Notfallseelsorgern etabliert. Zumeist sind dort engagierte Pfarrerinnen und Pfarrer und kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus beiden Konfessionen rund um die Uhr für Menschen da, die durch einen Unfall, eine plötzliche Erkrankung oder eine akute Krise »seelische Erste Hilfe« benötigen.

Die Triage – ein Stachel im medizinischen Ethos der Entscheidung

Illhardt, Franz Josef

Triage (frz. trier = auswählen) ist ein System, das Napoleons General Baron Dominique Jean Larrey entwickelt hat.

Christian Hick/Jürgen Bengel/Michael Mohr/Stella Reiter-Theil, Ethik in der präklinischen Notfallversorgung, Schriftenreihe zum Rettungswesen des Instituts für Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes Bonn, Bd. 24, Nottuln 2000, 112 Seiten.

Volkenandt, Matthias

Die Monographie, die von zwei Medizinethikern, einem Psychologen und einem Intensivmediziner vorgelegt wird, erscheint in der Schriftenreihe zum Rettungswesen des Instituts für Rettungswesen des Deutschen Roten Kreuzes. In dieser Reihe, in der seit 1989 mittlerweile 24 Bände erschienen sind, werden relevante Themen des Rettungswesens interdisziplinär behandelt. Der vorliegende Band widmet sich insbesondere ethischen Aspekten der präklinischen Notfallversorgung.

Johann S. Ach/Michael Anderheiden/Michael Quante, Ethik der Organtransplantation, Erlangen (Harald Fischer Verlag) 2000, 242 Seiten.

Lachmann, Rolf

Die öffentlichen Diskussionen, die die Entwicklung der Organtransplantation seit ihren Anfängen begleiten, hatten neben dem Aufsehenswert, der mit den radikal neuen medizinischen Möglichkeiten verbunden war, stets deren moralische Implikationen zum Thema. Seit den ersten erfolgreichen Transplantationen Anfang der Fünfzigerjahre zieht sich eine kontinuierliche Diskussion moralischer Probleme bis zur Gegenwart. Sie bezog sich auf die Notwendigkeit der Patientenauswahl, die grundsätzliche Erlaubtheit der Transplantation einiger Organe (Herz, Hirngewebe, Geschlechtsorgane), die Modalitäten der Organentnahme, die Todeszeitbestimmung, die Erlaubtheit der Verwendung von Gewebe anencephalischer Neugeborener und den Organhandel. Die besondere Schwierigkeit dieser ethischen Diskussionen besteht darin, dass sie sich als vielfältig verschränkte medizinische, juristische, ökonomische, gesellschaftliche, religiöse und ethische Problemkonstellationen darstellen.

Regine Kollek, Präimplantationsdiagnostik. Embryonenselektion, weibliche Autonomie und

Babo, Markus

Das deutsche Embryonenschutzgesetz ist nunmehr 10 Jahre alt und hält dem Erkenntnisfortschritt in der Naturwissenschaft nicht mehr in vollem Umfange stand. Während die einen im Zuge einer Revision die hohen Standards zumindest beibehalten wollen, befürchten v. a. Naturwissenschaftler, durch eine Beibehaltung der strengen Regelungen vom internationalen Fortschritt abgehängt zu werden und neue Möglichkeiten der Gentechnologie und Reproduktionsmedizin wie die genetische Untersuchung von in vitro gezeugten Embryonen (Präimplantationsdiagnostik = PID) langfristig nicht durchführen zu können. Die Hamburger Professorin für Technikfolgenabschätzung in der modernen Biomedizin, eine ausgewiesene Kennerin der Materie, legt deshalb mit ihrer lange angekündigten Monographie zum Thema PID gerade zur rechten Zeit eine kritische und aus ethischer Sicht bislang auch einzigartige Untersuchung vor.

Manfred Spieker, Kirche und Abtreibung in Deutschland. Ursachen und Verlauf eines Konfliktes, Paderborn/München/Wien/Zürich (Schöningh) 2000, 260 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Diese Untersuchung eines Verf. zufolge »wenig erbaulichen Gegenstandes« ist dem »Konflikt um den Beratungsschein« (7) innerhalb der katholischen Kirche im Kontext der in Deutschland geltenden (vornehmlich straf-)rechtlichen Regelungen zur Abtreibung gewidmet.