Menschwürde am Ende des Lebens

Ausgabe: 1/2002
(nur Online verfügbar)

48. Jahrgang

Jahrgang: 2002

Inhalt: Ausgabe

Autonomie und Sterben. Reicht eine Ethik der Selbstbestimmung zur Humanisierung des Todes?

Römelt, Josef

Im Kontext moderner Medizintechnik ist es unausweichlich, auch das Sterben des Menschen aus der Hand der Natur immer stärker in die bewusste Entscheidung technischer Intervention »herüber zu holen«. Selbstbestimmtes Sterben soll dabei eine gewisse Humanisierung ermöglichen, den blinden Zwängen der natürlichen Prozesse (z. B. langen Prozessen leidvollen Sterbens, durch halbherzige Therapieeinschränkungen unwürdig hinausgezogen usw.) die wählbare schmerzfreie Kultur der technisch assistierten aktiven Lebensbeendigung entgegensetzen. Aber es zeigt sich, dass auch durch den Rekurs auf die Selbstbestimmung nicht alle Probleme einer moralischen und juristischen Kultur des Sterbens leichthin gelöst sind. Die Aufgaben, den Einzelnen in seinem Sterben gegen fremde Interessen und eigene Verzweiflung zu schützen, die das traditionelle Tötungsverbot mit der eindeutigen Vorgabe zu lösen versuchte, werden hier in die Hand der ärztlichen Fürsorge und deren staatlicher Kontrolle gelegt. Weil das Tötungsverbot generell flexibilisiert wird, bedarf es aber einer schärferen Kontrolle der Einzelfälle, die zu einem unnatürlichen Tod eines Klienten im Kontext medizinischer Begleitung geführt haben. Die Frage ist, ob eine solche verschärfte staatliche Kontrolle die Ärzte und Patienten nicht eher belastet als entlastet. Der Verzicht auf diese Kontrollen aber, der gelegentlich um der Intimität des Sterbens willen gewünscht wird, würde bedeuten, den entscheidenden Schutz und die Verobjektivierung der verzweifelten Situation des Leidenden nicht mehr sachgerecht leisten zu können. Aus dieser Paradoxie kann eine »Ethik der Euthanasie« als Ethik der Autonomie nicht entkommen. Wie sich diese Tendenz zur Bindung an formalisierte Kontrolle und ideelle Selbstbestimmung im Kontext von Entsolidarisierung und von gerade im Bereich der Gesundheitssorge steigenden ökonomischen Zwängen auswirken wird, bleibt fraglich.

Therapieverzicht am Lebensende? Ethische Fragen des medizinisch assistierten Sterbens

Körtner, Ulrich H. J.

Die Frage eines möglichen Therapieverzichts am Lebensende gehört in den Zusammenhang des medizinisch begleiteten Sterbens, das in der modernen Gesellschaft der Regelfall ist. Hierbei wird international diskutiert, worin das Recht eines menschenwürdigen Sterbens besteht, wie weit die Selbstbestimmung des Patienten reicht, und ob sie möglicherweise das Recht der Tötung auf Verlangen einschließt. Umstritten ist auch, inwiefern die Unterscheidung von Tun und Unterlassen für die ethische Bewertung eines Therapieverzichts relevant ist. Schon der Begriff des Therapieverzichts ist freilich mit Unklarheiten behaftet. Sofern er nicht nur die Behandlungsverweigerung durch einen Patienten bezeichnet, ist der begründete Verzicht auf kurative Maßnahmen gemeint, der jedoch nur dann ethisch zu rechtfertigen ist, wenn Maßnahmen einer wirkungsvollen Palliativmedizin an die Stelle kurativer Strategien tritt. Ferner diskutiert der Aufsatz die Frage der Zumutbarkeit und Unzumutbarkeit von Leiden, sowie die anthropologischen und auch die theologischen Implikationen des Themas.

Ein natürlicher Tod – was ist das? Ethische Überlegungen zur aktiven Sterbehilfe

Bormann, Franz-Josef

Im Zentrum der gegenwärtigen Diskussion um die (Un-)Zulässigkeit der freiwilligen aktiven Euthanasie steht die Frage, wie das dem Lebensschutz dienende Tötungsverbot und die Autonomie von Ärzten und Patienten miteinander zum Ausgleich gebracht werden können. Eine Antwort darauf kann am Begriff des ›natürlichen Todes‹ ansetzen, der als Leitbild sowohl für das ärztliche Handeln wie auch für die autonome Willensbestimmung des Patienten fungieren sollte. Aufgrund der Mehrdeutigkeit des Naturbegriffs ist die Kategorie des natürlichen Todes möglichst präzise zu bestimmen und gegen nahe liegende Missverständnisse zu verteidigen.

Suizid. Schuld und Schuldgefühle – neue Aspekte einer alten Problematik

Holderegger, Adrian

Der Mensch ist ein freies, moralfähiges und deshalb schuldfähiges Wesen. Die Frage der Beeinträchtigung von Autonomie und Selbstbestimmung bzw. die Frage von Krankheit und krankheitsmäßiger Einengung bei suizidgefährdeten Menschen ist seit langem Gegenstand der Forschung. Dieser Beitrag widmet sich dagegen der bislang noch weniger behandelten Frage nach Art und Intensität von Schuldgefühlen innerhalb einer suizidalen Entwicklung. Der Autor geht dabei in drei Schritten vor, indem er zunächst die Frage nach dem objektiven schuldgenerierenden Normkomplex stellt. Der zweite untersuchte Aspekt widmet sich der Frage nach dem subjektiven Motivationskomplex Selbsttötungswilliger. Der dritte Abschnitt des Beitrags fragt nach dem Betroffenheitsmoment der unmittelbar Hinterbliebenen und Angehörigen.

Eingeschränkte Freiheit. Die Bedeutung der Autonomie der Person im Rahmen des gesetzlichen Betreuungsverfahrens

Rethmann, Albert-Peter • Rottbeck, Ruth M.

Der Begriff »Patientenautonomie« spielt eine zentrale Rolle bei der Bestimmung des Verhältnisses von Arzt und Patient. Wie weit reicht die »Autonomie« bei Menschen, denen vom Vormundschaftsgericht ein Betreuer zur Seite gestellt wird? Der Lebensentwurf des Betreuten soll die Grundlage des Betreuerhandelns sein, nicht zuletzt in den Fragen am Ende des Lebens bezüglich des Einsatzes intensivmedizinischer Maßnahmen und ihres Abbruchs (PEG-Sonde, Respirator etc.). Wenn es dem Willen eines Patienten entspricht, muss ein Betreuer in der Lage und berechtigt sein, den Abbruch einer aussichtslosen, nur das Leiden verlängernden Behandlung einzufordern. Das ist die Konsequenz aus dem Willen, das Selbstbestimmungsrecht auch des nicht zu einer Äußerung fähigen Patienten wahren zu wollen.

Wie denken eigentlich Patienten über Patientenverfügungen? Ergebnisse einer prospektiven Studie

Roy, Debi • Eibach, Ulrich • Röhrich, Bernhard • Nicklas-Faust, Jeanne • Schaefer, Klaus

Befragungen von Patienten (Dialyse, allgemein internistische und onkologische Patienten) zeigen, dass diese Entscheidungen über ihr Leben in Krisensituationen (insbesondere am Ende des Lebens) ganz überwiegend den Ärzten und den Angehörigen überlassen, dass nur wenige eine vorsorgliche Patientenverfügung (PV) abfassen wollen oder – bei vorhandener Bereitschaft – wirklich abfassen, und dass das Vertrauen in die Ärzte und Angehörigen ihnen weitaus wichtiger ist als die autonome Selbstbestimmung über ihr Leben und Sterben und die Art ihrer Behandlung. Es bedarf einer Rückbesinnung auf eine Ethik der Fürsorge, die das Wohlergehen der Kranken und Sterbenden in den Mittelpunkt ethischer Überlegungen stellt und die immer neu zu klären versucht, was das Gute ist bzw. was die guten Ziele sind, auf das das medizinische und pflegerische Handeln zielen soll. Eine derartige Ethik der Fürsorge basiert auf von Vertrauen bestimmten Beziehungen zwischen Arzt und Patient, die nicht möglich sind ohne Vertrauen bildende Gespräche und eine Aneignung und Verinnerlichung von ärztlichen und pflegerischen Tugenden wie Mitgefühl, Wohlwollen, Anerkennung der Begrenztheit eigener Fähigkeiten, Wahrhaftigkeit u.a. Eine nur medizinisch fachliche Information über Diagnose und Prognose, die den für »autonom erklärten« Patienten mit seiner Entscheidung allein lässt, ist keine hinreichende Basis einer Ethik der Fürsorge.

Demut

Splett, Jörg

Hans Eduard Hengstenberg hat in die Ethik-Diskussion den Begriff der »Vorentscheidung« eingebracht. Sittlichkeit beginnt damit, dass man für Sachlichkeit statt Unsachlichkeit optiert. Und nun gilt: Zwar können wir zwischen Sachlich- und Unsachlichkeit wählen, doch nicht »irrational « (K. Popper) und beliebig; vielmehr kann man zur Sachlichkeit sich einzig sachlicherweise entschließen, und nur unsachlicherweise zur Unsachlichkeit.

Klammert man nun die sittliche Betrachtung aus, dann mag es sich im Feld von Wollen und Freiheit dennoch so darstellen, als handle es sich bei dieser Vorentscheidung um eine offene Alternative. Anders aber sieht es im theoretischen Feld aus: Will man nicht – »gehorsam« – erkennen, was ist, dann erkennt man nicht stattdessen etwas anderes, sondern man erkennt gar nicht.

Anlage einer perkutanen endoskopischen Gastrostomie zur Ernährung bei einer dementen Patientin

Püllen, Rupert • Kramer, Hans-Jürgen • Scholz, Ruth

Die 89-jährige Patientin wurde vom Hausarzt in die geriatrische Abteilung eingewiesen, da sie seit einigen Wochen unter Inappetenz und Übelkeit litt.
Mit medizinischem, juristischem und ethischem Kommentar.

Elftraud von Kalckreuth, Auf dem Weg mit Sterbenden. Alles hat seine Zeit, Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag) 2001, 168 Seiten.

Stock, Klaus

Noch ein Buch zur Sterbebegleitung!? Dieser oft gehörte Seufzer angesichts der Bücherflut zum Thema wird von der Autorin gleich im Vorwort aufgegriffen und entkräftet. Denn die vorliegende leicht lesbare Schrift (168 Seiten) weckt schon nach wenigen Seiten Interesse wegen des unerwarteten Stils. Es ist kein Sachbuch oder gar ein Ratgeber für die »richtige« Sterbebegleitung, sondern ein sehr persönliches Bekenntnis zu vielfältigen Einsichten aus langjähriger praktischer Erfahrung. Man spürt auch, dass hier eine ehemalige Redakteurin am Werk ist, die es versteht, mit Worten und Bildern umzugehen.

Andreas Kuhlmann, Politik des Lebens – Politik des Sterbens. Biomedizin in der liberalen Demokratie, Berlin (Alexander Fest Verlag) 2001, 234 Seiten.

Scholz, Ruth

Je mehr der Mensch kann, desto mehr stellt sich die Frage, ob er alles darf, was er kann. Das gilt natürlich auch für die Fortschritte in der Medizin. Sie rufen Ethiker auf den Plan, die nach der Rechtfertigbarkeit der neuen Techniken fragen. Aber auch die Politik muss sich hiermit befassen. Der Gesetzgeber muss Regelungen festlegen, die die neuen Techniken in geordnete Bahnen bringen.

Bernhard Sill/Renée Rauchalles, Die Kunst des Sterbens, Regensburg (Pustet) 2001, 136 Seiten.

Splett, Jörg

Das schön ausgestattete schmale Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste, bis S. 92, sammelt Stimmen zur Zusammengehörigkeit von Leben und Tod, in Aufnahme (vor allem des Rilke-Kapitels) und Fortführung von Sills Fach-Publikation »Ethos und Thanatos« (siehe ZME 45 [1999] 71–72). Die Fortführung bringt einmal Aktualisierungen (M. Gronemeyer), sodann vor allem theologisch-systematische Ausführungen zum Leben vor und nach dem Tod. Hier bereitet – im Klima positiver Pastoral – natürlich die Hölle Probleme. Verf. wendet sich rechtens gegen frühere »schwarze Pädagogik«; doch reflektiert er auch die Gefahr bloßer Reaktion? Selbstverständlich ist – etwa mit Ch. Péguy oder H. U. v. Balthasar – für Hoffnung im Blick auf alle einzutreten. Aber wie eine verharmlosende Apokatastasis-These vermeiden, wenn man nur die Unmöglichkeit leidloser Seligkeit angesichts von Verlorenen herausstellt, ohne Worte für die nicht minder geltende Unmöglichkeit, dass ich durch mein verstocktes »Schmollen« Gottes und der Seinen Seligkeit sollte zerstören können? Damit nämlich würde – keine pastorale Frage (die darf sich auf Faktisches beschränken), sondern eine ontologische – ein endgültiger Sieg des Bösen möglich – oder Allmacht müsste als »überwältigend« gedacht werden. (Dringender Verweis auf C. S. Lewis, Die große Scheidung.)

Werner Wolbert, Du sollst nicht töten. Systematische Überlegungen zum Tötungsverbot, Freiburg/Schweiz (Universitätsverlag); Freiburg i.Br.; Wien (Herder) 2000 (Studien zur theologischen Ethik; Bd. 87), 173 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Zwei Beobachtungen stehen am Anfang dieser Monographie: Dass das Verbot der Tötung von ›Unschuldigen‹ speziell seitens der katholischen Theologie »kaum in Frage gestellt« wird und dass gleichwohl aufkommendes Nachdenken über die Geltung des Tötungsverbotes heute vornehmlich Probleme medizinischer Ethik (näherhin im Kontext von Abtreibung und Euthanasie) betrifft. Eben deswegen möchte Verf. »diese Begrenzung auf die medizinethischen Tötungsfragen« aufbrechen (8) und die Prüfung der »Konsistenz unserer Überzeugungen in allen Anwendungsfällen des Tötungsverbotes« angehen – nämlich u. a. zu Selbsttötung, Notwehr, Todesstrafe, gerechtem Krieg, Schwangerschaftsabbruch – sowie grundlegende Argumente und Argumentationen wie die Unterscheidung von Schuldigen und Unschuldigen, die Heiligkeit des Lebens, die indirekte Tötung, Töten und Sterbenlassen erörtern.