Personalität und Körperlichkeit des Menschen

Ausgabe: 3/2002
(nur Online verfügbar)

48. Jahrgang

Jahrgang: 2002

Inhalt: Ausgabe

Die Bedeutung der modernen Hirnforschung für das Personverständnis

Rager, Günter

Die großen Fortschritte der Neurowissenschaften können dazu verleiten, unsere lebensweltlichen Erfahrungen auf neuronale Prozesse zu reduzieren. Menschliche Grundgewissheiten wie unser Selbst- und Personsein werden dann als Illusion erklärt. Die Folgen dieses naturalistischen Reduktionismus sind schwerwiegend für das Verständnis von uns selbst und für die ethischen Grundlagen unseres Handelns. Weder ein Reduktionismus noch eine Neuroethik lassen sich philosophisch rechtfertigen. Die neurowissenschaftlichen Befunde stehen vielmehr sehr wohl mit unseren lebensweltlichen Gewissheiten in Einklang. Allerdings führen sie auch zu wichtigen Korrekturen und Präzisierungen unseres Welt- und Selbstverständnisses.

Leibhaftige Freiheit

Splett, Jörg

Vom dreidimensionalen »Körper« ist der beseelte »Leib« als Da-seins-Weise von Freiheit zu unterscheiden. Ihm nähert sich der Beitrag mithilfe von Karl Rahners Begriff des Realsymbols in Anwendung auf den performativen Sprechakt. Darin wirkt das Wort, was es sagt (so beim Urteilsspruch des Richters). Die unaufhebbare Differenz zwischen Wort (Gesagtem) und Gedanke (Gemeintem), erst recht zwischen Gedanke und »Hintergedanke« (die sich sogar dem Sprecher entzieht) verleitet zu ideologischer Beseitigung des »symbolischen Dunkels«. Alle drei Wege solcher Vereindeutigung: magisch, spiritualistisch und aktualistisch, laufen auf Zerstörung von Freiheit und Menschlichkeit hinaus. Demgegenüber wäre Leiblichkeit als Einladung zum Wagnis des Vertrauens zu erkennen.

Theologie der Personwürde des Menschen

Müller, Gerhard Ludwig

Innerhalb einer säkularisierten Gesellschaft, die sich einem metaphysischem Relativismus verschrieben hat, wird es für den bedingungslosen Einsatz des Christen für die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens zunehmend schwerer, auf die Würde jedes Menschen, auch des ungeborenen und des kranken, zu bestehen. Menschenrechte sind von keiner menschlichen Weltanschauung abhängig, sondern beruhen auf der Anerkennung einer dem Menschen entzogenen Instanz. Eine eindeutige Lösung verspricht der Rückbezug auf den Personbegriff. Person bedeutet keine psychologische Selbsterfahrung, sondern ist innerhalb des ontologischen Begriffsrahmens zu sehen. Der Mensch ist nicht die Summe seiner Eigenschaften, sondern ein Zentrum, mit dem sich unterschiedliche Eigenschaften verbinden. Person ist jeder Mensch von vornherein und immer. Nicht erst durch Zuschreibung wird er zur Person gemacht. Die Achtung vor jedem Menschen als unverfügbares Charakteristikum in der Auseinandersetzung mit sozialdarwinistischen Ansätzen wird zum Maßstab einer auch in Zukuft gelingenden humanen Gesellschaft.

Der vergessene Körper. Über die Einheit von Person und menschlicher Natur

Schockenhoff, Eberhard

Die in der ethischen Tradition lange Zeit als selbstverständlich erachtete Annahme, dass alle Menschen Personen sind, wird seit einigen Jahren vor allem von Vertretern des Präferenzutilitarismus kritisiert. Dieser Beitrag untersucht dieses empiristische Personkriterium, wie es vor allem von Peter Singer vertreten wird. Menschsein und Personsein treten hier auseinander. Die Konsequenzen: Embryonen, Föten und Neugeborenen kommt ebenso wenig ein Personstatus zu wie Apallikern oder dementen Menschen. Sie stehen unter keinem besonderen Schutz. Ausführlich kritisiert der Autor diese Sichtweise: Der Vorwurf des Speziesismus rührt von einem Kategorienfehler her; das Konzept moralisch relevanter Eigenschaften beruht auf einem reduktiven Seinsverständnis; Widersprüche bestehen im empiristischen Personkriterium selbst; es liegt ein reduzierter Interessenbegriff vor. Der Utilitarismus beruht auf einem latenten Dualismus, der die leib-seelische Einheit des Menschen verkennt. Da Leib und Ich aber immer nur als untrennbare Einheit gegeben sind, erfordert es bereits die Zugehörigkeit eines Individuums zur menschlichen Art, seine unantastbare Würde und die aus ihr folgende Schutzwürdigkeit uneingeschränkt anzuerkennen. Jeder Mensch ist Person.

Verändert die Gentechnik das ethische Selbstverständnis des Menschen? Moraltheologische Überlegungen zu einer These von Jürgen Habermas

Noichl, Franz

Jürgen Habermas geht davon aus, dass sich durch die Nutzung und Anwendung gentechnischer Möglichkeiten am Menschen dessen ethisches Selbstverständnis dahingehend verändert, dass es nicht mehr durch symmetrische Anerkennung von Freiheit beschrieben werden kann. Die Wünschbarkeit einer solchen Veränderung wird auch unter Rücksicht auf die Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten in Frage gestellt. Der Aufsatz stellt die These von Habermas sowie ihre Begründung dar und diskutiert einige Einwände. Die Konsistenz der Argumentation lässt sich demnach nur im Kontext eines Verständnisses erweisen, worin Personen als persistierende Entitäten vorausgesetzt werden. Daraus wird schließlich die Möglichkeit einer spezifisch theologischen Interpretation der These von Habermas eröffnet.

Autonomie, Menschenwürde und die Körperwelten-Ausstellung

Bergdolt, Klaus

Vorbemerkung. Kaum ein Ereignis der Kulturszene hat in den letzten Jahren so viele politische, anthropologische, naturwissenschaftliche und ethische Fragen aufgeworfen wie die Körperwelten-Ausstellung, die in Basel, Mannheim, Köln, Wien, Oberhausen, Berlin und einigen japanischen Städten die Massen in ihren Bann zog.

Behandlung gesteigerter Aggressivität eines Patienten bei epileptischer Grunderkrankung und aufgetretenem Ehekonflikt

Hoppe, Christian • Frick, Eckhard

Ein 59-jähriger, im Vorruhestand berenteter, in unserer Klinik gut bekannter Patient, der seit seinem 14. Lebensjahr an einer symptomatischen Epilepsie mit komplex-partiellen und sekundär generalisierten Anfällen meist im Schlaf oder beim Aufwachen leidet, wurde von uns auf eigenen Wunsch notfallmäßig aufgenommen, nachdem er zuvor seine Ehefrau im Streit tätlich angegriffen und verletzt hatte.
Mit Kommentar.

Belgien verabschiedet Euthanasie-Gesetz

Oduncu, Fuat S.

Am 16. Mai 2002 hat das belgische Parlament mit 86 zu 51 Stimmen ein Euthanasie-Gesetz verabschiedet, welches die aktive Sterbehilfe erlaubt.

Sydney Shoemaker, The First-Person Perspective and other Essays, Cambridge 1996 (Cambridge studies in philosophy), 278 Seiten.

Quante, Michael

Mit seinem 1963 erschienenen Buch Self-Knowledge and Self-Identity war Shoemaker eine der Ausnahmen, die sich ausführlich mit dem Problem des Selbstbewusstseins umfassend auseinander gesetzt haben. Der jetzt vorliegende Sammelband seiner Aufsätze aus den letzten zehn Jahren dokumentiert die Kontinuität, mit der Shoemaker sich diesem Thema gewidmet hat. Shoemakers Beitrag ist nicht nur deshalb wichtig, weil er zentrale Beiträge zur Frage nach der Identität der Person beigesteuert hat, sondern auch deshalb interessant, weil er auf der einen Seite eine am Computermodell ausgerichtete funktionalistische Theorie des Geistes vertritt, auf der anderen Seite aber mit dem Selbstbewusstsein, bzw. – in seiner Terminologie – mit der erstpersönlichen Perspektive einerseits und dem phänomenalen Erleben bzw. – in analytischer Terminologie – den Qualia andererseits genau jene Aspekte des Mentalen ins Zentrum stellt, die nach weitgeteilter Ansicht von einem funktionalistischen Ansatz gerade nicht erfasst werden können. Entgegen einer von vielen Funktionalisten (z.B. Daniel C. Dennett) verfolgten Strategie, Qualia und Selbstbewusstsein entweder zu leugnen oder zu marginalisieren, erklärt Shoemaker diese Phänomene zu zentralen Themen: »an essential part of the philosophical task is to give an account of mind that makes intelligible the perspective mental subjects have on their own mental lives.« (ix) In diesem Band geht es daher um eine funktionalistische Theorie von Selbstbewusstsein, Introspektion, der Einheit des Selbst und unserem erstpersönlichen Wissen um diese Einheit. usw.

André Gallois, The World Without, The Mind Within. An Essay on First-Person Authority, Cambridge 1996 (Cambridge studies in philosophy), 213 Seiten.

Quante, Michael

Der enge Zusammenhang zwischen Erkenntnistheorie und Selbstbewusstsein verbindet sich historisch z.B. mit den Philosophien von Descartes oder Fichte, die beide aus den epistemologischen Besonderheiten des Selbstbewusstseins ein unbezweifelbares Fundament für Erkennen und Wissen gewinnen wollen.

Norton Nelkin, Consciousness and the Origins of Thought, Cambridge 1996 (Cambridge studies in philosophy), 341 Seiten.

Quante, Michael

Wenn es um Selbstbewusstsein geht, lässt sich in der analytischen Philosophie des Geistes häufig eine Position erahnen, die Dennett »Cartesischen Materialismus« genannt hat. Diese Grundhaltung zeichnet sich dadurch aus, dass zwar der Substanzdualismus von Descartes zugunsten eines – zumeist auf das Gehirn reduzierten – materiellen Substrats aufgegeben, ansonsten aber die phänomenale Charakterisierung des Mentalen aus der erstpersönlichen Perspektive in Gefolgschaft von Descartes beibehalten wird. In dieser Tradition steht das vorliegende Buch von Norton Nelkin, das er wenige Tage vor seinem Tode noch fertig stellen konnte. Nortons Zugang zum Selbstbewusstsein zeichnet sich zum einen durch eine grundlegende Orientierung an empirischen Ergebnissen der Hirn- und Kognitionswissenschaften einerseits und durch einen durchgreifenden Rationalismus und Internalismus andererseits aus. usw.

José Luis Bermúdez, The Paradox of Self-Consciousness, Cambridge 1998 (Representation and Mind), 338 Seiten.

Quante, Michael

In seiner Analyse der Paradoxie des Selbstbewusstseins geht Bermúdez einen ähnlichen Weg wie Nelkin in dem Sinne, dass er empirische Forschungsergebnisse heranzieht, um eine plausible Analyse aufzubauen. Anders als Nelkin konzentriert er sich dabei aber auf solche Formen mentaler Aktivitäten, die nicht zum klassischen Bereich des Rationalen gehören (z.B. Körperwahrnehmung oder vorsprachliche Formen sozialen Verhaltens). Dies geschieht vor allem deshalb, weil Bermúdez die These vertritt, dass propositionales Selbstbewusstsein und sprachliche Bezugnahme interdependent sind, man also keines von beiden bei der Analyse des anderen bereits voraussetzen darf. Einer seiner Haupteinwände gegen konkurrierende Theorien ist dementsprechend auch der Vorwurf eines argumentativen Zirkels. Der Ausweg, den er anbietet, ist dann die Erklärung des Selbstbewusstseins durch Rückgriff auf vorsprachliche Formen selbstbewussten Verhaltens und eine Art Stufentheorie von immer komplexer und kognitiver bzw. rationaler werdenden Formen des Selbstbewusstseins. usw.

Ernest Jonathan Lowe, Subjects of Experience, Cambridge 1996 (Cambridge studies in philosophy), 209 Seiten.

Quante, Michael

In der neuen Abhandlung des auch aus der Aristotelesforschung bekannten Philosophen Lowe steht die Frage nach der Identität der Person und dem Leib-Seele-Problem im Zentrum. Anders als z. B. Nelkin oder Bermúdez nutzt Lowe die epistemischen Sonderverhältnisse, die sich in unserem erstpersönlichen Wissen um die eigenen mentalen Zustände offenbaren, um sich gegen eine naturalistische Philosophie des Geistes generell auszusprechen. Lowe argumentiert auf der Basis des Selbstbewusstseins für einen Leib-Seele-Dualismus, der sich als Alternative zum Substanzdualismus Descartes einerseits und den diversen reduktionistischen Ansätzen andererseits versteht. Lowes Theorie teilt mit den anderen hier vorgestellten Analysen dabei das Merkmal, dass sie in weitgehender Unkenntnis oder Missachtung der Argumente, die in der deutschen Tradition (Kant, Fichte, Hegel, Husserl, Heidegger oder Tugendhat, um nur einige Vertreter zu nennen) entwickelt worden sind, entstanden zu sein scheinen. usw.

Kipke, Roland, Mensch und Person. Der Begriff der Person in der Bioethik und die Frage nach dem Lebensrecht aller Menschen, Berlin (Logos) 2001 (Berliner Arbeiten zur Erziehungsund Kulturwissenschaft; Bd. 8), 118 Seiten.

Wildfeuer, Armin G.

Dem Personbegriff ist in der neueren bioethischen Debatte für die Beantwortung der Frage nach dem moralischen Status bzw. dem individuellen Lebensrecht des Menschen eine Schlüsselstellung zugewachsen.

Dieter Sturma (Hg.), Person. Philosophiegeschichte, theoretische Philosophie, praktische Philosophie, Paderborn (mentis) 2001 (Ethica; Bd. 3), 463 Seiten.

Bormann, Franz-Josef

Der Begriff der Person gehört zu jenen ebenso altehrwürdigen wie komplexen philosophischen Grundworten, in denen sich wie in einem Brennglas die Geschichte des menschlichen Selbstverständnisses spiegelt. Nachdem sich D. Sturma bereits in seiner Habilitation von 1997 intensiv mit der ›Philosophie der Person‹ auseinander gesetzt hat, unternimmt der jüngst von ihm herausgegebene Sammelband nunmehr den Versuch, nicht nur die verschiedenen Bedeutungsfacetten des Personbegriffs historisch zu rekonstruieren, sondern auch die wichtigsten systematischen Problemfelder zu erhellen, die sich aus seiner Verwendung im Rahmen der theoretischen und praktischen Philosophie ergeben. Ausdrücklich setzt sich Sturma in seiner allgemeinen Einleitung mit den von traditionalistischer, speziesismuskritischer und szientistischer Seite geäußerten Vorbehalten auseinander, die aufgrund vermeintlich unüberwindlicher semantischer Probleme des Personbegriffs auf eine grundsätzliche Verabschiedung der Rede von der menschlichen Personalität drängen. Sturma zufolge gibt es jedoch »keine Krise des Personbegriffs, sondern nur eine Krise traditioneller Welt- und Menschenbilder« (14). Ungeachtet der tatsächlich bestehenden Unklarheiten bezüglich des präzisen Begriffsumfangs lässt sich s.E. aus dem Begriff des »Bewohners des Raums der Gründe und Handlungen« ein »Kern des Personbegriffs entwickeln, der gute Aussichten für eine konsensfähige Definition bietet.« (20) Mit dieser Einschätzung ist bereits die generelle Stoßrichtung der folgenden Einzelanalysen markiert: Es geht darum, jenseits kurzschlüssiger Radikallösungen die Stärken des uns historisch zugewachsenen Personbegriffs zu bewahren und die aus seiner nicht immer einlinigen Entwicklungsgeschichte resultierenden Ungereimtheiten auf der Basis »neuerer Verfahren der Sprachund Erkenntniskritik« schrittweise einer Klärung zuzuführen (12). usw.

Richard Schenk (Hg.), Kontinuität der Person. Zum Versprechen und Vertrauen, Stuttgart-Bad Cannstatt (Frommann-Holzboog) 1998 (Collegium philosophicum; Bd. 2), 286 Seiten.

Quante, Michael

Die in diesem Band versammelten Beiträge, die auf ein Symposium des Collegium Philosophicum des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover zurückgehen, sind dem Begriff der Person in seiner Bedeutung für die praktische Philosophie gewidmet. Anhand der Grundkategorien des Versprechens und Vertrauens wird dabei zum einen die biographische Dimension der menschlich personalen Lebensform in ihrer fundamentalen Bedeutung für unsere rechtliche und ethische Praxis aufgewiesen (Horn, Kodalle). Doch es ist nicht nur so, dass die Besonderheit der personalen Lebensform unverzichtbare Voraussetzung für die ihrerseits zentralen ethischen und rechtlichen Kategorien des Versprechens und Vertrauens ist. Umgekehrt sind letztere auch, wie Emrich in seinem Beitrag zur philosophischen Psychologie von Identität und Versprechen zeigt, unverzichtbar für die Ausbildung ersterer. Auch Greisch zeigt, im Anschluss an Heideggers »phänomenologische Hermeneutik« auf, dass die soziale Institution des Versprechens konstitutiv dafür ist, dass ein Subjekt sich als eine durch die Zeit hindurch mit sich identische Person begreifen kann. Darüber hinaus wird mit dem Beitrag des Herausgebers Schenk, der die Kategorie des Vertrauens mit der Verheißung verknüpft und dadurch in einen theologischen Kontext stellt, eine transzendente Dimension der Personalität eröffnet. usw.

Wojciech Boloz/Gerhard Höver (Hg.), Utilitarismus in der Bioethik. Seine Voraussetzungen und Folgen am Beispiel der Anschauungen von Peter Singer, Münster (Lit Verlag) 2002 (Symposion – Anstöße zur interdisziplinären Verständigung; Bd. 2), 200 Seiten.

Splett, Jörg

Der Band dokumentiert ein zweitägiges Warschauer Symposium, das im November 2001 von den katholisch-theologischen Fakultäten der Kardinal Stefan Wyszy ´ nski Universität Warschau und der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn veranstaltet worden ist. Vor allem die polnischen Autoren führen eine entschiedene deutliche Sprache. Der weit verbreitete Utilitarismus rufe nach Kritik, und den Nihilismus Singers zu unterschätzen wäre ein gefährlicher Fehler (W. Boloz 23). Den Utilitarismus stellt R. Mon dar: »ein kurioser intellektueller Standpunkt (40), dessen Vertreter »sich auf bestimmte Güter moralischen Charakters [berufen], ohne sie gleichzeitig anzuerkennen« (41). Unter dem Titel »Kein Lebensrecht für ungeborene Kinder?« trägt A. Lohner eine informative Auseinandersetzung mit Singer vor, samt »Anmerkungen zu dem ideengeschichtlichen Hintergrund«. Vor allem geht es um das Potentialitätsargument (mit dem verfehlten Exempel des Nicht-Königs Prinz Charles – der ja gleichwohl Thronfolger ist). Zur Ideengeschichte wird leider Descartes (soll man sagen: das übliche?) Unrecht getan. Zwar vertritt er unleugbar (doch nicht allein) ein mechanistisches Weltbild (dazu auch Spaemanns Thomas-Kritik) und, bei Verlust des Lebens- (und – in diesem Sinn – Seelen-) Begriffs, einen Zwei-Substanzen-Dualismus; aber man sollte seinen Rationalismus nicht derart umstandslos für den folgenden Materialismus verantwortlich machen. usw.

Jean-Pierre Wils, Handlungen und Bedeutungen. Reflexionen über eine hermeneutische Ethik, Freiburg/Schweiz (Universitätsverlag); Freiburg i. Br./Wien (Herder) 2001 (Studien zur theologischen Ethik; Bd. 92), 190 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Dem Problem ›verstandener‹ »Bedeutung von Handlungen« (7) will dieses Buch nachgehen, näherhin dem Bedenken des hermeneutischen Geflechts von Ethik und Moral als des Rahmens ihrer deutenden Interpretation. Dies wird in sechs Teilen angegangen, beginnend unter dem Titel hermeneutische Erfahrung (und unter Bezugnahme auf einschlägige Autoren) mit einer Skizze zu einer universalisierten kulturellen Hermeneutik in der Moderne als einer Fundamentaltheorie des Verstehens (10); Verf. verdeutlicht das Gemeinte in einer Analyse von Traditionen und Geschichte nunmehr als Deutungsgeschehen (von Geschehnissen), was eine an Geschichten festgemachte genetisch-normative moralische Exemplarität im Sinne eines transhistorischen Kanons (13) immer weniger zulasse und die Rede etwa vom christlichen Abendland und dessen Bedeutungshorizonten (16) ebenso wie die Gewissheit von Traditionen – da solcher modern-geschichtlichen Deutung und dem Wissen um Geschichtlichkeit zuwiderlaufend – problematisch mache. Damit aber auch das fraglose Einverständnis mit den religiösen Horizonten (19), an dessen Stelle die hermeneutische Wendung zur Religion (20) unter zugleich kulturell geprägter kritischer Pluralisierung bzw. Individualisierung ihrer Interpretation trete, ähnlich dem Schicksal von Wahrheit überhaupt. Solcher Relativität entspreche potentielles Unbehaustsein als typische Erfahrung der Moderne (24), begleitet vom Verlust der Möglichkeitsbedingungen von Religion als elementare Grundlage moralischer Verantwortung (24) und dem Aufkommen expliziter Sinnfrage (27) als Teil der hermeneutischen Situation (35).

Körper und Person. Kultur, Chirurgie und persönliche Identität

Schlich, Thomas

Anhand historischer Beispiele wird gezeigt, dass Körper und persönliche Identität in unterschiedlichen kulturellen Kontexten auf verschiedene Art und Weise aufeinander bezogen werden können. Diese Beziehung wird mitbeeinflusst von medizinischen und wissenschaftlichen Praktiken. Da die Vorstellungen über den Zusammenhang von Körper und Person den Umgang mit Menschen prägen, sind sie von großer ethischer Relevanz.