Medizin und Ökonomie

Ausgabe: 2/2002
(nur Online verfügbar)

48. Jahrgang

Jahrgang: 2002

Inhalt: Ausgabe

Möglichkeiten und Grenzen des Marktes im Gesundheitswesen. Das Transplantationsgesetz aus ökonomischer Sicht

Breyer, Friedrich

In Deutschland warten über 13.000 Patienten auf eine Organtransplantation, wovon im Jahr mehr als 750 sterben.

Die Eingrenzung des Leistungsspektrums des solidarfinanzierten Gesundheitssystems als Herausforderung liberaler Konzeptionen politischer Ethik

Werner, Micha H.

Bei der Prioritätensetzung im Kontext des solidarfinanzierten Gesundheitssystems durchdringen sich Fragen des guten Lebens und Fragen der Gerechtigkeit. Dies stellt eine Herausforderung für das liberale Postulat staatlicher Neutralität dar. Der Aufsatz diskutiert drei mögliche Reaktionen: Die Preisgabe des Neutralitätspostulats im Rahmen einer essentialistischen Theorie des guten Lebens (»Essentialismus«); die Verteidigung des Neutralitätspostulats durch Verweis auf gemeinsame Realisierungsvoraussetzungen verschiedener Entwürfe des guten Lebens (»Transzendentalisierung«) sowie die Abschwächung des Neutralitätspostulats im Rahmen einer prozeduralistischen Konzeption politischer Gerechtigkeit (»Prozeduralisierung«). Plädiert wird für eine Kombination der zweiten und der dritten Strategie.

Der verfassungsrechtliche Rahmen der Rationierung in der Gesundheitsversorgung

Nettesheim, Martin

Bis in jüngste Zeit gehörte die Thematik der »Rationierung von Gesundheitsversorgung« zu den Tabuthemen deutscher Politik. Kaum jemand war bereit, sich offen mit der Notwendigkeit und Zulässigkeit knappheitsbedingter Einschränkungen bei der Vergabe medizinischer Leistungen auseinander zu setzen. Niemand wagte in Frage zu stellen, dass die gesetzlichen Krankenkassen die gesundheitliche Versorgung der Bürger umfassend sicherzustellen haben. Dieses Bild hat sich inzwischen gewandelt. Inzwischen wird über die Notwendigkeit der Rationierung offen diskutiert. Der Beitrag befasst sich mit den verfassungsrechtlichen Vorgaben und Grenzen, die bei der Rationierung von medizinischen Leistungen zu beachten sind. Er unterscheidet zwischen indirekter und direkter Rationierung. Indirekte Rationierung ist Ausdruck und Folge politischer Grundentscheidungen über die Größe des Gesundheitssystems insgesamt und die Ressourcenverteilung innerhalb des Systems. Im Beitrag werden die Bestimmungen des Grundgesetzes daraufhin untersucht, welche Vorgaben die staatlichen Stellen in diesem Bereich zu beachten haben. Im Anschluss werden Formen direkter Rationierung, also der Verweigerung medizinisch notwendiger Leistungen im konkreten Fall, untersucht. Auch hier werden vor allem grundrechtliche Grenzen entwickelt, die in derartigen Entscheidungssituationen zu beachten sind.

Behandlungsleitlinien als Rationierungs- und Qualitätssicherungsinstrumente

Kliemt, Hartmut

Wenn der medizinische Mitteleinsatz durch Budgetierung begrenzt wird, bringt das den Arzt typischerweise in die Rolle des Rationierungsagenten, der entscheiden muss, wem er welche Ressourcen zuteil werden lässt. Die Begrenzung des Aufwandes durch eine Standardisierung der Behandlungsverfahren erspart dem Arzt die Abwägung zwischen einzelnen Patienten, führt aber dazu, dass es verbindliche Behandlungsrichtlinien als Rationierungsinstrumente geben muss. In dem Papier wird argumentiert, dass dennoch viel für einen solchen Weg der Rationierung spricht. Es wird auch dafür plädiert, konkurrierende Leitlinien zuzulassen, um alternative Wege zur Qualitäts- und Kostenkontrolle evaluieren zu können.

Kosteneffektivität als Allokationskriterium in der Gesundheitsversorgung

Marckmann, Georg • Siebert, Uwe

Angesichts anhaltend steigender Gesundheitsausgaben wird in vielen Ländern über Verfahren der Prioritätensetzung nachgedacht. Der vorliegende Beitrag untersucht, welche Rolle die Kosteneffektivität medizinischer Maßnahmen bei der Allokation knapper Gesundheitsressourcen spielen kann bzw. sollte. Nach einer Einführung in die zugrunde liegende utilitaristische Ethik werden die wichtigsten Formen gesundheitsökonomischer Evaluationen vorgestellt. Anschließend werden verschiedene Anwendungsszenarien für das Prinzip der Nutzenmaximierung in der Gesundheitsversorgung diskutiert. Am Beispiel der Prioritätensetzung im US-Staat Oregon werden die Möglichkeiten und Grenzen von Kosten-Effektivitäts-Analysen bei der Allokation knapper Gesundheitsressourcen untersucht.

Geld – der sichtbare Gott

Honecker, Martin

»Sichtbaren Gott« nennt Shakespeare das Geld. Ob die Überschrift dieses Impulses als Feststellung mit einem Ausrufezeichen oder als Frage mit einem Fragezeichen zu verstehen ist, mag zunächst einmal offen bleiben.

Verteilungsgerechtigkeit

Nothelle-Wildfeuer, Ursula

Verteilungsgerechtigkeit ist eine der drei Grundformen von Gerechtigkeit, die erstmals von Aristoteles (Nikomachische Ethik, Buch 5) als solche expliziert und von Thomas von Aquin (Summa theologiae II–II 57–61) weiterentwickelt wurde.

Dan E. Beauchamp/Bonnie Steinbock, New Ethics for the Public´s Health, New York (Oxford University Press) 1999, 382 Seiten.

Marckmann, Georg

Auch in Deutschland scheint »Public Health« inzwischen immer mehr an Boden zu gewinnen. Es ist deshalb sicher an der Zeit, auch über die ethischen Implikationen nachzudenken, die eine populationsorientierte Perspektive auf Gesundheit und Krankheit mit sich bringt. Genau dieses Ziel verfolgen die beiden amerikanischen Autoren Dan E. Beauchamp (Public-Health-Experte) und Bonnie Steinbock (Philosophin), die in ihrem Sammelband »New Ethics for the Public’s Health« Aufsätze aus den letzten drei Jahrzehnten zum Thema »Public Health und Ethik« zusammengestellt haben. Das Buch ist dabei interdisziplinär angelegt und bietet deshalb einen sehr brauchbaren Einstieg nicht nur in die ethischen, sondern auch in die methodischen Fragestellungen der Disziplin »Public Health«. Nach Auffassung von Beauchamp und Steinbock kann Public Health am ehesten als eine bestimmte Perspektive auf gesundheitliche Phänomene definiert werden: Im Vordergrund der Betrachtung stehen nicht einzelne Individuen, sondern ganze Populationen bzw. Subpopulationen. Gefragt wird nicht, was den einzelnen Menschen krank macht, sondern welche Einflussfaktoren für die Inzidenz, d. h. das Auftreten von Erkrankungen in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, relevant sind. Public-Health-Interventionen versuchen deshalb auch weniger auf die Risikofaktoren bei einzelnen Individuen einzuwirken, als vielmehr die Determinanten erhöhter Inzidenzraten in ganzen Populationen zu beeinflussen: Wie kann der Gesundheitszustand der Bevölkerung insgesamt verbessert werden? Dabei ist es für den Public-Health-Ansatz charakteristisch, dass diejenigen Maßnahmen, die einen relativ großen Gewinn für die Gemeinschaft bieten (bspw. in Form von verhinderten Todesfällen), für den Einzelnen in der Regel nur einen sehr geringen Nutzen (im Sinne einer minimalen Senkung des Mortalitätsrisikos) haben – ein Phänomen, das Geoffrey Rose als »Präventions-Paradox« bezeichnet.

Daniel Callahan (Hg.), Promoting Healthy Behavior. How Much Freedom? Whose Responsibility?, Washington DC (Georgetown University Press) 2000 (Hastings Center Studies in Ethics), 186 Seiten

Liening, Paul

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung gewonnen, die politische verloren: So resümierte Daniel Callahan in seinem Buch »False Hopes« (1998) den Status von »Public Health«. Dieses Dilemma thematisiert auch der vorliegende Sammelband, der aus einem zweijährigen, in Kooperation von Hastings Center und Stanford University durchgeführten Forschungsprojekt zu ethischen und politischen Fragen von Gesundheitsförderung und Prävention hervorgegangen ist.

Ludger Honnefelder / Christian Streffer (Hg.), Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Bd. 6, Berlin (de Gruyter) 2001, 505 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Der nunmehr sechste Band dieses Jahrbuches möchte die verstärkte öffentliche Diskussion bio- und medizinethischer Fragestellungen aufgreifen und zu deren Vertiefung beitragen – und zwar vornehmlich im Hinblick auf die aktuellen Themen dieser Diskussion. Über solche Aktualität hinaus unterstreichen die Herausgeber dieses Bandes aber die Bedeutung der Frage nach der »Rolle der Ethik im Raum zwischen Wissenschaft und Recht« und der Aufnahme der »mit dieser Frage verbundenen Herausforderungen«.

Martina Ahmann, Was bleibt vom menschlichen Leben unantastbar? Kritische Analyse der Rezeption des praktisch-ethischen Entwurfs von Peter Singer aus praktisch-theologischer Perspektive, Münster (Lit Verlag) 2001 (Theologie und Praxis; Bd. 11; zugl.: Münster [Westf.], Univ., Diss., 2000), 589 Seiten.
Ludwig Haas, Für kranke Menschen sorgen. Die Bedeutung der »Cura« für ethisches Handeln im Gesundheitswesen, Münster (Lit Verlag) 2000 (Studien der Moraltheologie; Bd. 17; zugl.: Münster [Westf.], Univ., Diss., 2000), 320 Seiten

Honecker, Martin

Die beiden, an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster verfassten, Dissertationen sind einem vergleichbaren, um nicht zu sagen demselben Thema gewidmet. Es geht um die Wahrnehmung der Perspektive kranker und behinderter Menschen, also um die Sicht des leidenden Subjekts, im Unterschied zu einer strikt naturwissenschaftlich-objektivierenden oder einer rein am therapeutischen Erfolg orientierten Sichtweise.

Paul M. Zulehner, Jedem seinen eigenen Tod. Für die Freiheit des Sterbens, Ostfildern (Schwabenverlag) 2001, 56 Seiten.

Wetzstein, Verena

»O Herr, gib jedem seinen eignen Tod, / das Sterben, das aus jenem Leben geht, / darin er Liebe hatte, Sinn und Not. […]« – dieser Vers aus Rainer Maria Rilkes Stundenbuch dient als Leitfaden, der die drei unterschiedlichen Teile des meditativen Bändchens des Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner durchzieht.