Biomedizin am Lebensanfang

Ausgabe: 2/2003

49. Jahrgang

Jahrgang: 2003

Inhalt: Ausgabe

Divergenzen in der evangelischen Ethik beim Umgang mit Embryonen

Honecker, Martin

Embryonenschutz, Präimplantationsdiagnostik und die Forschung mit embryonalen Stammzellen gaben seit dem Jahr 2000 verstärkt Anlass, den moralischen Status menschlicher Embryonen zu bedenken und zu erörtern. In der deutschen Öffentlichkeit wird diese Frage kontrovers diskutiert. Die katholische Kirche hat einen klaren Standpunkt. Innerhalb der evangelischen Kirche und Theologie werden hingegen unterschiedliche Positionen vertreten. Der Bericht stellt Repräsentanten und Argumente der unterschiedlichen Positionen vor. Prinzipiell zeigt sich dabei eine Alternative zwischen absolutem Lebensschutz (unter Berufung auf die Menschenwürde des Embryos) und einem gradualistischen Embryonenschutz. Ontologisch betrachtet steht hinter der verschiedenen Wertung eine präformistische oder epigenetische Deutung der embryonalen Entwicklung. Ergänzend angefügt ist ein internationaler Vergleich und ein Verweis auf das Verhältnis von Recht und Ethik.

Wird die molekulare Medizin die Auffassung von Krankheiten in der gegenwärtigen Medizin erneuern?

Mergenthaler, Daniela

Dieser Aufsatz untersucht die theoretischen Grundlagen und Implikationen der molekularen Medizin zum Thema Krankheit. Trotz ihrer immensen praktischen Bedeutung kann die molekulare Medizin keine neue Krankheitstheorie entwickeln, sondern setzt den der Biomedizin inhärenten naturwissenschaftlichen Reduktionismus fort. Auch die Kategorie der genetischen Erkrankung ist problematisch, weil Anlage und Umwelt kontext- und subjektrelative Begriffe sind, und Eigenschaften eines Organismus nicht kausal auf ein Genom rückführbar sind. Wie sich die neuere Genomforschung bereits von einem starren genetischen Präformationsmodell zugunsten eines dynamischen Interaktionsmodells abgewendet hat, so ruft auch dieser Aufsatz zu einer vorsichtigen Verwendung der Kategorie der genetischen Krankheit auf. Genetische Krankheitskategorisierungen erfassen nie den lebensweltlichen Bezug von Krankheiten, welcher fundamental für das ärztliche Handeln im klinischen Alltag ist.

Ethische und psychosoziale Implikationen der Stammzelltransplantation bei nichtverwandten Spendern

Gross, Dominik • Rautenberg, Ulrike • Rutt, Claudia

Die Stammzelltransplantation hat sich in den vergangenen Jahren zu einem erfolgreichen Verfahren in der Therapie zahlreicher Erkrankungen entwickelt. Allerdings ist auffällig, dass sich die meisten Fachbeiträge mit medizinischen Fragen rund um die Transplantation oder aber mit den psychosozialen Folgen für den Empfänger und den Familienspender beschäftigen. Die besonderen ethischen und psychosozialen Implikationen der Stammzelltransplantation bei freiwilligen, nichtverwandten Spendern gelangten demgegenüber bis dato kaum zur Darstellung. Vor diesem Hintergrund untersucht der vorliegende Beitrag die möglichen Folgen der Stammzellübertragung aus der Sicht des Fremdspenders, beginnend mit der Registrierung als möglicher Donor bis zur Phase nach erfolgter Übertragung. Dabei lässt sich zeigen, dass die Fremdspende eine Reihe ethischer und psychosozialer Implikationen birgt – angefangen von der Angst des Spenders, aus medizinischen Gründen »ausgesondert« zu werden, über das Risiko der eigentlichen Spende, die Furcht, als Forschungsobjekt zu dienen, die Angst vor dem Zusammentreffen mit dem Empfänger und der Verpflichtung zu weiteren Spenden bis hin zu potentiellen Belastungsfaktoren, die aus der zu investierenden Zeit, der Frage der adäquaten finanziellen Entschädigung, dem Gebot der Anonymität oder der Notwendigkeit einer langfristigen und regelmäßigen medizinischen Nachkontrolle resultieren – um nur einige Aspekte zu nennen. Die vorliegende Analyse unterstreicht den enormen Forschungsbedarf bezüglich der Fremdspende von Stammzellen – nicht nur in medizinischer, sondern vor allem auch in ethischer und psychosozialer Hinsicht.

Die Organspende zwischen passiver und aktiver Akzeptanz. Ethische Leitlinien zu einer aktuellen Diskussion

Arntz, Klaus

Seit dem In-Kraft-Treten des Transplantationsgesetzes im Jahr 1997 hat die Bereitschaft zur Organspende abgenommen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Gründe hierfür sind unter anderem die Sorge, unnötig lange künstlich am Leben gehalten zu werden und die Befürchtung, als Ersatzteillager missbraucht zu werden. Die bisweilen vertretene Auffassung einer radikalen Verpflichtung zur Organspende folgt einem postmortalen Utilitarismus und ist vor allem aus anthropologischen Überlegungen abzulehnen. Die theologische Ethik sollte die Organspende als Tat exzellenter Nächstenliebe nachdrücklich fördern, da die moralische Unentschiedenheit weiter Teile der Bevölkerung in diesen Fragen das eigentliche Problem darstellt. Gegebenenfalls ist – im Sinne einer Ultima Ratio – eine Gesetzesänderung (Widerspruchslösung) herbeizuführen.

Durch Hormontherapie induzierte Drillingsschwangerschaft mit Überleben eines Drillings nach Fetozid des ersten Drillings und Frühgeburt des zweiten Drillings vor Erreichen der Lebensfähigkeit

Hasbargen, Uwe • Hübener, Christoph • Hepp, Hermann • Schlögel, Herbert • Alkofer, Andreas-P. • Schroth, Ulrich

Eine 29-jährige Patientin hatte sich nach dreijähriger ungewollter Kinderlosigkeit einer hormonalen Stimulationsbehandlung unterzogen.
Mit medizinischem, ethischem und juristischem Kommentar.

Simone Weil über Schönheit, Schmerz und Gehorsam

Splett, Jörg

Schönheit und Notwendigkeit. Simone Weil liebt an der griechischen Antike wie an Indien und China deren Liebe zur Schönheit der Welt und findet es seltsam, »daß die Schönheit der Welt in der christlichen Überlieferung fast keine Rolle spielt«.

Hille Haker, Ethik der genetischen Frühdiagnostik.Sozialethische Reflexionen zur Verantwortung am Beginn des menschlichen Lebens, Paderborn (Mentis) 2002 (Zugl.: Tübingen, Univ., Habil.-Schr., 2001), 329 Seiten.

Schmitz, Dagmar

Die ethischen Implikationen von Pränatalund Präimplantationsdiagnostik – also von genetischer Diagnostik in der Schwangerschaft und an dem aus künstlicher Befruchtung entstandenen Embryo vor dem Transfer in die Gebärmutter – stehen im Zentrum dieses Buches von Hille Haker, dessen Untertitel durch den Begriff sozialethisch bereits den moraltheologischen Hintergrund der Autorin, die mit dieser Arbeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen ihre Habilitationsschrift vorgelegt hat, anklingen lässt.

Gregor Damschen/Dieter Schönecker (Hgg.), Der moralische Status menschlicher Embryonen. Pro und contra Spezies-, Kontinuums-, Identitäts- und Potentialitätsargument, Berlin/New York (Walter de Gruyter) 2003, 331 Seiten.

Honecker, Martin

Aus Anlass der Entscheidung des britischen Unterhauses, das Klonen menschlicher Embryonen für therapeutische Zwecke freizugeben und der auch dadurch ausgelösten heftigen Debatte um den moralischen Status menschlicher Embryonen, veranstaltete die DFG an der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle (Saale) eine Tagung vom 23. bis 24. Februar 2002.

Stephan Ernst (Hg.), Machbarkeit des Menschen? Theologie angesichts der Macht der Biomedizin, Münster u. a. (Lit) 2002 (Symposion. Anstöße zur interdisziplinären Verständigung; Bd. 3), 131 Seiten.

Bernhard Nacke/Stephan Ernst (Hgg.), Das Ungeteiltsein des Menschen. Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik, Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag) 2002 (Christentum und Gesellschaft. Perspektiven für das 21. Jahrhundert; Bd. 4), 256 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Auf dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Diskussion der biotechnischen Entwicklung und insbesondere der Stammzellenforschung veranstaltete die Katholisch-theologische Fakultät der Universität Würzburg einen Studientag, der sich angesichts der über »naturwissenschaftliche Sachfragen« hinaus »relevanten Sinndeutung dessen, was der Mensch sein soll«, einer »Selbstbesinnung der Theologie auf ihre Sinnressourcen im Blick auf die anstehenden Fragen der Biomedizin« (11) widmete. Der erste der vorstehend genannten Bände enthält im Kontext dieses Studientages entstandene Beiträge, deren Intention weniger auf interdisziplinäres Streitgespräch als vielmehr vornehmlich auf innertheologische Verständigung und Klärung zielt. Vorangestellt wird eine Erörterung zu Situation und Perspektiven der Forschung insbesondere an embryonalen und adulten Stammzellen (A. Müller), im Wesentlichen ein Überblick über Kenntnisstand, Optionen und Forschungsbedarf der Stammzellbiologie, speziell auch der Gewinnung von pluripotenten embryonalen Stammzellen, verknüpft mit dem Votum für deren streng reglementierte Erforschung, »um ihr therapeutisches Potenzial untersuchen zu können« (21). Die theologischen Reflexionen gehen zum einen in moraltheologischer Absicht dem »Konflikt zwischen einer Ethik des Heilens […] und dem möglichst umfassenden Schutz menschlichen Lebens« (25) nach (St. Ernst), vor allem durch Sichtung der hierzu üblicherweise vorfindlichen Argumentationen, die hinsichtlich etwa der ›Güterabwägung‹ allenfalls aus ihren Gegenargumenten, zum sogleich postulierten sittlichen Gebot des Lebensschutzes (26) jedoch erst aus der hier zumal theologisch nur begrenzt angegangenen Begründung – z. B. im Kontext des Status des Embryos – ethisch überzeugend Kontur gewinnen können (cf. 29 ff, auch 38). Verf. verweist hierzu zu Recht auf die Beachtung der hermeneutischen Bedingungen der ethisch-relevanten (›verdinglichenden‹ oder aber ›personalisierenden‹) Interpretation der Lebenswirklichkeit (auch) des Embryos (36). Sodann findet sich eine fundamentaltheologische Problematisierung der »Definitionsmacht, ab wann und wie lange die Realität Mensch mit dem Zeichen ›Mensch‹ belegt werden muss« (41) und folglich mit entsprechender Schutzgarantie versehen ist (H.-J. Sander) – eine »Machtfrage des menschlichen Lebens« (44), wozu in personal deutender Hinsicht theologisch »kein anderer Ursprung als der früheste angenommen« (42) wird; Verf. sieht dies nochmals aus der christlichen Betrachtung des ›realen Endes‹ des Menschen (45) – nicht als »Opfer der Gewalt von und unter Menschen« (46), sondern allenfalls als Opfer wider Gewalt – bestätigt, woraus sich verbrauchende Embryonenforschung in der »Ohnmacht des menschlichen Lebens in seinem Anfangsstadium « als »heillose Gewalt« zeige (49). Weitere Beiträge untersuchen kontextbezogene Aussagen des Alten und des Neuen Testaments (Th. Seidl, B. Heininger) sowie der sich gerade zum Embryo von christlicher Ethik unterscheidenden und insoweit heutige Forschungspraxis erhellenden Perspektiven aus der jüdischen Halacha (K. Müller) – verbunden mit eher prinzipiellen Hinweisen über ›Macht und Ohnmacht‹ der Medizin und besonders zum biblischen Verständnis von Heilung, die zugleich auf grundsätzliche Anfragen zu Grund und Intention sachgerechter religiös-theologischer Argumentation im Feld der Biomedizin aufmerksam werden lassen (bes. 62).

Eduard Picker, Menschenwürde und Menschenleben. Das Auseinanderdriften zweier fundamentaler Werte als Ausdruck der wachsenden Relativierung des Menschen, Stuttgart (Klett- Cotta) 2002, 219 Seiten.

Schmitz, Dagmar

Die Würde des Menschen hat sich in den vergangenen Jahren zu einer zentralen Argumentationsfigur in medizinethischen, juristischen und politischen Debatten über neue Technologien vor allem in der Fortpflanzungsmedizin entwickelt. Die Suche nach Kriterien, die eine Zuschreibung von Menschenwürde ermöglichen bzw. deren moralische Verbindlichkeit begründen können, reicht von der bloßen Zugehörigkeit zur Gattung homo sapiens bis zu den personalen Eigenschaften eines Menschen. Neben dem Anwendungsbereich wird jedoch auch die inhaltliche Bedeutung der Menschenwürde immer wieder diskutiert. In der dritten Version des kategorischen Imperativs beispielsweise hat Kant diese als ein Instrumentalisierungsverbot interpretiert. Die Offenheit der Menschenwürde-Formel hinsichtlich sowohl ihrer inhaltlichen Bedeutung als auch ihres Anwendungsbereiches erweist sich heute im Hinblick auf ihre Schutzfunktion im Zusammenhang mit neuen Biotechnologien als besonders problematisch.

Mathias Beck, Seele und Krankheit. Psychosomatische Medizin und theologische Anthropologie, Paderborn u. a. (Schöningh) 22001, 404 Seiten.

Binninger, Christoph

Die vorliegende Studie von Matthias Beck ist die zweite, überarbeitete Auflage seiner 1999 an der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs- Universität Freiburg i. Br.

Entscheidungen am Anfang. Ethische Bewertung von Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung

Fraling, Bernhard

Wir erleben in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung medizinischer Forschung, deren Ergebnisse vieles erhoffen lassen, was bislang unvorstellbar war. Allerdings fordert sie Entscheidungen heraus, an denen sich die Geister scheiden. Die spezifische Schwierigkeit solcher Entscheidungen hängt einerseits mit der Sicherheit und Solidität von Prognosen und Verheißungen zusammen, die sich mit neuen Projekten verbinden, andererseits werden die Wege problematisiert, die zu möglicherweise revolutionierenden Ergebnissen führen sollen. Längst hat die Diskussion auch die politische Meinungsbildung erreicht, bei der die Stellungnahmen momentan noch quer durch die Parteien gehen, ob sie die Regierung tragen oder in der Opposition ihren Platz haben. In seinen Überlegungen versucht der Autor,einer Ursache auf die Spur zu kommen, die zum Teil die Unterschiedlichkeit der Meinungen erklären kann: Es lässt sich eine Verschiebung in der Art ethischer Wahrnehmungin der Moderne feststellen, die Unterschiede in der Stellungnahme mitbewirkt (1). Der zweite Teil der Überlegungen geht der Verschiedenheit der geäußerten Meinungen nach und sucht zu ersten Stellungnahmen zu kommen, die sich auf die Bewertung des Lebens vom Anfang an beziehen (2). Von da aus lässt sich die ethische Bewertung von Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung durchführen (3).