Medizin interkulturell

Ausgabe: 3/2003
(nur Online verfügbar)

49. Jahrgang

Jahrgang: 2003

Inhalt: Ausgabe

Medizintraditionen in der Weltgesellschaft. Gesundheit, Krankheit und Heilung im Kulturvergleich

Bruchhausen, Walter

Der heute überall zu beobachtende medizinische Pluralismus verstärkt das alte Phänomen der Kontakte zwischen Medizintraditionen. Zu den Reaktionen auf diese Kontakte gehören Abwehr, Rückbesinnung, Adaptation, Integration und Hybridisierung, aber auch kulturvergleichende Forschung. Dabei lassen sich verschiedene Denkmuster für Vorstellungen über Krankheit abstrahieren, z. B. Krankheit als Aggression, als gestörtes Gleichgewicht, als heiß oder kalt, als Folge von Verstößen. Im Blick auf Afrika, Asien, Lateinamerika und die monotheistischen Weltreligionen geht es um konkrete Formen solcher Muster sowie hiesige Faszination und Fehlinterpretation fremder Medizin. Für die medizinische Praxis kann die Beschäftigung mit anderen medizinischen Vorstellungen konkretes Verhalten z. B. ausländischer Patienten zwar nicht einfach voraussagen, aber verständlicher machen und damit allgemein für Anliegen von Kranken sensibilisieren.

Die Erlaubnis und Pflicht zu heilen im jüdischen Schrifttum. Eine philosophisch-historische Analyse nach Rabbi A. J. Kook

Gesundheit, Benjamin

Klassische jüdische Quellen bieten eine reichhaltige Literatur mit einer langen und kontinuierlichen Tradition, welche für moderne medizinethische Diskussionen einen wichtigen Beitrag leisten können. Anhand eines Talmud-Textes versuchen wir die literarische Entwicklung von der Bibel bis in die Gegenwart anhand der Interpretation von Rabbi A. J. Kook (1865–1935) aufzuzeigen. Die Erlaubnis und Pflicht zu heilen wurde von Bibel- und Talmud-Kommentatoren aufgrund deren historischem und biographischem Hintergrund unterschiedlich erklärt. Die theologische, finanzielle, berufliche oder religiös-kulturelle Problematik der ärztlichen Tätigkeit mag die Notwendigkeit einer religiösen »Erlaubnis des Heilens« erklären. Kook verknüpft diese Aspekte in seiner originellen Interpretation, nach der er in der Körper-Seele-Beziehung einen Schwerpunkt der modernen Medizin des 20. Jahrhunderts sieht.

Das muslimische Krankheitsverständnis und seine Bedeutung für medizinische Ethik

Ilkilic, Ilhan

Dass die religiösen und kulturellen Prägungen das Verstehen und Erleben einer Krankheit und somit die Entscheidungen des Patienten unmittelbar beeinflussen, ist ein bekanntes Phänomen. In Arztpraxen und Krankenhäusern begegnet man täglich Verständigungsschwierigkeiten und Interessenkonflikten zwischen Ärzten, Pflegepersonal und muslimischen Patienten, die auf unterschiedlichen religiös kulturellen Wertvorstellungen gründen. Das Verstehen dieser Konfliktfelder und die Gestaltung einer angemessenen Umgangsformmit diesen Konflikten erfordert Kenntnisse über Grundlagen des muslimischen Krankheitsverständnisses und dessen Einflussformen in der medizinischen Praxis. In diesem Beitrag werden Krankheitsbegriffe der islamischen Hauptquellen und das muslimische Krankheitsverständnis dargestellt, sowie die aus der islamischen Glaubenspraxis entstandenen Konfliktfelder im medizinischen Alltag diskutiert. Ein Versuch zu einer medizinethischen Standortbestimmung und einige handlungsleitende Grundsätze schließensich an.

»Traditionelle« Medizin und Krankheitsverständnis im Japan der Moderne. Der Weg von der sinojapanischen Heilkunde der Edo-Zeit zur Kanpô-Medizin der Gegenwart

Oberländer, Christian

Die Modernisierung der japanischen Gesellschaft seit der Meiji-Restauration (1868) hat durch die Einführung der westlichen Medizin in Japan für die bis dahin dominierende sinojapanische Heilkunde der Edo-Zeit (1600–1868) einen grundlegenden Wandlungsprozess ausgelöst. Die sinojapanische Heilkunde, die sich durch große theoretische und praktische Vielfalt auszeichnete, wurde nach zahlreichen, auch politisch ausgetragenen Konflikten nach der Wende zum 20. Jahrhundert als »traditionelle« Heilkunde neu interpretiert und stellte sich nun, u. a. unter Zuhilfenahme von Anregungen aus der westlichen medizinkritischen Literatur, als komplementär zur westlichen Medizin dar.

Umgang mit Totgeborenen. Darstellung der türkischen Haltung am Beispiel einer Universitätsklinik

Öncel, Öztan • Namal, Arin

Für einen respektvollen Umgang mit den Körpern Totgeborener, unabhängig von ihrem Gewicht und in Konsequenz daraus für ihre Bestattung, wird wie folgt argumentiert: Sie sind in einem Moment verloren, da sie doch das Potential in sich trugen, ein Teil der Gesellschaft zu werden; die Eltern benötigen Hilfe, um die Trauer aufgrund des erlittenen Verlustes zu bewältigen; diese kleinen Körper könnten sonst für andere Zwecke missbraucht werden. Um beispielhaft darzustellen, wie Kliniken in der Türkei dieses Thema handhaben, wurde die Situation in der Geburtsklinik und in der Pathologie der Medizinischen Fakultät Istanbul der Universität Istanbul untersucht, bei der es sich um die älteste türkische medizinische Fakultät handelt, und festgestellt, dass hier die Praxis herrscht, Totgeborene unabhängig vom Körpergewicht zu bestatten. Es stellte sich heraus, dass die drei Zentralfriedhöfe Istanbuls, mit deren Verwaltungen gesprochen wurde, sehr viele Anfragen von Angehörigen bezüglich der Bestattung von tot geborenen Kindern, egal welchen Körpergewichts, erhalten. Ein Blick auf die türkischen Gesetze zur Bestattung zeigt, dass es kein Gesetz gibt, das auf die Bestattung Totgeborener besonders eingeht, sondern dass es als eine allgemeine Pflicht definiert wird, einen menschlichen Leichnam oder von einem menschlichen Körper abgetrennte Organe zu bestatten oder angemessen zu entsorgen. Als eine natürliche Konsequenz aus der eklatanten Unzulänglichkeit der gesetzlichen Regelungen bezüglich Totgeborener weist unsere Studie auch aus, dass es kein Netzwerk zur Überwachung einer würdigen Bestattung dieser kleinen Leichname gibt. Ein Blick auf die Haltung des Islam (99 % der Einwohner der Türkei sind Muslime) zeigt, dass es hier als Pflicht angesehen wird, Totgeborene unabhängig von ihrem Körpergewicht zu bestatten.

Glaube, Hoffnung und Liebe als Kraft und Weisheit einer helfenden Diakonie

Pompey, Heinrich

»Was soll das noch, was hat dies Leben für einen Sinn?« »Ich kann nicht mehr, ich habe keine Kraft mehr!« Solche Sätze äußern leidende Menschen an den Grenzen ihres Lebens, d. h. in schweren physischen und psycho-sozialen Herausforderungen ihrer Existenz.

Muslimische Rechtsmeinungen zu Hirntod, Organtransplantation und Leben

Eich, Thomas • Grundmann, Johannes

Nach einhelliger Auskunft von im Bereich der Organtransplantation tätigen Medizinern ist in Deutschland die Bereitschaft zur Organspende unter deutschen Muslimen extrem niedrig. Sie liegt deutlich unter der ohnehin schon allgemein geringen Spendebereitschaft der Bevölkerung. Die Frage nach den Gründen dieses Sachverhalts liegt nahe, zumal Organtransplantation etwa in arabischen Ländern unter Muslimen durchaus in substantiellem Maße praktiziert wird. Der vorliegende Artikel geht dieser Frage anhand von Äußerungen muslimischer Gelehrter (ulama) nach. Ein großer Teil des ausgewerteten Materials stammt von ulama, die nicht in Deutschland leben. Ihre Aussagen dienen Muslimen in Deutschland oftmals jedoch als Hauptausgangspunkt für ihre eigenen Urteile. Dabei soll herausgearbeitet werden, wo Probleme in diesem spezifischen Bereich der Organtransplantation in der interkulturellen Medizin auftreten können.

Hugo Tristram Engelhardt, Jr., The foundations of christian bioethics, Lisse (Swets & Zeitlinger) 2000, 414 Seiten.

Quante, Michael

H. Tristram Engelhardt, Jr. ist einer der bekanntesten Bioethiker der Gegenwart.

Brigitte Fuchs/Norbert Kobler-Fumasoli (Hgg.), Hilft der Glaube? Heilung auf dem Schnittpunkt zwischen Theologie und Medizin, Münster u. a. (Lit) 2002 (Symposion – Anstöße zur interdisziplinären Verständigung; Bd. 1), 172 Seiten.

Kostka, Ulrike

Die Medizin und Theologie stehen seit Jahrtausenden in einem spannungsreichen, wechselseitigen Verhältnis. Schon immer suchten Menschen über religiöse/spirituelle Wege nach Heilung und Gesundheit. Bis heute ist diese Tradition trotz der Dominanz einer naturwissenschaftlich-technischen Medizin und ihres objektivistischen Weltbildes zu beobachten. Jedoch hat sich die Beziehung zwischen Medizin und Theologie seit dem 19. Jahrhundert deutlich verändert und massiv distanziert. Die Medizin hat die Sorge für das Körperliche übernommen und die Theologie konzentriert sich seit langem vorwiegend auf das Geistige und Psychische. Erst durch die Frage über die Sinnhaftigkeit von medizinischen Maßnahmen insbesondere am Lebensanfang und Lebensende ist der Dialog zwischen der Medizin und der Theologie bzw. der theologischen Ethik wieder intensiver geworden, allerdings konzentriert er sich dabei vorwiegend auf Grenzsituationen der Medizin. Im Gegensatz dazu findet die Diskussion über das Verhältnis von Theologie und Medizin, von Therapie und Glaube vor allem in einzelnen Nischen beider Fächer statt.

Günther Pöltner, Grundkurs Medizin-Ethik, Wien (Facultas) 2002, 340 Seiten

Rager, Günter

Die rasanten Fortschritte der Medizin bringen es mit sich, dass sich auch die damit verbundenen ethischen Probleme in unvorhergesehener Weise häufen und immer komplexer werden. 1998 wurde über die Forschung an embryonalen Stammzellen noch kaum debattiert. Vier Jahre später dominiert dieses Thema die politische und ethische Diskussion. Gesetzentwürfe werden vorbereitet, die Fragen des Imports von embryonalen Stammzellen und der Forschung an Embryonen regeln sollen. Zugleich vermehren sich die Ethikkommissionen auf nationaler wie auf regionaler Ebene. Die Mitglieder dieser Ethikkommissionen verfügen jedoch oft nicht über das nötige ethische Grundwissen, um in diesen schwierigen Fragen sachgerecht entscheiden zu können. Daraus ergibt sich der Bedarf für ein Buch der Medizin-Ethik, das umfassend in das ethische Denken einführt und sich mit den gegenwärtigen Problemen auseinandersetzt.

Giovanni Maio, Ethik der Forschung am Menschen. Zur Begründung der Moral in ihrer historischen Bedingtheit, Stuttgart-Bad Cannstatt (Frommann-Holzboog) 2002 (Medizin und Philosophie. Beiträge aus der Forschung; Bd. 6), 396 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Aus der Überzeugung, dass verallgemeinerbare Forschung am Menschen zugleich Überindividualität im Sinne des Absehens von einzelnen Versuchspersonen verlangt, will dieses Buch – die gekürzte Fassung der Habilitationsschrift des Autors – nach der Unterscheidung »zwischen ethisch legitimierter und ethisch illegitimer Forschung« vor allem im Hinblick auf einwilligungsunfähige Patienten (22, cf. 51) fragen und hierfür »Kriterien systematisch […] erarbeiten sowie deren Zeitgebundenheit« (15) aufzeigen.

Detlef Aufderheide/Martin Dabrowski (Hgg.), Gesundheit – Ethik – Ökonomik. Wirtschaftsethische und moralökonomische Perspektiven des Gesundheitswesens, Berlin (Duncker & Humblot) 2002 (Volkswirtschaftliche Schriften; H. 524), 279 Seiten.

Marckmann, Georg

Unter dem Titel »Gesundheit – Ethik – Ökonomik« legen Detlef Aufderheide und Martin Dabrowski einen weiteren Band vor, der sich mit den ethischen und ökonomischen Problemen der Mittelverteilung im Gesundheitswesen beschäftigt. Er enthält die – überarbeiteten – Beiträge einer Tagung, die im Dezember 2000 in der katholisch-sozialen Akademie Franz Hitze Haus in Münster stattfand. Obwohl seit der Tagung inzwischen gut zwei Jahre vergangen sind, hat die Problematik nichts an Aktualität verloren, im Gegenteil: Die finanzielle Situation der gesetzlichen Krankenversicherung verschlechtert sich zunehmend, die Konflikte zwischen den verschiedenen Akteuren in der Gesundheitsversorgung spitzen sich weiter zu. Gleichzeitig sind allgemein zustimmungsfähige, strukturelle Reformansätze nicht in Sicht. Insofern erscheint es dringend geboten – wie von den Herausgebern beabsichtigt –, den Dialog zwischen Ökonomen, Medizinern, Juristen, Soziologen, Theologen und Philosophen über die Organisation des Gesundheitswesens zu pflegen und weiterzuentwickeln. Diese Inter- bzw. Multidisziplinarität versuchen die Herausgeber im Aufbau des Buches umzusetzen: Jeder Hauptbeitrag wird von zwei Kommentaren (überwiegend) aus anderen Disziplinen ergänzt. Auf diese Weise lassen sich die fachspezifischen Perspektiven anhand konkreter Fragestellungen besser aufeinander beziehen.

Bryan Jennett, The vegetative state. Medical facts, ethical and legal dilemmas, Cambridge (Cambridge University Press) 2002, 228 Seiten.

Quante, Michael

Er habe, so schreibt Bryan Jennett im Epilog der hier vorliegenden Monographie, mit der Beendigung des Buches warten wollen, bis er das Gefühl gehabt habe, dass die am meisten strittigen Probleme gelöst bzw. entschieden worden sind. Die Probleme, um die es dabei geht, sind die medizinischen, rechtlichen und ethischen Fragen, die durch einen Zustand aufgeworfen werden, der vor allem durch die neuere Intensivmedizin vermehrt möglich geworden ist – der persistent vegetative state (PVS).