Präimplantationsdiagnostik und Lebensschutz

Ausgabe: 4/2003

49. Jahrgang

Jahrgang: 2003

Inhalt: Ausgabe

Präimplantationsdiagnostik: Methode und Anwendung aus reproduktionsmedizinischer Sicht

Griesinger, Georg • Schultze-Mosgau, Askan • Finas, Dominique • Felberbaum, Ricardo • Diedrich, Klaus

Zweck und Ziel der Präimplantationsdiagnostik (PID) ist die Erkennung einer spezifischen genetischen Aberration des menschlichen Embryos noch vor der Implantation in die Gebärmutter. Die PID stellt somit für bestimmte Indikationen eine Alternative zur Pränataldiagnostik dar und ermöglicht Paaren mit einer Disposition zur Vererbung einer schweren genetischen Erkrankung einerseits eine Schwangerschaft in großer Gewissheit, dass das werdende Kind von einer spezifischen Erbkrankheit nicht betroffen ist, und andererseits die Verhinderung des physiologischen und psychologischen Traumas eines Schwangerschaftsabbruchs. Davon ist das PID-Aneuploidie-Screening (PID-AS) als breit angelegte Screening-Methode zur Identifizierung embryonaler Chromosomen-Fehlverteilungen zu unterscheiden, die als Methode der Effizienzsteigerung der IVF-Therapie betrachtet wird. In Deutschland ist derzeit aus rechtlichen Gründen lediglich eine genetische Diagnostik an unbefruchteten Eizellen möglich.

Pränatalmedizin und Embryonenschutz – ein Widerspruch der Werte?

Hepp, Hermann

Pränataldiagnostik (PND) und/oder -therapie sind integraler Bestandteil der Geburtshilfe. Dabei steht der informative, über Beratung nicht selten lebenserhaltende und zunehmend auch intrauterin therapeutische Ansatz im Vordergrund. Zweifellos haben Urteile von Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht (1997) die Beratungspraxis und auch die Einstellung zur Pränataldiagnostik insofern beeinflusst, als wir in der ethischen Bewertung nicht mehr nur fragen, ob wir tun dürfen, was machbar ist, sondern ob wir letztlich tun müssen, was medizinisch möglich ist. So steht zurzeit die Kompatibilität der Präimplantationsdiagnostik mit dem Embryonenschutzgesetz (ESchG) im Mittelpunkt der juristischen Diskussion. Diese wird vom wissenschaftlichen Beirat der BÄK bejaht. Sollte diese Position durch den Deutschen Bundestag abgelehnt werden, muss er sich spätestens dann den Wertungswidersprüchen zwischen dem hohen Schutzanspruch für den Embryo in vitro durch das ESchG und dem Verzicht auf rechtliche Sanktionierung der Präimplantationsphase in vivo durch § 218 StGB mit Zulassung von Nidationshemmern sowie der Legitimierung der Schwangerschaft auf Probe mit PND und Spätabbruch stellen.

Präimplantationsdiagnostik und die Veränderung der Elternschaft

Haker, Hille

In der Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik wurde bisher zu wenig die soziale Erosion im Elternschaftskonzept als Kontext der neuen Fortpflanzungstechnologien berücksichtigt. Weder mit dem Schlagwort der »reproduktiven Autonomie« gerät die zwischen medizinisch-biologischer Profession und Elternschaft geteilte Verantwortung in den Blick, noch trifft der Rekurs auf die Reziprozität der Verantwortungsbeziehungen die Besonderheit der Präimplantationsdiagnostik. Im Unterschied dazu wird hier für eine Verankerung des Verantwortungskonzeptes in asymmetrischen Beziehungen argumentiert, für die die Elternschaft prototypisch ist. Die Präimplantationsdiagnostik erweist sich dabei als ein Grenzfall nicht nur durch die Verfügbarkeit über Embryonen außerhalb des Frauenkörpers, sondern auch dadurch, dass die Elternschaftsverantwortung prospektiv gefasst werden muss. Zwischen dem legitimen Wunsch der Eltern nach einer »besseren Zukunft« für ihre Kinder und der nicht zu legitimierenden liberalen oder sozialen Eugenik ist eine strikte Trennung nicht möglich, wohl aber sind die Hintergrundannahmen über den Status genetischer Aussagen kritisch zu reflektieren. Für die sozialethische Beurteilung ist es unerlässlich, diese Annahmen sowie die technikinduzierten individuellen Risiken und sozialen Folgen der Präimplantationsdiagnostik einzubeziehen und einer moralischen Neutralisierung menschlicher Embryonen entgegenzuwirken.

Fortpflanzungsfreiheit und verantwortliche Elternschaft. Zur ethischen Problematik der Präimplantationsdiagnostik

Schockenhoff, Eberhard

In der gegenwärtigen Debatte um eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) herrscht in ärztlicher, politischer, rechtlicher und ethischer Hinsicht Uneinigkeit. Dieser Beitrag nimmt eine umfassende ethische Bewertung der PID vor. Dabei wird nicht nur die Zielsetzung des Verfahrens in den Blick genommen, sondern der Autor bezieht weitere ethische Urteilskriterien mit ein. Argumentationen, die in ethischer Sicht eine Zulassung der PID mit dem Hinweis auf die elterliche Fortpflanzungsfreiheit und die Verpflichtung des ärztlichen Berufsstandes, unzumutbares menschliches Leiden abzuwenden, zu begründen versuchen, hält der Autor für unzureichend. Er bezieht neben den Zielen des PID-Verfahrens auch die einzelnen Teilschritte und Methoden in seine Bewertung mit ein und überprüft die erkennbaren und zu erwartenden Folgen. Abschließend kommt der Beitrag unter Verweis auf ein gegen die Menschenwürde gerichtetes Instrumentalisierungsverbot und die Unhaltbarkeit der Utopie einer leidlosen Welt zu dem Schluss, dass die PID trotz hochrangiger Zielsetzungen ethisch nicht gerechtfertigt werden kann.

Präimplantationsdiagnostik zwischen Fortpflanzungsfreiheit und Embryonenschutz

Böckenförde-Wunderlich, Barbara

Eine Entscheidung über die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland wird in absehbarer Zeit getroffen werden. Dieser Beitrag untersucht, ob eine Zulassung der PID in Deutschland unter Berücksichtigung der beteiligten Rechtspositionen von der Verfassung geboten ist, möglich, aber nicht zwingend ist oder aber verboten sein muss. Die Befürworter der PID berufen sich auf die Fortpflanzungsfreiheit und das Selbstbestimmungsrecht, die Gegner stellen dagegen die Beeinträchtigung des Status des Embryos in den Vordergrund. Daher wird ausgehend von den Rechten der Eltern, die im Hinblick auf die PID gewürdigt werden, insbesondere auch der verfassungsrechtliche Status des Embryos näher untersucht. Das Ergebnis der Verfassungsinterpretation wird schließlich der geltenden Regelung des Schwangerschaftsabbruchs aus medizinischer Indikation unter Aufweisung der bestehenden Spannungslage gegenübergestellt.

Vermittlungsprobleme in der medizinethischen Diskussion zur Präimplantationsdiagnostik

Strech, Daniel

Die gegenwärtige medizinethische Diskussion zur Präimplantationsdiagnostik ist bestimmt durch zwei sich gegenüberstehende Argumentationstypen. Die Befürworter bedienen sich vornehmlich eines pragmatisch-nutzenorientierten Argumentationstyps. Aus einer subjektiven, situativen Perspektive heraus werden die Interessen und Bedenken möglicher Patienten nach Pro- und Kontraargumenten gegeneinander abgewogen. Auf der anderen Seite argumentieren die Kritiker der Präimplantationsdiagnostik hauptsächlich gesellschaftspolitisch-folgenorientiert. Ein hierbei aufgezeigtes Negativpotential dieser Technik wird aus einer eher objektiven und folgenorientierten Perspektive heraus bewertet. Dabei wird in den eigentlichen Bewertungsprozess neben den technikspezifischen Aspekten eine Vielzahl von heterogenen Überlegungen integriert. Die unterschiedlichen Ansätze der beiden Argumentationstypen bedingen eine grundlegende Asymmetrie. Aufgrund der hochgradigen Komplexität des Bewertungsprozesses ist der gesellschaftspolitische Argumentationstyp anders als der pragmatische mit einem latenten Vermittlungsproblem belastet.

Handeln – Beten – Gottvertrauen

Splett, Jörg

Wie sind die Gedankenstriche in der Überschrift zu lesen? Zwischen den ersten beiden Begriffen sehen bis heute viele ein »oder«. Und die meisten Zeitgenossen dürften für das Handeln votieren. Die Tradition christlicher Spiritualität scheint die entgegengesetzte Position zu vertreten.

Leon R. Kass, Life, Liberty and the Defense of Dignity. The Challenge for Bioethics, San Francisco (Encounter Books) 2002, 313 Seiten.

Bormann, Franz-Josef

Der Autor, der hierzulande einer größeren Öffentlichkeit vor allem dadurch bekannt geworden ist, dass er im Sommer 2001 von G.W. Bush mit dem Vorsitz des ›President’s Council on Bioethics‹ betraut wurde, gehört zweifellos zu den Pionieren der amerikanischen Medizinethik.

Donna L. Dickenson (Hg.), Ethical Issues in Maternal-Fetal Medicine, Cambridge (Cambridge University Press) 2002, 353 Seiten.

Quante, Michael

Erkenntnisfortschritte im Bereich der Medizin oder der Humangenetik auf der einen sowie neue technische Optionen auf der anderen Seite haben Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen der Schwangeren und dem beginnenden menschlichen Leben. Dieser Veränderungsprozess des Umfeldes menschlicher Fortpflanzung wäre ohnehin schon irritierend und ethische Reflexionen provozierend genug. Doch zusätzlich findet er gegenwärtig statt im Kontext sich wandelnder Wertvorstellungen, vor allem vor dem Hintergrund einer zunehmenden Akzeptanz der ethischen Dominanz individueller Autonomie, unter die für viele auch die Freiheit zur Fortpflanzung und sogar zur Bewertung der Lebensqualität des werdenden menschlichen Lebens fallen. Die Spannung bzw. der scheinbare Gegensatz zwischen den Wertvorstellungen »verantwortliche Elternschaft« und »Entscheidungs- oder Wahlfreiheit « charakterisiert dabei einen Hauptstrang der verschiedenen Diskussionen, die sich um die vielfältigen ethischen Probleme entzündet haben, in denen die Beziehung zwischen Schwangerer und Embryo eine zentrale Rolle spielt. Die Frage nach dem evaluativen Stellenwert von Behinderungen und Krankheiten einerseits sowie dem Recht auf Leben für menschliche Individuen in allen Entwicklungs- und Lebensphasen andererseits macht einen weiteren Strang dieser vielschichtigen Debatte aus (in diesem Kontext ist der Beitrag von Alderson hervorzuheben, die versucht hat, die möglichen diskriminierenden Auswirkungen von Indikationslisten oder Screenings auf Menschen zu ermitteln, die von den auf diesen Listen erfassten Krankheiten bzw. Behinderungen betroffen sind – eine Vermutung, die in Deutschland gegenwärtig im Kontext der Erörterung der Präimplantationsdiagnostik eine Rolle spielt).

Harald Thomas Schmidt, Präimplantationsdiagnostik: Jenseits des Rubikons? Individual und sozialethische Aspekte der PID/PGD, Münster u. a. (Lit) 2003 (Münsteraner Bioethik-Studien; Bd. 4), 237 Seiten.

Babo, Markus

Auf dem Hintergrund der bisweilen sehr kontrovers geführten Debatte um eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PIG/PGD) in Deutschland versucht Harald Thomas Schmidt in der vorliegenden Monographie, die in der Diskussion verwendeten Hauptargumente (insbesondere das der Menschenwürde und der Eugenik) auf ihre Schlüssigkeit hin kritisch zu untersuchen, um auf diese Weise einen Beitrag zum Diskurs und zu dessen Versachlichung zu leisten.

Marcus Düwell/Klaus Steigleder (Hgg.), Bioethik. Eine Einführung, Frankfurt a. M. (Suhrkamp Verlag) 2003, 454 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Einen »fundierten Einstieg in die Diskussion« der sachlich wie methodisch weit verzweigten und begrifflich partiell uneindeutigen Bioethik will dieses Buch leisten. In ihrem Kern als »wissenschaftliche Unternehmung […] der philosophischen Ethik« begriffen, wird Bioethik zugleich nicht allein auf sittlich relevante biomedizinische Fragen begrenzt. Die genannte Zielsetzung wird in zwei Schritten zu erreichen gesucht: zum einen in der Darlegung unterschiedlicher ethischer Theoriebildungen, zum anderen in der Erörterung ausgewählter konkreter Themenfelder der jüngeren ›Bioethik‹.

Holger Zaborowski (Hg.), Wie machbar ist der Mensch? Eine philosophische und theologische Orientierung. Mit einem Geleitwort von Karl Kardinal Lehmann, Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag) 2003, 228 Seiten.

Splett, Jörg

Die Moderne ist nicht unwesentlich durch die Entdeckung der Person charakterisiert, allerdings auch durch eine spezifische Ambivalenz dem Personenbegriff gegenüber. Denn dieser hat 1. grundlegend – als Würdename – moralische Implikationen, 2. steht er wesentlich in interpersonalem Kontext, 3. meint er eine mehrdimensionale Wirklichkeit: Geist in Leib. Die Neuzeit aber stellt das isolierte Subjekt ins Zentrum, unter dem Ideal wissenschaftlich-exakten Wissens, in einem Dualismus von verfügbarem stofflichem Sein und extra-naturalem Freiheits-Bewusstsein. Diese Ambivalenz ist immer offenkundiger geworden – und mit ihr die Ambivalenz von Aufklärung und Fortschritt, um zwei weitere Grundworte der Moderne zu nennen. Wie soll und kann man angesichts wachsender Möglichkeiten der Medizin zwischen »Tabus « unterscheiden, die es zu überwinden, und solchen, die es zu bewahren gilt? Die Diskussion um den »neuen Menschen« zeigt sich als Krise der Person: ihres Begriffs wie der Unantastbarkeit ihrer Würde.

Fuat S. Oduncu/Ulrich Schroth/Wilhelm Vossenkuhl (Hgg.), Transplantation. Organgewinnung und -allokation, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2003 (Medizin – Ethik – Recht; Bd. 2), 429 Seiten.

Römelt, Josef

Der vorliegende Band bietet Beiträge zu einem wichtigen Bereich der modernen Hochleistungsmedizin. Hinter dem Titel des Buches verbergen sich die Anliegen der »klassischen« Organtransplantation bis hin zu den Fragen moderner Gewebeverpflanzung und Gewebezüchtung sowie der Stammzelltherapien.

Markus von Lutterotti, Sterbehilfe. Gebot der Menschlichkeit?, Düsseldorf (Patmos) 2002, 184 Seiten.

Scholz, Ruth

Als im Jahr 2001 die Niederlande eine Änderung der Gesetzgebung zur Sterbehilfe verabschiedeten, brach auch hierzulande die Diskussion um die Sterbehilfe wieder neu auf. Der Verf. des vorliegenden Buches möchte nun dieses Thema in einen weiteren Horizont stellen, »um der Komplexität der Problematik gerecht zu werden«.