Klonen beim Menschen

Ausgabe: 2/2004

50. Jahrgang

Jahrgang: 2004

Inhalt: Ausgabe

Forschungs- und Fortpflanzungsklonen beim Menschen. Eine kritische Analyse aus ethischer Sicht

Bormann, Franz-Josef

Eine weit verbreitete Position in der gegenwärtigen Klon-Debatte geht davon aus, dass es zwar starke Gründe für ein Verbot des reproduktiven Klonens durch somatischen Zellkerntransfer gibt, dass aber gleichwohl der Einsatz dieser Klonierungstechnik zu Forschungszwecken mit dem Ziel der Entwicklung neuer Therapieverfahren moralisch erlaubt sei. Der vorliegende Beitrag versucht, die Haltlosigkeit dieses Standpunktes nachzuweisen. Da die Produkte des Zellkerntransfers als menschliche Embryonen zu gelten haben, verstößt das Forschungsklonen gegen das Verbot der Totalinstrumentalisierung menschlichen Lebens. Ein schwächere Variante dieses Instrumentalisierungsvorwurfs lässt sich im Verein mit weiteren Argumenten auch gegen das reproduktive Klonen ins Feld führen, so dass aus ethischer Sicht nur ein umfassendes Klonverbot zu überzeugen vermag.

Forschungsklonen als Humanexperiment. Ethische Überlegungen zur Erforschung der Klontechnik beim Menschen

Clausen, Jens

Die ethische Beurteilung des Klonens beim Menschen erfolgt bisher entweder unter Extrapolation zu erwartender Folgen auf der Basis gegenwärtiger tierexperimenteller Ergebnisse oder unter der Voraussetzung, dass die Klontechnik eine sicher anwendbare Methode sei. Hier werde ich mit der Erforschung des Klonens das nötige Verbindungsglied betrachten. Die ethische Untersuchung orientiert sich dabei an den beiden Legitimationskriterien der aufgeklärten, freiwilligen Zustimmung sowie einem akzeptablen Nutzen-Risiko-Verhältnis und erfolgt einerseits mit Blick auf die potentiellen Kloneltern sowie andererseits mit besonderem Fokus auf den Klon selbst. Dabei werden schwerwiegende ethische Bedenken deutlich, die gegen eine Erforschung des Klonens beim Menschen sprechen.

Gentechnik und Gemeinwohl

Clague, Julie

Die hauptsächlich vorgebrachte moralische Rechtfertigung für Investitionen in Gentechnologien besteht in deren medizinischem Nutzen für die Menschheit. Allerdings hat die Bedeutung der humanitären Zielbestimmung jeder medizinischen Handlung in der bioethischen Literatur und den medizinischen Kodizes im Laufe des 20. Jahrhunderts deutlich abgenommen. Stattdessen wird häufiger die Förderung des Nutzens im Kontext der ärztlichen Pflicht zur Fürsorge gegenüber den Patienten erörtert. Dieser Beitrag zeigt, dass den wirtschaftlichen und sozialen Fragen, die im Rahmen ethischer Diskussionen der Genetik auftauchen, mit dem eingeschränkteren Sprachgebrauch des Begriffs Fürsorge nicht Genüge getan wird. Das Konzept des Gemeinwohls (oder der öffentlichen Fürsorge) erscheint dagegen anpassungsfähiger, um die sozialen Fragen, die von der Genetik aufgeworfen werden, angemessen zu beantworten.

Stammzellforschung und therapeutisches Klonen. Zum Stand der Diskussion in Griechenland

Kiriakaki, Irini

Mit der Gründung des Nationalen Bioethik-Ausschusses hat der bioethische Diskurs in Griechenland einen neuen Schub bekommen. In einer Stellungnahme zur Verwendung von Stammzellen in der biomedizinischen Forschung und klinischen Medizin befürwortet der Nationale Bioethik-Ausschuss die Verwendung von Frühembryonen zur Stammzellgewinnung und das therapeutische Klonen; die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken lehnt er hingegen ab. Obwohl die zur Begründung herangezogenen Argumente nicht zur grundsätzlichen Problematik des moralischen Status des frühembryonalen menschlichen Lebens beitragen, unterstützt die Stellungnahme durch die Herausarbeitung konkreter fallorientierter Handlungsweisen die öffentliche Urteilsbildung und liefert eine Entscheidungsgrundlage für den griechischen Gesetzgeber.

Empirische Totipotenz und metaphysische Gattungszugehörigkeit bei der moralischen Beurteilung des vorgeburtlichen menschlichen Lebens

Reich, Jens

»El sueño de la razon produce monstruos« (Francesco Goya) Der Artikel entwickelt die Aussage, dass das empirische Kriterium der Totipotenz für die Anerkennung der metaphysischen Zugehörigkeit eines Objekts zur Menschheit nicht geeignet ist, weil es bei der Beurteilung des frühen vorgeburtlichen Lebens willkürlich gestaltbar und im Streitfall weder nachweisbar noch klar widerlegbar ist. Objekte, die durch Manipulieren und Zusammenfügen von menschlichen Bestandteilen gewonnen werden, gehören im metaphysischen (normativen) Sinn nicht der Gattung Mensch (der »Menschheitsfamilie «) an. Wer erzwingen will, dass sie in einer Schwangerschaft zur Geburt heranreifen, erzeugt ein stigmatisiertes menschenähnliches »Monster«, keinen Menschen, selbst wenn es körperlich menschengleich wäre. Dies führt auf ein kategorisches, metaphysisch begründetes Verbot jedes reproduktiven Klonens beim Menschen. Therapeutisches Klonen und andere zellbiologische Experimente an menschlichen Konstrukten sind aus dieser Position heraus nicht kategorisch verwerfbar. Daraus folgt noch nicht, dass sie einfach erlaubt seien.

Human Cloning and Human Dignity. The Report of the President’s Council on Bioethics. Eine Zusammenfassung.

Lochner, Elisabeth von

Der abschließende Bericht des US-amerikanischen Bioethikrates, der am 28.11.2001 von Präsident George W. Bush zur umfassenden Behandlung der Klonthematik ins Leben gerufen wurde, zeichnet mit dem Titel Human Cloning and Human Dignity nicht nur das Problemfeld vor, innerhalb dessen sich die divergierenden Meinungen erstrecken, sondern weist gleichzeitig auf die fundamentale Größe der Würde hin, auf deren Hintergrund sich eine Biotechnologie wie das Klonen ausweisen bzw. rechtfertigen muss.

Der Status des extrakorporalen Embryos in interdisziplinärer Perspektive. Darstellung des Freiburger Verbundprojektes

Maio, Giovanni

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat ein Programm zur Förderung von Projekten zum Themenkreis »Ethische, rechtliche und soziale Aspekte der Molekularen Medizin« entwickelt, das als ethische Begleitforschung der Humangenomforschung gedacht ist. Im Rahmen dieses Förderprogramms wird auch das Freiburger Verbundprojekt »Der Status des extrakorporalen Embryos in interdisziplinärer Perspektive« für eine Laufzeit von drei Jahren gefördert. Es handelt sich um ein vom Zentrum für Ethik und Recht in der Medizin koordiniertes interdisziplinäres Projekt, an dem elf Institutionen Mitantragsteller sind und vier Institutionen als Kooperationspartner fungieren.

Sexualität – Sex – Menschenwürde. Drei Vorausgedanken zu konkreterem Austausch

Splett, Jörg

Sie seien unter Gedichtzeilen des unvergessenen Schriftstellers und Filmemachers Pier Paolo Pasolini gestellt: … in un mondo che no ha altri varchi que verso il sesso e il cuore in einer Welt, die keine anderen Auswege kennt als Sex und Herz 1. Menschenunwürdige Situation? »Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch […]«, schreibt der Berliner Hautarzt Gottfried Benn. So manchen ist tatsächlich ihre Leiblichkeit »peinlich«; nicht bloß Plotin »war die Art von Mann, die sich dessen schämt, im Leibe zu sein«. Um den Menschen nicht direkt ein Tier zu nennen, greift man (seit dem 16. Jh.) zu dem Kunstwort »Lebewesen«.

Reiner Anselm/Ulrich H. J. Körtner (Hgg.), Streitfall Biomedizin. Urteilsfindung in christlicher Verantwortung, Göttingen (Vandenhoeck und Ruprecht) 2003, 216 Seiten.

Schoknecht, Sebastian

Es ist ruhig geworden in den Medien. Die Feuilletons der Zeitungen berichten nur noch hin und wieder über Stammzellen, künstliche Befruchtung und das »therapeutische« Klonen. Da kommt ein neues Werk zum Streitfall Biomedizin gerade recht. Der erste der insgesamt vier Teile des vorliegenden Sammelbandes evangelischer Theologen befasst sich mit der Bioethik in theologischer und kirchlicher Perspektive. Dabei kann vorwegnehmend auf die Differenz zwischen akademischer und kirchenpraktischer Theologie hingewiesen werden.

Ruth Scholz, Die Diskussion um die Euthanasie. Zu den anthropologischen Hintergründen einer ethischen Fragestellung, Münster (Lit) 2002 (Studien der Moraltheologie; Bd. 26; zugl.: Freiburg, Univ., Diss., 2002), 418 Seiten.

Schaupp, Walter

Ohne Zweifel hat sich der Schwerpunkt der bioethischen Debatte neuerdings auf Fragen um den menschlichen Embryo, um Stammzellforschung und PID verlagert, und die zuvor intensiv und kontrovers geführte Euthanasiediskussion musste demgegenüber in den Hintergrund treten. Doch zeigen die jüngste Gesetzgebung in Belgien, wo man dem Beispiel der Niederlande folgte, sowie Vorstöße beider Länder auf europäischer Ebene, dass es sich hierbei noch immer um eine brisante Thematik mit viel politischer Relevanz handelt. Hinzuweisen ist vor allem darauf, dass die theoretische Diskussion bislang zu keinem wirklichen Konsens geführt hat und Befürworter und Gegner auf moralphilosophischer und rechtswissenschaftlicher Ebene einander nach wie vor gegenüberstehen. Viele Beiträge der letzten Jahre tendieren dazu, die klassische Unterscheidung zwischen aktiver und passiver sowie direkter und indirekter Euthanasie für überholt zu erklären und so einer weiteren Legalisierung der aktiven Euthanasie den Weg zu bereiten. Vor diesem Hintergrund muss der Studie von Ruth Scholz durchaus Aktualität und Relevanz zugebilligt werden.

Thomas Gutmann/Klaus A. Schneewind/Ulrich Schroth/Volker H. Schmidt/Antonellus Elsässer/Walter Land/Günther F. Hillebrand, Grundlagen einer gerechten Organverteilung. Medizin, Psychologie, Recht, Ethik, Soziologie, Heidelberg u. a. (Springer) 2003 (MedR Schriftenreihe Medizinrecht), 269 Seiten.

Galden, Daniel

Thomas Gutmann hat in Zusammenarbeit mit einem interdisziplinären Autorenteam ein Buch geschaffen, das die »Grundlagen einer gerechten Organverteilung« aus den verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Auf 269 Seiten gehen die Autoren aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Recht, Ethik und Soziologie besonders auf die Schwachpunkte der derzeit gängigen Praxis der Transplantatvergabe ein, nicht jedoch ohne auch konstruktive Lösungsvorschläge zu geben, wie in Zukunft der Mangel an Transplantaten gerechter zu verwalten sei. In allen fünf Teilen unterschiedlicher Provenienz bleibt dieses klar strukturierte Buch einer Kernaussage treu: Während die aktuell angewandten, von der Bundesärztekammer erbrachten Richtlinien vor allem auf die utilitaristische Effizienz der Vergabeverfahren im Sinne eines aggregierten Gesamtnutzens für das Patientenkollektiv abzielen, steht die Notwendigkeit einer Verlagerung des Verfahrensschwerpunktes in Richtung Gerechtigkeit und Chancengleichheit aus verfassungsrechtlichen Gründen, sowie unter Berücksichtigung der vorliegenden soziopsychologischen Studien zu alltagsethischen Moralvorstellungen direkt Betroffener außer Frage.

Manfred Oehmichen/Hans-Jürgen Kaatsch/Hartmut Rosenau (Hgg.), Praktische Ethik in der Medizin (Practical Ethics in Medicine), Lübeck (Schmidt-Römhild) 2003 (Research in Legal Medicine; Vol. 29), 345 Seiten

Buch, Alois Joh.

In der Spannung zwischen dem Mangel an allgemein verbindlicher Werteorientierung und praktischem ärztlichem Entscheidungs-Erfordernis will dieser, weitgehend aus einer Tagung von Medizinern und Theologen hervorgegangene, Band »Informationsvermittlung […] mit Ansätzen zur Reflexion« bieten, die nach Überzeugung der Herausgeber »dann […] auf der individuellen Ebene weitergeführt werden müssen «. Im Einzelnen sind vor allem folgende Handlungsfelder im Blick: Reproduktionsmedizin, Stammzelltherapie, Psychiatrie, Onkologie, Organtransplantation sowie Anästhesie und Intensivmedizin (u. a. im Kontext von Notfallmedizin).

Hermes A. Kick (Hg.), Ethisches Handeln in den Grenzbereichen von Medizin und Psychologie, Münster u. a. (Lit) 2002 (Ethik interdisziplinär; Bd. 4), 177 Seiten.

Baumann, Klaus

Der Direktor des »Instituts für medizinische Ethik, Grundlagen und Methoden der Psychotherapie und Gesundheitskultur (IEPG)« in Mannheim, Hermes A. Kick, hat dankenswerterweise zwölf Beiträge aus verschiedenen Symposien und Arbeitskreisen in einem dreiteiligen Band herausgegeben und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Die Artikel des 1. Teils umkreisen historisch und systematisch Grundpositionen einer »Ethik im Grenzbereich« (von Medizin und Psychologie).