Medizin - Religion - Gesellschaft

Ausgabe: 3/2004
(nur Online verfügbar)

50. Jahrgang

Jahrgang: 2004

Inhalt: Ausgabe

Zum Verhältnis zwischen Bioethik und Religion in postmoderner Gesellschaft

Golser, Karl

Nach einer Klärung des Begriffs der Postmoderne, die sich sowohl als Krise des sittlichen Subjekts wie auch als radikale Pluralisierung der Gesellschaft zeigt, wird kurz die geschichtliche Entwicklung der Bioethik von der Moderne zur Postmoderne aufgezeigt. Gerade in der postmodernen Zeit wird den Religionen wieder ein größerer Spielraum eingeräumt, indem nun bei den bioethischen Entscheidungen auch auf unterschiedliche Wertevorstellungen und Glaubenserfahrungen Bezug genommen werden soll. Einen Weg für ein solches Engagement der Religionen im bioethischen Diskurs zeigt Warren Reich auf, der beim Staunen ansetzt, durch das der Mensch sich einer transzendenten Wirklichkeit öffnet, und bei der Konfrontation mit der Verwundbarkeit des Menschen. Daraus ergibt sich eine Ethik der Fürsorge.

Wer verdient Fürsorge? Gesundheitsreform und die Werte, die unsere Gesundheitssysteme formen

Reich, Warren T.

Die aktuellen Diskussionen um die Reform der Gesundheits- und Sozialsysteme greifen zu kurz, wenn sie bloß Fragen der Finanzierung und Effizienzsteigerung ansprechen. Die fundamentale Frage, welche Werte und Einstellungen die Systeme formen und bestimmen, hat langfristig viel stärkere Auswirkungen auf ihre Funktionsweise. In seinem Artikel zeigt Warren T. Reich, dass das grundlegende Prinzip jedes Gesundheitssystems und jeder Gesundheitsreform das der »Fürsorge« (care) sein muss. Der Vergleich zwischen einem wettbewerbs-dominierten und einem allgemeinen sozialen Gesundheitssystem zeigt, dass nur Letzteres langfristig sowohl ein ethischer wie auch ein ökonomischer Gewinn sein kann. Reich warnt davor, eine gewinnorientierte Gesundheitsversorgung, wie sie in seiner U.S.-amerikanischen Heimat bestimmend ist, auch in Europa zu forcieren.

Wie sollte eine liberale Gesellschaft mit Krankheiten umgehen, wenn sie gerecht sein will?

Gottschalk-Mazouz, Niels • Mazouz, Nadia

Die Eingrenzung des Leistungsspektrums solidarisch finanzierter medizinischer Leistungen geschieht zumindest im deutschen Sozialrecht anhand dessen, was als Krankheit anerkannt wird. Diese Vorgehensweise ist u. a. deshalb in die Kritik geraten, weil der Krankheitsbegriff unter Experten umstritten ist. Drei mit liberalem Anspruch auftretende politische Theorien werden daher darauf befragt, wie ein gerechter Umgang mit Krankheiten auszusehen hätte. Alle drei Theorien haben aber Probleme damit, einen gleichermaßen liberalen wie gerechten Umgang auszuführen: Rawls/Daniels und Dworkin wiederholen auf je unterschiedliche Weise expertokratische Muster. Sen hingegen lässt einen diesbezüglich kritischen Punkt offen, kann aber auf eine Weise gelesen werden, die solche Muster vermeidet.

Pecunia (non) olet? Bemerkungen zur Frage, ob man Eigentümer des eigenen Körpers ist und damit zugleich ein Recht zur Kommerzialisierung verbunden ist

Heinrichs, Bert

In der Frage, ob finanzielle Anreize bei der Spende von oder sogar ein Handel mit Gewebe und Organen ein geeignetes Mittel darstellen, um das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage von Gewebe und Organen zu verkleinern, werden von Befürwortern wie Gegnern Argumente ins Feld geführt, die auf sehr unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind. Argumentationslogisch vorgängig ist aber die Frage, ob der Mensch überhaupt Eigentümer seines Körpers ist. Verneint man dies nämlich, dann hat der Einzelne auch nicht das Recht, Teile seines Körpers zu verkaufen. Mit Bezug auf die Fragestellung werden vier mögliche Positionen vorgestellt und auf ihre Überzeugungskraft hin analysiert. Abschließend soll untersucht werden, ob für den Fall, dass man ein (partielles) Eigentumsrecht des Einzelnen an seinem Körper unterstellt, automatisch folgt, dass dann auch eine Kommerzialisierung aus ethischer Sicht legitim ist.

Plädoyer für den Tutiorismus. Anregungen für den Umgang mit Situationen, in denen es um Menschenleben gehen könnte

Burghardt, Dominik

Es gibt ethische Probleme von gesellschaftlicher Relevanz, bei denen es geradezu unmöglich ist, eine allgemein akzeptierte Lösung zu finden, weil sich kontradiktorische Handlungsalternativen gegenüberstehen. Ein Beispiel ist die embryonenverbrauchende Forschung mit embryonalen Stammzellen. Es ist kein Konsens in Sicht, weil die Gegner dieser Forschung davon überzeugt sind, dass es um eine Frage auf Leben und Tod menschlicher Wesen geht. Der Aufsatz schlägt den Gebrauch des Tutiorismusprinzips vor und zeigt, unter welchen Umständen dieses Prinzip sinnvoll angewandt werden kann.

In Würde lieben

Splett, Jörg

Liebe heißt und ist so vieles. Mir scheint, es gibt gute Gründe, dass die Menschen bei dem Wort zuerst an die Bezauberung zwischen – wie man früher sagte – "Liebesleuten" denken: Am strahlendsten begegnet Liebe als Eros. Er bildet das Thema in Platons berühmtem "Gastmahl".

Krankheit und Heilung in der Theologie der frühen Kirchenväter

Schockenhoff, Eberhard

Über den medizinischen Kenntnisstand, die Stellung der Ärzteschaft und die Bewertung ihrer Heilkunst in der christlichen Antike sind wir durch die medizinhistorische Forschung der letzten Jahrzehnte gut unterrichtet. Eine jüngst erschienene theologische Monographie geht mit ihrer leitenden Fragestellung einen anderen Weg. Sie verfolgt die Verwendung des Christus-Medicus-Motivs und den Gebrauch medizinaler Metaphern in den Schriften der frühen Kirchenväter und fragt danach, wie sich diese mit grundlegenden Topoi der Christologie und Erlösungslehre, aber auch der theologischen Anthropologie (Verderbtheit des Menschen, Sünde als Krankheit, Umkehr und Buße als Heilungsgeschehen) sowie der Ethik (die Laster als Krankheiten der Seele, die Tugenden als Weg der Heilung und Reinigung) verbinden. Die ersten Kapitel geben zunächst einen Überblick über das religionsgeschichtliche Umfeld der biblischen Schriften, in dem das Gottesprädikat "Arzt" verbreitet ist. Der Verfasser schildert insbesondere den Asklepios-Kult und den Osiris-Mythos, die von den Kirchenvätern später als Ausgangspunkt einer überbietenden Typologie benutzt werden: der Vergleich mit der Heilkunst der antiken Götter erweist Christus als überlegenen Arzt und Heiler. Die gesamte griechische und römische Antike ist durch eine Wechselbeziehung zwischen Heilkult und Heilkunst gekennzeichnet, wobei ab dem ersten Jahrhundert eine Individualisierungstendenz (die persönliche Zuwendung der Gottheit zum Einzelnen nimmt verstärkt dessen individuelles Heil in den Blick) zu beobachten ist, von der vor allem die Verehrung des Asklepios profitiert.

Ruud ter Meulen/Wil Arts/Ruud Muffels (Hgg.), Solidarity in Health and Social Care in Europe, Dordrecht (Kluwer) 2001 (Philosophy and Medicine; Bd. 69), 502 Seiten.

Marckmann, Georg

Viele europäische Staaten verfügen über ein staatlich organisiertes Gesundheitswesen, das auf wohlfahrtsstaatlichen Grundsätzen und dem Solidaritätsprinzip aufbaut. Diese Systeme geraten jedoch zunehmend unter Druck: Einem steigenden Bedarf an Gesundheitsleistungen durch den medizinischen Fortschritt und die Alterung der Bevölkerung stehen begrenzte finanzielle Ressourcen gegenüber. Viele Länder setzen deshalb vermehrt auf individuelle Verantwortung, private Formen der Finanzierung und einen verstärkten Wettbewerb zwischen den Versicherungs- und Leistungsanbietern. Welche Rolle kann unter diesen Rahmenbedingungen noch das Solidaritätsprinzip spielen? Dieser Frage ging eine internationale Forschergruppe in einem von der Europäischen Union im Rahmen des BIOMED-2-Programms finanzierten und von April 1998 bis November 2000 durchgeführten Forschungsprojekt nach, dessen Ergebnisse in dem vorliegenden Band veröffentlicht sind. Unter dem Titel »Solidarity and Care within the European Union« (SOLCARE) untersuchten Wissenschaftler aus Österreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Schweden und Großbritannien, ob und ggf. in welchem Ausmaß die zunehmende Individualisierung in der Gesundheitsversorgung zu einer Erosion des Solidaritätsprinzips führt.

Silke Schicktanz/Christof Tannert/Peter Wiedemann (Hgg.), Kulturelle Aspekte der Biomedizin. Bioethik, Religionen und Alltagsperspektiven, Frankfurt a.M./New York (Campus) 2003 (Kulturen der Medizin; Bd. 9), 304 Seiten.

Clausen, Jens

In diesem Sammelband vereinigen die Herausgeber unterschiedliche Perspektiven auf den Forschungsgegenstand "Biomedizin", wobei eine einheitliche Definition des Zentralbegriffs den Bezugspunkt bildet: "Von allen Autorinnen und Autoren wird Biomedizin als das verstanden, was sich gentechnischer und/oder zellbiologischer Methoden am Menschen bedient.". Die unterschiedlichen thematischen Zugänge sind in zwei Gruppen zusammengefasst, so dass der Band aus zwei Teilen besteht. Während der erste Teil ethische Fragen bezüglich der aktuellen Biomedizin aus Sicht unterschiedlicher Religionen thematisiert, behandelt der zweite Teil den Zugang aus verschiedenen Alltagsperspektiven.

Hartmut Kress, Medizinische Ethik. Kulturelle Grundlagen und ethische Wertkonflikte heutiger Medizin, Stuttgart (Kohlhammer) 2003 (Ethik – Grundlagen und Handlungsfelder; Bd. 2), 208 Seiten

Eich, Thomas

Der Band zerfällt in zwei große Teile "Kulturelle und normative Grundlagen der Medizinethik" und "Ethische Wertkonflikte heutiger Medizin", wobei Kreß in Letzterem an den Beispielen Embryonenschutz, Fortpflanzungsmedizin, Organtransplantation und Sterbehilfe bzw. -begleitung das von ihm im ersten Teil entwickelte Modell zur Anwendung bringt.

Ilhan Ilkilic, Der muslimische Patient. Medizinethische Aspekte des muslimischen Krankheitsverständnisses in einer wertpluralen Gesellschaft, Münster (Lit) 2002 (Ethik in der Praxis/Practical Ethics – Studien/Studies; Bd. 10; zugl.: Bochum, Univ., Diss., 2001), 228 Seiten

Knipper, Michael

Das durch den Islam geprägte Krankheitsverständnis und die damit assoziierten Handlungsweisen muslimischer Patienten stellen für das medizinische Personal in deutschen Krankenhäusern und Arztpraxen eine besondere Herausforderung dar. Ohnehin schon bestehende Probleme der Arzt-Patienten-Kommunikation oder im Hinblick auf eine der individuellen Persönlichkeit und Lebenseinstellung der Patienten gerecht werdende Medizin werden durch die offensichtlich islamisch-religiöse Lebenseinstellung eines Patienten und seiner teilweise zahlreich am Krankenbett erscheinenden Angehörigen noch verschärft. Das Bild des Islam, welches derzeit in Deutschland vor allem mit den Schlagworten "Terrorismus" und "Kopftuch" assoziiert wird (Y. Bilgin), tut ein Übriges, um das Verhältnis zwischen dem medizinischen Personal hiesiger Kliniken und muslimischen Patientenzusätzlich zu belasten.

Martin Rhonheimer, Abtreibung und Lebensschutz. Tötungsverbot und Recht auf Leben in der politischen und medizinischen Ethik, Paderborn u. a. (Schöningh) 2004, 236 Seiten

Splett, Jörg

Der Band vereint drei Abhandlungen, voneinander unabhängig, doch sich sinnvoll ergänzend. Die Einleitung situiert sie. Dem Leser, der die Abtreibungsfrage für überholt hält und die Behandlung der neuesten Streitpunkte: Klonen, verbrauchende Embryonenforschung …, vermisst, gibt Rhonheimer zu bedenken, dass Tötungsverbot und Sinn für Gerechtigkeit für Ungeborene auch im Blick "auf diese neuen Herausforderungen von grundlegender Bedeutung sind", gegen Habermas’ Versuch, Zusammenhänge zu bestreiten. R. will verdeutlichen, wieso Johannes Paul II. in Evangelium Vitae vor einer "Kultur des Todes" warnt und für eine "neue Kultur des menschlichen Leben" plädiert (23).

Claire Foster, The Ethics of Medical Research on Humans, Cambridge (Cambridge University Press) 2001, 159 Seiten

Quante, Michael

Spricht man im öffentlichen Diskurs mit Bezug auf die Medizin von Menschenexperimenten, dann ist die erste intuitive Reaktion Abscheu und Empörung, das ethische Urteil einhellig und schnell gefällt. In Deutschland spielt automatisch die besondere historische Erfahrung der nationalsozialistischen Verbrechen mit hinein und führt zumeist zu einem überaus schnellen Ende der Debatte, wie ja auch die öffentliche und politische Diskussion um die Europäische Bioethikkonvention gezeigt hat, als es um Experimente mit Menschen ging, die nicht in der Lage sind, ihrer Teilnahme autonom zuzustimmen.

Heinrich Schipperges, Orientierung. Spurensuche und Wegweisung, Aachen (Ariadne-Fach-Verlag) 2003, 139 Seiten

Buch, Alois Joh.

Ausgehend von kritisch-fragender Zeitdiagnose – nämlich "Orientierungslosigkeit", verknüpft mit gefährdend-rücksichtsloser Wachstumsintention – und von der Überzeugung, dass sich in ihr letztlich ein "Kampf zwischen Wissen und Glauben", ein "religiöses Dilemma" zeigt, legt der Verfasser seine Überlegungen in drei (um einen Exkurs zu Lastern und Tugendlehre ergänzten) Teilen vor: einen ersten zum Verlust der Ordnung, der geistesgeschichtliche Hintergründe und Grundstrukturen der "Welt der Wissenschaft" erhellt, vor allem auch den Wandel zu einer den Aufstieg der Naturwissenschaften begleitenden Anthropologie des "verrechneten Menschen" in technisch gestaltbarer Welt und experimentell erforschbarer Natur – dies offenbar in der Folge "das methodische Leitbild auch für die Medizin". Gerade die Erfahrung mit so verstandener und praktizierter "Verknüpfung von Wissenschaft und Technik" habe in heutiger Zeit grundlegende Skepsis und "Misstrauen gegen die Wissenschaftsgläubigkeit" hervorgebracht, habe das Dilemma des Verhältnisses von instrumenteller Leistungsfähigkeit und lebens-orientierender Inkompetenz zu Tage treten lassen. Dieses Dilemma sieht Verf. vor allem als Charakteristikum der aus einem "säkularen Umbruch" hervorgegangenen Medizin, zu deren (in Herausforderungen wie Überalterung, Überbevölkerung eingebundenen) Krisenphänomenen neben Kostenproblemen, Effizienzgrenzen etc. etwa unzureichende Grundlagenforschung, mangelnde ärztliche Ausbildung und zunehmende chronische Erkrankungen gehörten, aber auch ein besonders am Beginn und Ende des Lebens erkennbares "System totalitärer Heiltechnik". Wobei die beachtlichen und befreienden "Fortschritte" in eigenartigen Kontrast zu begrenzenden "anthropologischen Konstanten" wie Endlichkeit und Tod gerieten, erkennbar etwa am "Verlust" des Patienten als Subjekt, zumal in als "Anthropotechnik" begriffener, mithin "Sorge um des ganzen Menschen Heilung und Heil" vernachlässigender Medizin. Aber auch sie sei sachgerecht nur verstehbar als nicht isolierbares Phänomen einer nicht zuletzt Wert- und Sinnperspektiven, Glaube und Religion umschließenden "Krisenballung".

Herbert Schlögel/Andreas-P. Alkofer, Was soll ich dir tun? Kleine Bioethik der Krankenseelsorge, Stuttgart (Verlag Katholisches Bibelwerk) 2003, 173 Seiten

Stock, Klaus

Die raschen Fortschritte in der Gentechnik und Biomedizin haben in weiten Kreisen der Gesellschaft große Unsicherheit und Orientierungslosigkeit hinterlassen. Die Frage "Was soll ich dir tun?", eine Anfrage Jesu an einen Blinden (vgl. Mk 10,51), haben die Autoren des lesenswerten Buches nicht zu Unrecht als Titel gewählt. Sowohl die Handelnden wie auch die "Behandelten" im Gesundheitswesen stehen vor schwerwiegenden Entscheidungen, sind – um an die biblische Szene anzuknüpfen – nicht selten "blind" in der Ausübung ihrer Profession oder in den Erwartungen auf Heilung.