Komplementäre und Alternative Medizin

Ausgabe: 4/2004

50. Jahrgang

Jahrgang: 2004

Inhalt: Ausgabe

Was unterscheidet die so genannte Alternative Medizin von der Schulmedizin?

Wiesing, Urban

Der Artikel versucht, eine Trennlinie zwischen der so genannten Komplementären oder Alternativen Medizin und der Schulmedizin zu finden. Die relationalen Begriffe (alternative, komplementäre Medizin) sind inhaltlich unbestimmt und verweisen nur auf kontingente soziale Gegebenheiten. Die inhaltlichen Begriffe (Naturheilkunde, Erfahrungsheilkunde, ganzheitliche Medizin) sind unscharf und treffen mit Unterschieden für beide Parteien zu. Einzig das Wissenschaftsverständnis eignet sich als trennscharfes Unterscheidungsmerkmal.

Komplementäre und Alternative Medizin. Die Wichtigkeit klarer Begriffe und eindeutiger Positionen

Köbberling, Johannes

Der mangelnde Widerstand der wissenschaftlich orientierten Medizin gegenüber den selbst definierten Ansprüchen der Alternativmedizin hat dazu geführt, dass Angebote vermeintlich menschlicherer Alternativen breite Resonanz finden. Eine klare Diktion und eindeutige Positionen sind dringend erforderlich. Keiner der verschiedenen Begriffe, die landläufig zur Beschreibung und zur Grenzziehung verwandt werden, gibt den Sachverhalt richtig wieder. Es handelt sich um gezielt gewählte Eigenkonstrukte, die die Grenzen zur Medizin bewusst an falscher Stelle ziehen. Der entscheidende Gegensatz zwischen Medizin und Alternativmedizin liegt darin, dass nur bei der wissenschaftlichen Medizin Methoden und Theorien grundsätzlich für eine Prüfung offen sind und dass deren Vertreter das Ergebnis dieser Prüfung akzeptieren.

Das Phänomen Komplementärmedizin: Verwilderung oder Bereicherung ärztlichen Handelns?

Matthiessen, Peter F.

Obwohl patientenseitig überraschend realistische Vorstellungen darüber bestehen, wann sie schulmedizinische und wann komplementärmedizinische Leistungen in Anspruch nehmen, scheitert ein Dialog zwischen den ärztlichen Vertretern beider Seiten noch immer an gegenseitigen Vorurteilen. Ausgehend von der prinzipiellen Perspektivenbezogenheit eines jeden Erkenntnisansatzes wird dargestellt, dass eine »ganzheitliche« Sicht vom Menschen die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel und zu einer Perspektivenvervielfältigung erfordert. Dadurch verdeutlichen sich Möglichkeiten, Grenzen und wechselseitiges Ergänzungspotential der unterschiedlichen medizinischen Richtung. Erweist sich der Denkstil der Mainstream-Medizin im Wesentlichen als pathogenetisch und Heteronomie-orientiert, so derjenige vieler komplementärmedizinsicher Ansätze als salutogenetisch und Autonomie-orientiert. Es stellt sich die Aufgabe, den derzeit willkürlichen Pluralismus weiter zu entwickeln zu einer rationalen Pluralität sich wechselseitig ergänzender Ansätze innerhalb der Medizin als einem sinnvollen Ganzen.

Alternative Medizin in einem wettbewerblichen Gesundheitswesen. Diskussionsanstöße aus Sicht einer gesetzlichen Krankenkasse

Vogt, Andreas

Der Beitrag diskutiert die Situation alternativer Medizin aus der Sicht einer gesetzlichen Krankenkasse. Der Autor vertritt die These, dass die Hinwendung vieler Patient/innen zu Methoden der "alternativen Medizin" Ausdruck steigender Patientensouveränität und wachsenden Misstrauens in die "Schulmedizin" ist. Eine moderne Krankenversicherung hat die Befriedigung individueller Bedürfnisse, nicht hoheitlich festgelegter Bedarfe, zum Gegenstand. Daher ist fraglich, ob der Versuch einer hoheitlichen Definition, was "normale" und was "alternative" Medizin ist, zu Antworten führt, die in einer pluralen Gesellschaft akzeptiert werden. Die Alternative ist ein wettbewerbliches, nutzerorientiertes Gesundheitswesen, das im Idealfall hocheffiziente Strukturen schafft, und so die Bedürfnisse der Versicherten entsprechend ihrem individuellen Krankheitsempfinden zu einem akzeptierten Preis befriedigen kann. Dabei kommt der Stärkung der individuellen Patientensouveränität zentrale Bedeutung zu.

Widerstand oder Ergebung? Spirituelle und ärztlich-psychotherapeutische Kriterien der religiösen Krankheitsbewältigung

Frick, Eckhard

Die Frage nach einer "gelingenden" Bewältigung bei Krebs und anderen schweren Krankheiten erfordert, eine gemeinsame Sprache für die spirituellen und ärztlich-psychotherapeutischen Kriterien zu finden. Diese vermittelt zwischen der spirituellen Tradition und Praxis einerseits und der ärztlich-psychotherapeutischen Erfahrung andererseits und orientiert sich an der Realität des begrenzten, auf den Tod zulaufenden Lebens. Der Fokus "Kontrolle" eignet sich sowohl für die Medizin als auch für die Spiritualität. Unter Kontrolle wird die Fähigkeit verstanden, zunächst überwältigende Lebensereignisse dann dennoch zu meistern. Ein sprachlich sorgsamer Umgang mit der Beschreibung von Bewältigungsprozessen erweist sich als notwendig für das Gespräch mit dem Patienten, für die Kommunikation zwischen verschiedenen Forschungsgruppen und für die Entwicklung geeigneter Methoden zur Erfassung von religiöser Krankheitsbewältigung.

Zur Notwendigkeit der Kunst

Splett, Jörg

Einer der Patrone der "Inklings", jenes Professoren- und Schriftstellerkreises im Oxford der 50er-Jahre, zu denen Tolkien (mit seinem "Herrn der Ringe") und C. S. Lewis (mit der Perelandra-Trilogie, der siebenteiligen Narnia-Chronik und wichtigen theologischen Stellungnahmen) gehörten, war der Schotte George MacDonald (1824–1905), Autor religiöser wie phantastischer Literatur für Erwachsene und Kinder.

Johann Friedrich Spittler, Gehirn, Tod und Menschenbild. Neuropsychiatrie, Neurophilosophie, Ethik und Metaphysik, Stuttgart (Kohlhammer), 2003, 165 Seiten.

Synofzik, Matthis

Ausgehend von seiner klinischen und forschenden Tätigkeit als Oberarzt an einer Neurologischen Universitätsklinik entwickelt Johann Friedrich Spittler eine anthropologische Begründung des Hirntodes als Tod des Menschen und diskutiert die daraus folgenden ethisch-praktischen Konsequenzen. Den Konflikt um das Hirntodkonzept sieht Spittler wesentlich in unterschiedlichen Interpretationen der Bedeutung des Gehirns für das Menschsein begründet: Was ist der Mensch ohne sein Gehirn? Seine Grundthese zu dieser Frage beruht letztlich auf einem argumentativen Dreischritt. Da einerseits das Menschsein wesenhaft durch seine seelisch-geistigen Vermögen begründet sei und andererseits das Gehirn die notwendige Bedingung der Möglichkeit dieser funktionalen Vermögen darstelle, bedeute der Verlust der Gesamtfunktionsfähigkeit des Gehirns den Verlust der Lebendigkeit des Menschen als Menschen. "Botanische" und "zoologische" Lebendigkeit seien zwar sehr wohl erhalten, nicht jedoch "humane" Lebendigkeit: Der (hirntote, übrige) Körper lebt, der Mensch ist jedoch tot.

Adrian Holderegger/Denis Müller/Beat Sitter-Liver/Markus Zimmermannacklin (Hgg.), Theologie und biomedizinische Ethik. Grundlagen und Konkretionen, Freiburg i. Br./Freiburg i. Ue. (Herder/Universitätsverlag Fribourg) 2002 (Studien zur Theologischen Ethik; Bd. 97), 360 Seiten.

Wetzstein, Verena

Die öffentliche Diskussion um bioethische Fragen dauert an. Der Mangel eines einheitlichen Wertekanons in einer pluralistischen und säkularen Gesellschaft und der gleichzeitige Druck, verbindliche Handlungsoptionen festzulegen, machen die gelegentliche Schärfe der Debatten begreiflich.

Norbert Steinkamp/Bert Gordijn, Ethik in der Klinik – ein Arbeitsbuch. Zwischen Leitbild und Stationsalltag, Neuwied (Luchterhand) 2003, 314 Seiten.

Stock, Klaus

Auf 314 Seiten (zwei Seiten Vorwort, elf Seiten Literaturangaben, eine Seite Personenregister und zwei Seiten Stichwortregister) legen die beiden Autoren ein lesenswertes Arbeitsbuch vor, das durch seine überschaubare und klare Gliederung, seine praktischen Lesehilfen im einleitenden 1. Kapitel und seine hilfreichen Randbemerkungen die Lust am Lesen von Seite zu Seite steigert.

Christiane Kohler-Weiss, Schutz der Menschwerdung. Schwangerschaft und Schwangerschaftskonflikt als Themen evangelischer Ethik, Gütersloh (Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus) 2003 (Öffentliche Theologie; Bd. 17), 428 Seiten.

Honecker, Martin

Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist heikel, strittig und eine ethisch überzeugende Lösung gibt es nicht. In Deutschland gab es in der Auseinandersetzung um die Reform des § 218 StGB seit 1970 heftige Debatten. Einig sind sich Kirchen und Christen zwar grundsätzlich im Schutz des ungeborenen Lebens und in der Überzeugung, dass der Schwangerschaftsabbruch ethisch nicht zu legitimieren ist.

Gerd Fasselt, Seelsorge, Sterbebegleitung und Sterbehilfe in der Palliativmedizin, in: Jahresund Tagungsbericht der Görresgesellschaft 2003 (Köln 2004), 91–102.

Buch, Alois Joh.

Bedeutsame Bezugspunkte für diesen Beitrag, der nicht zuletzt auf kritische Auseinandersetzung mit Forderungen nach aktiver Sterbehilfe zielt, stellen u. a. statistische Gegebenheiten 398 Rezensionen des Sterbens in zunehmend höherem Lebensalter dar, auch damit verknüpfte ›Lebenswerturteile‹ und die Diskussion über Menschenwürde in der letzten Lebensphase.

Ludger Honnefelder/Christian Streffer (Hgg.), Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Bd. 8, Berlin/New York (de Gruyter) 2003, 552 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Der achte Band dieses Jahrbuchs will, hierin seinen Vorgängern in Anspruch und Struktur folgend, einen Einblick in bedeutsame Aufgabenfelder, Fragestellungen und Problembereiche der jüngsten bioethischen Diskussion vermitteln und dazu einschlägige Stellungnahmen verschiedener Fachgremien dokumentieren. Es verwundert nicht, dass hierbei der Klonierung im Humanbereich und der Stammzellforschung einschließlich ihnen eng verbundenen ethischen Themen besondere Aufmerksamkeit zukommt.