Schweigepflicht und Patientenrechte

Ausgabe: 3/2005
(nur Online verfügbar)

51. Jahrgang

Jahrgang: 2005

Inhalt: Ausgabe

Das Recht auf Leben und Gesundheit für alle Generationen

Kirchhof, Paul

Das Recht soll Leben und Gesundheit für Jedermann sichern, Würde, Lebensrecht und Körperintegrität in jeder Entwicklungsphase des Menschen schützen und diese Werte generationenübergreifend zur Entfaltung bringen. Die Ethik ist eine stetige Kontrollinstanz für diese Entwicklung des Rechts, die immer wieder – erneuernd und beunruhigend – die Frage nach dem richtigen Recht stellt. Die rechtliche Garantie der Menschenwürde ist das Fenster zur Ethik, die in diesem grundrechtsleitenden Programmsatz für den Auftrag des Arztes, das Recht »auf Gesundheit« und die Gleichheit im Anspruch auf medizinische Behandlung praktische Bedeutung gewinnt. Dabei bestärkt die Ethik einerseits die Stetigkeit und Nachhaltigkeit elementarer Rechtswerte, veranlasst andererseits im Spannungsfeld zwischen der Erwartung des Patienten auf beste medizinische Versorgung und der Knappheit ärztlicher und finanzieller Ressourcen eine Unterscheidung zwischen notwendigen, wünschenswerten, hilfreichen und überflüssigen medizinischen Leistungen, die auch künftigen Generationen ähnliche Leistungsqualität sichert. Zudem muss der Unterschied zwischen medizinisch herstellbarem Erfolg und schicksalhafter Entwicklung im Recht wieder vermehrt bewusst gemacht werden.

Auf dem Weg zum »gläsernen« Patienten? Die ärztliche Schweigepflicht in den Zeiten elektronischer Datenverarbeitung

Marckmann, Georg

Die Schweigepflicht gehört zu den ältesten ärztlichen Pflichten. Die elektronische Datenverarbeitung hat die Anwendungsbedingungen der Schweigepflicht jedoch erheblich verändert. Die zunehmende Verfügbarkeit von Patientendaten eröffnet neue Missbrauchsmöglichkeiten und bietet ein erhöhtes Gefährdungspotential für die Vertraulichkeit sensibler Patienteninformation. Da die Informations- und Kommunikationstechnologie aber auch Vorteile für die Patientenversorgung bietet, erscheint ein vollkommener Verzicht auf die elektronische Datenverarbeitung nicht vertretbar. Vielmehr sind entsprechende prozedurale und technische Vorkehrungen zum Schutz vertraulicher Patientendaten zu treffen, die einen möglichst effizienten Datenzugriff für Diagnostik und Therapie ermöglichen und gleichzeitig unerwünschte Zugriffe verhindern.

Schweigepflicht bei sexuell übertragbaren Krankheiten aus der Sicht des Ethikers

Illhardt, Franz Josef

Schweigepflicht ist nicht nur der Schutz des Individuums und seines Rechtes auf Geheimhaltung, sondern basiert vor allem auf der Pflicht des Arztes, Behandlung zu garantieren und Schädigung primär und sekundär Betroffener auszuschließen. Eine Lösung des Konflikts wie z. B. bei Aids liegt jedoch nicht in einer besonders einsichtigen Priorität, ob die Schweigepflicht immer gilt bzw. nur in bestimmten Situationen oder anderen Prinzipien vorzuziehen ist. Der Beitrag diskutiert die These, dass Schweigepflicht niemals ohne die Behandlungspflicht verständlich ist. Der Fokus muss darum auf der Gestaltung der Arzt-Patient-Beziehung sowie den Beziehungen des Patienten zu den ihm wichtigen Personen liegen. Dazu gehört in erster Linie die Reduzierung von Angst. Erst dann kann ein rationaler Umgang zur Findung angemessener Lösungen für Dilemmata dieser Art geplant werden. Die ethische Regelung dieser Probleme wird in vier Punkten dargestellt, die zu Beginn einer Behandlung Zielsetzung und Grenzen der Schweigepflicht klar benennen.

Imperfekte Autonomie und die Grenzen des Instruments Patientenverfügung

Sahm, Stephan

Die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen soll auf dem Wege der Gesetzgebung gestärkt werden. Als Begründung dafür wird angeführt, nur auf diesem Wege sei die Autonomie der Patienten am Lebensende zu sichern. Gegen diese weit verbreitete Anschauung bestehen gravierende Einwände. Sie betreffen das zugrunde liegende Verständnis von Autonomie und die Grenzen der Fähigkeit zur antizipierenden Entscheidung über Leben und Tod. Letztere sind eng verknüpft mit empirisch nachweisbaren Barrieren, die einer Verbreitung von Patientenverfügungen hinderlich sind. Autonomie am Lebensende erweist sich theoretisch und empirisch als imperfekt. Das zeigt die Analyse ihres Verhältnisses zum Begriff der medizinischen Indikation und des dialogischen Charakters der Entscheidungsfindung über den Einsatz lebenserhaltender Behandlungen. Die Akzeptanz von Patientenverfügungen in der Bevölkerung ist gering, wie empirische Untersuchungen belegen. Die Bedeutung dieses Befundes für die Normierung ihrer Verbindlichkeit wird unterschätzt, denn er verweist auf Grenzen der Fähigkeit von Personen, lebenswendende Entscheidungssituationen zu antizipieren. Autonomie am Lebensende ist heteronom, sie kann nur durch fürsorgende Stellvertretung erhalten werden, wie sie von einer Mehrheit – wie in Untersuchungen gezeigt – gewünscht wird. Statt der Betonung der Notwendigkeit, eine Patientenverfügung zu verfassen, ist eine vorausschauende Planung der Versorgung für das Lebensende zu bevorzugen. Die Verbreitung von Strategien wie des advanced care planning ist als Alternative der gesetzlichen Verankerung des Instrumentes Patientenverfügung vorzuziehen.

Die Organspende eines Lebenden als supererogatorische Handlung betrachtet

Witschen, Dieter

Für gewöhnlich wird bei einer Lebendorganspende, die gegenwärtig eine »Renaissance« erfährt, unter normativ-ethischer Rücksicht erörtert, ob sie überhaupt vertretbar sei. Im Unterschied dazu wird hier aus einer individualethischen Perspektive das Supererogatorische dieser Handlung aufgewiesen. Für diese Qualifizierung reicht das Bestimmungselement nicht aus, der Spender tue mehr als seine moralische Pflicht, da er zu Gunsten eines anderen erhebliche medizinische und psychologische Belastungen bzw. Risiken in Kauf nehme, worauf der Empfänger ihm gegenüber keinen moralischen Anspruch geltend machen könne. Als weitere Bedingungen müssen die Freiwilligkeit sowie die altruistische Motivation des Spenders hinzukommen.

Schweigepflicht am Lebensende

Wasner, Maria

Ein 64-jähriger Patient mit einem Nierenzellkarzinom wurde aufgrund eines epileptischen Anfalls in die neurologische Abteilung des Universitätsklinikums aufgenommen. Aus der Vorgeschichte war bekannt, dass der ehemalige Maschinenbauingenieur außerdem Knochen-, Leber- und pulmonale Metastasen und eine Peritonealkarzinose hatte. Er war operiert worden, hatte bereits mehrere Chemotherapien und eine Immuntherapie hinter sich. Zu diesem Patienten wurde der Palliativmedizinische Konsiliardienst gerufen – mit der Bitte um Mitbetreuung, da der Patient jetzt ein Rezidiv habe und es keine Therapieoptionen mehr gäbe.

Christoph Baumgartner/Dietmar Mieth (Hrsg.), Patente am Leben? Ethische, rechtliche und politische Aspekte der Biopatentierung, Paderborn (Mentis) 2003, 332 Seiten.

Fonk, Peter

Das vorliegende Buch geht auf eine internationale Tagung mit dem Titel »Sozialethische Aspekte der Biopatentierung« zurück, die das Interfakultäre Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen im Oktober 2002 veranstaltete. Für die Veröffentlichung wurde die Gruppe der damaligen Referenten um einige Autorinnen und Autoren erweitert, um die kontrovers geführte Diskussion um das Pro und Contra der Biopatentierung möglichst in der ganzen Breite des Spektrums zu dokumentieren.

Johann-Christoph Student (Hrsg.), Sterben, Tod und Trauer. Handbuch für Begleitende, Freiburg i. Br. u. a. (Herder) 2004, 260 Seiten.

Stock, Klaus

In den letzten 15 Jahren wurde der Büchermarkt mit Publikationen zum Thema Sterben, Tod und Trauer geradezu überschwemmt. Das gesellschaftliche Unbehagen über eine desolate »Sterbekultur «, die Erfahrungen der Hospizbewegung und auch das – ökonomisch erzwungene – neue Denken über den Umgang mit Schwerstkranken und Sterbenden fanden hier ihren Niederschlag.

Hans-Joachim Lang, Die Namen der Nummern. Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren, Hamburg (Hoffmann und Campe) 2004, 303 Seiten.

Wiesing, Urban

Dieses Buch ist außergewöhnlich. Es berichtet von einem der schrecklichsten Verbrechen nationalsozialistischer Ärzte. August Hirt, Anatomieprofessor an der Reichsuniversität Straßburg, wollte für künftige »judenfreie« Zeiten zur wissenschaftlichen Dokumentation eine jüdische Skelettsammlung anlegen. Mit Unterstützung der SS-Wissenschaftsorganisation »Ahnenerbe« und einiger Kollegen wurden 1943 in Auschwitz 86 Juden ausgewählt, in das KZ Natzweiler-Struthof im Elsass gebracht, vergast und an das Straßburger anatomische Institut »geliefert«. Dort lagerten sie, weil sich der Aufbau der Sammlung verzögerte. Die Alliierten entdeckten das Verbrechen; es war Gegenstand des Nürnberger Ärzte-Prozesses und späterer gerichtlicher Verfahren. Die Opfer wurden nach der Untersuchung anonym in einem Massengrab bestattet. Niemand kannte die Namen der 86 ermoderten Juden, 29 Frauen, 57 Männer. Hans-Joachim Lang hat sie, 61 Jahre nach der Tat, herausgefunden.

Peter Baumanns, Kant und die Bioethik, Würzburg (Könighausen & Neumann) 2004, 84 Seiten.

Heinrichs, Bert

Auch eine Ethik, die – wie es Kant mit seiner Moralphilosophie tut – den Anspruch auf universelle Gültigkeit erhebt, kommt nicht umhin, auf neuartige Handlungsoptionen, die durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt eröffnet werden, mit einer theorieimmanenten Fortentwicklung zu reagieren. An kaum einem anderen Handlungsfeld wird diese Notwendigkeit so greifbar wie an der modernen Biomedizin. Das Unterfangen, eine konsistente und zugleich problemadäquate Fortentwicklung zu formulieren, stellt indessen keineswegs eine leichte Aufgabe dar. Dies belegen nicht zuletzt die intensiv geführten Diskussionen zu Themen wie beispielsweise der embryonalen Stammzellforschung, in der sich nicht selten Vertreter sachlich gegensätzlicher Positionen gleichermaßen auf ein und dieselbe ethische Theorie – auch und gerade auf diejenige Kants – berufen. In seiner kleinen Schrift unternimmt der ausgewiesene Kantexperte Peter Baumanns den Versuch, die bioethischen Implikationen des Kantischen Theorieansatzes näher zu bestimmen. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Problem des »einkalkulierten Embryonenverlustes «, der etwa bei der Erforschung embryonaler Stammzellen unvermeidbar ist; kurz widmet er sich auch ethischen Fragen im Zusammenhang mit der Patientenautonomie.

Eva Baumann/Alexander Brink/Arnd T. May/Peter Schröder/Corinna Iris Schutzeichel (Hrsg.), Weltanschauliche Offenheit in der Bioethik, Berlin (Duncker & Humblot) 2004 (Erfahrung und Denken. Schriften zur Förderung der Beziehungen zwischen Philosophie und Einzelwissenschaften; Bd. 94), 311 Seiten.

Honecker, Martin

Unter dem programmatischen Titel »Weltanschauliche Offenheit in der Bioethik« wird der ethische Pluralismus in der Bioethik von unterschiedlichen Autoren aufgenommen und erörtert. Der Band ist als Festschrift Hans-Martin Sass gewidmet. Die Gliederung nimmt die Vielfalt der Diskussionen auf, an denen H.-M. Sass sich beteiligt: Teil A. »Weltanschauliche Offenheit in der Theorie« ist gegliedert nach: I. Säkulare Perspektiven, II. Theologische Perspektiven. Teil B. »Weltanschauliche Offenheit in der Praxis « behandelt zwei Themenkreise: I. Herausforderungen im interkulturellen Kontext, II. Herausforderungen der ärztlichen Praxis. Eine kurze Einführung der Herausgeber (11 ff) umreißt den Begriff weltanschauliche Offenheit, der als solcher schon ein Spannungsfeld andeutet. Der Begriff »Weltanschauung« ist freilich umstritten und unscharf. Er hat auch kein Äquivalent im Englischen, so dass Veatch ihn mit »moral world views«(46) wiedergibt. Der Jubilar hat die Thematik des Sammelbandes zum Gegenstand seiner eigenen Arbeiten gemacht. Das ist der Ausgangspunkt vieler Beiträge. Dabei sind die Positionen der Autoren durchaus nicht einer Überzeugung.

Editorial

Die Herausgeber

Am 16. April 2005 gedachten Verlag und Herausgeber in einem öffentlichen Festakt in der Hohenheimer Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart des 50-jährigen Bestehens der Zeitschrift für medizinische Ethik. Durch Grundsatzartikel, Hintergrundanalysen und Fallbeispiele aus dem klinischen Alltag haben ihre Autoren den Wandel in Medizin und medizinischer Ethik ein halbes Jahrhundert lang begleitet. Die Gründung der Zeitschrift fiel in die Zeit der anfangs nur zögerlich vollzogenen Neuorientierung des medizinischen Denkens nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Der ursprüngliche Titel »Arzt und Christ«, unter dem die Zeitschrift im Jahre 1955 durch den Gynäkologen Dr.Wolfgang Müller-Hartburg und den Psychiater Dr. Gottfried Roth in Wien gegründet wurde, knüpfte bewusst am religiösen Erbe des Christentums an, von dem man sich zusammen mit der Tradition des europäischen Humanismus die wertbezogenen Grundlagen erhoffte, um die Herausforderungen der Zukunft bestehen zu können. Der gegenwärtigen Paradigmenerweiterung im Verständnis medizinischen Handelns, die in stärkerem Maße auch die Aufgaben der Pflegekräfte, die Institutionen der gesellschaftlichen Gesundheitsfürsorge und nicht zuletzt die Mitwirkung der Patienten in das Gesamtspektrum medizinethischer Fragestellungen einbezieht, trägt die Zeitschrift seit dem Jahre 1993 durch die Wahl ihres gegenwärtigen Titels Rechnung. Unter den Leitbegriffen Medizin – Kultur – Religion versuchen Herausgeber, wissenschaftlicher Beirat und Autoren der Zeitschrift seitdem, die Sensibilität für neue Fragestellungen, die sich aus dem medizinischen Fortschritt ergeben, mit der Offenheit für die kulturellen Hintergründe ärztlichen Handelns und die religiöse Dimension von Krankheit, Gesundheit und Heilung zu verbinden. Seit dem Jahre 2001 wird die Zeitschrift für medizinische Ethik im Auftrag der Görres-Gesellschaft herausgegeben.

Grußwort bei der Jubiläumsveranstaltung

Fürst, Gebhard

Sehr geehrter Herr Dr. Kustermann, sehr geehrter Herr Professor Dr. Schockenhoff, meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist unbestritten: Die Erfolge des medizinischen Fortschritts sind riesig. Sie haben inzwischen Heilung oder zumindest Linderung möglich gemacht, wo früher der ärztlichen Kunst enge Grenzen gesetzt waren. Fast in allen Bereichen gibt es Fortschritte und wir sind dankbar, dass Lebenserwartung und Lebensqualität für viele dadurch gesteigert werden können. Zuweilen begegnet mir im Zusammenhang der Diskussionen um die Biotechnologien der Vorwurf, die Kirchen seien forschungsfeindlich, sie würden sich dem Fortschritt verschließen und damit sich selbst aus den gesellschaftlichen Diskursen ausklinken. Ich nutze die Gelegenheit des heutigen Symposions gern, um meine Haltung hierzu nochmals klar zu formulieren: Die Kirche ist nicht forschungsfeindlich, sie ist vielmehr lebensfreundlich. Die Kirchen begrüßen medizinischen Fortschritt, wo immer er dem Leben des Menschen dient. Leben soll sich nach Gottes Willen in der Vielfalt seiner Möglichkeiten entfalten dürfen, es soll wachsen und reifen können. Die Heilungsberufe genießen im Kontext christlicher Verkündigung hohes Ansehen. Die Kirchen haben sich deshalb in ihrer Geschichte immer für Heilung engagiert. Das Krankenhauswesen, die sozial-caritative Dimension unserer Kultur ist ohne die kirchliche Tradition unvorstellbar.