Neurowissenschaften und Ethik

Ausgabe: 1/2006

52. Jahrgang

Jahrgang: 2006

Inhalt: Ausgabe

Kosmos im Kopf? Neurowissenschaften und Menschenbild

Fuchs, Thomas

Aktuelle neurobiologische Konzeptionen des Verhältnisses von Geist und Gehirn tendieren nicht selten zu einer reduktionistischen Auffassung von Subjektivität. Dem wird eine ökologische bzw. systemische Sicht des Gehirns gegenübergestellt, die Subjektivität und Bewusstsein als Komponenten in einer zirkulären Kausalität von Organismus und Umwelt auffasst. Das Gehirn fungiert in diesen Kreisprozessen als ein Organ der Transformation, das elementare und komplexe Systemzustände wechselseitig ineinander übersetzt und so dem Organismus integrale Wahrnehmungs- und Handlungsoptionen in seiner Umwelt eröffnet. Da diese Interaktionen ihrerseits die Mikrostruktur des Gehirns fortlaufend verändern, ist es als gleichermaßen biologisch, sozial und geschichtlich geprägtes Organ zu betrachten. Die menschliche Subjektivität behält damit eine entscheidende Rolle in der Interaktion von Organismus und Umwelt.

Neuroökonomie – empirische Wissenschaft vom Bewerten, Entscheiden und Handeln

Spitzer, Manfred

Der vorliegende Beitrag zeigt, dass die Neuroökonomie ein genuin neues wissenschaftliches Betätigungsfeld darstellt, das für den Ethiker Relevanz besitzt. Die vielfältigen Berührungspunkte von Neurowissenschaft und Ethik werden durch die Neuroökonomie um das Bemühen und eine naturwissenschaftliche Beschreibung der neuronalen Prozesse, die Handlungen hervorbringen, bereichert. Obwohl aus einer solchen Beschreibung dessen, was ist, nicht folgt, was sein soll, kann dennoch ein präskriptiver Diskurs nicht glücken, wenn er an diesen faktischen Rahmenbedingungen vorbei erfolgt.

Eine Frage der Haltung. Die Geist-Gehirn-Frage und ihre Transformation

Synofzik, Matthis • Wiesing, Urban

Neurowissenschaftler und Neurophilosophen kündigen weitreichende Veränderungen unserer Konzepte der Willensfreiheit, der Verantwortlichkeit oder des Selbst an. Wie anhand des klassischen "Bieri-Trilemmas" gezeigt werden kann, setzen sie dabei jedoch immer schon ontologische und epistemologische Prämissen implizit voraus – oftmals ohne diese zu benennen. Diese Annahmen lassen sich zumeist nicht durch neurowissenschaftliche Forschung beantworten, sondern hängen von Fragen unserer jeweiligen Lebens- und Weltsicht ab. Damit tritt eine praktische Frage in den Vordergrund: Entscheidend ist nicht, wie wir das Leib-Seele-Problem lösen, sondern wie wir damit umgehen, es nicht lösen zu können. Verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit der Geist-Gehirn-Frage werden für die Bereiche der Neurowissenschaften, der Medizin und der Philosophie aufgezeigt.

Wie viel Freiheit braucht Verantwortung? Ethische Implikationen neurowissenschaftlicher Studien

Quitterer, Josef

Experimentelle Studien legen nahe, dass die vermeintlich freien Handlungen ebenso den neuronalen Determinismen unterliegen wie die von uns als unfrei eingestuften Verhaltensweisen. Daraus leiten führende Neurowissenschaftler die Unmöglichkeit von Freiheit und moralischer Verantwortung ab. In meinem Beitrag zeige ich auf, dass in den maßgeblichen neurowissenschaftlichen Studien der freie Wille vorschnell mit bewusst überlegten Entscheidungen gleichgesetzt wird. Dieser starke Begriff der Willensfreiheit wird jedoch in alltäglichen moralischen Zuschreibungen nicht vorausgesetzt. Im Artikel wird deshalb anhand klassischer Modelle ein Begriff von Willensfreiheit vorgestellt, welcher zum einen neurobiologisch realistisch ist und zum anderen ausreicht, um Verantwortung weiterhin sinnvoll zuschreiben zu können.

Locked-in – freigegeben für den Tod. Wenn nur Denken und Fühlen bleiben – Neuroethik des Eingeschlossenseins

Kübler, Andrea • Weber, Cornelia • Birbaumer, Niels

Dieser Artikel ist einer Gruppe chronisch kranker Menschen gewidmet, die durch schwerste körperliche Ausfälle soweit eingeschränkt sind, dass sie nicht mehr verbal kommunizieren können. Bei völlig intakter emotionaler und kognitiver Verarbeitung sind diese Menschen in ihrem gelähmten Körper eingeschlossen (locked-in). Denken und Fühlen sind vollständig erhalten, können aber nicht mehr ausgedrückt werden. Wir stellen eine Gehirn-Computer-Schnittstelle vor, die versucht, Kommunikation auch im Zustand schwerster Lähmung aufrecht zu erhalten. Der Locked-in-Zustand wird zu den schwierigsten und furchtbarsten Situationen gezählt, in die Menschen geraten können. Die Mehrheit der Bevölkerung geht davon aus, dass Krankheiten, die zu diesem Zustand führen, aktive Sterbehilfe erlauben, rechtfertigen oder erfordern. Das Leben wird in diesem Zustand nicht mehr als lebenswert angesehen. Der vorliegende Beitrag hält jedoch fest, dass auch schwerstgelähmte, von künstlicher Ernährung und Beatmung abhängige Patienten noch eine zufriedenstellende bis gute Lebensqualität haben. Die Autoren plädieren dafür, dass das Mit-leiden von Gesunden nicht zur Legalisierung aktiver Sterbehilfe führen darf.

Ein neues Menschenbild? Bemerkungen zum "Manifest elf führender Neurowissenschaftler"

Töpfer, Frank • Huber, Lara • Synofzik, Matthis

1. Einleitung In der Hirnforschung haben sich in den letzten Jahren rasante Fortschritte ergeben, die voraussichtlich nicht nur zu neuartigen Ansätzen in Diagnostik und Therapie neurologisch-psychiatrischer Krankheiten führen, sondern auch das Verständnis der neuronalen Grundlagen unserer Emotionen und kognitiven Fähigkeiten maßgeblich erweitern werden.

Neurowissenschaften und Ethik: Was müssen wir neu (be-)denken?

Löffler, Winfried

1. Zur Lage des Diskurses Ein, wenn nicht das Leitthema der populärwissenschaftlichen Diskurse der letzten Jahre im deutschsprachigen Raum waren und sind die Neurowissenschaften und ihre möglichen Auswirkungen auf das Menschenbild.

Gisela Badura-Lotter, Forschung an embryonalen Stammzellen. Zwischen biomedizinischer Ambition und ethischer Reflexion, Frankfurt a. M. (Campus) 2005 (Kultur der Medizin; Bd. 15; zugl.: Tübingen, Univ., Diss., 2004), 385 Seiten.

Teuwsen, Rudolf

Vor welche Herausforderungen die Biowissenschaften das Nachdenken über uns selbst stellen, zeigt sich wohl nirgendwo deutlicher als an der Forschung an und mit Stammzellen, die aus Embryonen des Menschen gewonnen worden sind, so genannten humanen embryonalen Stammzellen (heS). Dass dieses Thema auch nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Regelung des Imports von heS-Linien nicht als abgeschlossen gelten kann, liegt nicht nur an den Begehrlichkeiten von Forschern, die sich mit den geltenden Regeln nicht abfinden wollen, oder an offen gebliebenen politisch-rechtlichen Fragen bezüglich der Finanzierung wissenschaftlicher Vorhaben, die heS verwenden, aus Mitteln des Forschungshaushalts der Europäischen Union, die durch nationale Gesetzgebung naturgemäß gar nicht geregelt werden kann, sondern vor allem an der Entwicklung dieser Forschung selbst, die – aus welchen Gründen auch immer – inzwischen mit technisch erzeugten Stammzellen arbeitet, die man zu Zeiten der öffentlichen Debatte vor der Verabschiedung der einschlägigen Gesetze nicht kannte und von denen daher nicht ohne weiteres klar ist, ob sie von den darin vorgetragenen Argumenten und den aus ihnen schließlich herausdestillierten Regelungen erfasst werden oder nicht.

Andreas Lob-Hüdepohl (Hrsg.), Ethik im Konflikt der Überzeugungen, Freiburg/Schweiz (Academic Press Fribourg) u. Freiburg – Wien (Verlag Herder) 2004 (Studien zur theologischen Ethik; Bd. 105), 245 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Unter der Leitfrage, "mit welchem Selbstverständnis und mit welchen Ressourcen sich […] zumal eine christliche Ethik" in der Diskussion "divergierender und mitunter konfliktträchtiger (religiöser) Überzeugungen profilieren kann und soll", beleuchtet dieser Band eine wesentliche Thematik nicht nur für die Dialogfähigkeit theologisch begründeter Ethik, sondern zugleich für Qualität und Offenheit eines tatsächlich der Klärung sittlicher Überzeugungen zuträglichen ethischen Diskurses in plural verfasster Gesellschaft und Wissenschaft.

Wolfgang Lenzen (Hrsg.), Wie bestimmt man den »moralischen Status« von Embryonen?, Paderborn (Mentis) 2004, 329 Seiten.

Babo, Markus

Präimplantationsdiagnostik (PID) und Stammzellforschung zählen wohl zu den drängendsten bioethischen Herausforderungen unserer Zeit. Als zentrales Problem der wissenschaftlichen Auseinandersetzung erweist sich dabei immer wieder die Frage nach dem "moralischen Status" von Embryonen, vor welcher sich unterschiedliche Positionen beinahe unversöhnlich gegenüberstehen. Die Autoren des vorliegenden Sammelbandes, der die Vorträge eines im April 2002 an der Universität Osnabrück abgehaltenen Symposiums enthält, versuchen deshalb, unter Ausklammerung von Extrempositionen wie der von Richard Hare auf der einen und Peter Singer, Michael Tooley und Norbert Hoerster auf der anderen Seite, die immer noch sehr breite "Mitte" aus der Sicht unterschiedlicher moralphilosophischer und -theologischer Ansätze auszuloten und auf diese Weise die ethische Diskussion voranzubringen.

Felix Thiele (Hrsg.), Aktive und passive Sterbehilfe. Medizinische, rechtswissenschaftliche und philosophische Aspekte, München (Wilhelm Fink) 2005 (Neuzeit und Gegenwart), 285 Seiten.

Höver, Gerhard

Das von Felix Thiele herausgegebene Buch besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen. Der erste Teil gibt ein Fachgespräch zur Sterbehilfe wieder, das vom 10.–11. Dezember 2001 an der Europäischen Akademie Bad Neuenahr-Ahrweiler stattfand und rechtswissenschaftliche, philosophische und Praxis-Aspekte der Problematik behandelte. Im Zentrum des zweiten Teils steht neben den Grundsätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung (Mai 2004) der Bericht der Bioethik-Kommission des Landes Rheinland-Pfalz vom 23. April 2004: "Ethische, rechtliche und medizinische Bewertung des Spannungsverhältnisses zwischen ärztlicher Lebenserhaltungspflicht und Selbstbestimmung des Patienten". Es ist, wie der Herausgeber zu Recht betont, "das erste Gutachten einer auf politischen Auftrag arbeitenden Kommission in Deutschland […], das sich für eine Liberalisierung der Sterbehilfe-Regelungen in Deutschland ausspricht". Der Bericht der Bioethik-Kommission enthält 29 Thesen zu den Bereichen "Selbstbestimmung am Lebensende", "Patientinnen oder Patienten mit aussichtsloser Prognose im Endstadium ihrer Erkrankung", "Patientinnen oder Patienten mit aussichtsloser Prognose, die sich noch nicht im Endstadium ihrer Erkrankung befinden", "Problematik der Selbsttötung", "Rechte und Pflichten der Ärztinnen und Ärzte, des Pflegepersonals und der Träger von Einrichtungen", außerdem noch 5 Empfehlungen z. B. zur nachhaltigen Unterstützung der häuslichen Pflege, der Intensivierung der Schmerzforschung oder bzgl. des Rechts der Sterbenden auf religiösen Beistand ihrer Wahl, aber auch zur Suspendierung der ärztlichen Garanten- und Hilfeleistungspflicht, "wenn ein Suizidversuch nach ernsthafter Überlegung und aufgrund freier Willensbestimmung zur Beendigung schweren unheilbaren Leidens begangen worden ist". Der Bericht stellt insgesamt durchaus eine klar strukturierte, aufeinander aufgebaute Thesenfolge dar, welche ein ernsthaftes Ringen um die Problematik des menschenwürdigen Sterbens erkennen lässt. Viele Teile finden ohne weiteres Zustimmung, wenn es z. B. in These 13 zur indirekten Sterbehilfe u. a. heißt: "Eine wirksame Schmerzbehandlung vorzuenthalten, verstößt gegen die ärztliche Sorgfaltspflicht und kann eine strafrechtlich relevante Körperverletzung sein". Von daher verdient der Bericht eine ausführliche Diskussion, wie sie im Einzelnen noch zu leisten ist.

Bettina von Jagow/Florian Steger (Hrsg.), Literatur und Medizin. Ein Lexikon, Göttingen (Vandenhoeck und Ruprecht) 2005, 984 Spalten.

Wetzstein, Verena

Zumeist beim Mittagessen trifft Hans Castorp, Sohn eines bankrotten Hamburger Kaufmanns, auf Blut hustende oder vor Atemnot röchelnde Patienten. Ursprünglich hatte er beabsichtigt, nur wenige Wochen im Sanatorium Berghof zu bleiben. Dass sich der Protagonist in Thomas Manns Zauberberg zu einem wesentlich längeren Verweilen in der Tuberkulose-Anstalt entschließt, ist dem geneigten Leser hinlänglich bekannt. Doch was hat es mit der ehemals so bezeichneten Schwindsucht, jahrzehntelang die Seuche schlechthin in Europa, eigentlich auf sich? Entspricht das von Thomas Mann beschriebene jahrelange Dahinsiechen tatsächlich dem typischen Krankheitsverlauf? Wie geht der Autor mit dem Motiv um? Gibt es Parallelen oder andere Formen der motivischen Verarbeitung in der europäischen Literatur?

Hirnforschung: Ergebnisse – Perspektiven – offene Fragen. Bericht über die Tagung der Katholischen Ärztearbeit Deutschlands gemeinsam mit der Katholischen Akademie des Bistums Trier am 5. und 6. November 2005

Gussone, Georg

Das wissenschaftliche Programm war ganz auf die aktuelle Frage Willensfreiheit und Hirnforschung abgestimmt. »Der freie Mensch, eine Illusion« – der Vortrag zu diesem Thema erläuterte den Stand der neurophysiologischen und neuropsychologischen Forschungen mit den jetzt zur Verfügung stehenden Methoden wie PET (Positronen-Emissions-Tomogramm) in Verbindung mit EEG u. a. Mit diesen Methoden können einzelne Hirnareale genau lokalisiert und in Verbindung mit Ausfallerscheinen nach hirntraumatischem Geschehen auch in ihrer Funktion lokalisiert werden. Aber auch beim Gesunden sind mit diesen Methoden Hirnfunktionen nachzuweisen, wie die, allerdings heute überholten und auch in ihrer Aussage umstrittenen Versuche von Libet erstmals zu zeigen versuchten.