Enhancement

Ausgabe: 4/2006

52. Jahrgang

Jahrgang: 2006

Inhalt: Ausgabe

Zur Geschichte der Verbesserung des Menschen Von der restitutio ad integrum zur transformatio ad optimum?

Wiesing, Urban

Das Thema "medical enhancement" hat in den letzten Jahren vor allem aufgrund der biomedizinischen Entwicklungen und der technischen Möglichkeiten wachsende Aufmerksamkeit erfahren. Doch die Idee der Optimierung und der Selbst-Perfektionierung des Menschen ist keineswegs neu, der Mensch war stets daran interessiert, sich selbst zu gestalten oder zu verbessern, und er hat stets in seine Reproduktion eingegriffen.

Die Präferenzorientierung der modernen Medizin als ethisches Problem. Ein Aufriss am Beispiel der Anti-Aging-Medizin

Maio, Giovanni

Im Zuge des gegenwärtigen Transformationsprozesses der modernen Medizin treten zunehmend präferenzorientierte Angebote in den Vordergrund. Dieser Wandel hat nicht nur Auswirkungen auf die Identität der Medizin, es stellen sich auch Fragen nach den Grenzen ihrer Wandelbarkeit. Der Beitrag untersucht am Beispiel der Anti-Aging-Medizin die verschiedenen Fragen, die sich aus einer präferenzorientierten Medizin ergeben. Nach einer Übersicht über Definition und Zielsetzung der Anti-Aging-Medizin sowie einer Inbezugsetzung der Identität der Medizin mit den Ansätzen der Anti-Aging-Medizin wird eine moralische Bewertung der Anti-Aging-Medizin gegeben. Der Autor plädiert dafür, jeder Lebensphase, auch der des Alterns, ihren eigenen inhärenten Wert zuzuschreiben. Er kommt zu dem Schluss, dass sich die Medizin als Institution der Hilfe nicht dafür hergeben sollte, nur das leistungsfähige und attraktive Alter zu födern, sondern sich vielmehr alternativ dafür einsetzen sollte, einen gesunden Umgang mit dem Altern zu unterstützen.

Biomedizin als Jungbrunnen? Zur ethischen Debatte über künftige Optionen der Verlangsamung des Alterns

Fuchs, Michael

Die Option, das menschliche Altern drastisch zu verlangsamen und die maximale Lebenserwartung zu erhöhen, würde unsere Lebensbedingungen gravierend verändern. Sie entspricht einem Wunsch, der in der Menschheitsgeschichte vielfach artikuliert wurde und durch verschiedene jüngere tierexperimentelle Resultate der Biogerontologie neue Nahrung erhalten wird. Unter den Zielszenarien des so genannte Enhancement hat sie den Vorzug, nicht ein spezifisches Glückskonzept zu bedienen, sondern möglicherweise die Voraussetzungen für die Verwirklichung unterschiedlicher individueller Lebensentwürfe zu verbessern. Der Beitrag beschränkt sich in der Erörterung der ethischen Argumente für und gegen diese Zielsetzung auf die individualethischen Aspekte. Sozialethische Überlegungen werden indes dann ein großes Gewicht bekommen, wenn die individualethische Analyse zu einer eindeutig positiven Bewertung käme.

Die Praxis ethischen Entscheidens. Eine soziologische Forschungsperspektive

Nassehi, Armin

Die Ethik als wissenschaftliche philosophische oder theologische Disziplin beschäftigt sich mit der Frage der angemessenen Begründung oder Begründbarkeit moralisch/ethisch relevanter Entscheidungen. Sie bewegt sich in einer Welt von Gründen, hat aber weniger die Frage der Praxis ethischen Entscheidens im Blick. Eine soziologische Forschungsperspektive wie die hier vorgestellte interessiert sich folgerichtig für die Frage, wie, wo, von wem und mit welchen Konsequenzen Entscheidungen gefällt werden, die eine »ethische« Form annehmen. Dabei wird nicht die Bedeutung ethischer Gründe in Zweifel gezogen, sondern die Frage gestellt, in welchem Kontext gute Gründe zur Anwendung kommen. Besonderes Augenmerk wird darauf gerichtet, dass der Ort ethischen Entscheidens im bio-ethischen Feld mehr und mehr Gremien- und Organisationsform annimmt.

Zur ethischen Verantwortung eines Krankenhausmanagements

Schmidt-Wilcke, Heinrich A.

Das moderne Krankenhaus erfüllt mit seinen Zielsetzungen und komplexen Strukturen inzwischen die Kriterien einer Institution, deren Handeln durch den Träger, interne und externe Vorgaben beeinflusst wird. Die angestellten Ärzte und Pflegenden sind in erster Linie für die Umsetzung derzeit gültiger medizinischer Anforderungen zum Wohle der Patienten verantwortlich. Die Realisation der verschiedenen institutionellen Vorgaben erfolgt inzwischen durch ein Management mit entsprechender fachlicher Qualifikation, wobei die Durchsetzung unternehmerisch/ökonomischer Ansprüche zum Erhalt und Weiterentwicklung eines Krankenhauses vielfach im Vordergrund stehen. Dennoch ist das gemeinsame Ziel des ärztlich/pflegerischen Handelns und des Managements die Optimierung der medizinischen Leistungsfähigkeit. Allerdings müssen methodisch unterschiedliche Wege beschritten werden. Dabei kann es zwischen den beiden Berufsgruppen zu Divergenzen bis zu gravierenden Konflikten kommen. Unter ethischen Aspekten wird das ärztlich/pflegerische Handeln durch Prinzipien wie Wohlergehen, Nicht-Schaden, Autonomie und Gerechtigkeit gegenüber dem Patienten bestimmt. Diese Prinzipien müssen auch für das Krankenhaus-Management im Rahmen eines gesellschaftlich ethischen Konsenses Gültigkeit besitzen. Es ist inzwischen Aufgabe des Managements diese Prinzipien nicht nur als existent wahrzunehmen, sondern sie zusammen mit Ärzten/Pflegenden aktiv zu verwirklichen.

Die "Natur des Menschen": Geworden und gemacht. Anthropologisch-ethische Überlegungen zum Enhancement

Clausen, Jens

Einleitung: Eine zentrale Frage bei der ethischen Bewertung von Enhancement-Maßnahmen ist, ob es bei einem akzeptablen Nutzen-Risiko-Verhältnis und einer autonomen Zustimmung des Betroffenen unter der weiteren Voraussetzung, dass Dritte nicht geschädigt werden, überhaupt noch grundsätzliche Argumente für die Limitierung verbessernder oder optimierender Eingriffe in die »Natur des Menschen« gibt.

Sich selbst akzeptieren?

Splett, Jörg

1. Ist das Leben nicht unannehmbar? Eine alte Sage berichtet, dass es König Midas in langwieriger Jagd gelang, den weisen Silen gefangen zu nehmen. Er wollte von ihm erfahren, was für den Menschen das Beste und Vorzüglichste sei – und erhielt schließlich die höhnische Antwort: "Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich, dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben." Dieser Text stammt aus Friedrich Nietzsches Buch über die Geburt der Tragödie. Nicht von ungefähr findet dieser Denker heute in wachsendem Maße Gehör; denn offenbar erleben wir gegenwärtig eine Wiederkehr des Lebenspessimismus der Antike. Vielen erscheinen Welt und Leben in der Tat unannehmbar, und wer sich tiefer besinnt, findet vor allem sich selbst unannehmbar.

Marcus Düwell/Josef N. Neumann (Hrsg.), Wie viel Ethik verträgt die Medizin?, Paderborn (Mentis) 2005, 395 Seiten

Bormann, Franz-Josef

Der von dem Utrechter Philosophen M. Düwell und dem Hallenser Medizinhistoriker J. N. Neumann herausgeberisch verantwortete Band dokumentiert die Beiträge der Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM), die im Oktober 2003 auf Anregung des Arbeitskreises »Begründungsfragen und Begründungsansätze« unter gleich lautendem Titel in Wittenberg stattgefunden hat.

Claudia Wiesemann/Nikola Biller-Andorno, Medizinethik. Für die neue AO, Stuttgart/ New York (Verlag Thieme) 2005, 172 Seiten

Bergdolt, Klaus

Seit dem Wintersemester 2003/04 sieht die Approbationsordnung für Ärzte in Deutschland eine Unterrichtung in den Fächern "Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin" (GTE) vor. Damit stellte sich die Frage nach den Lehrmitteln. An vielen medizinischen Fakultäten ging man davon aus, dass sich die "medical humanities", nicht weniger als die übrigen im Rahmen des Medizinstudiums gelehrten Fächer, auf einen bestimmten Themenkanon reduzieren lassen. Zahlreiche in den letzten Jahren produzierte Lehrbücher boten entsprechend Einführungen an, die von der Terminologie bis zur Diskussion von Kasuistiken reichten, ein vertieftes philosophisches oder historisches Verständnis in der Regel aber vermissen ließen. Die Herausgeberinnen legen nun ein handliches Lehrbuch in Taschenformat vor, das gezielt den Interessen der Studierenden entgegenkommen soll. Zentrale Themen wie die subtilen Aspekte der Arzt-Patient-Beziehung, der Schwangerschaftsabbruch, die z. T. brisanten Folgen der Genforschung, Probleme der Transplantationsmedizin und der Sterbehilfe, die so genannte Sterbebegleitung, Forschungen an Mensch und Tier, aber auch wirtschaftliche Aspekte, Allokationsfragen und die Folgen der Ökonomisierung des Gesundheitssystems werden anhand von Fallbesprechungen und kürzeren, teilweise stichwortartig zusammengefassten Artikeln präsentiert und diskutiert. Dazu werden erfreulicherweise auch wichtige juristische Begriffe erläutert und – für die Studierenden sehr nützlich – für die ärztliche Ethik relevante nationale und internationale Dokumente und Kodices abgedruckt. Schließlich findet der Leser mögliche Lehrziele des Ethik-Unterrichts für angehende Ärzte zusammengefasst.

Peter Dabrock/Jens Ried (Hrsg.), Therapeutisches Klonen als Herausforderung für die Statusbestimmung des menschlichen Embryos, Paderborn (Mentis) 2005, 396 Seiten

Seith, Carola

Im Schatten der – wie wir heute wissen: vorgetäuschten – Erfolge bei der Erzeugung klonierter menschlicher Blastozysten des südkoreanischen Professors Hwang zu Beginn des Jahres 2004 hat die seit Jahren geführte Diskussion um den Status des extrakorporalen Embryos einen neuen Fokus gewonnen: Inwieweit ist die Entstehungsart – durch Befruchtung oder durch Klonen – relevant für die Statusbestimmung des menschlichen Embryos?

Nikolaus Knoepffler/Dagmar Schipanski/ Stefan Lorenz Sorgner (Hrsg.), Humanbiotechnologie als gesellschaftliche Herausforderung, Freiburg i. Br./München (Karl Alber) 2005 (Angewandte Ethik, Bd. 2), 232 Seiten

Buch, Alois Joh.

Dieser Band, der auf eine Tagung im Jahr 2004 zurückgeht, thematisiert aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven die Herausforderungen gegenwärtiger humanbiotechnologischer Forschung. Die einzelnen Beiträge, die allgemein verständliche Information vermitteln und zu differenzierter gesellschaftlicher Meinungsbildung beitragen wollen, werden fünf Bereichen zugeordnet: Naturwissenschaft, Recht, Kirche, Ethik, Gesellschaft.

Ulrich Eibach, Gott im Gehirn? Ich – eine Illusion? Neurobiologie, religiöses Erleben und Menschenbild aus christlicher Sicht, Wuppertal (Brockhaus) 2006, (Institut für Glaube und Wissenschaft), 152 Seiten

Splett, Jörg

Den Tenor des kleinen und allgemeinverständlichen Buches setzt einleitend ein fiktives Abend-Gespräch zwischen einem jungen Molekularbiologen und seiner Frau am Kinderbett: Bald werde die Liebe biochemisch und elektrophysiologisch aufgeklärt sein. – Doch wisse man damit alles über die Liebe?

Charlotte Schubert, Der hippokratische Eid. Medizin und Ethik von der Antike bis heute, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2005, 122 Seiten

Steger, Florian

Der Hippokratische Eid ist noch heute eine zentrale Bezugsgröße vieler Ärzte. Noch heute? Hatte der Eid denn Gültigkeit, Bedeutung, Relevanz in der Antike? Was wissen wir über die Rezeption des Eides zum Zeitpunkt seiner Entstehung?

Thomas Eich, Islam und Bioethik. Eine kritische Analyse der modernen Diskussion im islamischen Recht, Wiesbaden (Reichert) 2005, 127 Seiten

Braune, Florian

Der Bochumer Islam- und Kulturwissenschaftler Thomas Eich liefert mit seiner detailreichen Studie Islam und Bioethik einen Beitrag zur interkulturellen Philosophie und insbesondere zur kulturübergreifenden Bioethik. Er zeichnet den bioethischen Diskurs in der islamisch geprägten Welt des Nahen und Mittleren Ostens nach. Dabei bezieht er sich auf die maßgeblichen Akteure und Organisationen.

Ein neues Menschenbild? Bemerkungen zum "Manifest elf führender Neurowissenschaftler"

Töpfer, Frank • Huber,Lara • Synofzik,Matthis

1. Einleitung In der Hirnforschung haben sich in den letzten Jahren rasante Fortschritte ergeben, die voraussichtlich nicht nur zu neuartigen Ansätzen in Diagnostik und Therapie neurologisch-psychiatrischer Krankheiten führen, sondern auch das Verständnis der neuronalen Grundlagen unserer Emotionen und kognitiven Fähigkeiten maßgeblich erweitern werden. .