Bioethik in Ostmittel- und Osteuropa

Ausgabe: 4/2007

53. Jahrgang

Jahrgang: 2007

Inhalt: Ausgabe

Medizinethik in Ostmitteleuropa

Neumann, Josef N.

In der hier vorgelegten Arbeit wird der Versuch gemacht, die Entwicklung der medizinischen Ethik in Ostmitteleuropa darzustellen. Dabei ist das Interesse nicht allein auf die gegenwärtige, nach der Auflösung des Warschauer Pakts 1990 in den östlichen Nachbarstaaten entstandene Situation gerichtet. Diese soll vielmehr in einem zweifachen Bezugsrahmen verstanden werden: einerseits im historischen Kontext seit der Konzipierung moderner Medizinpraxis als technische Anwendung naturwissenschaftlichen Wissens am Menschen, in dem Zeitrahmen seit Mitte des 19. Jahrhunderts also, in dem die Themen moderner Medizinethik sich herausgebildet haben, und andererseits im Verhältnis zur medizinischen Wissenschafts- und Handlungstheorie (»Medizintheorie«); denn, so die hier vertretene These, die Möglichkeit einer wissenschaftlich fundierten Legitimation medizinischer Praxis ist nicht allein »ethisch« als Problem begründeter und gesellschaftlich anerkannter normativer Maßstäbe, sondern zugleich als medizintheoretische Frage zu verstehen, für die zu klären ist, inwiefern Wissensinhalte sich als Beweggründe des Handelns erweisen und ihnen legitimierende Bedeutung zukommt. Es geht um die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis, von Wissensbildung und Praktischwerden theoretischer Erkenntnisinhalte in einem Handeln, dessen Gegenstand der Mensch ist. In diesem Sinne ist in der neuesten Geschichte, in Deutschland ebenso wie in den östlichen Nachbarstaaten die Diskussion der Legitimationsfrage weitgehend auch als Auseinandersetzung mit der methodischen Grundlegung moderner Medizinpraxis und deren Implikationen im Blick auf Menschenbild und Krankheitsverständnis geführt worden.

Zum gegenwärtigen Stand der Bioethik in der Ukraine

Boyko, Ihor

1. Einleitung Die Bioethik durchläuft gegenwärtig in der Ukraine eine Zeit der Entwicklung und Einführung geeigneter ethischer Prinzipien und gesetzgebender Normen, die mit biomedizinischen und klinischen Errungenschaften der Wissenschaft und Medizin zusammenhängen. Die Ukraine nähert sich allmählich einem Zustand an, in dem die Vorteile der Medizin und biologischer Technologien die moralischen und kulturellen Prinzipien der Gesellschaft zu dominieren beginnen. Die Wissenschaft steht vor der Entdeckung der Geheimnisse des Lebens. Wir können nicht mehr vorhersehen, welche Folgen Eingriffe in das Leben zeitigen werden. Von den Wissenschaftlern, ihrer Position, ihrer Moral und ihrem Gewissen hängt sehr viel ab.

Zur Diskussion der biomedizinischen Ethik in der Slowakischen Republik (1990–2007)

Glasa, Jozef • Dacok, Ján • Glasová, Katarína

1. Einführung Das Ende der totalitären Regime in den Ländern Zentral- und Osteuropas in den Jahren 1989 und 1990 machte den Weg frei für einen beispiellosen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandel. Nach nahezu 17 Jahren sehr dynamischer Entwicklungen erweisen sich diese Transformationsprozesse weiterhin als kompliziert. Für die neuen bzw. neueren EU-Mitgliedsstaaten wie die Slowakische Republik sind diese Probleme durch den EU-Beitritt nicht einfach vom Tisch. Zu den »alten« Herausforderungen aus der Vergangenheit kommen neue, denen sich die noch »jungen Demokratien«, die gegen, besser noch, in den schnell wechselnden Wogen freier, offener, pluralistischer und möglicherweise erfolgreicher Gesellschaften steuern, stellen müssen.

Bioethik – die Situation in Polen

Glombik, Konrad

Die Bioethik als Begriff und selbständige wissenschaftliche Disziplin entstand Anfang der 70er Jahre als ein Reflexionsversuch über die moralischen Probleme, die aufgrund der Erfolge biologischer Experimente am Menschen entstanden. Der Zusammenhang zwischen Biologie und Medizin brachte die Biomedizin hervor.

Zum gegenwärtigen Stand der Bioethik in Ungarn

Jobbágyi, Gábor • Nyéky, Kálmán

1. Dilemmata in der medizinischen Ethik 1.1 Sterbehilfe Der Ethikkodex der ungarischen Ärztekammer trat am 1. Juli 1998 in Kraft und definiert Sterbehilfe in dem Teil, der sich auf die medizinische Versorgung von an einer tödlichen Krankheit leidenden Patienten bezieht, als »einen bewussten Akt des Arztes in seinem Tätigkeitsfeld, in dem er auf die Beendigung des Lebens des leidenden Patienten auf dessen Wunsch hin abzielt.

Bioethik in Kroatien

Matulic, Tonci

1. Einleitung Wer die bioethische Diskussion in Kroatien verstehen will, kann dies nicht, ohne sich die Geschichte Kroatiens vor Augen zu führen. Die kroatische Gesellschaft ist durch die komplexe und verworrene Geschichte sehr belastet. Ihre Systematisierung offenbart allein im 20. Jahrhundert fünf große gesellschaftspolitische Wenden – jede einzelne mit ihren eigenen Besonderheiten.

Medizinethik in der Tschechischen Republik

Pohunková, Dagmar

In der letzten Zeit ertönt sowohl von Bürgern der Tschechischen Republik als auch von internationalen Institutionen eine manchmal vielleicht nicht sehr objektive Kritik bezüglich der Einhaltung anerkannter Standards der Medizinethik in der Tschechischen Republik. Dies hat unerfreuliche Folgen: zum einen für die Aufrechterhaltung einer gesunden Vertrauensbeziehung zwischen Kranken und ihren Ärzten, zum anderen für das Selbstverständnis der Ärzte.

Sich mit-teilen

Splett, Jörg

Geteilter Raum? Eine mögliche Definition von Leben überhaupt; denn Lebewesen gibt es nur im Plural. »Wer einsam ist, der hat es gut, / weil niemand da, der ihm was tut?« Tatsächlich täte dann nicht bloß niemand ihm was, vielmehr täte sich gar nichts. Schlechthin einsam könnte nur das Unum-Absolutum sein – das darum mit dem Nichts in eins fiele.3 (Darum ist es müßig, sich über das Alles oder Nichts des Nirwana zu streiten: farblos weißes Licht oder Schwärze). So weit indes denkt man nur selten. Darum erträumt der Mensch sich als allein – mit einer Welt als seiner. Bei THOMAS CARLYLE etwa steht zu lesen, der Grund zum Unglück des Menschen liege in seiner Größe; die moderne Sozialpolitik werde gewisslich nicht einen einzigen Schuhputzer glücklich machen, »denn der Schuhputzer hat auch eine Seele, die ganz anders ist als sein Magen, und würde, wenn man es recht betrachtet, zu einer dauernden Befriedigung und Sättigung nicht mehr und nicht weniger verlangen als Gottes unendliches Weltall ganz allein für sich selbst.«

Überlegungen zur Änderung des deutschen Stammzellgesetzes: naturwissenschaftlich, ökonomisch, ethisch-rechtlich

Beck, Matthias

1. Hinführung Es gibt Bestrebungen, das Stammzellgesetz in Deutschland zu ändern. Dieses Gesetz regelt den Import von embryonalen Stammzellen aus dem Ausland. Da die Forschung mit Embryonen und das Töten von Embryonen zur Gewinnung von embryonalen Stammzellen in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz verboten sind, man aber deutsche Forscher nicht vollständig von der Forschung mit embryonalen Stammzellen ausschließen wollte, hat man am 28. Juni 2002 ein Gesetz zum Import von embryonalen Stammzellen bzw. embryonalen Stammzelllinien aus dem Ausland erlassen.

Gesundheit – Ethik – Politik. Sozialethik der Gesundheitsversorgung, Münster (Aschendorff) 2006 (Jahrbuch für christliche Sozialwissenschaften; Bd. 47), 375 Seiten.

Kruip, Gerhard

Traditionell gehörten im Bereich katholischer Ethikreflexion medizinethische Themen zur Moraltheologie. Je mehr jedoch deutlich wurde, dass sich in der Gesundheitsversorgung strukturelle Fragen sozialer Gerechtigkeit stellen, umso mehr musste sich auch das Fach Christliche Sozialethik der Thematik annehmen. So mehren sich in letzter Zeit sozialethische Stellungnahmen zu Problemen der Gesundheitsversorgung und beleben die Diskussion auch unter katholischen (und evangelischen) Sozialethikern selbst, da sich hier neue Differenzierungen und auch Konfliktlinien unterschiedlicher Positionierungen auftun. Ausdruck der vermehrten Wahrnehmung der Probleme des Gesundheitswesens in der Christlichen Sozialethik ist u. a. das hier zu besprechende Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt »Gesundheit – Ethik – Politik«. Das Jahrbuch setzt sich jedes Jahr ein anderes Schwerpunktthema und gilt als das jährlich erscheinende Austauschforum der Zunft. Neben Artikeln zum Schwerpunktthema finden sich darin deshalb auch Tagungsberichte und eine Übersicht von Habilitations- und Dissertationsprojekten, wie sie an den verschiedenen Lehrstühlen des Faches im deutschsprachigen Raum verfolgt werden.

BETTINA SCHÖNE-SEIFERT/ALENA M. BUYX/JOHANN S. ACH (Hrsg.), Gerecht behandelt? Rationierung und Priorisierung im Gesundheitswesen, Paderborn (Mentis) 2006, 240 Seiten.

Wiesing, Urban

Die Artikel des Sammelbandes rekrutieren sich überwiegend aus den Vorträgen der Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin 2004 in Münster. Zum Teil sind es Wiederabdrucke. Sie repräsentieren insofern die bundesrepublikanische scientific community, die sich mit ethischen Fragen im Gesundheitswesen beschäftigt, auch wenn einige Experten fehlen.

JAN SCHILDMANN/UWE FAHR/JOCHEN VOLLMANN (Hrsg.), Entscheidungen am Lebensende in der modernen Medizin. Ethik, Recht, Ökonomie und Klinik, Münster (Lit) 2006 (Ethik in der Praxis/Practical Ethics, Kontroversen/Contorversies; Bd. 24), 268 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Der zunächst etwas sperrig wirkende Titel dieses Bandes bezieht sich auf eine gleichlautende interdisziplinäre Tagung im Jahr 2006, deren Beiträge hier in überarbeiteter Fassung veröffentlicht werden. Neben einer knappen Einführung (J. Schildmann), die vor allem die durchgängige disziplinenübergreifende Zugangsweise in ihrer Bedeutung gerade für das hier gewählte Thema hervorhebt, werden insgesamt 14 Aufsätze vorgelegt, die im wesentlichen drei Teilen zugeordnet sind, nämlich Ethik (I), Recht (II) sowie Klinik und Ökonomie (III).

BERT HEINRICHS, Forschung am Menschen. Elemente einer ethischen Theorie biomedizinischer Humanexperimente, Berlin u. a. (Walter de Gruyter) 2007 (Studien zu Wissenschaft und Ethik; Bd. 3, zugl.: Bonn, Univ., Diss., 2006), 381 Seiten.

Arz de Falco, Andrea

Heinrichs eröffnet seinen Beitrag mit der Einordnung der Thematik in einen historisch-systematischen Kontext. Beginnend in der Antike und im Mittelalter, als die beobachtende und nicht die experimentelle Forschung im Vordergrund stand, leitet er in seinen Ausführungen über Renaissance und Aufklärung in die Moderne über, in der das Experiment (die Intervention) die reine Beobachtung definitiv ablöst und das Postulat der Überprüfbarkeit von Hypothesen zur Leitidee der Forschungsentwicklung wird. Neben die im ärztlichen Ethos begründete und die ärztliche Tätigkeit begründende »Logik des Heilens « tritt damit auch eine »Logik der Forschung «, die anderen Gesetzmäßigkeiten und Bedürfnissen folgt. Der »Logik der Forschung« folgend ist nicht mehr der Patient/die Patientin, sondern das Erkenntnisinteresse ins Zentrum gerückt. Heinrichs belegt, dass die Diskussion um die Einwilligung als Grundvoraussetzung für die Durchführung von Humanexperimenten nicht – wie es oft den Anschein hat – mit den Nürnberger Prozessen ihren Anfang genommen hat, sondern dass bereits im 19. Jahrhundert eine lebhafte Debatte dazu stattgefunden hat. Die Diskussion wurde damals durch eine spektakuläre Versuchsreihe zur »Serumtherapie bei Syphilis« angeheizt. Die später einsetzende Kodifizierung der für die Forschung relevanten ethischen Prinzipien als Reaktion auf Missbrauchsfälle führte zu einer Reihe von internationalen Dokumenten und gipfelte letztlich in der Deklaration von Helsinki. Die sich an diesen Kodifizierungsprozess anschliessende kritische Auseinandersetzung und die Weiterentwicklung der Forschungsethik (z.B. im Belmont Report) haben eine Baustelle eröffnet, in der – so Heinrichs – nicht nur zahlreiche Detailfragen ungelöst, sondern auch die ethischen Grundlagen hinterfragungsbedürftig sind. Die Aufgabe einer kritischen Forschungsethik – so Heinrichs weiter – besteht in der Vermittlung von Schutz- und Nutzinteressen der in die Forschung involvierten Personen einerseits, und dem gesellschaftlichen Interesse am medizinischen Fortschritt andererseits.

KURT FLEISCHHAUER/GÖRAN HERMERÉN, Goals of Medicine in the Course of History and Today. A Study in the History and Philosophy of Medicine, Stockholm 2006, 480 Seiten.

Maio, Giovanni

Betrachtet man die Debatten um die Optimierung des Menschen oder die Debatten um die Marktorientierung der Medizin, wird man unschwer erkennen, dass die moderne Medizin in weiten Teilen »ziellos« geworden ist. Sie bietet Dienstleistungen an, die sich allein nach den persönlichen Präferenzen der Patienten-Kunden und deren finanzieller Kaufkraft richten, ohne dass die Zielsetzungen dieser Dienstleistungen weiter hinterfragt werden.