Wem gehört mein Körper?

Ausgabe: 1/2008

54. Jahrgang

Jahrgang: 2008

Inhalt: Ausgabe

Sorge um den Leib – Verfügen über den Körper

Pöltner, Günter

Der Wille, über den eigenen Körper nach pragmatischen Gesichtspunkten zu verfügen, bewegt sich in einer ›Leibvergessenheit‹. Er bewegt sich in einer technomorphen Einstellung zum Leib und betrachtet ihn nicht als Wesensmedium personaler Weltoffenheit, sondern behandelt ihn als Werkzeug. Dieser Wille impliziert eine dualistische Anthropologie und bricht mit der Einsicht, dass die Selbstannahme die Voraussetzung für eine sinnvolle Sorge um den Leib bildet.

Gibt es das Recht auf Eigentum am eigenen Körper? Ein Beitrag zur Forschungsethik in der kantischen Tradition der Aufklärung

Lenk, Christian

Neue Entwicklungen in der Biomedizin und der Forschung an menschlichem Gewebe lassen klassische Fragen aus Recht und Philosophie wieder virulent werden: wie entsteht Eigentum, wie weit reicht die Verfügungsgewalt über den eigenen Körper und gibt es das Recht auf Eigentum am eigenen Körper? Der Autor des vorliegenden Beitrages zeigt anhand einiger Überlegungen des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant, inwiefern unsere Konzeption des Körpers genuin »modern« ist und inwiefern dieses Verständnis von Körper und Person eine Voraussetzung der modernen, liberalen Gesellschaft darstellt. Ausgehend von diesen Beobachtungen werden Parallelen im Umgang mit Körper und Organen z.B. in der Praxis der Organspende aufgezeigt und einige normative Implikationen für die Medizinethik abgeleitet.

Zur Verwendung des (eigenen) Körpers als Objekt

Hirsch, Mathias

Die Abspaltung (Dissoziation) des Körpers vom Gesamt-Selbst ermöglicht seine Verwendung als unpersönliches Ding-Objekt, soll ihn behandelbar machen, ohne dass Arzt und Patient nach dem Sinn einer Störung fragen müssen. Der Patient, eher noch die Patientin, verwendet heute den eigenen Körper, indem sie Identitätskonflikte und -ängste besonders in Schwellensituationen der Entwicklung (Adoleszenz, Lebensmitte, Alter) auf den Körper verschiebt.

Das Verschwinden des Körpers. Transhumanistische und posthumanistische Visionen

Manemann, Jürgen

Das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Menschen scheint angebrochen zu sein. Posthumanisten und Transhumanisten verkünden eine neue Menschwerdung. Die Voraussetzung dafür ist eine Änderung der Perspektive auf den Menschen, insbesondere auf seinen Körper.

Ethische Aspekte der Gesichtstransplantation

Wiesing, Urban

Der Artikel widmet sich den ethischen Aspekten einer Gesichtstransplantation. Zunächst werden die Fragen untersucht, die für jede Therapie zu beantworten sind, insbesondere, wenn es sich um einen Heilversuch im Einzelfall handelt. Zudem werden die bekannten ethischen Probleme erläutert, die sich bei der Transplantation von Organen ergeben.

Rechte oder Pflichten gegenüber dem menschlichen Körper? Normative Fragen im Umgang mit Biobanken

Steinmann, Michael

Der Beitrag fragt nach dem Schutz von Spendern, deren Gewebe in Biobanken gelagert wird. Die Mittel, mit denen dieser Schutz in der Bioethik hauptsächlich gedacht wird, sind die Rechte der Spender, entweder als Autonomie (informed consent) oder als Eigentumsrecht (self-ownership). Diese Rechte wirken in pragmatischer Hinsicht jedoch zum Teil kontraproduktiv.

Zum Verhältnis von Körperlichkeit und Unverfügbarkeit

Müller, Uta

Der Mensch ist ein körperliches Wesen, und seine Körperlichkeit1 rückt in Diskussionen in Ethik, Medizin und Recht immer mehr in den Mittelpunkt, weil über den menschlichen Körper und seine Teile in immer größerem Ausmaß verfügt werden kann. Es können nicht nur immer mehr Körpersubstanzen und Körperteile einem Menschen entnommen und an einen anderen Menschen weitergegeben, d.h. vor allem verpflanzt werden, sondern auch der eigene Körper kann durch zahllose Maßnahmen verändert werden – durch (Schönheits-) Operationen, durch Medikamente oder durch Einsetzung technischer Hilfsmittel. In allen Fällen wird über den menschlichen Körper verfügt, sei es über den jeweils eigenen oder über den fremden.

Körper und Leib

Splett, Jörg

In einem früheren Beitrag war bereits einmal kurz die Rede davon, dass im allgemeinen Sprachgebrauch der »Leib« mehr und mehr dem »Körper« weicht. Ein m.E. so bedenkenswerter wie bedenklicher Vorgang.

Hirntechnik im Fokus. Tagungsbericht zur BMBF-Klausurwoche »Die Technisierung des Gehirns – Ethische Aspekte aktueller Neurotechnologien«, 16.–23. September 2007 in Freiburg

Talbot, Davinia

Im Bereich der Entwicklung und Anwendung von Neurotechniken passieren derzeit aufregende Dinge: Schon jetzt sind beispielsweise Implantate, die ausgefallene Sinnesfunktionen (etwa das Hören) ersetzen, Stimulationselektroden, die in bestimmte Hirnareale eingebracht werden (etwa zur Therapie von Parkinson-Patienten), sowie erste Brain-Computer-Interfaces (BCI), mit denen z.B. gelähmte Patienten kommunizieren können, keine Fiktion mehr, sondern Realität.

Eduard Zwierlein, Begegnung und Verantwortung. Ärztliches Ethos und Medizinische Ethik, Würzburg (Königshausen & Neumann) 2007, 149 Seiten.

Splett, Jörg

Eine Sammlung von Essays, teils in den letzten fünfzehn Jahren erschienen (und hier überarbeitet), teils erstmals veröffentlicht. Zu Beginn der umfangreichste und gewichtigste, der dem ganzen Buch den Titel gibt (11–63, ab 51 Literaturverz., Untertitel: Ärztliches Ethos als dialogisches Geschehen); er geht die Schritte: Ethik des Dialogs, Kundenorientierung, Diskurs, Beziehung zum Mitarbeiterteam, wertorientierte Führung, zur universitären Ausbildung.

Ulrich H. J. Körtner, Ethik im Krankenhaus. Diakonie – Seelsorge – Medizin, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2007, 238 Seiten.

Baltes, Dominik

Das vom in Wien lehrenden evangelischen Systematischen Theologen vorgelegte Buch vereinigt Beiträge des Verfassers, die dieser u. a. als Vorträge vor Angehörigen der Heil- und Pflegeberufe gehalten hat und die für die nunmehr vorliegende Publikation gründlich überarbeitet wurden (9). Der Band gliedert sich in drei Großkapitel, die ihrerseits jeweils wieder in thematisch abgegrenzte Abschnitte unterteilt sind.

Sigrid Graumann/Katrin Grüber (Hrsg.), Biomedizin im Kontext. Beiträge aus dem Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft, Berlin (Lit) 2006 (Mensch – Ethik – Wissenschaft, Bd. 3), 317 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Seinem Titel gemäß geht es in dem vorliegenden Band besonders um die Beachtung der sehr unterschiedlichen Dimensionen des jeweiligen Kontextes, worin sich Biomedizin und näherhin der Diskurs über deren ethische Implikationen und Probleme vollziehen. Solch ›roter Faden‹ erscheint auch geboten angesichts der thematischen Breite der (teilweise aus überarbeiteten Vorträgen) zusammengetragenen Aufsätze aus, wie Hrsgg. betonen, in der Tat »ganz unterschiedlichen fachlichen Perspektiven und mit Blick auf verschiedene Anwendungsfelder der Biomedizin«.

Wolfram Höfling/Anne Schäfer, Leben und Sterben in Richterhand?, Tübingen (Mohr Siebeck) 2006, 176 Seiten.

Müller-Terpitz, Ralf

»Leben und Sterben in Richterhand?« – der Titel des Buchs klingt dramatisch und erschreckend zugleich. Plakativ wie präzise umreißt er indes eine Problematik von ethisch höchster Brisanz, die infolge des medizinisch-technischen Fortschritts sowie der weithin bekannten demographischen Entwicklung immer dringlicher nach Antworten verlangt. Wie bereits der Untertitel des Buchs offenbart, geht es konkret um den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen oder den Verzicht auf solche bei nicht einwilligungsfähigen Patienten – eine Entscheidung, die vor allem dort auf Schwierigkeiten stößt, wo Betroffene keine Patientenverfügungen verfasst haben, mithin ihr »mutmaßlicher Wille« für den Umgang mit diesem Daseinszustand ermittelt werden muss.