Ethik in der Psychiatrie – Probleme und Perspektiven

Ausgabe: 3/2008

54. Jahrgang

Jahrgang: 2008

Inhalt: Ausgabe

Ethik in der Psychiatrie

Helmchen, Hanfried

Skizziert werden allgemeine normative Orientierungen (Respektierung der Menschenwürde, Vermeidung von Schaden für Leib und Leben), die als für das Handeln des Arztes spezifizierte ethische Prinzipien in Kodices festgehalten und dort durch arztspezifische Prinzipien (Wohl des Kranken, Schweigepflicht etc.) ergänzt sind. Ihre Verbindlichkeit im Kontext tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen wird diskutiert.

Geisteskrankheit im Medium der Literatur

von Engelhardt, Dietrich

Die Welt der Psychiatrie ist ein zentrales Thema der Literatur: wiederholt fanden der Kranke und seine Krankheit, der Psychiater und seine Therapie, die psychiatrische Institution und die sozialen Reaktionen Darstellung und Deutung. Das Spektrum zwischen Phänomen und Symbolik bestimmt die literarischen Texte, der Wandel von Zeit und Raum wirkt sich aus.

Kinder- und jugendpsychiatrische Brennpunkte und Perspektiven am Anfang des 21. Jahrhunderts

Klosinski, Gunther

Der Beitrag fragt am Beginn des 21. Jahrhunderts zunächst nach Veränderungen des kinder- und jugendpsychiatrischen Klientels der letzten Jahrzehnte. Der gesellschaftliche Wandel schlägt sich auch hier deutlich nieder. In einem zweiten Schritt wendet sich der Autor der Frage zu, ob die Kinder- und Jugendpsychiatrie hierauf adäquat reagiert hat bzw. reagieren konnte. In einem dritten Schritt wagt der Beitrag einen Ausblick und verbindet diesen mit Anregungen zur künftigen Perspektive von Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Verwirrtheit, eine zerebrale Manifestation des Rechts auf Nicht-Wissen?

Schwerthöffer, Dirk • Drzezga, Alexander • Bäuml, Josef • Förstl, Hans

Wir berichten über eine 79-jährige Patientin, bei der nach drei Synkopen multilokuläre Meningeome entdeckt wurden, die neurochirurgisch entfernt werden sollten. Präoperativ erlitt die Patientin einen ischämischen Hirninfarkt und wurde verwirrt. Die weiterführende Diagnostik ergab Hinweise auf eine gemischte vaskuläre und neurodegenerative Demenz. Wegen der Multimorbidität und der ungünstigen Prognose wurde daraufhin von einer Operation abgesehen.

Sterilisation Einwilligungsunfähiger. Ethische Anmerkungen anhand eines Case-Reports

Pilatz, Adrian • Ziegert, Carsten

Für einen geistig behinderten Mann hat der gesetzliche Betreuer beim Vormundschaftsgericht einen Antrag auf Sterilisation gestellt, dem stattgegeben wurde. Ein solcher Fall ist aufgrund der eugenisch motivierten Gesetzgebung während der Zeit des Nationalsozialismus nicht ohne Brisanz.

Wie faktisch wollen wir die Fakten? Zu den Herausforderungen an eine verantwortungsvolle empirische Ethik

Strech, Daniel

Die bestehende Diskussion zum Selbstverständnis einer empirischen Medizinethik fokussiert bislang vorrangig die Frage, ob überhaupt und wenn ja mit welchem erkenntnistheoretischen Anspruch empirische Informationen im Arbeitsbereich der Ethik eine Rolle spielen können und sollen.

Ethik in der Psychiatrie

Helmchen, Hanfried

Skizziert werden allgemeine normative Orientierungen (Respektierung der Men schenwürde, Vermeidung von Schaden für Leib und Leben), die als für das Handeln des Arztes spezifizierte ethische Prinzipien in Kodices festgehalten und dort durch arztspezifische Prinzipien (Wohl des Kranken, Schweigepflicht etc.) ergänzt sind. Ihre Verbindlichkeit im Kontext tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen wird diskutiert. Ethisch von zentraler Bedeutung ist der Wandel in der Wahrnehmung des psychisch Kranken hin zu einer Einstellung, die auf seine inhärente Würde fokussiert, d. h. ihn in seinen Bedürfnissen wie auch in seiner spezifischen Verletzlichkeit ernst nimmt und gleichzeitig sein Selbstbestimmungsrecht respektiert. Da aber psychische Krankheit häufiger als andere Krankheiten die in der Einwilligungsfähigkeit erfassbare Selbst bestimmbar keit des Kranken beeinträchtigt, gehört es zur besonderen Verantwortung des Psychiaters, die Einwilligungsfähigkeit des psychisch Kranken zutreffend zu erfassen. Konflikte können sich daraus ergeben, dass ethische Prinzipien wie Handeln zum Wohl des Kranken und Respektierung seines Willens oder Individualwohl und Gemeinwohl im konkreten Fall einander widersprechen. Dies wird anhand einiger Beispiele (Zwangsbehandlung, psychiatrische Langzeitmedikation; placebokontrollierte Prüfung von Psychopharmaka, Anwendung von Antidementiva) veranschaulicht.

Geisteskrankheit im Medium der Literatur

von Engelhardt, Dietrich

Die Welt der Psychiatrie ist ein zentrales Thema der Literatur: wiederholt fanden der Kranke und seine Krankheit, der Psychiater und seine Therapie, die psychiatrische Institution und die sozialen Reaktionen Darstellung und Deutung. Das Spektrum zwischen Phänomen und Symbolik bestimmt die literarischen Texte, der Wandel von Zeit und Raum wirkt sich aus. Ästhetik verbindet sich mit Ethik, Literaturbegriff und psychiatrisches Krankheitsverständnis stoßen aufeinander, zugleich kommt es zu Wechselbeziehungen und gegenseitigen Anregungen. Geisteskrankheit erscheint im literarischen Medium als physische, psychische, soziale und geistige Erscheinung, als Seins- und Werturteil. In dieser differenzierten Weite und Ganzheitlichkeit bietet Literatur für Laien und Psychiater einen faszinierenden Zugang zur Geisteskrankheit.

Kinder- und jugendpsychiatrische Brennpunkte und Perspektiven am Anfang des 21. Jahrhunderts

Klosinski, Gunther

Der Beitrag fragt am Beginn des 21. Jahrhunderts zunächst nach Veränderungen des kinder- und jugendpsychiatrischen Klientels der letzten Jahrzehnte. Der gesellschaftliche Wandel schlägt sich auch hier deutlich nieder.

Verwirrtheit, eine zerebrale Manifestation des Rechts auf Nicht-Wissen?

Schwerthöffer, Dirk • Drzezga, Alexander • Bäuml, Josef • Förstl, Hans

Wir berichten über eine 79-jährige Patientin, bei der nach drei Synkopen multilokuläre Meningeome entdeckt wurden, die neurochirurgisch entfernt werden sollten. Präoperativ erlitt die Patientin einen ischämischen Hirninfarkt und wurde verwirrt. Die weiterführende Diagnostik ergab Hinweise auf eine gemischte vaskuläre und neurodegenerative Demenz. Wegen der Multimorbidität und der ungünstigen Prognose wurde daraufhin von einer Operation abgesehen. Dies wirft die Frage auf, ob und wie weitgehend Verwirrtheitszustände oder andere Psychosen behandelt werden sollen, wenn der Patient dadurch zur Einsicht in eine möglicherweise unabwendbare und infauste Erkrankung gezwungen wird, ohne selbst hinsichtlich Wissen- oder Nicht-Wissen-Wollen mit entscheiden zu können.

Sterilisation Einwilligungsunfähiger. Ethische Anmerkungen anhand eines Case-Reports

Pilatz, Adrian • Ziegert, Carsten

Für einen geistig behinderten Mann hat der gesetzliche Betreuer beim Vormundschaftsgericht einen Antrag auf Sterilisation gestellt, dem stattgegeben wurde. Ein solcher Fall ist aufgrund der eugenisch motivierten Gesetzgebung während der Zeit des Nationalsozialismus nicht ohne Brisanz.

Wie faktisch wollen wir die Fakten? Zu den Herausforderungen an eine verantwortungsvolle empirische Ethik

Strech, Daniel

Die bestehende Diskussion zum Selbstverständnis einer empirischen Medizinethik fokussiert bislang vorrangig die Frage, ob überhaupt und wenn ja mit welchem erkenntnistheoretischen Anspruch empirische Informationen im Arbeitsbereich der Ethik eine Rolle spielen können und sollen. Neben den häufigen Empfehlungen zur kontextspezifischen Berücksichtigung der Ergebnisse empirischer Studien, bedarf es jedoch ebenfalls einer kritischen Reflexion der hiermit verbundenen praktischen Herausforderungen an eine empirische Ethik. Im Umgang mit empirischen Informationen besteht stets die Möglichkeit von Fehlinterpretationen oder Verzerrungen aufgrund der methodischen Problembereiche im Studiendesign. Die häufig komplexen Testkonstrukte in der empirischen Ethik wie die ›Entscheidungskompetenz von Patienten‹ oder ›Lebensqualität‹ verstärken diese Problematik weiter. Die notwendigen normativen Setzungen im Prozess der Studiendurchführung, der Ergebnis-Interpretation und -Kommunikation werden in diesem Zusammenhang bislang nicht ausreichend kritisch reflektiert. Um vor einem falschen und schädlichen Gebrauch empirischer Daten in der Ethik zu schützen, bedarf es der Transparenz zu diesen Aspekten impliziter Normativität in der empirischen Ethik. Der Artikel zeigt die hiermit verbundenen zentralen Problembereiche auf und bestimmt die Bedingungen, welche einen verantwortungsvollen Umgang mit empirischen Informationen in der Medizinethik erst ermöglichen. Weiterhin erläutert und begründet der Artikel, dass die Realisierung und Diskussion dieser Bedingungen gegenwärtig noch deutlich unterentwickelt ist und dringend einer intensiveren Beschäftigung im Rahmen der Medizinethik bedarf.

Bürgerschaftliches Engagement und Altersdemenz: Welche Helfer hat das Land?

Strasser, Hermann • Stricker, Michael

1. Die Demenz ist unter uns. Zum Jahresende 2006 waren mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI) pflegebedürftig. Augenfällig ist, dass das Risiko der Pflegebedürftigkeit mit zunehmendem Alter steigt. Während bei den 70-bis unter 75-Jährigen jeder Zwanzigste (fünf Prozent) pflegebedürftig war, so liegt die Pflegequote bei der Altersgruppe 75 Jahre und mehr bei jedem Fünften, genauer bei 21 Prozent.

Mensch und Gehirn. Eine Reflexion über die Interdependenz von Anthropologie und Neurowissenschaften

Müller, Oliver

Neue Medizin-Technologien und Behandlungsmethoden scheinen, wenn es sich um Eingriffe ins menschliche Gehirn handelt, unweigerlich zu heiklen Anthropotechniken zu werden: »brain-machine-interfaces«, diverse Stimulationsverfahren (»deep brain stimulation «, »nervus vagus stimulation«) oder psychopharmakologische Behandlungen (Prozac, Ritalin) sind Gegenstände ethischer Besorgnis, da das Gehirn ein Organ der besonderen Art ist: Es ist – wie auch immer das ontologisch zu verstehen ist – der »Sitz« desjenigen, was man das menschliche Selbstverständnis nennt.

Hermes A. Kick./Jochen Tauppitz (Hrsg.), Willensfreiheit und Abhängigkeit im Verständnis von Lebensprozess und personaler Entscheidung, Münster (Lit) 2007 (Affekt – Emotion – Ethik; Bd. 5), 135 Seiten.

Splett, Jörg

Der Band wie die ganze Reihe erscheint im Namen des Mannheimer Instituts für medizinische Ethik, Grundlagen und Methoden der Psychotherapie und Gesundheitskultur (IEPG). Vor dem Hintergrund der Thesen von W. Singer und G. Roth (wo Freiheit offenbar als grund- und schrankenlos verstanden wird) entwirft Kick, Heidelberg (= K.), in der Einleitung eine Skizze zum »Prozessablauf einer Willensentschei dung von präkritischer Konstellation, Krise und postkritischer Erweiterung (Konstruktivität) oder Dysfunktionalität (Gefährdung) « mit ihren zu respektierenden Grenzen aufgrund mehrfacher Abhängigkeitsbedingungen, in un entschiedenen (statt »unentscheidbaren«) Situationen.

Markus Zimmermann-Acklin/Hans Halter (Hrsg.), Rationierung und Gerechtigkeit im Gesundheitswesen. Beiträge zur Debatte in der Schweiz, Basel (Schweizerischer Ärzteverlag) 2007 (Gesundheitsökonomie; Bd. 3), 333 Seiten

Buyx, Alena

Konnte man noch vor wenigen Jahren konstatieren, dass die gerechte Verteilung von Mitteln im deutschen Gesundheitswesen vergleichsweise selten verhandelt wurde, so trifft diese Diagnose seit einiger Zeit nicht mehr zu. Von einem von wenigen Experten bearbeiteten Randthema hat sich die Debatte um faire Ressourcenallokation in kurzer Zeit zu einem wissenschaftlich, öffentlich und politisch zentralen Thema entwickelt. In der Folge des so genannten Nikolaus-Urteils des Bundesverfassungsgerichtes von Dezember 2005 etwa entstand eine lebhafte Auseinandersetzung um die eventuellen rechtlichen und sozialpolitischen Folgen dieser Entscheidung. In ihr war einem Patienten ein Anspruch auf die Erstattung einer unkonventionellen und nicht bewiesen wirksamen Behandlung »mit nicht ganz fern liegender Aussicht auf Heilung oder Besserung« bei einer schweren, lebensbedrohlichen Krankheit aus Krankenkassenmitteln zugesprochen worden.

Andreas Renz/Hansjörg Schmid/Jutta Sperber/Abdullah Takým (Hrsg.), Prüfung oder Preis der Freiheit? Leid und Leidbewältigung in Christentum und Islam, Regensburg (Pustet) 2008 (Theologisches Forum Christentum – Islam), 276 Seiten

Specker SJ, Tobias

»Woher kommt das Leid? Welchen Sinn hat es? Wie soll ich damit umgehen?« In diesen drei – nicht eben kleinen – Fragen bündeln sich nicht nur Erfahrungen, die das Leben eines Menschen emotional zutiefst berühren. Mit ihnen ist der Fragende auch intellektuell in einer kritischen Lage: Zum einen wird gerade in der existenziellen Leiderfahrung deutlich, dass nicht jede Antwort aus dem Augenblick heraus selbst entwickelt werden kann und der Fragende immer wieder auf die Deutungsversuche der religiösen und philosophischen Traditionen zurückgeworfen ist.

Heinrich Pompey, Zur Neuprofilierung der caritativen Diakonie der Kirche. Die Enzyklika »Deus caritas est«. Kommentar und Auswertung, Würzburg 2007 (echter), 186 Seiten

Küppers, Arnd

Die erste Enzyklika eines Papstes wird regelmäßig mit großer Spannung erwartet. Welches ist das Thema, das dem neuen Pontifex so wichtig ist, dass er es zum Gegenstand seines ersten Weltrundschreibens macht? Man erhofft sich von der Antwort vor allem auch Hinweise darauf, welche Akzentsetzungen unter dem neuen Pontifikat zu erwarten sind.

Rouven Porz/Christoph Rehmann-Sutter/Jackie Leach Scully/Markus Zimmermann-Acklin (Hrsg.) Gekauftes Gewissen? Zur Rolle der Bioethik in Institutionen, Paderborn (mentis) 2007, 320 Seiten

Buch, Alois Joh.

»Verändert sich die Glaubwürdigkeit des ethischen Diskurses durch die Institutionalisierung der Bioethik?« Diese Frage, die an die zunehmende Professionalisierung und Inanspruchnahme der Bioethik anknüpft, zugleich aber mit nochmals ethischer Konnotation auf ihre Aufgabe, Rolle und Legitimität in heutiger Gesellschaft und besonders in Institutionen verweist, kennzeichnet das Anliegen dieses mit durchaus provokantem Titel versehenen Buches.