Spiritualität und Medizin

Ausgabe: 2/2009

55. Jahrgang

Jahrgang: 2009

Inhalt: Ausgabe

Religion und Krankenbehandlung – eine medizinhistorisch-kulturanthropologische Verhältnisbestimmung

Neumann, Josef N.

Religionen sind allgemein von der Intention bestimmt, dem Menschen Heil und Heilung zu verheißen. Davon ausgehend wird in dieser Arbeit die Frage gestellt, inwiefern mit religiösen Handlungen ein therapeutischer Sinn verbunden ist, in welcher Weise dieser praktisch werden kann und wie dabei das Verhältnis von religiös fundierter Heilung und empirischen Therapien zu bestimmen ist.

Religiöser Glaube, persönliche Spiritualität und Gesundheit. Überlegungen und Fragen im interdisziplinären Feld von Theologie und Religionswissenschaft, Medizin und Psychotherapie

Baumann, Klaus

Im Kontext eines neuen Interesses an Religion und persönlicher »Spiritualität« auch aufgrund empirischer Hinweise auf ihren möglichen gesundheitsförderlichen Effekt werden grundsätzliche Erfordernisse und Schwierigkeiten der empirischen Untersuchung damit verbundener Fragen aufgezeigt. Darauf folgt ein Überblick über eine Reihe empirischer Befunde und ihre Deutung in einem multifaktoriellen bio-psycho-sozialen Verstehenshorizont.

Spiritual Care – ein neues Fachgebiet der Medizin

Frick, Eckhard

In der deutschsprachigen Medizin und Pflege umschreibt »Spiritual Care« die Erfassung und Berücksichtigung spiritueller Bedürfnisse und Wünsche von Krebs- und Palliativpatienten und anderen schwer Kranken. Spiritual Care sollte nicht an die Seelsorge »überwiesen« werden, auch wenn die Gesundheitsberufe in dieser Hinsicht mit der Seelsorge kooperieren. Spiritual Care kann als »generische« Seelsorge oder als neo-pastorale ärztliche Macht kritisiert werden. Sie ist im Schnittfeld des ärztlichen und des religiösen Diskurses angesiedelt. Im Unterschied zur religiösen Praxis wurzelt spirituelle Komunikation in der Authentizität der jeweiligen Sprecher, die mit dem Unbestimmbaren/Unwissbaren jenseits der Grenzen unserer Welt und unseres Lebens konfrontiert sind.

Medizin und Religion in Afrika. Heilungssuche in verschiedenen Traditionen

Bruchhausen, Walter

Während in Europa nach der langwierigen Trennungsgeschichte von Religion und Medizin heute ihre Berührungspunkte wieder interessant werden, besteht in afrikanischen Gesellschaften häufig eine ursprünglichere Einheit des Heilens, für die soziale und spirituelle Aspekte selbstverständlich Ursachen und Heilmittel für Gesundheitsprobleme bilden. Der Ablehnung, die sich aus dem dadurch verzerrten europäischen Blick auf Krankheitserklärungen wie Verhexung und Geistbesessenheit ergeben hat, begegnen afrikanische Christen in immer größerer Zahl mit meist ekstatischen Heilungsgottesdiensten der unabhängigen »zionistischen« Kirchen und Pfingstkirchen, in denen die weiter bestehenden Bedürfnisse und Vorstellungen von Heilung besser berücksichtigt sind als in den mit Europa verbundenen Großkirchen. Auf diese, auch in Industrienationen wieder zunehmend verbreitete Nachfrage nach »spiritueller Heilung« haben weder europäische Kirchen noch naturwissenschaftlich basierte Medizin bisher eine einheitliche und überzeugende Antwort gefunden.

Grenzen der Selbstbestimmung am Lebensende: Die Patientenverfügung als Patentlösung?

Bauer, Axel W.

Der »natürliche« Tod ist in den westlichen Industrieländern schlecht beleumundet, da er sich als Hemmnis gegen Leistung und Konsum erweist. Zudem sind lebenserhaltende Therapien bei Patienten mit infauster Prognose häufig sehr teuer und werden als »sinnlos « eingestuft. Utilitaristische, scheinbar objektive Maße für subjektive Lebensqualität (QALY’s) verdecken jedoch die Tatsache, dass sie immer nur genau diejenigen Parameter widerspiegeln, die bei ihrer Formulierung berücksichtigt wurden. Aus einer zum Teil durch die Medien verstärkten Furcht vor einem Leben im Pflegeheim heraus werden derzeit von Ethikern und Juristen antizipierende Formen der »Selbstbestimmung« am Lebensende propagiert. Neben grundsätzlichen Überlegungen des damaligen Nationalen Ethikrates aus dem Jahre 2005 liegen dem Deutschen Bundestag mittlerweile drei unterschiedliche Gesetzentwürfe zur Patientenverfügung vor, deren Ziele und Schwachstellen diskutiert werden. Anhand eines Beispiels aus der klinischen Ethikberatung wird dargestellt, wie verhängnisvoll sich bereits heute die Kombination von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht dann auswirken kann, wenn statt der vorgeblichen Autonomie des Patienten die Willkür des Bevollmächtigten unkontrolliert zum Zuge kommt. Der Beitrag stellt das Konzept des »selbst bestimmten« Sterbens prinzipiell in Frage.

Bedeutung der Verantwortungsethik von Bonhoeffer und Lévinas für die moderne Medizin

Keller, Frieder • Abendroth, Marion • Allert, Gebhard • Winkler, Ulrike • Sponholz, Gerlinde

1. Hintergrund Der Paternalismus war seit fast 3’000 Jahren die bestimmende Maxime in der Arzt-Patient-Beziehung. Er verstand sich wie das Priestertum von selbst ohne durch große Namen begründet zu sein. Heute ist der Paternalismus ins Zwielicht geraten. Er wird von Philosophen, Juristen und Patienten als nachronistisches Arztethos abgelehnt.

Der heilende Arzt in Bachs Kantate »Was Gott tut, das ist wohlgetan« – Pastoraltheologische Reflexionen zu einem alten Christustitel

Hastetter, Michaela Christine

Christus medicus ist einer der uralten Christustitel, der sich wie ein roter Faden durch die Bibliothek der Kirchenväter zieht und auch in die darstellende Kunst Eingang gefunden hat. Kaum beachtet hingegen ist die Tatsache, dass das Christus-medicus-Motiv aus Ex 15,26 auch in der Musik eine wichtige Rolle spielt.

Johannes Brantl, Entscheidung durch Unterscheidung. Existentialethik als inneres Moment einer medizinischen Ethik in christlicher Perspektive, Münster (Lit) 2007 (Studien der Moraltheologie; Bd. 37; zugl.: Passau, Univ.-Habilschrift, 2007), 312 Seiten.

Baltes, Dominik

Bereits im Jahre 1986 hat Wolfgang Wieland in einem weitsichtigen und vielbeachteten Aufsatz auf einen Strukturwandel innerhalb der modernen Medizin hingewiesen und ihn mit den Begriffen Anonymisierung, Juridifizierung und Probabilisierung konkretisiert. Brantl übernimmt – freilich ohne auf den Aufsatz Wielands Bezug zu nehmen – den Begriff des Strukturwandels und macht seinerseits als dessen Elemente erweiterte Handlungsmöglichkeiten, Technisierung, Objektivierung, Ökonomisierung, Verrechtlichung sowie ein modifiziertes Arzt-Patienten-Verhältnis aus.

DARIUSCH ATIGHETCHI, Islamic Bioethics. Problems and Perspectives, Berlin (Springer Netherlands) 2006 (International Library of Ethics, Law, and the New Medicine; vol. 31), 375 Seiten.

Karakus, Attila

Bioethik und Islam – zwei Themen, denen in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit zuteil wurde. Während jedoch das Thema »Bioethik « bereits seit mindestens drei Jahrzehnten die Philosophie, aber auch die Politik und die Gesellschaft insgesamt beschäftigt (etwa bei der Stammzellendebatte), erlebt der Islam und die mit ihm assoziierten Gegenstände in den westlichen Ländern, insbesondere in Politik, den Medien und Wissenschaften, mindestens seit September 2001 eine ungeahnte Beachtung.

GIOVANNI MAIO/JENS CLAUSEN/OLIVER MÜLLER (Hrsg.), Mensch ohne Maß? Reichweite und Grenzen anthropologischer Argumente in der biomedizinischen Ethik, Freiburg i. Br./München (Alber) 2008 (Angewandte Ethik; Bd. 6), 436 Seiten.

Buch, Alois Joh.

In diesem Band, der Beiträge von 21 Autoren vereint, geht es Hrsgg. zufolge vor allem um die Frage, »ob und inwiefern anthropologische Argumente für die aktuelle bioethische Debatte fruchtbar gemacht werden können«. Diese inhaltliche Konzentration zielt auch auf eine ethische Annäherung an das Problem, das ›Maß des Menschen‹ im Kontext biotechnischen Handelns ggf. im Hinblick auf »gültige Maßstäbe des Menschseins« (9) grundsätzlicher zu bestimmen.

FLORIAN STEGER, Das Erbe des Hippokrates. Medizinethische Konflikte und ihre Wurzeln, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2008, 140 Seiten

Leven, Karl-Heinz

Dass Fragen der medizinischen Ethik einer historischen Kontextualisierung bedürfen, ist Kernthese des Buches von Florian Steger (St.) – und darin wird man ihm gerne zustimmen. Aktuelle Konfliktfelder der Medizin wie Probleme am Lebensanfang und am Lebensende, Fragen der Arzt-Patient-Beziehung, ärztliches Selbstverständnis in der pluralistischen Gesellschaft sind nur erklärbar vor dem zeithistorischen Hintergrund. Ob kasuistisch oder normativ, ethische Begründungen sind immer auch historisch geprägt. Wie der Autor zu Recht moniert, werden diese selbstverständlichen Voraussetzungen in mancher ethischen Debatte der Gegenwart übersehen. St. seinerseits hat allerdings nicht den Anspruch, »medizinethische Konflikte und ihre Wurzeln«, so der Untertitel seines Buches, zeithistorisch einzuordnen. Vielmehr plädiert er mit einer heute selten gewordenen Vehemenz dafür, antike Stimmen zur medizinischen Ethik sprechen zu lassen.

DOMINIK GROSS/CHRISTIANE NEUSCHAEFERRUBE/JAN STEINMETZER (Hrsg.), Transsexualität und Intersexualität. Medizinische, ethische, soziale und juristische Aspekte, Berlin (Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft) 2008 (Schriftenreihe Humandiskurs – Medizinische Herausforderungen in Geschichte und Gegenwart), 220 Seiten.

Woellert, Katharina

Der vorliegende Sammelband ist ein gelungenes Übersichtswerk in der noch immer vergleichsweise dünnen deutschen Publikationslandschaft zum Thema Transsexualität. Der Untertitel – medizinische, ethische, soziale und juristische Aspekte – steckt den interdisziplinären Rahmen ab, innerhalb dessen diese Aufsatzsammlung entstanden ist. Das Buch ist im Wesentlichen das Ergebnis einer interdisziplinären Tagung zu diesem Thema, die im Mai 2007 im Universitätsklinikum Aachen stattfand und die ein Bestandteil des an der RWTH angesiedelten START-Projektes zu »medizinethischen Aspekten in der Behandlung von Transsexualität« war. Das Ziel der Projektes, der Tagung und somit auch des vorliegenden Buches besteht darin, einen »fächerübergreifenden Dialog« (V) verschiedener Experten vor allem zur Trans-, aber auch zur Intersexualität herzustellen, um so die damit verbundenen Konfliktfelder sowie die Unterschiede und die Schnittmengen beider Phänomene herauszuarbeiten. Auch die Zusammensetzung des Herausgeberteams spiegelt den interdisziplinären Anspruch wider.

Nicolas PETHES/Silke SCHICKTANZ, Sexualität als Experiment. Identität, Lust und Reproduktion zwischen Science und Fiction, Frankfurt a. M./New York (Campus) 2008, 417 Seiten.

Knauss, Stefanie

Es gehört schon fast zu den Genre-Konventionen einer Sammelband-Rezension, die inhaltliche und qualitative Uneinheitlichkeit des Bandes festzustellen. Dies bleibt mir in diesem Fall erspart: Es ist ein ausgesprochen homogener Band, sowohl von der Qualität der Beiträge her, als auch von den inhaltlichen Verknüpfungen zwischen den einzelnen Artikeln und ihren zwar jeweils spezifischen, aber doch sich in ein Ganzes einfügenden Themen. Die inhaltliche Klammer ist im Titel bereits angesprochen: Einerseits das Verständnis von Sexualität als Experiment, andererseits die Auffächerung des Themas in seinen drei semantischen Varianten: (Geschlechts-)Identität, Lust (Sex) und Reproduktion (mit oder ohne die Hilfe der Sexualität).

LUKAS OHLY, Der gentechnische Mensch von morgen und die Skrupel von heute. Menschliche Leibkonstitution und Selbstwerdung in den prinzipiellen Einwänden an Keimbahntherapie und reproduktivem Klonen, Stuttgart (Kohlhammer) 2008 (Forum Systematik; Bd. 33) 269 Seiten.

Honecker, Martin

Die Habilitationsschrift von Ohly im Fach Systematische Theologie am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Frankfurt ist keine ethische oder gar bioethische Abhandlung. Die Themen Keimbahntherapie und reproduktives Klonen, mit denen die Arbeit einsetzt, sind vielmehr bloß der Ausgangspunkt, der »Aufhänger« für prinzipielle Überlegungen zur Anthropologie. Es ist dies also eine religionsphilosophische und fundamentaltheologische Studie. Der Gegenstand sind die durchweg in Großbuchstaben geschriebenen »prinzipiellen Einwände«. Ohly lehnt Keimbahntherapie und reproduktives Klonen kategorisch ab. Diese Ablehnung will er prinzipiell begründen, da er pragmatische Kritik und utilitaristische Überlegungen von vornherein für unzureichend hält. Das Argument, beide Verfahren seien derzeit noch nicht möglich, ist nach ihm unzureichend. Daher nimmt er auch keine Prognose vor und keine Szenarien einer vorausschauenden Technologiefolgeabschätzung. Es geht ihm allein um das Grundsätzliche. Der Titel »der gentechnische Mensch von morgen und die Skrupel von heute« mit der Gegenüberstellung von morgen und heute könnte jedoch ein ganz anderes Vorgehen und andere Überlegungen nahe legen, nämlich Möglichkeiten und Grenzen von Prognostik, sowie Technologiefolgeabschätzung und Kulturwandel zu erörtern.