Selbstbestimmung am Ende des Lebens

Ausgabe: 4/2009

55. Jahrgang

Jahrgang: 2009

Inhalt: Ausgabe

Jahresinhaltsverzeichnis 2009

Hier finden Sie das Jahresinhaltsverzeichnis der ZfmE 2009

Welche Art von Selbstbestimmung für sterbenskranke Patienten? Eine vergleichende Studie in Frankreich und Deutschland

Horn, Ruth

Häufig beziehen sich Gegner und Befürworter des Rechts eines Kranken, den Zeitpunkt seines Todes mit Hilfe eines Arztes selbst zu bestimmen, auf die Erfahrungen der Länder, welche unter bestimmten Umständen von einer Strafverfolgung in solchen Fällen absehen. Geht man jedoch davon aus, dass der Forderung nach dem Tod nicht nur der reine Wunsch nach Selbstbestimmung, sondern nach allgemeiner Anerkennung der persönlichen Überzeugungen und Bedürfnisse zugrunde liegt, so ist es interessant, zwei Länder zu vergleichen, in denen jede ärztliche Handlung, welche darauf abzielt, Leben zu verkürzen, verboten ist, aber in denen Patientenautonomie unterschiedlich beachtet und verstanden wird. Bei einem solchen Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland können wir folgendes feststellen: Je mehr in einem Land auf die Wünsche und Bedürfnisse Schwerkranker eingegangen wird, desto weniger Forderungen nach dem »Recht zu Sterben« gibt es.

Suizid bei beginnender Demenz. Medizinische und ethische Fragen*

Hartmann, Julia • Förstl, Hans • Kurz, Alexander

In einer alternden Gesellschaft führen die steigende Lebenserwartung und der medizinische Fortschritt zu einer Häufung von chronischen Krankheiten und Behinderungen im letzten Lebensabschnitt. Aus diesem Grund gewinnt die Möglichkeit des Suizids an Aktualität und stößt auf ein erhöhtes öffentliches Interesse.

Der Wert der Fragilität. Überlegungen zum Stellenwert von Kontingenzargumenten im Rahmen der Enhancementdebatte

Baltes, Dominik

Der Themenkomplex der Verbesserung der Natur des Menschen nimmt im gegenwärtigen bioethischen Diskurs einen breiten Raum ein. Drückt sich im Streben nach Verbesserung des Bestehenden, nach Beherrschung des Zufälligen eine grundsätzliche Fähigkeit und ein Wesensmerkmal des Menschen aus, so sind Grenzverläufe für die Zulässigkeit derartiger Eingriffe strittig.

Suizidbeihilfe in der Schweiz

Münk, Hans J.

»Bei der Suizidbeihilfe haben wir in der Schweiz weltweit die largesten rechtlichen Regelungen «, meinte der scheidende Präsident der (Schweizerischen) Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin in einem Interview vom Januar 2009. In der Tat dürfte die eher ungewöhnliche Rechtslage eine entscheidende Rolle dabei spielen, dass hierzulande die Suizidbeihilfe in der öffentlichen Sterbehilfe-Diskussion eine auffallendere Rolle spielt als z.B. die Strafbefreiung der aktiv-direkten Sterbehilfe (»Tötung auf Verlangen«).

Euthanasie und assistierter Selbstmord. Die Situation in Frankreich

Lehmkühler, Karsten

Aufsehen erregende Fälle in der öffentlichen Diskussion. Nicht nur die öffentliche Debatte, sondern auch Initiativen zur Gesetzgebung werden in Frankreich sehr stark von spektakulären Einzelfällen bestimmt, die in den verschiedensten Medien eingehend geschildert und auf medizinischer, soziologischer und philosophischer Ebene kontrovers diskutiert werden. Seit dem Jahr 2000 erregten zwei Schicksale besondere Aufmerksamkeit: die Fälle »Humbert« und »Sébire«.

Assistierter Suizid in den Niederlanden

Werner, Micha H.

Die aktuelle Debatte über die Bewertung der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung mag Anlass geben, einen vergleichenden Blick auf Regelungen in anderen Ländern zu werfen. Angesichts der Sonderrolle der Niederlande bezüglich aktiver Sterbehilfe mag die Situation in diesem Land auf besonderes Interesse stoßen.

Das Ende des Lebens in den Händen des Gesetzes. Zur Situation in Luxemburg

Gillen, Erny

Der vorliegende Beitrag beschreibt und analysiert die aktuelle Rechtslage im Großherzogtum Luxemburg hinsichtlich der jüngst geschaffenen medizinischen Gestaltungsoptionen am Lebensende eines Menschen. Die Diskussionen, wie sie im gesellschaftlichen und politischen Vorfeld geführt wurden, sind nicht Gegenstand des Artikels.

Assistierter Suizid in Belgien

Schotsmans, Paul

Belgien und die Niederlande waren die ersten Staaten der Welt, in denen die Sterbehilfe legalisiert wurde. Am 23. September 2002 trat das belgische Gesetz über Sterbehilfe in Kraft. Dieses machte Belgien zur zweiten Nation nach den Niederlanden, die ein Sterbehilfegesetz besitzt.

PEG-Sonde und Patientenwille

Schönhof, Bärbel

VIGNETTE Die 95-jährige Frau B. ist seit Jahren schwerkrank und wird in einem Pflegeheim versorgt. Sie leidet unter einer senilen Demenz, ist bettlägerig in Fötusstellung und in einem schlechten Allgemeinzustand. Sie wird seit Jahren über eine PEG künstlich ernährt. Eine Verständigung mit ihr ist seit zwei Jahren nicht mehr möglich.

Medizinischer Kommentar zum Fallbericht

Borasio, Gian Domenico

Dieser Fallbericht stellt eine in der medizinischen Praxis häufige Problematik dar, nämlich die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Ernährungssonden (meistens so genannte perkutane Entero-Gastrostomien, auch als PEG-Sonden bekannt) bei Patienten mit fortgeschrittenen Demenz-Erkrankungen. Um dieser Problematik gerecht zu werden, ist es zunächst notwendig, das Verhältnis von medizinischer Indikation und Patientenwillen zu beleuchten.

Seelsorglich-Ethischer Kommentar zum Fallbericht

Roser, Traugott

Frau B. ist seit Jahren Bewohnerin eines Pflegeheims. Während ihres Aufenthalts ist ihre Demenzerkrankung fortgeschritten und ihr Allgemeinzustand hat sich verschlechtert, so dass Frau B. seit Jahren als schwer krank gilt. Schluckstörungen (seit 2003) ließen das Legen einer PEG als »vorübergehende« medizinische Maßnahme indiziert erscheinen.

Juristischer Kommentar zum Fallbericht

Schönhof, Bärbel

Das im Grundgesetz verankerte Selbstbestimmungsrecht beinhaltet das Recht, sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten zu können, auch wenn diese mit den Vorstellungen der Gesellschaft nicht übereinstimmen.

Geistliche Aspekte des Hilfeverhaltens Jesu am Beispiel der Heilung eines Behinderten im Hilfezentrum »Betesda« zu Jerusalem (Joh 5,1–18)1

Pompey, Heinrich

1 Einige Zeit später war ein Fest der Juden, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf hebräisch Betesda. 3 In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte.
4 […]
5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war.
6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein.
8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und geh!
9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat.
10 Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Bahre nicht tragen.
11 Er erwiderte: Der Mann, der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Bahre und geh!
12 Sie fragten ihn: Wer ist das denn, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Bahre und geh?
13 Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil sich dort eine große Menschenmenge angesammelt hatte.
14 Später traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt.
15 Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte.
16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte.
17 Jesus aber entgegnete ihnen: Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk.
18 Darum waren die Juden noch mehr darauf aus, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich damit Gott gleichstellte.

Weiher, Erhard, Das Geheimnis des Lebens berühren. Spiritualität bei Krankheit, Sterben, Tod. Eine Grammatik für Helfende, Stuttgart (Kohlhammer) 2008, 357 Seiten

Meier-Gerlich, Georg

Spiritualität ist eine »elementare Dimension des Menschseins«. Dieses Bekenntnis des Autors lässt sich in unterschiedlichen Variationen auf nahezu jeder Seite des Buches lesen. Als langjähriger Krankenhausseelsorger weiß Erhard Weiher, dass jeder, der einen Menschen in Krankheit und Sterben begleiten will, diese Dimension erschließen muss: »Das ist Sinn und Ziel von spiritueller Begleitung: Es geht darum, den Menschen diesseits und jenseits der Grenze des Machbaren mit dem Geheimnis von Leben und Sterben in Berührung zu bringen und so das Leben von seinem Geheimnis her verstehen zu lernen.«

George Augustin/Johannes Reiter/Markus Schulze (Hrsg.), Christliches Ethos und Lebenskultur, Paderborn (Bonifatius Verlag) 2009 (FS Heribert Niederschlag), 675 Seiten

Buch, Alois Joh.

Die Beiträge dieses Bandes wollen Hrsgg. zufolge »ermutigen, sich kompetent mit den ethischen Fragen der Zeit auseinander zu setzen und so zu einer eigenen Gewissensentscheidung zu kommen.« Hierbei soll ausdrücklich ein christlich gegründetes Ethos als Orientierungshilfe und Handlungsmotivation in den komplexen Gestaltungsbereichen einer als weithin »postchristlich« qualifizierten Lebenskultur angeboten werden.

Bettina Schöne-Seifert/Davinia Talbot/Uwe Opolka/Johann S. Ach (Hrsg.), Neuro-Enhancement. Ethik vor neuen Herausforderungen, Paderborn (mentis Verlag) 2009, 367 Seiten

Fuchs,Michael

Der Erkenntniszuwachs in den Neurowissenschaften hat eine Vielzahl von Ansätzen zum Verständnis und zur Behandlungsmöglichkeit von Erscheinungen wie pathologischem Gedächtnisschwund, krankhaften Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen oder Schlafsucht eröffnet. Von den pharmakologischen und nicht-pharmakologischen Eingriffen, die hier Abhilfe oder Besserung versprechen, könnten auch gezielte Wirkungen bei Gesunden ausgehen. Solche nichttherapeutischen Maßnahmen, die geistige Fähigkeiten oder psychische Befindlichkeiten berühren, werden als Neuro-Enhancement bezeichnet. Unter den nichttherapeutischen Verbesserungsabsichten kommt ihnen wegen der Bedeutung von Intellekt und Psyche für den Menschen eine herausgehobene Rolle zu. Ihnen widmen sich auch die vierzehn Beiträge, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Münster nun herausgegeben haben. Entstehungshintergrund waren die durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Klausurwochen, die das Münsteraner Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin unter Leitung von Bettina Schöne-Seifert zusammen mit dem Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst im Herbst 2005 durchgeführt hat.

Bernward Gesang, Perfektionierung des Menschen, Berlin (Walter de Gruyter) 2007, 176 Seiten

Eichinger, Tobias

Ein Thema, das die bio- und medizinethische Debatte der vergangenen Jahren wie kein zweites prägt, ist die Verbesserung des Menschen. Mit dem Begriff des »Enhancement« (wörtl. Erweiterung, Steigerung) wird in der Auseinandersetzung um die Grenzen des ärztlichen (Be-) Handlungsbereiches jenes Spektrum medizinischer Maßnahmen bezeichnet, das weniger in kurativer Absicht kranken Patienten helfen soll, als vielmehr unzufriedenen oder neugierigen Gesunden Optionen der Selbstverwirklichung in Aussicht stellt.

Andreas Frewer/Uwe Fahr/Wolfgang Rascher (Hrsg.), Klinische Ethikkomitees. Chancen, Risiken und Nebenwirkungen, Würzburg (Königshausen und Neumann) 2008 (Jahrbuch Ethik in der Klink; Bd. 1), 267 Seiten

Simon, Alfred

Mit den Fortschritten und Möglichkeiten der modernen Medizin wächst auch der Bedarf an ethischer Orientierung. Während Ethikkommissionen im Bereich der medizinischen Forschung am Menschen bereits unverzichtbarer Standard sind, finden Klinische Ethikkomitees und andere Formen der Beratung bei ethischen Fragen und Konflikten in der alltäglichen Patientenversorgung in Deutschland erst nach und nach Verbreitung.

Walter Bruchhausen/Heinz Schott, Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Göttingen (Vandenhoeck und Ruprecht) 2008, 265 Seiten

Clausen, Jens

Mit der Änderung der Approbationsordnung im Jahre 2002 wurden Reflexionswissenschaften der Medizin in einem Querschnittsbereich »Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin« zusammengefasst und als Pflichtfach in die Ausbildung der Medizinstudierenden integriert.