Verantwortliches Entscheiden in der Medizin

Ausgabe: 3/2010

56. Jahrgang

Jahrgang: 2010

Inhalt: Ausgabe

Human sterben – wie geht das? Ein Gestaltungskonzept wider das Töten am Lebensende

Schmitt, Hanspeter

Die seit Jahren vielerorts geführten Debatten über Wege und Grundlagen humanen Sterbens sind gesellschaftlich und kulturell notwendig, drohen aber, sich auf die Frage der rechtlichen wie moralischen Erlaubtheit möglicher Tötungshandlungen am Lebensende zu versteifen. Demgegenüber ist es von Bedeutung, die Gestaltbarkeit des Sterbens im Sinne einer sozial verlässlichen, menschlich kompetenten, zugleich umfassenden Begleitung und Formung des Sterbeprozesses zu betonen. Dabei kommen die hierfür unabdingbaren pflegerischen, kommunikativen, existentiellen, institutionellen, evaluativen, medialen und normativen Aspekte konsequent und aufeinander abgestimmt zur Sprache. Hermeneutische Voraussetzung eines solchen, auch christlich favorisierten bzw. mitgetragenen Gestaltungskonzeptes ist eine Anthropologie, die dem Sterben jedes Menschen – trotz des Charakters radikaler Zumutung – Sinn und unverlierbare Würde zutraut, sofern die darin sich zeigende Verwiesenheit solidarisch und schöpferisch aufgenommen wird.

Diagnose Altern? Zu den ethischen Grenzen der Anti-Aging-Medizin

Bozzaro, Claudia • Eichinger, Tobias • Mark Schweda, Mark

Der Auseinandersetzung um die Anti-Aging-Medizin kommt paradigmatische Bedeutung zu. Sie verweist auf die grundsätzliche Frage nach den ethischen Grenzen medizinischer Praxis angesichts individueller Wünsche und gesamtgesellschaftlicher Nachfrage. In diesem Aufsatz werden ausgehend von den traditionellen Zielen der Medizin exemplarisch drei zentrale Gesichtspunkte erörtert, die eine entsprechende Grenzziehung zu berücksichtigen hat: (a) der Krankheitsbegriff und Heilungsauftrag der Medizin, (b) der Begriff des Leidens als Legitimationsgrundlage medizinischer Behandlung sowie (c) die gerechte Verteilung medizinischer Ressourcen im Rahmen eines öffentlichen Gesundheitswesens. Vor diesem Hintergrund wird abschließend die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Verständigung über die individuelle und gesellschaftliche Bedeutung des Alterns für die ethische Bewertung der Anti-Aging-Medizin aufgezeigt.

Biochemische und chirurgische Eingriffe ins Gehirn Von der Therapie zur Manipulation und Optimierung?

Eibach, Ulrich

Die neuen Möglichkeiten zur Optimierung der Gehirnleistungen stellen einen entscheidenden Schritt auf dem Weg des Menschen dar, sich immer mehr in seiner seelischgeistigen Natur selbst nach seinen Wünschen zu gestalten. Wenn das Leben des Menschen als sein Besitz betrachtet wird, über den er nach seinem Ermessen frei verfügen darf, so können letztlich keine grundsätzlichen Einwände gegen eine Optimierung von Leistungen des Gehirns durch biochemische oder chirurgische Eingriffe geltend gemacht werden. Wenn sich die Medizin in diese Bestrebungen einspannen lässt, wird damit die Krise der Ziele der Medizin ganz offensichtlich, die immer mehr zur »Wunsch erfüllenden Medizin« wird und die sich nicht mehr eindeutig auf ihren Auftrag, Krankheiten zu heilen und Leiden zu lindern, begrenzt. Es gibt gute ethische Gründe, die gegen eine Erlaubnis von biochemischen und chirurgischen Eingriffen ins Gehirn zum Zweck der Optimierung von Gehirnleistungen sprechen, und die es geboten sein lassen, Eingriffe ins Gehirn zu begrenzen

Eine AG Ethik der DDR als erste zentrale deutsche Ethikkommission Zum Umgang mit ethischen Fragen bei der Forschung am Menschen in der DDR

Bettin, Hartmut

Dieser Beitrag stellt die Aktivitäten und Argumentationen der DDR zur Lösung ethischer Fragen im Bereich der Forschung am Menschen in den 1980er Jahren vor. Mit der Arbeitsgruppe »Ethik in der medizinischen Forschung« entstand die erste zentrale deutsche Ethikkommission. Die Tätigkeit der AG Ethik und ihre Empfehlungen waren nicht allein zur prinzipiellen Orientierung hinsichtlich der Planung und Kontrolle von Forschungsvorhaben oder zur grundsätzlichen Klärung der Möglichkeiten, Grenzen und Verfahren biomedizinischer Forschung gedacht, sondern auch als Kriterien für die Mittelvergabe, die Publikation von Forschungsergebnissen sowie die Planung und Zulassung von Vortragsreisen. Die damalige Herangehensweise an ethische Fragestellungen im Korsett sozialistischer Gesellschaftsstrukturen offenbart Grenzen und Schwächen, aber auch Möglichkeiten zentral regulierter Ethikkommissionen mit sozialethischer Ausrichtung

Zum Verhältnis von Krankheitsbegriff, Normativität und Anthropologie in der daseinsanalytischen Psychiatrie und Psychotherapie

Töpfer, Frank

Die Diskussion um einen allgemeinen Krankheitsbegriff thematisiert u. a. dessen mögliche normative Implikationen. In der Daseinsanalyse, einer psychiatrischen und psychotherapeutischen Richtung, die sich anthropologischen Einsichten Heideggers anschließt, hat die Normativität des Krankheitsbegriffs zentrale Bedeutung: Psychisches Kranksein wird verstanden als Normverfehlung. Diese soll – so der Anspruch – nicht von einem objektivierenden Außenstandpunkt, sondern nach immanenten Maßstäben des individuellen Daseins festgestellt werden. Gehen hierin die beiden Hauptvertreter der Daseinsanalyse, Ludwig Binswanger und Medard Boss, einig, weisen ihre Konzeptionen auch Unterschiede auf: Hält Binswanger mit Heideggers Sein und Zeit am Verständnis des Menschen als Selbstverhältnis fest, wird der Mensch bei Boss, orientiert am späteren Heidegger, entsubjektiviert. Das hat Folgen für den Anspruch, menschliches Dasein mit dem Krankheitsbegriff nicht einer äußerlichen Norm zu unterwerfen: Die anthropologischen Bedingungen seiner Erfüllung lassen sich mit der quasi-naturalistischen Ent-Subjektivierung nicht einlösen. Das hat Konsequenzen auch ethischer Art.

KATHOLISCHE ÄRZTEARBEIT DEUTSCHLANDS. 23. Weltkongress der FIAMC vom 6. bis 9. Mai 2010 in Lourdes

Gussone, Georg

Der 23. Weltkongress der FIAMC stand unter dem Motto: »Unser Glaube als Ärzte«. 631 Ärztinnen und Ärzte aus allen Kontinenten nahmen daran teil. Aus Deutschland waren zehn Kolleginnen und Kollegen und eine Begleitperson angereist. Wie aus der Vorankündigung des Kongresses bereits hervorging, sollte dieser Kongress neben einer religiösen Rückbesinnung ärztlichen Handelns gleichzeitig eine Pilgerreise katholischer Ärztinnen und Ärzte nach Lourdes darstellen.

Matthias Kettner (Hrsg.), Wunscherfüllende Medizin. Ärztliche Behandlung im Dienst von Selbstverwirklichung und Lebensplanung, Frankfurt a. M./New York (Campus) 2009 (Kultur der Medizin; Bd. 27), 338 Seiten

Müller, Oliver

Die Aufgabe der Medizin scheint schlicht die professionelle, therapeutische Hilfe für kranke Menschen zu sein, die in der Integration von aktuellem naturwissenschaftlichem Fachwissen und Erfahrung aus der Praxis besteht. Doch abgesehen davon, dass diese Idylle des in medizinischen Entscheidungen von ökonomischen Interessen unabhängigen Arztes erst mit der Demokratisierung der Krankenversorgung durch die Krankenkassen zu einem breiten gesellschaftlichen Konsens werden konnte, hat sich dies in den letzten Jahren fundamental geändert: Medizintechnologien erscheinen nicht mehr nur im Lichte bestmöglicher Therapien, sondern sie werden zu Anthropotechniken, mittels derer Menschen ihr Leben gestalten können. Dass infolgedessen immer häufiger vom »Kunden« statt vom »Patienten« geredet wird, erlaubt es in der Tat, von einer Situation des »Umbruchs« (Giovanni Maio) in der Medizin zu reden.

Fred Salomon (Hrsg.), Praxisbuch Ethik in der Intensivmedizin, Berlin (MWV) 2009, 305 Seiten

Bleyer, Bernhard

Vor fast 20 Jahren legte der derzeitige Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum Lippe-Lemgo, Fred Salomon, ein Buch mit dem Titel »Leben und Sterben in der Intensivmedizin: Eine Herausforderung an die ärztliche Ethik« (1991) vor. Es war damals eine der wenigen Arbeiten, die für die Entscheidungsfindung im intensivmedizinischen Bereich ethische Instrumentarien einforderte. Der Autor argumentierte vor dem Hintergrund jener seltenen Doppelqualifikation eines Mediziners und evangelischen Theologen, die geradezu einfordert, das ethische Denken im klinischen Arbeitsablauf als integrativen Bestandteil zu implementieren. Er selbst hat nun auf das damalige Postulat reagiert und legt in der Verantwortung eines Herausgebers eine Beitragssammlung vor, die auf etwas mehr als 300 Seiten im besten Sinn beansprucht, ein Praxisbuch zu sein. 30 Autoren, darunter Biologen, Psychologen, Juristen, Mediziner und Philosophen, systematisieren in 24 Beiträgen Grundklärungen und spezielle Themenfelder der Ethik in der Intensivmedizin.

Matthias C. Schmidt, Griff nach dem Ich? Ethische Kriterien für die medizinische Intervention in das menschliche Gehirn, Berlin u. a. (de Gruyter) 2008 (Studien zu Wissenschaft und Ethik; Bd. 5; zugl. Bonn Univ., Diss., 2008), 364 Seiten

Baltes, Dominik

In jüngerer Zeit ist in einschlägigen Diskursen eine intensive Auseinandersetzung mit Fragestellungen der so genannten Neuroethik zu konstatieren. Die durch entsprechende Fortentwicklung von Verfahren insbesondere der bildgebenden Diagnostik möglich gewordenen Einblicke haben nicht zuletzt die Präzision von chirurgischen Interventionen am menschlichen Gehirn deutlich erhöht. So stellen heute – nach einer langen Phase der medizinischen Abstinenz – Verfahren der stereotaktischen Neurochirurgie wieder eine Behandlungsoption dar, die derzeit insbesondere, v. a. im Rahmen der tiefen Hirnstimulation (THS/DBS), bei bestimmten Patienten mit einem therapierefraktären Morbus Parkinson Anwendung finden. Verfahren der nicht-ablativen Psychochirurgie hingegen befinden sich in Deutschland lediglich in einer Erprobungsphase, nachdem vormals praktizierte ablative Verfahren mit Aufkommen der psychopharmakologischen Behandlung ab den 1950er Jahren faktisch kaum noch vorgenommen wurden. Hinzuweisen ist auch auf die sich etablierende Diskussion um den Themenkomplex der medizinisch nicht indizierten Verbesserung von Gehirnleistungen, dem so genannten Neuroenhancement.

Hans-Werner Ingensiep/Theda Rehbock (Hrsg.), «Die rechten Worte finden …«. Sprache und Sinn in Grenzsituationen des Lebens, Würzburg (Königshausen & Neumann) 2009, 358 Seiten

Buch, Alois Joh.

Dass Sprache, Kommunikation, Verständigung und Verstehen in komplexen Sozialbeziehungen und für damit verbundene Problemstellungen und Sachverhalte wesentliche Bedeutung zukommt, ist evident. Eine mithin nahe liegende, gewissermaßen unumgängliche Reflexion über Sprache speziell in (von K. Jaspers her eigentlich breiter verstandenen) ›Grenzsituationen‹ beziehen Hrsgg. insbesondere auf heutige, oft vornehmlich naturwissenschaftlich geprägte Medizin. Konkret etwa angesichts »einer eigentümlichen Sprachlosigkeit […] in der Beziehung zwischen Arzt und Patient«, aber auch mit Blick auf Kommunikationsprobleme im biound medizinethischen Expertengespräch sowie auf Sprachprobleme im öffentlichen Diskurs über medizinische Grenzsituationen. In ihnen spielen mehr oder minder bewusste und beachtete, oft jedoch weitreichende Implikationen eine nicht geringe Rolle: »Als selbstverständlicher Hintergrund der Verständigung kann und muss die anthropologische und ethische Dimension der Sprache und Medizin gewöhnlich nicht thematisiert werden, sie kann aber auch höchst kritikbedürftig sein«, weswegen nach Überzeugung der Hrsgg. »echte Interdisziplinarität « diesbezüglicher kritischer Betrachtung unabdingbar erscheint. Damit ist das leitende Interesse benannt, das auch das wissenschaftliche Projekt zur Erschließung ent sprechen der Sinnhorizonte von Grenzsituationen des Lebens prägte, dessen Konzept und Programmelemente diesem Band zugrunde liegen; ein besonderer thematischer Fokus ist das »Sprechen von, mit und über Patienten in komplexen Grenzsituationen.

Maximilian Gröne, »Maladie ès lettres« – Krankheitsdarstellungen bei Camus, Giono, Beauvoir, Cardinal und Guibert, Würzburg (Ergon) 2006 (Klassische Moderne; Bd. 5), 360 Seiten

von Engelhardt, Dietrich

Die Beziehungen zwischen Medizin und Literatur sind vielfältig und stehen in einer langen Tradition, die von der Antike bis in die Gegenwart reicht. Immer wieder wurde die Welt der Medizin in Romanen und Erzählungen, Gedichten und Dramen dargestellt und gedeutet. Acht Dimensionen verdienen aus medizinischer Sicht besondere Beachtung: