Molekulare Medizin

Ausgabe: 4/2010

56. Jahrgang

Jahrgang: 2010

Inhalt: Ausgabe

Was ist molekulare Medizin? Elemente einer Begriffsbestimmung

Heinemann, Thomas • Kipper, Jens • Rottländer,Kathrin • Sehestedt, Kathrin, Wienen, Birte

Die molekulare Medizin nimmt innerhalb der medizinisch orientierten Grundlagenwissenschaften und der klinischen Medizin eine wichtige und weiter zunehmende Rolle ein. Gleichwohl ist ihre Einordnung in die Wissenschaftslandschaft und ihr Verhältnis zur Humanmedizin nicht geklärt. Eine Untersuchung dieser Fragen besitzt auch unter der Perspektive einer ethischen Analyse und Bewertung der Handlungsziele und Ergebnisse der molekularen Medizin Bedeutung.

Überlegungen zur Theorie einer molekularen Medizin

Heinemann, Thomas

Die Frage nach der Integration der molekularen Medizin in die Verständnis- und Handlungskontexte der Humanmedizin wirft u. a. die Frage nach den erkenntnistheoretischen Grundlagen einer molekularen Medizin auf. Mit der molekularen Medizin werden häufig reduktionistische Verfahrensweisen, insbesondere im Sinne eines genetischen Determinismus, in Verbindung gebracht.

Molekulare Medizin und ärztliche Praxis

Rottländer, Kathrin

Die molekulare Medizin wird häufig als neues Paradigma der Medizin angesehen. Es wird die Frage untersucht, welche Auswirkungen einer molekularen Medizin auf die normativen Konzepte des ärztlichen Handelns zu erwarten sind. Für die ärztliche Praxis ist der Begriff der Krankheit konstitutiv und handlungsleitend. Zwei Charakteristika der molekularen Medizin, die hohe Prädiktivität ihrer Analyseergebnisse und die diagnostische und therapeutische Individualisierung, werden im Hinblick auf eine Veränderung des Krankheitsbegriffs diskutiert.

Molekulare Hirnforschung: Möglichkeiten, Grenzen und ethische Aspekte

Schmetz, Marie-Kathrin

Die molekulare Hirnforschung stellt gegenwärtig ein führendes Paradigma in den Neurowissenschaften dar. Für eine Analyse ethischer Fragen der molekularen Hirnforschung werden zunächst wichtige Methoden und Forschungsfelder sowie Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen der molekularen Hirnforschung dargestellt.

Biogerontologie und molekulare Medizin

Feeser-Lichterfeld, Ulrich

Innerhalb der Wissenschaftsdiziplinen, die sich mit dem komplexen Geschehen von Altwerden und Altsein befassen, gewinnt die biogerontologische Erforschung der biologischen Alterungsprozesse eine immer größere Bedeutung. Galt die Biologie des Alterns lange als unlösbares Rätsel, ermöglicht der Rückgriff auf molekularwissenschaftliche Methoden und Modelle eindrucksvolle Erkenntnisgewinne. Diese lassen neue Therapieansätze bei altersassoziierten Krankheiten erwarten. Zugleich erhalten solche Zielszenarien Aufwind, die das bislang als schicksalhaft gedeutete Altern des Menschen verlangsamen, anhalten oder gar umkehren wollen. Vor diesem Hintergrund rekonstruiert der Beitrag das Zueinander von Biogerontologie und molekularer Medizin und benennt den anthropologischen und ethischen Diskussionsbedarf. Molekularisierung und Medikalisierung von Alter und Altern dürften den Verständnishorizont für den individuell wie gesellschaftlich ohnehin nur mühsam zu erfassenden und zu formulierenden Sinn dieser Lebensphase bzw. dieses Lebensprozesses folgenschwer reduzieren.

Entwicklung einer somatischen Gentherapie für das Wiskott-Aldrich-Syndrom und klinische Erstanwendung als "Kontrollierter individueller Heilversuch"

Heinemann, Thomas • Klein, Christoph

Die Praxisorientierung einer molekularen Medizin stellt sich am deutlichsten im Handlungsfeld der Therapie dar. Als ein Paradigma molekularer Therapien kann die somatische Gentherapie bezeichnet werden. Charakteristisch für gentherapeutische Ansätze ist die gezielte Intervention auf der Ebene der Gene in therapeutischer Absicht.

Inhaltsverzeichnis des 56. Jahrgangs (2010)

Urban Wiesing/Georg Marckmann, Freiheit und Ethos des Arztes. Herausforderungen durch evidenzbasierte Medizin und Mittelknappheit, Freiburg i. Br. (Alber) 2009 (Lebenswissenschaften im Dialog; Bd. 8), 93 Seiten.

Höver, Gerhard

Die sog. »evidenzbasierte Medizin« wie auch die sich immer deutlicher zeigende Situation der Mittelknappheit im Gesundheitswesen stellen bei aller Unterschiedlichkeit in der Problemstellung Herausforderungen dar, welche nicht nur die Rahmenbedingungen des ärztlichen Handelns verändern, sondern auch den Charakter des ärztlichen Berufs tangieren, zumindest in einer solchen Weise, dass man sich erneut und vertieft der ethischen Grundlagen und der ärztlichen Deontologie zu vergewissern hat.

Christian Katzenmeier/Klaus Bergdolt (Hrsg.), Das Bild des Arztes im 21. Jahrhundert, Heidelberg (Springer) 2009 (Kölner Schriften zum Medizinrecht; Bd. 1), 194 Seiten.

Eichinger, Tobias

Im Zuge wirtschaftlicher Zwänge und umstrittener Ressourcenverteilung gerät die Stellung und Funktion des Arztes als Heiler und Helfer, der seinem Patienten uneingeschränkt zugewandt ist, zunehmend unter ökonomischen Druck. Gleichzeitig werden Mediziner mehr und mehr zu Adressaten individueller Präferenzen und Wünsche, die die persönliche Körper und Lebensgestaltung jenseits von therapeutischen Zielsetzungen betreffen.

Alex Voorhoeve, Conversations on Ethics, Oxford (Oxford University Press) 2009, 259 Seiten.

Bittner, Uta

Basieren unsere moralischen Einstellungen auf Emotionen, Intuitionen, oder doch einzig auf rational abgewogenen, reflektierten Urteilen? Sind Unterlassungen ethisch gleichwertig einzustufen wie aktiv ausgeführte Handlungen? Warum handeln wir überhaupt moralisch? Und nach welchen Kriterien entscheiden wir in Dilemma-Situationen, wenn scheinbar jede Antwort auf die Frage ›Was soll ich tun?‹ zu fatalen Auswirkungen führt? Der englischsprachige Band mit einer Sammlung von elf Interviews, die Alex Voorhoeve im Zeitraum von 2000 bis 2006 mit maßgeblichen Wissenschaftlern der Gegenwart geführt hat, widmet sich genau diesen ethischen Kernfragen. Dabei lässt Voorhoeve seine Gesprächspartner in ungewohnt direkter Frage-Antwort-Form zu Wort kommen, angelehnt an, wie er schreibt, die sokratischen Dialoge, um eine bessere Bindung mit dem Leserpublikum zu erzielen.

Sebastian Knell/Marcel Weber, Menschliches Leben, Berlin/New York (de Gruyter) 2009 (Grundthemen Philosophie) 221 Seiten.

Splett, Jörg

In der Einleitung: Leben und Tod des Menschen, blicken die Autoren (= K./W.) knapp auf die Antike zurück: Epikur (»im christlichen Mittelalter immer wieder stark verfemt« [2]), Platon, Aristoteles, um dann gleich (3) in die Neuzeit zu springen, zum Siegeszug der Idee na tura parendo vincitur. Bacon, Condorcet und Descartes werden genannt, in einem weiteren Absatz Kierkegaard und Heidegger; doch »in der analytisch geprägten Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden viele der klassischen Fragen […] neu gestellt« (4).

Markus Zimmermann-Acklin, Bioethik in theologischer Perspektive. Grundlagen, Methoden, Bereiche, 2. erw. Aufl. Freiburg i. Ue. (Academic Press Fribourg) u. Freiburg i. Br. (Verlag Herder) 2010 (Studien zur Theologischen Ethik; 126), 429 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Dieser Band präsentiert 23 Beiträge des Verfassers, die weitgehend ursprünglich anderweitig erschienen sind und nun überarbeitet und teilweise deutlich ergänzt in fokussierter inhaltlicher Zuordnung vorgelegt werden. Letztere bestimmt sich durch vier thematische Schwerpunkte: Grundlagen und Methoden theologischer Bioethik, Gesundheitsversorgung und Verteilungsgerechtigkeit, Entscheidungen am Lebensende sowie Bioethik im klinischen Alltag.

Eckhard Frick, Psychosomatische Anthropologie. Ein Lehr- und Arbeitsbuch für Unterricht und Studium. Unter Mitarbeit von Harald Gündel, Stuttgart (Kohlhammer) 2009, 237 Seiten.

Lutz, Ralf

Die Psychosomatische Anthropologie von Eckhard Frick verfolgt das zentrale Ziel, »implizite Anthropologien« (9) innerhalb der evidenzbasierten Medizin freizulegen und damit die vermeintlich »körperlose Seelenheilkunde« mit der vermeintlich »seelenlosen Körpermedizin« (10) wieder zu verbinden, um den Menschen in seiner »Ganzheit« in den Blick nehmen zu können.

Johannes Eurich, Gerechtigkeit für Menschen mit Behinderung. Ethische Reflexionen und sozialpolitische Perspektiven, Frankfurt a. M. (Campus) 2008, 480 Seiten.

Grüber, Katrin

Der Theologe Johannes Eurich fügt in seiner Habilitationsschrift »Gerechtigkeit für Menschen mit Behinderung«, die für die Veröffentlichung leicht überarbeitet wurde, Erkenntnisse und Diskursstränge verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen – der Ethik, Philosophie, Disability Studies und Theologie bzw. theologische Anthropologie – zusammen und verbindet diese mit sozialpolitischen Gegebenheiten und Forderungen.