Verantwortung in der Medizin

Ausgabe: 3/2011

57. Jahrgang

Jahrgang: 2011

Inhalt: Ausgabe

Public-Health-Praxis braucht Berufsethik. Plädoyer aus historischer Perspektive

Hien, Wolfgang

Die Frage nach einer Public-Health-Ethik stellt sich in dem Maße, wie in der gesundheitswissenschaftlichen Praxis Handlungsprobleme und Dilemmata auftreten. Anknüpfend an die Idee einer Bereichsethik wird im Folgenden für deren Erweiterung im Sinne einer Berufsethik plädiert. Dies geschieht aus einer historischen Perspektive, die an der Idee einer sozialen Medizin bzw. sozialen Hygiene anknüpft. Sozialethisch handelt es sich um eine Überwindung des Barmherzigkeits-Gedankens hin zu einer an sozialer Gerechtigkeit orientierten Handlungsmaxime, die auch dem »Schwachen« einen konsequenten Schutz angedeihen lässt. Dies wird illustriert am Beispiel der Auseinandersetzungen um eine Gewerbe hygiene Anfang des 20. Jahrhunderts. Der vorliegende Beitrag versucht zu zeigen, dass Public Health in der täglichen Praxis einer die Bereichsethik ergänzenden persönlichen Verantwortungsethik bedarf, welche sich die Sorge um den anderen Menschen und zugleich dessen Autonomie zur Richtschnur macht.

Stellenwert der Medizin- und Unternehmensethik im Leitbild eines Krankenhauses

Schmidt-Wilcke, Heinrich • Fischer, Fischer

Viele Institutionen und Unternehmen artikulieren ihr Selbstverständnis und die daraus resultierenden Handlungsrichtlinien für ihre Angestellten bzw. Mitarbeiter in Form eines Leitbildes. Dazu gehören inzwischen auch zahlreiche Krankenhäuser in unterschiedlicher Trägerschaft. Sowohl als karitative Institution als auch als Dienstleistungsunternehmen haben es die Krankenhäuser primär mit kranken und leidenden Menschen zu tun, woraus ein Geflecht unterschiedlicher moralischer Anforderungen entstanden ist.

Umgang mit Liminalität. Collagen von Eltern frühgeborener Kinder des Universitätsklinikums Köln

Steinhardt, Judith

Für Eltern zu früh geborener Kinder werden tradierte Orientierungsmuster während des Übergangs in die Elternschaft brüchig, sodass neue Verarbeitungs- und Bewältigungsformen gefunden werden müssen, um die Passage von der Frau zur Mutter und vom Mann zum Vater zu moderieren. Der vorliegende Artikel befasst sich mit Collagen, die von Eltern frühgeborener Kinder hergestellt und nach deren Entlassung an die neonatologische Intensivstation Köln übergeben wurden.

Der Tod der Konsulin Buddenbrook. Über das Sterben des eigenen Todes

Ewig, Santiago

Vor der Folie des Sterbens der Konsulin Buddenbrook in Thomas Manns gleichnamigem Roman stellt sich der Autor die Frage nach Verständnis und Umgang mit akut auftretenden Pneumonien heute. Die Beschäftigung mit dem Sterben in der Literatur zu einer Zeit, in der noch keine antibiotische Behandlung zur Verfügung stand, verdeutlicht Wandel ebenso wie Konstanten im Umgang mit Lungenentzündungen: die grundsätzlich hohe Letalität der Erkrankung, das meist höhere Lebensalter der Betroffenen, die immer noch prominente Todesursache.

Abschied von Ungeborenen. Erinnerung an einen Vorschlag

Splett, Jörg

Fast dreißig Jahre ist es her, dass mit einem Symposion in Bonn-Bad Godesberg und einer Großveranstaltung in Düsseldorf die Aktion »Wähle das Leben« gestartet wurde. Großes Echo hat sie damals schon nicht gefunden, ebenso wenig zwei Jahre später die deutlichen Worte etwa des Katholikentags-Präsidenten Hans Maier in München. Inzwischen scheint sich weithin Resignation ausgebreitet zu haben. Für die eigentlich anstehende Überprüfung und gebotene Revision der Abtreibungsregelung treten selbst die Kirchen nicht mehr ein. Und die Kritik entschiedener Gruppen an dem, was in den letzen Jahren aus der »Woche für das Leben« geworden

Der ärztlich assistierte Suizid. Freiheit zum Tode oder Unfreiheit zum Leben?

Hohendorf, Gerrit • Oduncu, Fuat S.

1. Die neuen Grundsätze zur Sterbebegleitung der Bundesärztekammer und die Änderung der Musterberufsordnung Im Juli 2010 veröffentlichte das Deutsche Ärzteblatt eine von der Bundesärztekammer in Auftrag gegebene Umfrage unter 527 Ärzten zur Frage der ärztlichen Suizidbeihilfe: 37 Prozent der Ärzte konnten sich eine Mitwirkung am Suizid eines Patienten vorstellen, wenn eine eindeutige hoffnungslose Prognose und ein hoher Leidensdruck vorliege, 30 Prozent plädierten für eine Legalisierung des ärztlich begleiteten Suizids, 61 Prozent der befragten Ärzte lehnten eine Suizidassistenz bzw. eine entsprechende gesetzliche Regelung ab.

Nikolaus Knoepffler/Julian Savulescu (Hrsg.), Der neue Mensch? Enhancement und Genetik, Freiburg (Karl Alber) 2009, 319 Seiten.

Bittner, Uta • Baltes, Dominik

Der Mensch strebt seit jeher nach der Optimierung seiner Fähig- und Fertigkeiten. Dabei ist ethisch zu klären, wo möglicherweise Grenzen eines Enhancement mittels pharmakologischer Subtanzen, technischer Implantate oder genetischer Interventionen liegen. Warum sollten wir nicht die Möglichkeiten nutzen, die uns aufgrund unserer Forschungsbemühungen zur Verfügung stehen?

Udo Benzenhöfer, Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2009, 224 Seiten

Leven, Karl-Heinz

»Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe« – so heißt es in den jüngst veröffentlichten »Grundsätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung « (Deutsches Ärzteblatt 108 [2011], C 278). Diese absichtsvoll vieldeutig formulierte Passage hat in der allgemeinen Publizistik ein starkes Echo gefunden, berührt sie doch eine wesentliche Frage ärztlichen Handelns am Lebensende innerhalb der Gesamtproblematik von Euthanasie und Sterbehilfe.

Dominik Gross/Julia Glahn/Brigitte Tag (Hrsg.), Die Leiche als Memento mori. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Tod und totem Körper, Frankfurt/New York (Campus Verlag) 2010 (Todesbilder Bd. 2), 264 Seiten

Splett, Jörg

Der Untertitel trifft das Gebotene, dem Haupttitel entspricht von elf Beiträgen nur der vorletzte, nicht einmal die gleich überschriebene thematische Einführung sagt etwas dazu. Sie setzt damit ein, »dass das Sterben grundsätzlich nicht aus der Ich-Perspektive erlebbar, sondern lediglich indirekt durch das Sterben Dritter wahrnehmbar« sei.

Josef Schuster (Hrsg.), Zur Bedeutung der Philosophie für die Theologische Ethik, Freiburg i. Ue./Freiburg i. Br. (Academic Press/Paulusverlag/Herder) 2010 (Studien zur theologischen Ethik; Bd. 128), 311 Seiten

Buch, Alois Joh.

Im Rahmen eines Kongresses unter gleicher Thematik im Jahr 2009 entstanden, werden in diesem Band insgesamt 19 Beiträge mit je eigener Zugangsweise vorgelegt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven der nach wie vor bedeutsamen »Frage nach der Anschlussfähigkeit philosophischer Ansätze für theologisches Denken generell wie für eine theologische Ethik« widmen.

Helmut Fink/Rainer Rosenzweig (Hrsg.), Künstliche Sinne, gedoptes Gehirn. Neurotechnik und Neuroethik, Paderborn (mentis) 2010, 293 Seiten

Clausen, Jens

»Künstliche Sinne, gedoptes Gehirn«, unter diesem plakativen Titel haben die Herausgeber elf Beträge unterschiedlicher disziplinärer Herkunft versammelt, um das neurotechnologische Enhancement zu besprechen. Der vorliegende Band geht auf eine populärwissenschaftliche Tagung in Nürnberg vom Oktober 2008 zurück.