Doping in der Sportmedizin

Ausgabe: 4/2011

57. Jahrgang

Jahrgang: 2011

Inhalt: Ausgabe

Citius, altius, fortius – Herausforderungen für Medizin und Gesellschaft

Bergdolt, Klaus

Die Devise der Olympischen Spiele der Neuzeit lässt sich auch auf die Dynamik der westlichen Welt übertragen, für die, begünstigt durch Globalisierung und digitale Vernetzung, Zeitknappheit zu einem Markenzeichen wurde. Für die individuelle Gesundheit, aber auch die Prosperität der Gesellschaft – man denke an den Zeitdruck von Ärzten – hat dies erhebliche Folgen. Beschleunigung und Entschleunigung standen seit der Antike in einer komplizierten Wechselbewegung. Warnungen vor Übertreibungen finden sich in vielen medizinischen und philosophischen Werken. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Allerdings dürfte sich in den nächsten Jahren ein reaktiver Trend zu Retardierung und Verlangsamung verstärken, der Spuren des Protests und der Verweigerung enthält.

Gibt es ein eigenes Ethos des Sports?

Herms, Eilert

In einer grundsätzlichen Denkbewegung reflektiert der Beitrag über die Frage, ob Sport, wie heute oftmals vermutet, ein eigenes Ethos besitzt. Dazu klärt der Autor zunächst die zugrunde liegenden Begriffe – Ethik, Ethos und Sport. Er widerspricht dem Eindruck, Sport würde ein eigenes Ethos generieren und macht die These stark, dass Sport sich immer innerhalb eines umfassenden, nicht sportspezifischen Ethos bewegt. Innerhalb jedes umfassenden Ethos muss dann dem, was Sport genannt wird, eine unverwechselbare Leistung zugesprochen werden, der dann auch die Ethik zu entsprechen hat.

Doping, Sport und Menschenwürde

Brunn, Frank Martin

Doping ist im Wettkampfsport verboten. Die häufigsten Argumente gegen Doping lauten: Doping widerspricht der Natürlichkeit der sportlichen Leistung, Doping schädigt die Gesundheit und Doping verstößt gegen die Chancengleichheit. Während die These von der Natürlichkeit sportlicher Leistungen in sich fragwürdig und das Gesundheitsargument tendenziell paternalistisch aber dennoch nicht unberechtigt ist, ist das Argument der Chancengleichheit stichhaltig, denn Chancengleichheit ist eine Grundbedingung des sportlichen Wettkampfs. Um gegen Doping in allen Bereichen des Sports, auch im Freizeit- und Fitnessport, vorzugehen, bedarf es zusätzlich zu den vorhandenen Maßnahmen orientierender Leitbilder, die dem Gesundheitsargument Rechnung tragen. Der Olympische Sport hat sich 2007 der Menschenwürde verpflichtet. Die Achtung der Menschenwürde als Leitbild für den Sport umfasst gegenseitige Achtung und Selbstachtung. Selbstachtung lässt sich als geistig-leibliche Balance beschreiben und schließt daher Selbstschädigung aus.

Gendoping im Spitzensport – Zeichen eines neuen Menschenbildes?

Körner, Swen • Bittner, Uta

Gendoping gilt als zukunftsträchtige Form illegitimer Leistungssteigerung, das besonders im Spitzensport Anwendung finden könnte. Dem Beitrag liegt die These zugrunde, dass sich im Gendoping brennpunktartig fundamentale individuelle wie gesellschaftliche Einstellungen und Umgangsweisen mit biomedizinischen Enhancement-Techniken verdichten, wodurch insbesondere die anthropologische Frage nach Funktion und Ausgestaltung expliziter oder eher im Hintergrund wirksamer Menschenbilder zur Diskussion steht. Nach einem Überblick über die gegenwärtig erkennbaren Ansatzpunkte für gentechnologisches Enhancement im Spitzensport reflektieren die Autoren insbesondere die Ebene der Menschenbilder und Wertvorstellungen, die Spitzensport und Enhancement leiten. Sie kommen zu dem Schluss, dass Gentechnologie das Potenzial besitzen kann, die Ausrichtung des Menschen am Maßstab des Technischen zu verstärken. Spätestens durch das Gendoping werden Fragen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz aufgeworfen, die die Verantwortung des Sports übersteigen und nicht in Mechnismen von Verbot und Kontrolle aufgehen.

Dopingmissbrauch im Freizeit- und Breitensport. Anmerkungen aus rechtlicher Perspektive

Striegel, Heiko

Der Konsum von Dopingsubstanzen, insbesondere anaboler Steroide, stellt weltweit ein nicht zu unterschätzendes Problem des Freizeit- und Breitensports dar. Bislang gibt es in Deutschland lediglich für den Bereich des Fitness-Sports Daten zur Dopingprävalenz, zu Informations- und Bezugsquellen von Dopingsubstanzen sowie zum Zusammenhang zwischen dem Konsum von Dopingsubstanzen und anderen legalen und illegalen Drogen. Die weiteren Bereiche des deutschen Freizeitsports sind bisher kaum untersucht worden. Die Änderungen des Arzneimittelgesetzes (AMG) in den vergangenen Jahren haben aufgrund von Defiziten in der Strafverfolgung, sowohl auf der Ebene der Gesetzgebung, als auch in der praktischen Umsetzung selbst, kaum Wirkung entfalten können. Folglich ist es dringend notwendig, dass die Möglichkeiten der Strafverfolgung auf beiden Ebenen verbessert werden. Einen ersten Schritt stellt insoweit die Einrichtung von Schwerpunktstaatsanwaltschaften in Bayern dar. Darüber hinaus ist es sinnvoll und notwendig, präventive Anti-Dopingmaßnahmen nicht nur im Hochleistungssport, sondern auch im Freizeit- und Breitensport einzuleiten.

Wenn ein Dopingopfer die Wieder-Aneignung seiner Geschichte vollzieht. Am Beispiel Ines Geipel

Joisten, Karen

Texte, die den Lesenden von etwas überzeugen können, sind häufig ein gelungenes Zusammenspiel dessen, was mit den Grundworten ›Logos, Ethos und Pathos‹ überschriftartig angezeigt werden kann: sie bieten Argumente und Fakten, sie haben eine ethische Grundhaltung und Grundüberzeugung, sie appellieren an den Lesenden und können ihn emotional-intellektuell bewegen. So sprechen sie, anschaulich gesagt, Kopf, Herz und Hand an und verbinden Theorie und Praxis vor jeder abstrakten Trennung in einer originären Weise. Bricht man innerhalb des Zusammenspiels der Grundworte dieses oder jenes Grundwort heraus und verabsolutiert es, kann es leicht zu einer Schieflage kommen, die auf den Logos bezogen in ein formales Kalkül, auf das Ethos bezogen in eine Ideologie oder auf das Pathos bezogen in eine bloße Manipulation abrutschen kann.

Jens Clausen, Technik im Gehirn. Ethische, theoretische und historische Aspekte moderner Neurotechnologie, Köln (Deutscher Ärzte-Verlag) 2011, 147 Seiten

Christen, Markus

Die Entwicklung und Nutzung von Technologie ist ein zentrales Charakteristikum des Menschseins und die stetige Ausdifferenzierung unserer technischen Möglichkeiten ist das wohl augenfälligste Beispiel für Fortschritt. Nun klopft der homo faber am Gehirn an – an seinem eigenen Gehirn. Wie genau das derzeit geschieht und welche ethischen und anthropologischen Konsequenzen dies haben kann, ist Thema der Habilitationsschrift von Jens Clausen, die unter dem Titel »Technik im Gehirn« jüngst erschienen ist. Und um ein Fazit bereits vorwegzunehmen: Clausen gelingt eine ausgezeichnete Auslegeordnung der Themen und Fragen, die sich im Kontext der so genannten Neurotechnologien stellen.

Günter Rager (Hrsg.), Beginn, Personalität und Würde des Menschen, 3., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, München/Freiburg i. Br. (Alber) 2009 (Alber Grenzfragen; Bd. 32), 646 Seiten.

Hack, Tobias

Die Politik tendiert angesichts der Komplexität ethischer Fragestellungen auf den unterschiedlichsten Problemfeldern zunehmend dazu, ethische Entscheidungen an eigens hierfür gebildete Ethikkommissionen zu delegieren. Zuletzt konnte dies innerhalb des bundesdeutschen Gesetzgebungsverfahrens zur Präimplantationsdiagnostik beobachtet werden, insofern etwa der Entwurf ihrer Legalisierung die Klippen der politisch heiklen Eingrenzung der Kriterien einer Zulassung im Einzelfall dadurch zu umschiffen versuchte, dass die Entscheidung darüber einem einem Ethikgremium übertragen werden soll.

Felix Thiele, Autonomie und Einwilligung in der Medizin. Eine moralphilosophische Rekonstruktion, Paderborn (mentis) 2011, 202 Seiten

Buch, Alois Joh.

Angesichts der zunehmend betonten Selbstbestimmung des Patienten, die in konkreten Entscheidungsprozessen gleichwohl »erhebliches Konfliktpotential« mit sich führt, möchte Verf. philosophisch-medizinethische Erwägungen beitragen vor allem hinsichtlich weiterer, als besonders bedeutsam erachteter »Klarheit und Eindeutigkeit der verwendeten Terminologie«.

Florian Bruns, Medizinethik im Nationalsozialismus. Entwicklungen und Protagonisten in Berlin (1939–1945), Stuttgart (Franz Steiner) 2009 (Geschichte und Philosophie der Medizin Bd. 7), 225 Seiten

Hohendorf, Gerrit

Am 18. November 1942 teilte der stellvertretende Reichsärzteführer und stellvertretende Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit der NSDAP Kurt Blome dem Reichsstatthalter im besetzten Polen Arthur Greiser seine Bedenken in der Frage mit, ob polnische Patienten, die an offener Tuberkulose litten, im Warthegau »durch Sonderbehandlung ausgemerzt « werden sollen.

Inhaltsverzeichnis des 57. Jahrgangs (2011)

Jahreinhaltsverzeichnis 2011

Autorenverzeichnis des 57. Jahrgangs (2011)

Verzeichnis der Autoren der Hefte des Jahrganges 2011