Perspektiven medizinischer Ethik

Ausgabe: 1/2012

58. Jahrgang

Jahrgang: 2012

Inhalt: Ausgabe

Das Menschenbildder Leistungsgesellschaft und die Irritation Demenz

Körtner, Ulrich H. J.

Für die moderne Leistungs- und Wissensgesellschaft stellt Demenz nicht nur eine Irritation, sondern eine Provokation dar, die dazu herausfordert, über unterschiedliche Begriffe von Krankheit und Gesundheit, Subjekt, Person, Identität und Autonomie nachzudenken. Dabei werden auch Einsichten einer christlichen Anthropologie ins Spiel gebracht. Ausgangspunkt der anthropologischen Überlegungen sind kritische Reflexionen über das Verständnis von Bewusstsein, Geist und Verstand. Kritisiert wird ein Menschenbild, das Subjektivität und Personsein einseitig an kognitive Fähigkeiten bindet. Diese Kritik hat Konsequenzen für das Verständnis der Autonomie von Demenzkranken, die am Beispiel der Patientenverfügung diskutiert werden. Demenz konfrontiert Menschen auf extreme Weise mit Erfahrungen von Verlust, Abhängigkeit, Hilfsbedürftigkeit und Passivität, die grundlegend zum Menschsein gehören. Die dadurch angestoßenen Reflexionen über die Fragmenthaftigkeit des menschlichen Daseins münden in Reflexionen über den ethischen Sinn von Resignation als wissenden Vollzug unserer Endlichkeit.

Verantwortung und Ethik

Erk, Christian

Der vorliegende Artikel analysiert das Konzept ›Verantwortung‹ sowohl als Gegenstand als auch als Maßstab der Ethik und entwickelt auf dieser Basis ein Argument für die grundlegende und für alle Bereichsethiken inkl. der biomedizinischen Ethik gültige Verantwortung der Ethik.

»Deontologija« – eine besondere Seite der Ethik oder die Ethik der anderen Seite?

Bettin, Hartmut

Der Terminus Deontologie, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine zentrale Stellung in der sowjetischen Medizin einnahm, stellte aufgrund seiner Unschärfe einen kulturellen Code dar, der Ausdruck damaliger gesellschaftlicher Werthaltungen und dominierender medizinethischer Positionen war. In diesem Sinne wurde er auch instrumentalisiert. Er sollte neben der Betonung sozialismustypischer Werte, wie Solidarität und Gemeinsinn, gleichsam terminologisch gegen die vermeintlich individualistische und arztzentrierte Medizinethik des Klassenfeindes abgrenzen. Traditionelle moralisch-ethische Werte und Normen der russischen Medizin wie Selbstaufopferung, Selbstlosigkeit verbanden sich in ihm mit den Pflichten des medizinischen Personals gegenüber dem Staat und der Gesellschaft zu einem Begriffskonstrukt, dessen nähere Bestimmung und Eingrenzung stets umstritten blieb. Jedoch werfen die Entstehungskontexte und die Diskussionen um eine jeweils aktuelle Auslegung dieses Begriffes ein erhellendes Licht auf die Entwicklung der spezifischen Ethikkultur eines sozialistischen Gesellschaftssystems.

Ars moriendi. Ein Literaturbericht

Staniul-Stucky, Kathrin • Holderegger, Adrian

Hinter der Bezeichnung ars moriendi stehen ursprünglich erbauliche spätmittelalterliche Schriften und Bilder zur Vorbereitung auf den Tod. Diese waren geprägt von normativen Vorstellungen vom Sterben in einem christlichen Kontext. Wollte man das ewige Leben erlangen, so galt es als unumgänglich, die als moralisch verstandene Herausforderung des Sterbens erfolgreich zu bestehen. Angesichts der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse stellt sich die Frage nach der heutigen Gestalt der ars moriendi. Dieser Literaturbericht trägt wissenschaftliche Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen zum Thema des guten Sterbens zusammen, mit dem Ziel, in einem umfassenden Sinn auf moralische Probleme aus der Perspektive des Lebensendes aufmerksam zu machen und seinen kulturellen und sozialen Dimensionen Rechnung zu tragen.

Ethik – ein Profil evangelischer (christlicher) Krankenhäuser

Ammermann, Norbert

1. Einleitung Ausgehend von Modellen der Implementierung von Ethik in Krankenhäusern wird die Frage behandelt, ob und wie Ethik als umfassendes Profilmerkmal ev. Krankenhäuser entwickelt werden kann. Am Beispiel des ev. Krankenhauses Unna wird ein umfassendes Ethik-Benchmarking verdeutlicht.

Würde zwischen individueller Selbstbestimmung und ontologischtheologischen Vorgaben. Bericht zur BMBF-Klausurwoche »Würde und Autonomie als Leitprinzipien in Theorie und Praxis der Lebenswissenschaften« (21.–25. Februar 2011 in Bonn)

Claudia Bozzaro, Claudia • Schweda, Mark

Eine der auffälligsten Besonderheiten des deutschen Diskurses über ethische Fragen in den Lebenswissenschaften dürfte die außerordentliche Präsenz und Prominenz des Würdebegriffs sein. Während das Prinzip der Autonomie insbesondere in der Medizinethik im Zuge der bioethischen Revolution weltweit rasant Anerkennung gefunden und zwischenzeitlich eine unangefochten hegemoniale Stellung eingenommen hat, steht es hierzulande immer auch in einem – mitunter komplizierten und spannungsreichen – Verhältnis zum Begriff der Würde. Ob Reproduktionsmedizin, Stammzellforschung, Neurochirurgie, Sterbehilfe oder Gentechnologie: Kaum eine bioethische Kontroverse scheint ohne die Würde (des Menschen, der Kreatur, der Natur im Ganzen) auszukommen. Zugleich sind wohl wenige normative Begriffe weltanschaulich derart aufgeladen und semantisch so vieldeutig wie der der Würde. Äußerst heterogene geistesgeschichtliche Traditionen sind in ihn eingeflossen, von der alttestamentarischen Schöpfungslehre über das römische Recht und den Renaissancehumanismus bis zur Aufklärung. Entsprechend scheint er auch heute von den unterschiedlichsten Seiten in Anspruch genommen und zur Begründung selbst konträrer Positionen herangezogen zu werden. Die Katholische Kirche kann mit ihm ihre Ablehnung der aktiven Sterbehilfe ebenso untermauern wie die Humanistische Union die Befürwortung von ärztlich assistiertem Suizid.

Héctor Wittwer/Daniel Schäfer/Andreas Frewer (Hrsg.), Sterben und Tod. Geschichte – Theorie – Ethik. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/Weimar (J. B. Metzler) 2010, 389 Seiten.

Schmitt, Hanspeter

Mit diesem Werk widmen sich die Herausgeber einer zentralen Frage menschlicher Existenz und Lebensgestaltung. Schon im Vorwort betonen sie »die hohe gesellschaftliche Relevanz « (VII) dieser Auseinandersetzung. Sie konstatieren eine erheblich verstärkte einschlägige Forschungstätigkeit nterschiedlichster Disziplinen, die sich insbesondere auf den kulturellen Wandel, naturwissenschaftlich-technische Erkenntnisse und moralische Fragen bezüglich Sterben und Tod konzentriert. Es sei zu einer »zunehmenden Spezialisierung und Extensivierung thanatologischer Forschung« (VIII) gekommen, was jedoch einen Überblick immer schwieriger mache. »Das vorliegende Handbuch will einen solchen Überblick bieten. Es handelt sich dabei um das erste disziplinenübergreifende Nachschlagewerk zu den Themengebieten Sterben und Tod in deutscher Sprache.« (ebd.) Ein Wissenschaftlicher Beirat begleitete die Konzeption und Durchführung dieses Projektes, für dessen konkrete Umsetzung nahezu sechzig, durchwegs renommierte Fachleute aus sämtlichen relevanten Forschungsgebieten gewonnen wurden.

Wolfgang Putz/Elke Gloor, Sterben dürfen, Hamburg (Hoffmann und Campe) 2011, 254 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Autorin und Autor sind in breiterer Öffentlichkeit bekannt aus dem Kontext juristischer Verfahren im Gefolge eben jener Sterbehilfe, die als konkretes Geschehen wie in (medizin-)rechtlicher Beurteilung den eigentlichen Inhalt dieses Buches ausmacht – näherhin »die tägliche Praxis der Sterbebegleitung« bzw. »das selbstbestimmte Sterben«, wie es in einer ausführlichen Einleitung formuliert wird. Wie nicht anders zu erwarten, werden dabei zugehörige Themen wie Patienten ver fügung(sgesetz), Indikation und Patientenwille, Einsichtsfähigkeit und Erhebung des mutmaßlichen Patientenwillens, spezifizierte Lebenserhaltungspflicht bei nicht ermittelbarem Patientenwillen etc. ebenfalls aufgenommen.

Dominik Gross/Michael Rosentreter (Hrsg.), Der Patient und sein Behandler. Die Perspektive der Medical Humanities, Berlin (Lit) 2011, 237 Seiten.

Krause, Franziska • Bittner, Uta

Innerhalb der Medizinethik ist die Rede vom Wandel der Arzt-Patient-Beziehung in der modernen Medizin des 21. Jahrhunderts kein Novum mehr, sondern wird unter den verschiedensten Aspekten wie Ökonomisierung, Professionalisierung, Technisierung etc. verhandelt. Die Aachener Medizinethiker Dominik Groß und Michael Rosentreter nehmen den Wandel in der Beziehung vom Patienten und seinem Arzt als gegeben an, indem sie ihn auf drei große Entwicklungen zurückführen: Zum einen haben soziokulturelle Einflüsse wie die Etablierung des Internets als Informationsquelle eine Wirkung auf viele Patienten, die nun bereits (selbst-)«aufgeklärt« und »steuernd« dem Arzt begegnen. Zum anderen unterliegt der Arztberuf selbst einer Ausdifferenzierung, die in Hinblick auf den Umfang und die Art der ärztlichen Versorgung einen Einfluss auf die Beziehung zwischen dem Behandler und seinem Patienten hat. Schließlich sind es auch die neuen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Medizin, die eine Erweiterung des Selbstbildes der Medizin z. B. unter dem Aspekt der Effizienz zur Folge haben. Groß und Rosentreter wollen mit ihrem interdisziplinär ausgerichteten Band den Fokus auf die »wechselseitigen Erwartungen von Patienten und Therapeuten in der modernen Heilkunde« legen und damit klären, welche tradierten Rollenzuschreibungen auch in der heutigen Medizin vorzufinden sind und vor allem, welche Auswirkungen sie auf den Umgang mit Kranken und mit Krankheit haben.

Klaus Gahl/Peter Achilles/Rainer-M. E. Jacobi (Hrsg.), Gegenseitigkeit. Grundfragen medizinischer Ethik, Würzburg (Königshausen & Neumann) 2008 (Beiträge zur medizinischen Anthropologie; Bd. 5), 508 Seiten

Baltes, Dominik

Wer dem Ausdruck »Medizinische Anthropologie« begegnet, der verbindet diese Wendung fast unweigerlich mit dem Namen Viktor von Weizsäcker (1886–1957). Von Weizsäcker gilt als der Nestor dieses einer der rein naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin kritisch gegenüberstehenden Verständnisses des ärztlichen Auftrages. Er steht damit in der Tradition der so genannten Heidelberger Schule, die sich mit Namen wie Ludolf von Krehl und Victor Emmanuel von Gebsattel verbindet. Viktor von Weizsäcker, zuletzt Ordinarius für Allgemeine Klinische Medizin in Heidelberg, hat ein beachtliches Schrifttum hinterlassen, das zwischenzeitlich zu großen Teilen durch die von Peter Achilles u. a. herausgegebenen Gesammelten Schriften gut zugänglich ist. Bereits ein flüchtiger Blick in diese Schriften verdeutlicht, dass ihr Autor sich keineswegs rein auf die Disziplin der Medizin festlegen lässt. Vielmehr klingen deutlich die Bezüge zur Philosophie – nicht zuletzt zum südwestdeutschen Neukantianismus und der Dialogphilosophie – sowie zur Theologie an. Inzwischen hat dieser Umstand bereits zu einigen wissenschaftlichen Sekundärwerken geführt, für die Theologie beispielsweise kann hier vor allem die religionsphilosophische Dissertationsschrift Stefan Emondts hervorgehoben werden.

Helen Kohlen, Conflicts of Care. Hospital Ethics Committees in the USA and Germany, Frankfurt a. M./New York (Campus) 2009, 251 Seiten

Manzeschke, Arne

Care ist eine soziale Praxis, die weit über den medizinisch-pflegerischen Rahmen gesundheitlicher Versorgung hinaus reicht. Und damit fangen die Konflikte schon an: Wie übersetzt man den mittlerweile auch in Deutschland breit etablierten Begriff Care? Es ist eben mehr als das, was wir landläufig mit Pflege bezeichnen – sei es die professionell erbrachte im ambulanten oder stationären Kontext, sei es die von Angehörigen und anderen Laien geleistete. Aber auch der deutsche Begriff Fürsorge vermag nicht so ganz wiederzugeben, was mit Care gemeint ist. Care bezeichnet gemäß der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerinnen Joan Tronto und Berenice Fisher »alle Aktivitäten, mit denen wir unsere Welt erhalten, entwickeln und wiederherstellen, so dass wir in ihr so gut wie möglich leben können« (vgl. Kohlen 118; Übersetzung: A. M.). Care umfasst vielfältige Aktivitäten, mit denen wir Menschen uns von uns selbst lösen, uns für andere/s engagieren und Verantwortung für den Anderen und das gedeihliche Zusammenleben übernehmen. Dieser sorgsame und pflegliche Umgang mit den und dem Anderen und sich selbst hat seinen Ursprung in der Beziehung zum anderen Menschen und der gemeinsamen Exploration mit ihm, was für ihn und miteinander gut sein könnte.