Organtransplantation und Todesfeststellung

Ausgabe: 2/2012

58. Jahrgang

Jahrgang: 2012

Inhalt: Ausgabe

Der Tod als Voraussetzung der Organspende?

Stoecker, Ralf

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich die Verfügungsgewalt des Menschen über den Tod verändert: Das Sterben kann beschleunigt, verlangsamt oder abgewendet werden. Der Tod als Voraussetzung für die Organspende kommt in den Blick und damit die Hirntod-Konzeption des Todes. Seit einigen Monaten wird in Deutschland wieder über das Hirntod-Konzept diskutiert.

Hirntod

Schockenhoff, Eberhard

Die bis vor Kurzem als abgeschlossen bezeichnete Debatte um Hintod und Organentnahme in Deutschland bedarf einer Wiederaufnahme. Katalysator der Diskussion war u. a. der Bericht des President’s Council on Bioethics. Der Autor setzt sich mit dieser Schrift intensiv auseinander und diskutiert die Einwände gegen das Hirntodkrierium. Im Anschluss daran begibt er sich auf die Suche nach einem sicheren und zugleich praktikablen Todeskonzept. Der Hirntod wird dabei zunächst als sicheres Indiz und reales Zeichen für den Tod des Menschen erkannt. Gegenüber den diskutierten Kriterien (Grundfähigkeit des Organismus zum Austausch mit seiner Umgebung) schlägt der Autor vor, als Kriterium des Todes einzuführen, ob ein Organismus die für ihn charakteristischen Prozesse der Integration nach innen und der Wechselwirkung nach außen in aktiver Eigenaktivität erbringt. Der Hirntod bildet so nicht etwa ein Entnahmekriterium, sondern ein gültiges Todeskriterium.

Grauzonen zwischen Leben und Tod. Ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit in der Debatte um das Hirntod-Kriterium

Denkhaus, Ruth • Dabrock, Peter

Mit der Einführung der Entscheidungslösung ist eine Neubelebung der öffentlichen Debatte über ethische Aspekte der Organtransplantation zu erwarten. Neue An fragen an das Hirntod-Konzept, die zuerst von amerikanischen Neurologen formuliert worden sind, dürften für zusätzliche Kontroversen sorgen. Der vorliegende Beitrag weist auf Defizite der bisherigen Aufklärungs- und Informationspolitik hin, diskutiert die Relevanz neuer empirischer Studien für die alte Frage, ob es sich bei Hirntoten tatsächlich um Tote und nicht vielmehr um Sterbende handelt, befasst sich mit den ethischen und rechtlichen Konsequenzen für die Praxis der Organentnahme nach Hirntod und entwickelt Vorschläge für eine sachgerechte, Probleme und Uneindeutigkeiten bei der Todesfeststellung nicht einfach ignorierende Aufklärung über die Organspende. Hirntote – so unsere zentrale These – sind irreversibel Sterbende; eine Organentnahme lässt sich bei entsprechender Einwilligung des Spenders oder seiner Angehörigen ethisch jedoch trotzdem rechtfertigen.

Ein »Markt für Organe«? Zur Frage einer Kommerzialisierung menschlicher Organe zwecks Reduzierung des Organspendemangels aus ethischer Sicht

Beckmann, Jan P.

Angesichts des manifesten Mangels an Organspenden, der viele auf der Warteliste befindliche Patienten eines vermeidbaren Todes versterben lässt und zugleich die Transplantationsmedizin einem ständigen Konflikt mit der Gerechtigkeitsnorm aussetzt, wird seit geraumer Zeit international der Gedanke eines »Marktes für Organe« oder zumindest finanzieller Anreize diskutiert. Der Beitrag schlägt eine Analyse vor, die zunächst Klarheit im Hinblick auf die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu seinem Körper zu schaffen sucht. Anschließend wendet er sich der Frage zu, ob menschliche Körperteile »marktfähig« sein können. Vor diesem Hintergrund prüft der Beitrag, wie ein »Markt für Organe« und wie finanzielle Anreize aus ethischer Sicht zu beurteilen sind.

Tot oder lebendig – tertium non datur. Eine verfassungsrechtliche Kritik der Hirntodkonzeption

Höfling, Wolfram

Aufgrund neuerer Entwicklungen und Debatten in Medizin, Ethik und Öffentlichkeit, hat sich die Rechtswissenschaft mit der Frage nach Tod und Hirntod auseinanderzusetzen. Dazu konturiert der Beitrag zunächst aus grundrechtlicher Perspektive eine bereichsspezifische Todes-Dogmatik. Im Anschluss daran transformiert er medizinische Erkenntnisse über den Zustand »Hirntod« in den grundrechtlichen Interpretationsprozess. Der Tod ist dementsprechend als Ende des Organismus in seiner funktionellen Ganzheit zu beschreiben – zu fragen bleibt aber, ob die Hirntodkriterien diesen Todesbegriff abbilden. Die Aussagen des White Paper der President’s Commission deutet der Autor als Widerlegung des Hirntodkonzepts.

Hora Incerta. Zur neuen Rechtfertigung des Hirntods als Zeichen des Todes durch das President’s Council on Bioethics

Sahm, Stephan

Die Transplantation von Organen zählt längst zur Routine der klinischen Medizin. Im Jahr 2010 wurden in Deutschland 1296 Menschen Organe entnommen, nachdem aufgrund (bisher) gültiger Kriterien der vollständige Ausfall der Hirnfunktionen, der Hirntod, konstatiert worden war. Über 2000 Nieren wurden Empfängern eingesetzt, fast 400 Herzen gespendet und in mehr als 1000 Fällen eine Leber transplantiert. Für die Empfänger ist die Transplantation segensreich. Der Erfolg der Transplantationsmedizin steigert die Nachfrage. Der Bedarf übersteigt das Angebot an Organen. Mehr als 12 000 Patienten sind derzeit für eine Transplantation gelistet. Nur etwa jeder dritte Nierenkranke auf der Warteliste kann damit rechnen, ein Organ zu erhalten.

»Plötzlich betroffen und entscheiden müssen«. Erfahrungen mit der Organspende aus Angehörigensicht*

Donauer, Marita

Als vor sechs Jahren mein Bruder Karl infolge einer Hirnaneurysmablutung plötzlich und unerwartet verstarb, wurden meine Familie und ich wie aus heiterem Himmel mit der Frage nach einer Organspende konfrontiert. Wir standen dem Thema Organspende zwar schon immer positiv gegenüber, dass es aber einmal so unmittelbar und unausweichlich über uns hereinbrechen würde, damit hatten wir nicht gerechnet. In unserem besonderen Fall bedeutete dies, dass zum einen die bis dato abstrakte Organspende plötzlich zur »traurigen« Realität wurde und ich außerdem für jemand anderen zu entscheiden hatte, dessen Meinung dazu mir nicht explizit bekannt war.

Constantin Klein/Hendrik Berth/Friedrich Balck (Hrsg.), Gesundheit – Religion – Spiritualität. Konzepte, Befunde und Erklärungsansätze, Weinheim/München (Juventa) 2011, 423 Seiten

Reiser, Franz

Hat Religiosität bzw. Spiritualität etwas mit Gesundheit zu tun? Eventuell sogar als zu fördernde Ressource? Oder möglicherweise als Risikofaktor? Nachdem diese Fragen lange Zeit weithin ausgeklammert oder mit Vorurteilen belegt waren, gibt es seit einigen Jahren ein deutliches Forschungsinteresse an deren Klärung. Der vorliegende Band aus der Reihe »Gesundheitsforschung« im sozialwissenschaftlichen Juventa-Verlag versucht, die inzwischen im deutschsprachigen Raum vorhandenen Ergebnisse darzustellen, in den internationalen Forschungsstand einzuordnen sowie grundlegende und auch noch offene Fragestellungen zur Rolle von Religion/Spiritualität im Kontext der Gesundheitsforschung zu diskutieren. In insgesamt 22 Aufsätzen verschiedener Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen gelingt es, das inzwischen enorm gewachsene und unübersichtliche Feld vielfältig zu beleuchten und die Relevanz der Thematik zu belegen. Erfreulich und hilfreich ist, dass der Sammelband dabei eine klare, aber nicht enge Systematik verfolgt. Nach grundlegenden Kapiteln zu Begriffsbestimmungen und Messverfahren von Religiosität/Spiritualität folgen im Block »Fokus Religion « Abschnitte über die Geschichte und Gegenwart des Feldes Religion und Gesundheit. Ein dritter Block, »Fokus Gesundheit«, richtet den Blick auf unmittelbar gesundheitliche Aspekte von Religiosität/Spiritualität, insbesondere auf die Belastungs- und Krankheitsbewältigung, auf Befunde zur körperlichen und psychischen Gesundheit und auf einige spezifische Krankheitsbilder und Gesundheitsfaktoren. Neben der Darstellung von Forschungsergebnissen werden auch die praktische Relevanz und mögliche Konkretionen berücksichtigt. Von hohem Wert sind die durchweg aktuellen und umfangreichen Literaturangaben

Heribert Niederschlag/Ingo Proft (Hrsg.), Wer glaubt, handelt anders?!, Ostfildern (Grünewald) 2011 (Ethische Herausforderungen in Medizin und Pflege; Bd. 2), 134 Seiten

Buch, Alois Joh.

Der gleichermaßen knappe wie pointierte Titel dieses Buches wird durch die explizite Intention seiner Herausgeber nochmals unterstrichen: nämlich »Fragen der Verhältnisbestimmung von weltanschaulicher Orientierung und konsequenter Lebensgestaltung« nachzugehen im Hinblick auf »Grenzsituationen des Lebens […], in denen Menschen Entscheidungen für das eigene und das Wohl anderer Menschen aus einer spezifisch religiösen Perspektive treffen.« Demgemäß soll untersucht werden, »welche Bedeutung eine gelebte Überzeugung für die Gestaltung und die Qualität sozialverantwortlicher Arbeit hat und ob dieses Plus an Investition sich letztlich auszahlt. « (ebd.). Diesem anspruchsvollen Ziel sollen sich in interdisziplinärem Zugang Beiträge aus den einschlägigen Fachgebieten widmen, die grundlegende Aspekte der gewählten Thematik, ihre Relevanz in einzelnen medizinischen und pflegerischen Handlungsfeldern sowie ihre organisationsethische Bedeutung aufnehmen.

Julia Reuter, Geschlecht und Körper. Studien zur Materialität und Inszenierung gesellschaftlicher Wirklichkeit, Bielefeld (transcript Verlag) 2011, 249 Seiten

Knauss, Stefanie

Der Körper wird umgangssprachlich und in der Mehrzahl seiner wissenschaftlichen Untersuchungen vor allem als der Körper eines Individuums und als in erster Linie für diese einzelne Person relevant wahrgenommen. Eher selten sind bisher Studien, die die soziale Dimension des Körpers in den Blick nehmen. Der vorliegende Band von Julia Reuter leistet zu dieser Körpersoziologie mit den darin gesammelten, teilweise bereits veröffentlichten und für diese Publikation grundlegend überarbeiteten Studien einen wichtigen Beitrag. Die zentralen Fragen, denen Reuter darin nachgeht, sind: »Welche Rolle spielt der Körper für die Definition von Identität und vor allem von weiblicher oder männlicher Identität in modernen Gesellschaften? Wie stellen sich Männer und Frauen körperlich dar, wie inszenieren sie ihr Geschlecht mit Hilfe des Körpers beziehungsweise umgekehrt, wie materialisiert sich das Geschlecht in der Praxis, wie viel Materialität steckt in der sozialen Konstruktion und Inszenierung der Geschlechter-Wirklichkeit? « Reuters Zugang zu diesen Fragen ist daher von einer fundamentalen Aufmerksamkeit für die Materialität des Körpers und seine Funktion als Ausdrucks- und Kommunikationsmedium in gesellschaftlichen Zusammenhängen geprägt. Die praxistheoretische Perspektive, die die Autorin dabei einnimmt, deckt auf, dass sich in diesen Prozessen der (Geschlechts-)Identitätsbildung und der sozialen Interaktion als Mann und Frau körperliche, materielle Praktiken nicht nur kulturelle Diskurse materialisieren und wiederholen, sondern dass sie eine gewisse Eigensinnigkeit und Widerständigkeit entfalten, die (mit Bourdieu) Ausdruck einer praktischen Vernunft, »Wissen der Praxis« ist.

Eike Bohlken/Christian Thies (Hrsg.), Handbuch Anthropologie. Der Mensch zwischen Natur, Kultur und Technik, Stuttgart (J. B. Metzler) 2009, 460 Seiten

Baltes, Dominik

Die Frage nach dem Menschen setzt wohl mit der Entdeckung des Menschen ein, dass er über die Fähigkeit verfügt, über sich selbst nachdenken, sich und seine Situation reflektieren und interpretieren zu können. Die Frage nach dem Menschen und damit die Leitfrage jeder Anthropologie, ist früh greifbar, in ihrer Einleitung zu dem hier in Rede stehenden Nachschlagewerk verorten die Hrsg. ihre Entstehung mit dem Beginn der Philosophie, man ist versucht zu ergänzen, dass auch religiöse Schriften von einer bereits frühen Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst Zeugnis ablegen.