Ethische Entscheidungen vor und nach der Geburt

Ausgabe: 3/2012

58. Jahrgang

Jahrgang: 2012

Inhalt: Ausgabe

Ethikberatung in der Neonatologie. Handlungsdilemmata aus zehn Jahren Praxis eines Klinischen Ethikkomitees

Ramsauer, Tanja • Frewer, Andreas Andreas

Der vorliegende Beitrag untersucht die Ethikberatungen, die in zehn Jahren – seit der ersten Beratung in der Neonatologie 2002 – an einer deutschen Universitätskinderklinik bei Fällen mit neonatologischen Patienten durchgeführt wurden. Als Untersuchungsgrundlage hierfür dienten die im Anschluss an die Beratung am Krankenbett erstellten Dokumentationen (Brief an den Konsilsteller) und die Protokolle der anschließenden Sitzungen des Klinischen Ethikkomitees mit assoziierten Nachbesprechungen der Kasuistiken. Dabei werden die typischen ethischen Problemfelder vorgestellt und strukturiert, Änderungen im Wandel der Zeit betrachtet sowie die Daten mit anderen neonatologischen Abteilungen und dem Forschungsstand in der Fachliteratur verglichen. Es wird auf die Besonderheiten der Ethikberatung in der Neonatologie eingegangen und schließlich die Arbeitsweise des hier vorgestellten Klinischen Ethikkomitees anhand von ausgewählten Fallbeispielen gezeigt.

Totipotenz im Spannungsfeld von Biologie, Ethik und Recht

Advena-Regnery, Barbara • Laimböck, Lena • Rottländer, Kathrin • Sgodda, Susan

In der Entwicklungsbiologie bezeichnet Totipotenz die Fähigkeit einer Zelle, sich aus sich selbst heraus zu einem Organismus zu entwickeln. Diese Fähigkeit wird in Ethik und Recht als normatives Kriterium für die Statusbestimmung des menschlichen Embryos verwendet. Die Entwicklung neuer Techniken der zellulären Reprogrammierung wirft nun die Frage auf, inwieweit Totipotenz als singuläres normatives Kriterium für die rechtliche und moralische Statusbestimmung des menschlichen Embryos hinreichend ist. Diese Frage wird anhand eines Gedankenexperiments untersucht, das eine Herstellung von totipotenten Entitäten durch Reprogrammierung somatischer Zellen unterstellt. Während solche Entitäten im Sinne des deutschen Embryonenschutzgesetzes zumindest nach einer weiten Auslegung des Gesetzestextes als Embryonen qualifiziert werden können, deutet die ethische Analyse des unterstellten Szenarios darauf hin, dass für die Beurteilung ihres moralischen Status neben der Totipotenz zusätzliche Kriterien berücksichtigt werden müssen. Dabei nehmen die Kriterien der Natürlichkeit ihrer Entstehungsweise sowie der Zwecksetzung, die ihrer Erzeugung zugrunde liegt, eine vorrangige Rolle ein.

Handlungsresultat Mensch. Zum Beginn individuellen menschlichen Lebens

Schmid-Tannwald, Ingolf

Der individuelle Lebensbeginn des Menschen und Beschreibungen davon sind zweierlei. Das Fortpflanzungsmodell beschreibt nur, wie immer wieder neue Organismen entstehen. Wie Menschen aber zu ihren je einzigartigen Bedeutungen in der Alltagswelt kommen, stellte man bisher in der Medizin nur kasuistisch dar. Dank des Modells der Lebens und Alltagswelt der phänomenologischen Soziologie ist dies auch wissenschaftlich möglich. Weil die Inhalte beider Modelle aber in unterschiedlichen Fachsprachen gefasst sind, muss man sie zunächst in die Alltagssprache als gemeinsamen sprachlichen Nenner übersetzen, um den individuellen Lebensbeginn durchgehend beschreiben zu können. Dabei erweist sich der menschliche Organismus als das Handlungsresultat seiner Eltern und deren Vorfahren; er ist deren biologisches Erzeugnis und das lebensweltliche Zeugnis ihrer Bewusstseinsvorgänge. Letzteres, so die These, macht den »inneren Wert« (Kant) oder die Würde jedes Menschen aus, begründet seine Schutzwürdigkeit und ermöglicht eine Rückkehr zu einer Kunst des Heilens. Die zweifache Qualität des Menschen ermöglicht zudem eine Unterscheidung von er- und gezeugten menschlichen Embryonen sowie von nicht-menschlichen Lebewesen.

Philosophische, psychologische und erfahrungstheoretische Aspekte der Visualisierung des Ungeborenen mittels Ultraschall. Eine Skizze

Bittner, Uta • Imhof, Christiane • Arnold, Maik

Visualisierung des Ungeborenen mittels Ultraschall: Eine medizinhistorische Einführung So wie das Ungeborene erst im 19. Jahrhundert »zu einer biologisch definierten Sache; im späten 20. Jahrhundert […] in der westlichen Welt zum Emblem geworden«1 ist, so ist auch die Visualisierungsgeschichte um das Ungeborene ein untrennbarer Teil dieses umfassenderen Meta-Narratives, das insbesondere infolge der Entwicklung der bildgebenden Verfahren in der modernen Medizin ungebrochene Aktualität besitzt.

Wahlmöglichkeit mit Entscheidungszwang. Leben und Sterben auf der neonatologischen Intensivstation – aus

Terjung, Jens

Mit den nachfolgenden Gedanken zum Thema »Ethik in der Neonatologie« möchte ich meine Sichtweise als evangelischer Seelsorger zu dieser Thematik darstellen. Dabei liegt der Schwerpunkt meiner Ausführungen auf meinen praktischen Seelsorge-Erfahrungen, die auf vielen Begegnungen mit Müttern und Vätern und deren Kindern in ethisch schwierigen Situationen beruhen. Ich möchte sich wiederholende Grundgedanken und Fragestellungen aus elterlicher Sicht aufgreifen, ergänzt durch meine eigene Sichtweise bzw. meine Haltung in diesen Begegnungen. Insgesamt werde ich in diesem Beitrag mehr Fragen stellen als Antworten geben, weil es immer um höchst sensible Themenbereiche geht, die einer individuellen Antwort bedürfen.

Therapieentscheidungen bei minderjährigen Patienten. Einwilligung und Vorausverfügung

Führer, Monika

Aktuelle Situation. Der 13-jährige Sebastian wird akut von seinen Eltern in die kinderkardiologische Ambulanz der Universitätskinderklinik gebracht. Der Junge ist dort seit seiner Geburt bestens bekannt. In den vergangenen Wochen hat sich Sebastians Zustand zunehmend verschlechtert. Seine Mutter hat einen vorgezogenen Kontrolltermin in zwei Wochen vereinbart, doch am Morgen hat Sebastian zum ersten Mal Angst. Er ist zu kraftlos um aufzustehen. Auf der Fahrt in die Klinik verschlechtert sich sein Zustand weiter, er verliert das Bewusstsein und erleidet einen epileptischen Anfall.

Psychologischer Kommentar

Goldbeck, Lutz

Die Einwilligung minderjähriger Patienten setzt eine an den kognitiven und psychosozialen Entwicklungsstand des Patienten angepasste Aufklärung voraus. Grundsätzlich ist aus psychologischer Sicht auch bei jungen Kindern, etwa ab dem Vorschulalter, eine solche Aufklärung sinnvoll und möglich, und Kinder können und sollten gemäß ihren zunehmenden Verständnismöglichkeiten in Entscheidungsprozesse über ihre Behandlung einbezogen werden. Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie z. B. den Niederlanden, gibt es in Deutschland keine an Altersgrenzen orientierten normativen Vorgaben des Gesetzgebers, ab wann die Einwilligung Minderjähriger in medizinische Behandlungen einzuholen ist. In der Praxis wenden sich Ärzte daher primär oder ausschließlich an die Sorgeberechtigten, um die Einwilligung einzuholen. Die minderjährigen Patienten werden oftmals nicht beteiligt, da die Vorstellung vorherrscht, dass Sorgeberechtigte im Interesse des Patienten entscheiden.

Ethischer Kommentar

Jox, Ralf J

Der geschilderte Fall enthält eine Reihe moralischer Fragen, über die ethisch zu reflektieren sich lohnt – nicht nur, weil es immer wieder ähnliche Fälle in der klinischen Praxis geben wird, sondern vor allem weil an Hand einer solchen kasuistischen Reflexion grundlegende Prinzipien und Kriterien ethischen Handelns in der Kinder- und Jugendheilkunde, ja in der Medizin überhaupt, bewusst gemacht werden können. Im narrativen Teil des Berichts wird die mehr als 13-jährige Krankengeschichte von Sebastian zusammengefasst, im aktuellen Teil wird eine akute klinische Situation entfaltet, in der es um die Frage geht, ob bei dem Jungen eine Herztransplantation durchgeführt werden soll.

Ingo Proft, Heilung und Heil in Begegnung, Freiburg i. Br. (Herder) 2010 (Theologie im Dialog; Bd. 5), 434 Seiten

Baumann, Klaus

Die moraltheologische Dissertation von Ingo Proft an der Theologischen Hochschule in Vallendar, die neben der theologischen inzwischen eine pflegewissenschaftliche Fakultät beherbergt, zielt auf nicht weniger als ein »christliches Pflegeparadigma der Begegnung«. In Begegnung werde der Mensch »ganz«, geschehe Heilung und Heil. Christlich soll dieses Paradigma sein und dabei ad intra, etwa in christliche Krankenhäuser oder Pflegedienste und ihre interne Pflegequalität hinein, und ad extra, als Profilbildung im Wettbewerb freier und privater Träger, insbesondere der pflegebedürftigen Person dienen. In der Subjektorientierung von Pflege stellt die pflegebedürftige Person bzw. die Begegnung zwischen pflegebedürftiger und pflegender Person Dreh- und Angelpunkt dar. Dieses christliche Pflegeparadigma muss auf »reflexiv abstrakter Ebene« eine »verlässliche Wertgrundlage« schaffen und »auf praktischer Ebene muss diese zu einer persönlichkeitsprägenden Grundhaltung heranwachsen, die ihr Sein und Wirken aus der Perspektive verdankter Existenz wahrzunehmen weiß«

Almut Caspary, In Good Health. Philosophical-Theological Analysis of the Concept of Health in Contemporary Medical Ethics, Stuttgart (Franz Steiner) 2010 (Geschichte und Philosophie der Medizin; Bd. 9), 209 Seiten

Schäfer, Daniel

Was haben Galen, Tertullian und Augustin, Albert Camus und Karl Barth mit der britischen Debatte um die Zulassung von Forschung an embryonalen Stammzellen zu tun? Schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis von Almut Casparys leicht lesbarer englischsprachiger Publikation, wohl einer Überarbeitung ihrer Londoner Dissertation im Fachbereich Philosophy of Health (2007), offenbart den spannenden Spagat, den die studierte Theologin und Ärztin nicht nur zwischen Heilkunde, Medizinethik und Gotteslehre, sondern auch zwischen Antike und 21. Jahrhundert sowie zwischen den verschiedensten christlichen Konfessionen vollzieht. Eine klare Gliederung sowie zahlreiche »concluding remarks« erleichtern dieses Vorhaben erheblich und erlauben den schrittweisen Nachvollzug dieser interessanten Reise

Marcus Düwell/Christoph Hübenthal/Micha H. Werner (Hrsg.), Handbuch Ethik, 3., aktualisierte Aufl., Stuttgart/Weimar (J. B. Metzler) 2011, 599 Seiten

Buch, Alois Joh.

An der nunmehr 3. Auflage dieses Handbuchs haben insgesamt 69 Autoren mitgewirkt, Herausgeber und Titel sind dieselben wie bereits bei der ersten Auflage aus dem Jahr 2002. Auch Systematik und Gliederung werden wie in den früheren Auflagen beibehalten, ebenso das umfangmäßige Verhältnis der inhaltlichen Hauptteile. Hier soll vor allem auf einige der Ergänzungen und Aktualisierungen in dieser Auflage hingewiesen werden, anknüpfend an eine ausführlichere Rezension der Erstauflage (cf. ZfmE 50 [2004] 98 ff) und besonders an die dortigen Hinweise zu bio- und medizinethischen Ausführungen und Desideraten.

Raymond Becker/Serkan Sertl/Isabel Stassen-Rapp/Ines Walburg (Hrsg.), »Neue« Wege in der Medizin. Alternativmedizin – Fluch oderSegen?, Heidelberg (Winter) 2010 (Akademie-Konferenzen; Bd. 10), 349 Seiten

Hübner, Jutta

Das vorliegende Buch ist ein Tagungsband der Konferenz »Neue« Wege in der Medizin: Alternativmedizin – Fluch oder Segen?, welche vom 28. bis 30. Oktober 2009 in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften stattfand.

Peter Dabrock/Ruth Denkhaus/Stephan Schaede (Hrsg.), Gattung Mensch. Interdisziplinäre Perspektiven, Tübingen (Mohr Siebeck), 2010 (Religion und Aufklärung; Bd. 19), 411 Seiten

Müller, Oliver

Auch wenn viele Medizinethiker anthropologische Argumente in ethischen Theoriebildungen kategorisch ablehnen, halten sich in der Debatte hartnäckig und mit größter Selbstverständlichkeit zwei Diskurse, die nicht anders als anthropologische zu nennen sind: Derjenige zum den sog. »Speziezismus« und derjenige um das »gattungsethische Selbstverständnis «. Die Speziezismus-Debatte entzündete sich an dem von Richard D. Ryder 1971 erstmals formulierten und dann Anfang der 1990er Jahre von Peter Singer und Richard Dawkins populär gewordenen Vorwurf, dass bestimmte ethische Vorannahmen im Bereich der Humanethik zu »Diskriminierungen« von Tieren führe, die Formen des Rassismus und Sexismus ähnlich seien.

Hille Haker, Hauptsache gesund? Ethische Fragen der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik, München (Kösel) 2011, 268 Seiten

Hack, Tobias

Für das dritte Quartal dieses Jahres ist mit der Einführung des umstrittenen Bluttests zu rechnen, der zu einem frühen Stadium der Schwangerschaft eine Diagnose über das mögliche Vorliegen von Trisomie 21 beim Embryo ermöglicht. Bereits vor der zehnten Schwangerschaftswoche kann mithilfe dieser neuen Diagnostik das mütterliche Blut auf jene Chromosomenstörung des Embryos hin untersucht werden, die gemeinhin als »Downsyndrom« bekannt ist. Aufgrund der Vorzüge einer einfachen und risikolosen Handhabung wird dieser Test wohl schon bald zur diagnostischen Routine avancieren. Die daraus resultierende Erweiterung des pränatalen diagnostischen Repertoires wird indes nicht ohne Auswirkungen auf das Selbsterleben der schwangeren Frau und ihres Partners sowie deren Beziehung zu ihrem heranwachsenden Kind bleiben