Patientenautonomie zwischen Individualisierung und Technisierung

Ausgabe: 1/2013

59. Jahrgang

Jahrgang: 2013

Inhalt: Ausgabe

Leibliche Autonomie Zum Umgang mit Ambivalenzen des Autonomiebegriffs in der »individualisierten Medizin«

Wabel, Thomas

Auch wenn das Ideal einer »individualisierten Medizin« mit genombasierter Prädiktion von Erkrankungsrisiken und differenzierten Therapieangeboten noch in weiter Ferne liegt, gilt die zunehmende Individualisierung etwa in der Krebsmedizin als Gewinn an Autonomie für den Patienten. Gleichzeitig wird vor Entsolidarisierungseffekten gewarnt, wenn die Möglichkeiten prädiktiver Diagnostik und Prävention dazu führen, dass die Verantwortung für die Ermittlung des genetischen Risikos und für Präventionsmaßnahmen dem Einzelnen zugeschrieben wird. Der Beitrag argumentiert, dass die Einschätzung des Für und Wider wesentlich vom Verständnis der Begriffe von Risiko und Autonomie bestimmt wird. Ein zu enges Verständnis von Autonomie als Freiheit von Zwang und Möglichkeit eigenverantwortlicher Entscheidung trägt zu einer Individualisierung von Verantwortung bei, die Autonomie de facto einschränkt. Mit Hilfe der systemtheoretischen Figur des »Wiedereintritts des Ausgeschlossenen« (re-entry) und des phänomenologischen Leibbegriffs schlage ich ein erweitertes Konzept »leiblicher Autonomie« vor. Ziel von Autonomie in diesem Sinne ist es, ein Verhältnis zu den Grundlagen von Leben und Gesundheit zu entwickeln, die außerhalb des Zugriffs eigenverantwortlichen Handelns liegen.

Gesundheitstelematik. Medizinische, ökonomische und ethische Gesichtspunkte

Haas, Peter • Hartinger-Klein, Beate • Klein, Andreas

Gesundheitstelematische Technologien werden in Zukunft verstärkt in das Gesundheitswesen eingebunden werden. Der vorliegende Beitrag stellt grundlegende Möglichkeiten und ihre Anwendungsfelder dar, geht den ökonomischen und gesundheitsrelevanten Gesichtspunkten nach und erörtert einige ethische Fragestellungen, die sich hieraus ergeben.

Neuronale Plastizität und Autonomie Chancen und Risiken des Wissens über die Veränderbarkeit des Gehirns

Nagel, Saskia K.

Neurowissenschaftliche Forschung zeigt die lebenslange Veränderbarkeit des Gehirns und erlaubt gezielte Maßnahmen zur Selbstgestaltung. Die Handlungsoptionen für persönliche Entwicklung führen zu einem neuen Ausmaß an Autonomie. Wer wir sind, wie wir fühlen und handeln, rückt mehr in unseren Verantwortungsbereich.

Ärztliches und pflegerisches Berufsethos und Krankenhaus-Bürokratie

Schmidt-Wilcke, Heinrich

Der vorliegende Beitrag untersucht die drei Bereiche der Krankenhausbürokratie: 1. die medizinische (patientenorientierte), 2. die administrative (unternehmensorientierte) und 3. die externe bzw. interne Bürokratie der Qualitätssicherung.

Seele?

Splett, Jörg

Ist die Seele der Mensch (Platon)? Der dann einen Körper hat – oder wäre eher zu sagen: von diesem gehabt wird? Bis heute ist diese Sicht weiter ver breitet, als man vielleicht ange sichts von Körperkult und Gesundheitsreligion zu glauben geneigt ist. Angesichts der Belas tung durch den eigenen Körper, von der Kind heit angefangen über die Pubertät, diverse Schwä chen und Krankheiten bis zum Alter, da er uns zunehmend fremd wird – und wir uns in ihm. Extrem wird solche Abwehr in Cybersex-Milieus, die der leibhaftigen Begegnung mit der »Wet ware« ausweichen wollen.

Heribert Niederschlag (Hrsg.), Recht auf Selbstbestimmung? Vom Umgang mit den Grenzen des Lebens, Ostfildern (Matthias Grünewald) 2010 (Ethische Herausforderungen in Medizin und Pflege; Bd. 1), 127 Seiten.

von Lochner, Elisabeth

Heribert Niederschlag SAC, Professor em. für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar und seit 2006 Direktor des neuen Ethik-Instituts der Hochschule, legt als Herausgeber den Sammelband Recht auf Selbstbestimmung? Vom Umgang mit den Grenzen des Lebens als ersten Band der Reihe Ethische Herausforderungen in Medizin und Pflege vor. Zu Wort kommen darin eine Reihe renommierter Wissenschaftler aus den Bereichen Sozialwissenschaften, Gerontologie, Staatsrecht und Ethik, die aus ihren jeweiligen Perspektiven das Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung an den Rändern des Lebens auszuloten versuchen. Die Beiträge sind dabei vor dem Hintergrund der Diskussion um die Autonomie der Patienten zu sehen, die mittlerweile »nicht mehr […] an dem Kriterium des vernünftigen Willens festgemacht [wird], sondern nur noch an den äußeren Kriterien, ob der Patient urteilsfähig ist und über die nötigen Informationen verfügt«.

Ida Lamp (Hrsg.), Umsorgt sterben. Menschem mit Demenz in ihrer letzten Lebensphase begleiten, Stuttgart (Kohlhammer) 2010, 208 Seiten.

Bär, marion

Eine Vielzahl an Konzepten und Ansätzen für die Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz hat sich in den letzten Jahren in der Praxis etabliert. Gleichwohl bildet die Versorgung dieser Personengruppe nach wie vor eine Herausforderung für Angehörige, Pflegende und andere Helfer. Dies gilt insbesondere für die letzte Lebensphase der Betroffenen, wenn neben ausgeprägten kognitiven und kommunikativen Einschränkungen mehr und mehr körperliche Einbußen hinzukommen. Die Verletzlichkeit und Angewiesenheit der zu pflegenden Person nimmt dann enorm zu, und für das Umfeld ergibt sich eine komplexe Aufgabenfülle: Es gilt, die betroffene Person sowohl in ihren Bedürfnissen (physiologischen, psychologischen, sozialen wie spirituellen) als auch in den in jedem Erkrankungsstadium erhaltenen Ressourcen und Potenzialen wahrzunehmen und das eigene Handeln daran auszurichten. Es gilt, Angehörige zu begleiten, Helfer zu qualifizieren, gemeinsame Lösungswege für ethische Problemsituationen zu finden und im multiprofessionellen Team bestmöglich zusammenzuarbeiten. Diese Aufgaben integriert der Palliative Care-Ansatz, ein auf die Verbesserung der Lebensqualität schwer kranker und sterbender Menschen ausgerichteter ganzheitlicher Versorgungsansatz, der zunehmend als ein wesentliches Fundament auch in der Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz wahrgenommen wird.

Harold A. Koenig, Spiritualität in den Gesundheitsberufen. Ein praxisorientierter Leitfaden, bearb. u. mit einem Geleitwort von René Hefti, Stuttgart (W. Kohlhammer) 2012, 233 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Zu der für manchen Zugang zu Medizin und Gesundheit ungewohnt wirkenden thematischen Verknüpfung, wie sie im Titel dieses Buches deutlich hervortritt, betont das Geleitwort eigens, es gehe »um eine differenzierte Verhältnisbestimmung« von Spiritualität und Medizin sowie um »einen wirklich ganzheitlichen Behandlungsansatz«, keineswegs jedoch »um eine Vermischung der Berufsbilder und ihrer Zuständigkeitsbereiche«.

Sophie Roggendorf, Indirekte Sterbehilfe. Medizinische, rechtliche und ethische Perspektiven, Freiburg i. Br. (Centaurus) 2011 (Neuere Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Quellen und Studien; Bd. 27), 186 Seiten.

Höver, Gerhard

Unter »indirekter Sterbehilfe« bzw. »passivindirekter ärztlicher Hilfe im Sterben« versteht man in der Regel die Durchführung einer Schmerztherapie bei sterbenden Menschen unter Einsatz von Mitteln, welche indirekt, als Nebenfolge, eine Verkürzung des Lebens des Patienten zur Folge haben können. D. h. es geht um die Inkaufnahme einer möglichen, voraussehbaren Lebensverkürzung als Nebenfolge palliativer Behandlungsweisen, und üblicherweise stellt sich die Frage, ob eine solche Verwendung schmerzstillender Mittel im Wissen um die Möglichkeit einer dadurch verursachten Lebensverkürzung ethisch gerechtfertigt sein kann. Noch heute beruft man sich hierbei gerne auf eine Entscheidung von Papst Pius XII. aus dem Jahre 1957, die als sehr umsichtig gilt. Es wurde ihm nämlich von einer Gruppe von Ärzten die Frage vorgelegt »Kann es nach der Lehre der Religion und den Normen der Moral dem Arzt und dem Kranken erlaubt sind, mit Hilfe narkotischer Medikamente Schmerz und Bewusstsein auszuschalten […] (auch beim Herannahen des Todes und wenn vorauszusehen ist, dass die Anwendung dieser Mittel das Leben abkürzt)?«, und der Papst antwortete: »Wenn andere Mittel fehlen und dadurch den gegebenen Umständen die Erfüllung der übrigen religiösen und moralischen Pflichten in keiner Weise verhindert wird, ist es erlaubt.« Spätere Erklärungen fügen hierbei präzisierend hinzu, dass in diesem Fall der Tod klarerweise keineswegs gewollt oder gesucht wird, auch wenn man aus einem vernünftigen Grund die Todesgefahr in Kauf nimmt; die Absicht geht nur dahin, die Schmerzen unter Verwendung jener Mittel, die der ärztlichen Kunst zur Verfügung stehen, wirksam zu lindern.