Beschneidung von minderjährigen Jungen

Ausgabe: 1/2014

60. Jahrgang

Jahrgang: 2014

Inhalt: Ausgabe

Die Zirkumzision von der Antike bis heute - Eine medizinhistorische Übersicht

Marx, Franz Josef • Moll,Friedrich H.

Hintergrund: In der gegenwärtigen Debatte um die Beschneidung von (insbes. neugeborenen) Jungen scheinen die ärztlichen Aspekte gegenüber den juristisch-ethischen Gesichtspunkten und Postulaten weitgehend in den Hintergrund getreten zu sein. Eine historische Analyse soll die Konstanten und Umbrüche im Umgang der Medizin mit diesem Eingriff aufzeigen.
Hauptthesen: Wenn man von der rituellen Beschneidung, z. B. im Judentum und Islam absieht, wurde die Zirkumzision von der Antike bis in die frühe Neuzeit praktisch ausschließlich aus therapeutischen Gründen durchgeführt. Im 19. und 20. Jahrhundert dagegen kam das Präputium als Folge einer Kombination extramedizinisch-kultureller, moralischer und medizinischer Einflüsse in den Fokus einer Entwicklung, die zu einer Ausweitung der Zirkumzisions-Indikation, i. S. einer Medikalisierung führte. Dieser Prozess verlief in Europa und den USA nicht gleichförmig; auch heute gibt es regional unterschiedliche Tendenzen zur De- bzw. Re-Medikalisierung.
Schlussfolgerung: Die Geschichte der Zirkumzision zeigt beispielhaft die wechselnde Ausprägung medizinischer Deutungshoheit über einen so stark von kulturellen Einflüssen geprägten Eingriff.

Beschneidung minderjähriger Jungen aus religiösen und weltanschaulichen Gründen - Medizinische Aspekte der Beschneidung und ihre kontroverse Diskussion

Hoppe, Laura

Die Beschneidung (Zirkumzision) ist eine in der Medizin seit Jahrtausenden durchgeführte und die älteste dokumentierte Operation überhaupt. Die Motivation zur Beschneidung war meist rituell oder religiös. Heute wird die Beschneidung neben den medizinischen Indikationen auch aus hygienischen Gründen oder zur Prophylaxe eines Zervix- oder Peniskarzinoms durchgeführt. Seit einer Änderung der gesetzlichen Grundlage vom 28. Dezember 2012 ist die Diskussion um die Beschneidung neu entfacht. Der Beitrag gibt einen Überblick aus der Perspektive der Medizin.

Das Beschneidungsgesetz in der Kritik: verfassungsrechtliche Legitimation, Anwendungsprobleme, Reformbedarf

Rixen, Stephan

Das Beschneidungsgesetz hat die politische Debatte über die Zulässigkeit der Beschneidung nicht-einwilligungsfähiger männlicher Kinder nur vorläufig beendet. Die Kritik am Gesetz hält an. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Regelungen des Gesetzes und erläutert die grundrechtlichen Hintergründe. Er verdeutlicht, dass bei der verfassungsrechtlichen Einordnung zwei Vorverständnisse konkurrieren: eine strikt kinderrechtsoptimierende Interpretationsmaxime und ein bislang auch in der Rechtsprechung vorherrschender Ansatz, der die Einschätzungsprärogative der Eltern favorisiert. Verfassungsrechtlich problematisch ist insbesondere die Frage, ob bzw. wie sichergestellt werden kann, dass die Beschneidung möglichst schmerzfrei erfolgt. Hier sind weitere Normierungen im Interesse der betroffenen Kinder nötig.

Gefährliche Körperverletzung im Namen der Religion? Kernfragen in der Beschneidungsdebatte aus ethischer Sicht

Brantl, Johannes

In der kontrovers geführten Debatte um die Zulässigkeit medizinisch nicht indizierter Beschneidungen von Jungen überlappen sich rechtliche und ethische Erwägungen. Dabei kristallisieren sich drei Kernfragen heraus: das fundamentale Recht auf körperliche Unversehrtheit, die Tragweite der elterlichen Sorge und die Auffassung des Grundrechtes der Religionsfreiheit. Dieser Beitrag kommt zu dem Schluss, dass sich aus ethischer Perspektive kaum zwingende Einwände gegen die Knabenbeschneidung aus religiösen oder anderen (kulturellen, sozialen, hygienischen etc.) Gründen erheben lassen. Dafür zeigt sich in der Auseinandersetzung um die Beschneidung, wie sehr Vorstellungen vom Menschsein das moralische und auch rechtliche Urteil begleiten bzw. bestimmen.

Islamische Aspekte der Beschneidung von minderjährigen Jungen

Ilkilic, Ilhan

Die Beschneidung von minderjährigen Jungen ist der monotheistischen Tradition nicht fremd. Dennoch unterscheiden sich die abrahamitischen Religionen bei der Interpretation und moralischen Bewertung dieses Rituals voneinander. In diesem Beitrag werden die theologischen Rahmenbedingungen und moralische Bewertung der Beschneidung von Jungen aus islamischer Perspektive dargestellt. Anschließend wird der religiöse und soziale Stellenwert dieser Pflicht in der Alltagspraxis der Muslime diskutiert. Ferner werden die moralischen Bewertungsformen der Beschneidung anhand der normativen Begriffe körperliche Integrität und elterliche Rechte bzw. Pflichten nach islamischen Wertvorstellungen problematisiert. Reflektierend werden einige Argumente im Umgang mit der Beschneidung in einer wertpluralen Gesellschaft und säkularem Staat vertreten.

Die Diskussion über die Beschneidung minderjähriger Jungen in Frankreich - eine Gegenwartsanalyse

Thiel, Marie-Jo

Das Urteil des Landgerichts Köln, das die religiöse Beschneidung minderjähriger Jungen als Körperverletzung einstuft, wurde zwar in der französischen Presse aufgegriffen, erreichte jedoch in Frankreich nicht die gleiche Medienwirksamkeit wie im Nachbarland. Sehr schnell war man der Auffassung, dass es sich dabei vor allem um eine »typisch deutsche Problematik« handle. »Deutschland fürchtet immer noch jegliche Parallele mit seiner Nazi-Vergangenheit« titelt beispielsweise die Tageszeitung Le Monde, die hierbei eine Bewertung von Marlene Rupprecht aufnimmt: »Wir neigen dazu, vor Schreck zu erstarren, sobald wir den Begriff ›Holocaust‹ hören und in Folge hören wir auf, zu reflektieren und nachzudenken.« [...]

Nils Fischer, Islamische Positionen zum pränatalen Leben, Freiburg i.Br. (Alber) 2012 (Ethik in den Biowissenschaften - Sachstandsberichte des DRZE; Bd. 14), 182 Seiten.

Specker, Tobias

»Was sagt der Islam zu …?« Diese häufig gestellte Frage mit wechselnden Themenbereichen leidet oft daran, dass nicht so recht klar ist, wer spricht, wenn »der Islam« spricht. Von einer zunehmend international und multireligiös geführten bioethischen Debatte angeregt, droht dem Wunsch nach einer greifbaren Darstellung von islamischen Positionen oftmals der Schiffbruch zwischen der Skylla einer vereinfachenden Generalisierung »des Islam« und der Charybdis einer diffusen Pluralität aus zumeist eklektisch ausgewählten Einzelpositionen. Der zur Zeit an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar arbeitende Islamwissenschaftler und Philosoph Nils Fischer schafft in seinem auch für Nichtfachleute verständlichen und überschaubaren Buch mit Blick auf Positionen zum vorgeburtlichen Leben Abhilfe. Die Publikation ist der vierzehnte der Sachstandsberichte des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften, die sich dem Anspruch stellen, den »jeweiligen Forschungs- und Diskussionsstand umfassend darzustellen« und mit einer ausführlichen Bibliographie zu dokumentieren (Homepage DRZE).

Monika Bobbert, Ärztliches Urteilen bei entscheidungsunfähigen Schwerkranken. Geschichte - Theorie - Ethik, Münster (mentis) 2012, 564 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Bei dieser umfangreichen Studie handelt es sich um die überarbeitete Habilitationsschrift der Verf. Für ihr deutlich fokussiertes Thema benennt der - in seiner Reihung semantisch etwas überraschend wirkende - Untertitel zugleich die zentralen Akzentuierungen der inhaltlichen Durchführung. Für die gewählte Aufgabe, nämlich »die grundlegenden Fragen« vor allem im Kontext komplexer und strittiger »Fallproblematiken systematisch zu ordnen und zu klären« (19), deuten sie zugleich auf den interdisziplinären medizinethischen Zugang, worin die in solcher Klärung involvierten ›sozial-, institutionen- sowie individualethischen Perspektiven‹ (vgl. 18) in den Blick genommen werden. So verstandene Medizinethik, zumal in jeweiliger Rückbindung an klinische Praxis und darin anstehende Entscheidungsfindung speziell bezüglich der Frage der Behandlungsbegrenzung bei entscheidungsunfähigen Schwerkranken, sieht Verf. in ›unabdingbarem‹ Dialog nicht nur »mit der praktischen Philosophie bzw. theologischen Ethik sowie der Wissenschaftstheorie« (ebd.), sondern auch in Verwiesenheit auf Geschichts- und Sozialwissenschaften. Die Darlegung gliedert sich in insgesamt zehn Kapitel, deren erste vier Verf. vornehmlich als ›Bestandsaufnahmen‹ charakterisiert, während die vier folgenden Kapitel im engeren Sinne der medizinethischen Durchsicht und Verdeutlichung von relevanten Normen sachgerechten ärztlichen Urteilens sowie von häufig vorfindlichen Argumentationen besonders »im Zusammenhang mit Behandlungsbegrenzung« (19) gelten. Ein eigenes Kapitel ist dem theorie- wie praxisrelevanten Problem sachgerechten Entscheidens in solchen Situationen gewidmet, worin der Eindruck einer Unvereinbarkeit zwischen Angehörigeninteresse und Patientenwohl besteht. Das abschließende Kapitel will im Rahmen der vorausgehenden Erwägungen »ein eigenes ›hermeneutisch-normatives‹ Modell klinischer Ethikberatung« (20) vorlegen.

Barbara Bleisch/Markus Huppenbauer, Ethische Entscheidungsfindung. Ein Handbuch für die Praxis, Zürich (versus) 2011, 221 Seiten.

Jonas, Pavelka

Die Züricher Geisteswissenschaftler Barbara Bleisch (Philosophie und Germanistik) und Markus Huppenbauer (Philosophie und Theologie) haben mit Ihrer Veröffentlichung »Ethische Entscheidungsfindung. Ein Handbuch für die Praxis«, die bereits im Jahr 2011 im Versus Verlag im Taschenbuchformat erschienen ist, einen differenzierten und an den konkreten Herausforderungen ethischer Entscheidung orientierten Leitfaden erarbeitet.