Medizin zwischen Heilauftrag und technischer Innovation

Ausgabe: 2/2014

60. Jahrgang

Jahrgang: 2014

Inhalt: Ausgabe

Was braucht Global Health Ethics: Globalisierung von Bioethik oder neue Ansätze?

Bruchhausen, Walter

Medizinstudierende interessieren sich zunehmend für das neue Gebiet Global Health, das zur Verminderung gesundheitlicher Ungleichheit verschiedenartige Felder und Akteure zusammenbringt. Dieser Trend hat in der Medizinethik bisher kaum Niederschlag gefunden. Ethische Ansätze der WHO favorisieren als Akteure Staaten vor der Zivilgesellschaft; nur einzelne US-Universitäten bearbeiten auch schon globale Verteilungsfragen. In Deutschland betrifft das bisherige medizinethische Interesse an Globalisierung nur interkulturelle Differenz im deutschen klinischen und internationalen legislativen Bereich sowie globale Forschungsethik, also eine geographische Ausweitung klassischer bioethischer Themen. Global Health Ethics verlangt zusätzlich, medizinische Auslands­einsätze von Studierenden und Gesundheitspersonal, flüchtlings- und armutsbezogene Gesundheitsarbeit, Not- und Entwicklungshilfe sowie die gesundheitlichen Folgen von globalisierter Wirtschaft und Politik ethisch zu reflektieren. Dazu müsste bisherige Ethik eine bloße räumliche Expansion gewohnter Themen und Vorgehensweisen überschreiten.

Ethik technischer Assistenz: Der Weg zu einer systematischen Positionierung und die Frage nach dem christlichen Beitrag

Nass, Elmar

Vor allem aufgrund des demografischen Wandels werden zur Sicherstellung zukunftsfähiger Pflege zunehmend technische Assistenzsysteme für einen ambulanten Einsatz im heimischen Ambiente entwickelt. Die Komplexität der damit verbundenen Horizonte ethischen Fragens wurde in Deutschland bislang noch nicht im Rahmen einer öffentlichen ethischen Orientierung vorgelegt. Der Beitrag will Bausteine für eine solche Positionierung entwickeln. Anders als in bereits vorliegenden Stellungnahmen (Österreich, Niederlande) soll dafür eine systematische Ethik grundgelegt werden. Deren Konturen werden nach einer Einführung in die Herausforderungen und Möglichkeiten technischer Assistenzsysteme in einer Weiterführung erster systematisch-ethischer Ansätze vorgestellt. Die Relevanz christlicher Ethik wird in der Verschränkung von Institutionen- und Tugendethik gesehen, mit der das christliche Menschenbild Orientierungen in der Komplexität der Fragestellungen bietet.

Die Totalsequenzierung des menschlichen Genoms als medizinischer Eingriff – Bewertung und Konsequenzen

Molnár-Gábor, Fruzsina • Weiland, Johannes

Das Verfahren der Totalsequenzierung des menschlichen Genoms wird in der medizinischen Diagnostik vermehrt zum Einsatz kommen. Diese neue Technik weicht in ihren grundlegenden Merkmalen von einem herkömmlichen medizinischen Eingriff ab. Im Vordergrund steht nicht der – in diesem Fall geringe – körperliche Eingriff, sondern der starke Informationseingriff. Zu dem ursprünglichen, individuellen Heilungsziel können weitere individuelle, präventiv ausgerichtete Behandlungsziele aber auch ein allgemeines Interesse an der Verwertung der Informationen treten. Diese zusätzlichen Ziele kann die Patienteneinwilligung nur begrenzt begleiten. Aufgrund der neuen Wesenszüge der Totalsequenzierung reicht bei ihrer Anwendung in der Diagnostik der konventionelle Schutz des Patienten nicht mehr aus.

Unscharfe Begriffe, ambivalente Positionen - Der Rationierungsdiskurs im Deutschen Ärzteblatt von 1996 bis 2008

Kufner, Lilith A. • Bauer, Axel W.

Auf der Basis von 279 Veröffentlichungen des Deutschen Ärzteblattes aus den Jahren 1996 bis 2008 wird beschrieben, wie sich der Rationierungsdiskurs innerhalb der Deutschen Ärzteschaft in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Die Bedeutung zentraler Begriffe der Verteilungsdebatte wie Rationalisierung, Rationierung, Priorisierung und medizinische Notwendigkeit variiert im Untersuchungszeitraum je nach Intention und Kontext. So erhält die Auffassung, dass eine relevante Rationierung von Gesundheitsleistungen bereits existiere, mehr und mehr Zuspruch. Vorschläge zu höherer finanzieller Selbstbeteiligung finden überwiegend Zustimmung, denn sie werden offenbar nicht als rationierende Instrumente angesehen beziehungsweise als solche nicht erkannt. Im­plizite Rationierung wird besonders negativ bewertet, da sie die Ärzte in einen als unerträglich empfundenen Konflikt zwischen ökonomischen Zwängen und individueller Patientenversorgung dränge. Mit zunehmender impliziter Rationierung mehren sich Forderungen nach expliziter Rationierung beziehungsweise nach der – zumindest freundlicher klingenden – Priorisierung. Ethisch fragwürdige Rationierungskriterien wie Lebensalter, Selbstverschulden der Krankheit und gesellschaftliche Position der Patienten werden offiziell zwar abgelehnt, in Kommentaren und Leserbriefen jedoch thematisiert. In anonymen Befragungen wird sowohl deren Einsatz bestätigt als auch ihre Berücksichtigung bei expliziter Rationierung zum Teil befürwortet. Im Hinblick auf normative Fragen lässt sich eine gewisse Doppelbödigkeit zwischen den offiziellen Bekundungen der Standesführung und der von der ärztlichen Basis für richtig gehaltenen, teilweise bereits praktizierten Umsetzung erkennen.

Gesundheit und Krankheit nach christlichem Verständnis

Schelhas, Johannes

Gesundheit und Heil sowie Krankheit, Sünde und Tod stehen nach christlichem Verständnis in einem universellen Zusammenhang. Er deutet sich hinter den Koordinaten Natur, Kultur und Glaube an. Theologen verstehen Gesundheit und Krankheit in Relation zu Gott, die ein Spezifisches der christlichen Erkenntnisweise bezeichnet. Sie reflektieren im Horizont des Grundes, der in Gott gegeben ist, die Kohärenz von Gesundheit und Heil sowie von Krankheit, Unglück und Unheil für die heutige Zeit, ohne den Aporien des kausalen Denkens zu verfallen. Der Beitrag verifiziert anhand der christlichen Bibel und einiger philosophischer Denker die These: Auch im beschädigten Leben gibt es wahres Leben.

Du hast mich verzaubert - Partnerschaft im Spannungsfeld von Sexualität und Fruchtbarkeit

Splett, Jörg

Den Untertitel hätte man früher überhaupt nicht verstanden. Denn wozu der ganze Aufwand in der Lebensdimension Sexualität, wenn nicht zur Weitergabe des Lebens, zur Erhaltung der Art. Sie ist nicht der einzige Weg. Es gibt, von den Einzellern angefangen, die einfache Methode der Teilung, bei Mehrzellern durch Ableger und Stecklinge. Aber irgendwann kommt es, schon bei den Pflanzen, zur Geschlechtertrennung. Die meisten Biologen erklären dies aus dem Vorteil der Genmischung im Dienst größerer Variationsmöglichkeiten, zum Schutz vor Fressfeinden vor allem. Unter den Anlagen und Dynamismen der Individuen dient allein sie nicht dem Individuum selbst, sondern der Art. Kommt es im Lauf der Evolution zu einem Individualbewusstsein, dann kann es zu einer Spannung zwischen Selbsterhaltung des Individuums und Arterhaltung kommen. Also auch zu einer Spannung im Individuum selbst zwischen seiner Selbst-Erhaltung und -Entfaltung einerseits und seiner Sexualität. Biologisch rangiert die Art vor ihren individuellen Einzelfällen. [...]

Gebhard Fürst/Dietmar Mieth (Hrsg.), Entgrenzung des Menschseins? Eine christliche Antwort auf die Perfektionierung des Menschseins? Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2012, 153 Seiten.

Baltes, Dominik

Seit einigen Jahren wird in der bioethischen Diskussion eine breite Debatte über Maßnahmen des Enhancements, der Verbesserung und Steigerung menschlicher Fähigkeiten, geführt. Zwischenzeitlich liegen neben vielen Sam­melbänden im deutschen Sprachraum (z.B. Schöne-Seifert u.a. 2009) auch einige Dissertationen aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich vor (z. B. Heilinger 2010; Runkel 2010). Vorliegender Band reiht sich in diese Auseinandersetzung über die Veränderung und Verbesserung des Menschen ein. Im Untertitel findet sich die programmatische Ankündigung einer christlichen Antwort auf die Perfektionierung des Menschen. Diese Ankündigung darf man wohl als ein ambitioniertes Projekt auffassen. In ihrer Einleitung nehmen die Herausgeber auf die breite Diskussionslage Bezug, in der es um Verbesserung des Menschen – mitunter auch lediglich die Heilung bestimmter Be­einträchtigungen – aber auch, wie im Transhumanismus, um die gänzliche Veränderung menschlicher Wesenskonstitution geht (8 ff). Freilich kann konstatiert werden, dass das Übersteigen von bisher dem Menschen gesetzten Grenzen wohl eine anthropologische Konstante darstellt. Die sich angesichts der rezenten Diskussion stellende Frage lautet nach Ansicht der Herausgeber, ob es um neue Grenzen bzw. Grenzziehungen geht oder nicht vielmehr um den Impetus alle Grenzen hinter sich zu lassen (9). Habe beispielsweise der theologische Zugang zum Menschen die zentrale Frage gestellt, woraus der Mensch seine Perfektibilität ziehe, so frage die – mit Francis Bacons Novum Organon einsetzende – neuzeitliche Wissensgesellschaft danach, woraufhin der Mensch zu optimieren sei (9). Die in den angedeuteten Kontexten sich eröffnenden Fragestellungen wie diejenige nach Kontingenz und Endlichkeit menschlichen Daseins, nach dem Umgang mit Leid und Einschränkungen sind genuine Gegenstände auch theologischer Reflexion. [...]

Gerhard Höver/Heike Baranzke/Andrea Schaeffer (Hrsg.), Sterbebegleitung: Vertrauenssache. Herausforderungen einer person- und bedürfnisorientierten Begleitung am Lebensende, Würzburg (Königshausen & Neumann) 2011, 322 Seiten.

Brandenburg, Hermann

In dem Buch geht es um den angemessenen Umgang mit Sterben und Tod. Den damit verbundenen Irritationen wird auf unterschiedliche Art und Weise begegnet. Durch die Patientenverfügung soll die Selbstbestimmung des Einzelnen gestärkt werden, durch neue Settings (z. B. die Hospizarbeit) eine gezielte und umfassende Fürsorge für den Sterbenden gewährleistet und durch Palliativmedizin das richtige Maß zwischen Zuviel und Zuwenig medizinischer Intervention gefunden werden. Aber gelingt es diesen Maßnahmen tatsächlich, der Angst vor Fremdbestimmung entgegenzutreten und der Hilflosigkeit am Lebensende zu begegnen? Die Kategorie des Vertrauens ist aus Sicht der Autorinnen und Autoren eine Grundlage, auf der eine Antwort gegeben werden kann – sie steht deswegen im Zentrum des vorliegenden Buches. Es geht um eine Haltung, die dem Kranken und Sterbenden signalisiert, dass er bis zuletzt mit seinen Schmerzen, Ängsten und Nöten in Würde leben kann und als Person wahrgenommen wird. Eine Gefahr besteht darin, dass das Sterben an Kategorien der Finanzierung, Organisation und Technik festgemacht wird und eine Verdinglichung des Menschen als Konsequenz beobachtet werden muss. Der vorliegende Band thematisiert diesen Spagat und präsentiert bedeutsame Beiträge zur Vertrauensforschung. Hintergrund war eine am 30. April 2009 durchgeführte Fachtagung zwischen Vertretern der Palliativmedizin und Hospizarbeit in Deutschland, die durch das Herausgeberteam – drei theologisch und philosophisch ausgewiesene Experten und Expertinnen – begleitet wurde. Das Buch besteht aus zwei Hauptteilen. Der erste Teil »Vertrauen: Die Entfaltung eines Begriffs« enthält vier Beiträge, die vor allem den Vertrauensbegriff aus der Perspektive einzelner Fachwissenschaften ausbuchstabieren (vor allem der Philosophie, Theologie, Psychologie, Pflegewissenschaft und Soziologie). Der zweite Teil »Zwischen Systemvertrauen und personalem Vertrauen« stellt die Praxis (und die damit verbundenen Widersprüche) in den Vordergrund. Auch hier kommt ein multidisziplinärer Ansatz zur Geltung. Insgesamt versammelt der Band (neben der Einleitung und dem Autorenverzeichnis) 15 exzellente Texte [...]

Michael Anderheiden/Wolfgang U. Eckart (Hrsg.), Handbuch Sterben und Menschenwürde, 3 Bände, Berlin (de Gruyter) 2013, 2088 Seiten.

Höver, Gerhard

Es wird wieder über das Sterben gesprochen. Nach Jahren der gesellschaftlichen Verdrängung wird intensiver darüber nachgedacht und diskutiert, wie sich die letzte Phase menschlichen Lebens gestalten lässt, wie und wo wir sterben wollen, was zu einem »guten« Tod dazugehört, wie ein Sterben gemäß den eigenen Wünschen institutionell realisiert und rechtlich abgesichert werden kann, wo und wie man bestattet werden will. Diese in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland neu aufgekommene Diskussion bündelt das im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg erarbeitete Handbuch »Sterben und Menschenwürde« auf gut 2000 Seiten. [...]