Ethik und Behinderung

Ausgabe: 3/2014

60. Jahrgang

Jahrgang: 2014

Inhalt: Ausgabe

Home Run - Dankbare Reflexionen auf Begegnungen mit behinderten Menschen

von Heereman, Franziskus

Zu den vielfältigen Hinsichten auf das Thema Behinderung gehört auch die Perspektive derjenigen, die in familiären, freundschaftlichen, beruflichen oder ehrenamtlichen Kontexten behinderten Menschen begegnen. Der vorliegende Artikel versucht eine philosophisch-theologische Reflexion dieser Begegnung, und zwar insofern sie als eine Bereicherung empfunden wird. Dabei tritt in den Blick: 1) Hilfsbedürftigkeit als Dienst. 2) Humor durch Konfrontation mit eigenen Grenzen. 3) Besonders ausgeprägte Fähigkeiten durch Behinderung anderer Fähigkeiten. 4) Vorbilder in der Annahme seiner selbst. 5) Der den Lobpreis aller legitimierende legitime Lobpreis der Leidenden. 6) Leiden als Dienst.

Ethik und Behinderung

Graumann, Sigrid

Vor allem aufgrund des demografischen Wandels werden zur Sicherstellung zukunftsfähiger Pflege zunehmend technische Assistenzsysteme für einen ambulanten Einsatz im heimischen Ambiente entwickelt. Die Komplexität der damit verbundenen Horizonte ethischen Fragens wurde in Deutschland bislang noch nicht im Rahmen einer öffentlichen ethischen Orientierung vorgelegt. Der Beitrag will Bausteine für eine solche Positionierung entwickeln. Anders als in bereits vorliegenden Stellungnahmen (Österreich, Niederlande) soll dafür eine systematische Ethik grundgelegt werden. Deren Konturen werden nach einer Einführung in die Herausforderungen und Möglichkeiten technischer Assistenzsysteme in einer Weiterführung erster systematisch-ethischer Ansätze vorgestellt. Die Relevanz christlicher Ethik wird in der Verschränkung von Institutionen- und Tugendethik gesehen, mit der das christliche Menschenbild Orientierungen in der Komplexität der Fragestellungen bietet.Das Verhältnis von Behinderung und Ethik ist bekanntlich nicht unproblematisch. Wenn Behinderung in ethischen Debatten überhaupt thematisiert wird, dann hauptsächlich in der Medizin- und Bioethik im Kontext von Entscheidungen am Anfang und am Ende des Lebens. Dabei wird ein Leben mit Behinderung oft einseitig mit einer schlechten Lebensqualität in Verbindung gebracht. Das ist der Hauptgrund, warum Aktivisten der Behindertenbewegung Ethikern vorwerfen, ein negatives Bild von Behinderung zu befördern. Die Wurzelns dieses Konflikts liegen in der Ko-Entwicklung der Neugeborenen-Intensivmedizin und der Bioethik und - damit zusammenhängend - der philosophischen Grundsatzdebatte über den moralischen Status von menschlichen Wesen mit eingeschränkten personalen Fähigkeiten. Im vorliegenden Beitrag wird argumentiert, dass die Debatte über den moralischen Status einerseits in der Tat diskriminierende Implikationen hat und andererseits aber die ethischen Probleme der Neugeborenen-Intensivmedizin nicht lösen konnte. Durch den Einfluss der Disability Studies scheint die Offenheit für die Einsicht in die soziale Konstruktion von Behinderung und die kritische Reflexion eines medizinischen, defektorientierten Verständnisses von Behinderung in der Ethik allerdings mittlerweile zu wachsen.

Anthropologische und ethische Aspekte von Behinderung

Eurich, Johannes

Bei der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Behinderung gewinnen soziale Prozesse zunehmend an Bedeutung, wobei die Anerkennung menschlicher Verschiedenheit als Ziel postuliert wird. Zwangsläufig werden so Fragen nach der Vereinbarkeit sozialer und medizinischer Verständnisse von Behinderung aufgeworfen, wobei die Reduktion eines Menschen auf eine medizinisch feststellbare »Schädigung« zugunsten einer im umfassenden Sinne den Menschen als solchen wahrnehmenden Perspektive zu überwinden ist. So lässt sich hinsichtlich der in unserer Kultur geltenden anthropologischen Grundlagen argumentieren, dass Menschen mit Behinderung uneingeschränkt unter den Schutz der Menschenwürde fallen und im vollen Sinne Träger von Menschenrechten sind. In diesem Beitrag wird dies aus christlicher Perspektive unter Bezug auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen ausgeführt und es werden auch Differenzen zur Begründung der Menschenwürde durch Kant einbezogen. Die hieraus resultierenden ethischen Konsequenzen beinhalten die Dekonstruktion festsitzender und pathologisierender Vorstellungen von Behindertsein, die durch Interaktion und Diskurse mit Betroffenen unter Miteinbeziehung sozialpolitischer, rehabilitativer und pädagogischer Kontexte vorangetrieben werden muss.

»Inklusion« - Perspektiven und offene Fragen

Dederich, Markus

Im Zentrum dieses Beitrags steht der Begriff der Inklusion. Es erfolgt eine Kontrastierung von soziologischen und pädagogischen Definitionen und Verwendungsweisen, die deutlich voneinander abweichen und in der Debatte zu selten miteinander in Beziehung gesetzt werden. Der Beitrag plädiert für eine kritisch-reflexive und gesellschaftstheoretisch fundierte Konturierung des Begriffs, ohne dabei seine normative Dimension aus den Augen zu verlieren.

Ethische Probleme bei seelischen Behinderungen im Kindes- und Jugendalter

Lehmkuhl, Gerd • Lehmkuhl, Ulrike

Fragen des ethischen Handelns und juristische Aspekte wurden in den letzten Jahren zunehmend von den betroffenen Fachverbänden sowie nationalen und internationalen Institutionen aufgegriffen und diskutiert. Entsprechende Leitlinien und Standards fanden Eingang in die Versorgung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen. Als leitendes Prinzip gilt hierbei, dass jedem Kind das Recht zusteht, seine physischen, emotionalen sowie bildungsmäßigen Möglichkeiten auszuschöpfen. Auftretende Probleme bei der Umsetzung dieses Anspruchs und bei der Bereitstellung der hierfür notwendigen Ressourcen werden kritisch diskutiert.

»ein bißchen verkrüppelt, aber doch der Alte geblieben« - Kriegsinvalide im Ersten Weltkrieg

Ude-Koeller, Susanne

Der Erste Weltkrieg konfrontierte Staat und Medizin mit einer unerwartet hohen Zahl verletzter Soldaten. Der vorliegende medizinhistorische Beitrag bezieht Perspektiven der Disability Studies und Disability History ein, indem er Behinderungen nicht als medizinische Phänomene, sondern als gesellschaftliche Differenzkategorien thematisiert. Ausgehend von der Binnensegmentierung von Kriegsbeschädigungen fragt der Artikel nach den unterschiedlichen Konnotationen und der Bewertung von »Behinderungen« seitens der Medizin und Gesellschaft. Die Versorgungspolitik hielt für die Kriegsinvaliden Rehabilitationsangebote bereit, die sich an medizinischen Kategorien orientierten und die Kriegsversehrten anhand normativer Zuschreibungen hierarchisierte. Der (Teil-)Verlust der äußeren Extremitäten machte die Versehrten in der Propaganda zu »Beschädigten Helden«1. Dahingegen gestaltete sich die Integration der Gesichtsverletzten deutlich schwieriger. Die »Kriegsneurotiker« blieben als »Frontversager« vom »Dank des Vaterlandes« oft ausgeschlossen.

»All inclusive«? Über Probleme und Chancen schulischer Inklusion - Ein Praxisbericht aus Baden-Württemberg

Brückner, Wolfgang

Das Sonderschulwesen in der Bundesrepublik befindet sich im Umbruch. Die Bundesrepublik Deutschland hat im Jahre 2009 die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet. Deutschland verpflichtete sich dadurch, sein Bildungssystem inklusiv zu gestalten, also Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam zu unterrichten. Angesichts eines aufwändigen, sehr gut ausgebauten Sonderschulsystems steht ein Paradigmenwechsel bevor. Bei näherem Hinsehen ist leicht zu erkennen, dass dieser Paradigmenwechsel bereits in vollem Gange ist. [...]

Menschen mit Behinderung: Cerebralparese

Heinen, Florian

Maximilian ist ein 17-jähriger junger Mann, unmittelbar vor seinem 18. Geburtstag. Seine Behinderung ist sichtbar. Es ist eine spastische Bewegungsstörung, eine Cerebralparese. Maximilian hat diese Bewegungsstörung seit seiner viel zu frühen Geburt. Sein Zwillingsbruder ist gesund, er wird seine Schullaufbahn als erfolgreicher Gymnasiast beenden und will als Stipendiat der Deutschen Studienstiftung in Heidelberg Jura studieren. [...]

Medizinischer Kommentar

Heinen, Florian

Der vorgelegte Fallbericht beschreibt einen jungen Sportler mit Behinderung, der die Diagnose Cerebralparese hat. Cerebralparesen sind eine Gruppe von Erkrankungen, deren Definition die frühe, in der Regel schon vor der Geburt stattgehabte Läsion des Gehirns ist. Die gesamte Entwicklung ist betroffen, Schwerpunkt der Störung ist die Mobilität, die Motorik.[...]

Sozialpädiatrischer Kommentar

Mall, Volker

Der vorliegende Fallbericht beschreibt in einer geradezu klassisch exemplarischen Art und Weise die Probleme, mit denen Menschen mit Cerebralparese konfrontiert sind. Zunächst wird zu Recht festgehalten, dass eine genaue Diagnostik (Anamnese, klinische Untersuchung, Bildgebung des Gehirns) nicht nur für die medizinisch-therapeutischen Aspekte von Relevanz ist, sondern auch für die psychosozialen. Die Mehrzahl der Eltern von Kindern mit einer Cerebralparese geht davon aus, dass die Schädigung entweder durch die Geburt oder um den Geburtsvorgang herum entstanden ist. Dies ist für über 90 Prozent der Patienten falsch. [...]

Kinder- und jugendpsychiatrischer Kommentar

Freisleder, Franz Josef

Maximilian, ein leicht intelligenzgeminderter Jugendlicher mit einer angeborenen Cerebralparese, steht an der Schwelle zum Erwachsenenalter. Trotz seiner augenscheinlichen Behinderung mit einer Reihe von Handicaps hat er seine bisherige Entwicklung erstaunlich gut gemeistert. Wie es scheint, wuchs er in einer umsorgenden Familie an der Seite eines besonders begabten Zwillingsbruders auf. Er erhielt eine angemessene medizinische Versorgung und, zumindest bis zum 12. Lebensjahr, auch eine gute pädagogische Betreuung. [...]

Diana Aurenque/Orsolya Friedrich (Hrsg.), Medizinphilosophie oder philosophische Medizin? Philosophisch-ethische Beiträge zu Herausforderungen technisierter Medizin, Stuttgart-Bad-Cannstatt (fromann-holzboog) 2014 (Medizin und Philosophie; Bd. 11), 288 Seiten

Splett, Jörg

»Der Sammelband versucht, das skizzierte Spannungsfeld zwischen Medizin, Technik und Ethik im Hinblick auf konkrete Fragen aufzugreifen und dabei ein neues produktives Verhältnis zwischen Philosophie und Medizin anzuregen. Eines der Hauptanliegen besteht darin, die medizinethische Perspektive um bislang vernachlässigte, aus humanwissenschaftlicher Sicht jedoch relevante philosophische Theorien und Autoren zu erweitern« (7) […] (10) »jenseits von pragmatischen Lösungsvorschlägen und den fundamentalistischen Kämpfen der Moralphilosophie« [?]. - Die Beiträge sind zu drei Gruppen geordnet.[...]

Torsten Meireis (Hrsg.), Altern in Würde. Das Konzept der Würde im vierten Lebensalter, Zürich (Theologischer Verlag Zürich) 2013, 200 Seiten

Buch, Alois Joh.

In der öffentlich-politischen Debatte gibt es wohl neben dem Bildungsbereich nur noch ein weiteres Segment, in dem ähnlich große Reformfreudigkeit herrscht: das Gesundheitssystem als Teil unseres sozialen Absicherungssystems. In der Regel sind die Reformbestrebungen verbunden mit mehr oder minder starker Einflußnahme der verschiedenen Interessensgruppen, seien es die Sozialversicherungsnehmer, die auch die (potentiellen) Patienten darstellen, diejenigen die medizinische Leistungen erbringen oder auch die Krankenversicherungen. Zudem existiert in Deutschland eine Differenzierung des Krankenversicherungssytems in Privatversicherte und solche Versicherte, die entweder pflichtversichert oder freiwillig versichert Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse sind. [...]