Bestattungskultur im Wandel

Ausgabe: 4/2014

60. Jahrgang

Jahrgang: 2014

Inhalt: Ausgabe

Christliche Begräbniskultur in säkularer Gesellschaft

Sörries, Reiner

Bereits mit der Reformation hat sich das kirchliche Handeln beim Begräbnis von der heilsnotwendigen Versorgung der Verstorbenen zur seelsorgerlichen Begleitung der Trauernden gewandelt. In einer säkular werdenden Gesellschaft wird sich das einstige Werk der Barmherzigkeit nicht mehr ausschließlich an die Kirchenmitglieder richten, sondern zu einem Dienst an der Gesellschaft werden. Insbesondere wird die Zuwendung gesellschaftlich Benachteiligten wie Unbedachten gelten müssen. Dabei müssen die Kirchen angesichts konkurrierender Weltanschauungen darauf achten, ihr christliches Profil zu wahren.

Wir gedenken der Toten - nicht damit, sondern weil sie leben
Christlicher Umgang mit den Toten angesichts des derzeitigen Wandels der Bestattungskultur

Baumgartner, Konrad

Angesichts der seit 1900 rapide voranschreitenden Veränderungen in der Bestattungs- und Trauerkultur sowie der veränderten Glaubens- und Lebenseinstellungen in Deutschland sind Christen herausgefordert, ihre Überzeugung in die plurale Lebenswelt einzubringen: Christen trauern um ihre Toten, aber nicht, damit sie leben, sondern weil sie leben.

Die Transplantationsmedizin und der Umgang mit dem Körper

Sahm, Stephan

Der Schutz der Persönlichkeit und ihrer Rechte gilt über den Tod hinaus. Die Verletzung der Integrität des Leichnams bedarf daher einer Rechtfertigung. Im Rahmen der Organspende ist sie nach Hirntodfeststellung gegeben. Die Organentnahme und die damit verbundene Verletzung der Integrität des Leichnams sind gerechtfertigt um ihres Zieles willen: des Geschenkes des Lebens für Dritte. Gleichwohl bleibt die Grundlage des Umganges mit dem Leichnam der Respekt vor der Person des Verstorbenen. Neuere Techniken der Behandlung des Körpers zur Erhaltung der Organfunktion in der Phase vor und nach Todesfeststellung bis zum Zeitpunkt der Organentnahme verschieben die bisher akzeptierten Grenzen. Dies gilt vornehmlich bei der in einigen europäischen Ländern und den USA zulässigen Organentnahme nach Kreislaufstillstand. Die Erörterung der ethischen Herausforderungen im Umgang mit dem Körper mit der Absicht der Organentnahme muss daher die Verschiedenheiten der Umstände der Todesfeststellung - nach Feststellung des Hirntodes vs. des Kreislaufstillstandes - in den Blick nehmen. Einige der in jüngster Zeit eingeführten Praktiken zur Verbesserung der Organqualität widersprechen der palliativen Zielsetzung der Medizin bei der Betreuung von Patienten am Lebensende wie auch der Begleitung der Angehörigen.

»Ich pflege lebende Tote«
Ethische Überlegungen zur Pflege hirntoter Patienten

Baumann, Manfred • Kohlen, Helen • Brandenburg, Hermann

Die Pflege hirntoter Patienten im Rahmen der Spenderkonditionierung zur Vorbereitung einer Organentnahme stellt pflegerisches Handeln als eine ethische Praxis in Frage. Pflegerisches Handeln droht zu misslingen im Spannungsfeld von verunsichernden Erfahrungen Pflegender im Umgang mit hirntoten Patienten einerseits und aktuellen Debatten um Hirntodkonzept und Organgewinnung andererseits. Die Verunsicherungen der Pflegenden sind normativen Zuschreibungen geschuldet, die die pflegerische Praxis bestimmen. Der vorliegende Aufsatz betrachtet in (Care-)ethischer Perspektive die Pflege hirntoter Patienten in diesem Spannungsfeld.

Ethik und Emotionen im Umgang mit Körperspenden in deutschsprachigen Anatomien

Pabst, Reinhard • Schmiedl, Andreas • Pabst, Vera Christina • Tschernig, Thomas

In der Anatomie werden menschliche Leichen für die Lehre im Medizinstudium, im Kurs der Makroskopischen Anatomie (genannt »Präparierkurs«) sowie für die Weiterbildung, Fortbildung und Forschung von Ärzten und Wissenschaftlern benötigt. Körperspender schließen zu Lebzeiten ein sogenanntes Vermächtnis bei einem anatomischen Institut ab. Nach dem Tod werden die Leichen konserviert und im Kurs der Makroskopischen Anatomie von Studierenden präpariert. Nach Kursende werden die Leichen eingeäschert und die Urnen anonym beigesetzt. Der »Präparierkus« ist auch heute noch essentiell und kann nicht durch vorpräparierte Körperregionen (Prosektion) oder Computerbilder ersetzt werden. Diese Arbeit untersucht vor allem das Verhalten der Studierenden im »Präparierkurs« und die Veranstaltungen nach Ende des Kurses, die meist Dankfeiern oder Gottesdienste genannt werden.

Bestattungskultur im Wandel - Neue Herausforderungen für das Friedhofs- und Bestattungsrecht

zu Hohenlohe, Diana

Das Bestattungswesen sieht sich in den letzten Jahren mit einem Trend zur Individualisierung und Pluralisierung der Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf den Umgang mit dem Leichnam konfrontiert. Das Friedhofs- und Bestattungsrecht hat die Aufgabe, diese Entwicklung einzuhegen und sicherzustellen, dass ein Ausgleich stattfindet zwischen dem durch die Menschenwürdegarantie, das Selbstbestimmungsrecht und die religiöse Freiheit gewährleisteten Schutz der Verstorbenen, den Rechten der Hinterbliebenen, namentlich ihrem Totenfürsorgerecht, und Belangen der Allgemeinheit, zu denen auch das Pietätsempfinden gehört. Das Recht kann jedoch den Wandel der Bestattungskultur, der über den Umgang mit dem Leichnam hinausgeht, nicht aufhalten.

»Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht« (Perikles, 493-429 v. Chr.)
Bestattung fehlgeborener Kinder

Schäfer, Klaus

Das Bestattungswesen zählt zu den ältesten Gegenständen gesellschaftlicher Konventionen und rechtlicher Regelungen. Dabei ging es, soweit sich das feststellen lässt, bereits sehr früh in der Menschheitsgeschichte nicht allein darum, schädlichen Einwirkungen der Verwesung auf die Lebenden vorzubeugen. Vielmehr wurde die schickliche Bestattung der Toten als eine heilige Pflicht betrachtet, die durch Pietät, altehrwürdige Sitte und religiöse Anschauungen, namentlich den Glauben an eine Fortexistenz im Jenseits, geprägt war.2 Auch in der heutigen Zeit muss das Friedhofs- und Bestattungsrecht, das wie jedes andere Recht nicht zuletzt eine ordnende und konfliktbewältigende Funktion hat, einen Ausgleich schaffen zwischen verschiedenen Belangen. Dazu zählen gesundheitliche und hygienische Aspekte, grundrechtlich geschützte Interessen der Verstorbenen und ihrer Angehörigen, Pietätsgefühle der Allgemeinheit, Gesichtspunkte des Umwelt- und Naturschutzes sowie der geordneten Stadtplanung.

Claudia Bozzaro, Das Leiden an der verrinnenden Zeit. Eine ethisch-philosophische Untersuchung zum Zusammenhang von Alter, Leid und Zeit am Beispiel der Anti-Aging-Medizin, Stuttgart-Bad Cannstatt (Frommann-Holzboog) 2014 (Medizin und Philosophie. Beiträge aus der Forschung, Bd. 12), VIII/263 Seiten.

Splett, Jörg

Alter, Leid und Zeit markieren das Feld der Untersuchung, unter drei Hauptaspekten: Die Endlichkeit des Lebens beschneidet den Selbstverwirklichungsanspruch des modernen Subjekts; Entscheidungszwänge überfordern es und Angst vor Fehlentscheidungen setzt es unter Druck. Die ausführliche Einleitung (1-40) stellt Thema, Aktualität, Methodik und Aufbau der Arbeit vor und entfaltet die beiden Hauptgegebenheiten Leiden und Zeit. Für ersteres erörtert die Autorin (= B.) die drei Momente Passivität, Negativität und Reflexivität. Tatsächlich kennt das Deutsche nur die beiden »genera verbi« Aktiv und Passiv; worum es B. geht, würde indes noch klarer durch den Rückgriff auf das griechische Medium. Dann lassen sich »(er)leiden« (passiv) und »dulden« (medial) unterscheiden. Und die »lassen«-Konstruktion ersetzt die uns fehlende Konjugation (man kann jemand leiden machen, doch nicht dulden; das steht beim Leidenden selbst; und uns selbst können wir nicht ergriffen-werden machen, wohl uns gegen ein Ergriffen-werden wehren). Dabei wäre dies Medium (Sich-ergreifen-Lassen) nicht als dritte, sondern als erste »Aktionsart« unserer Freiheit zu sehen, in allen ihren Dimensionen, sexuell, ästhetisch, ethisch, religiös. Negativität meint ein Nicht-sein-Sollen; Reflexivität besagt, dass dies Geschehen nicht bloß unangenehm ist, sondern Fragen weckt. - Zur Zeit dann ist zwischen physikalischer Objektivität und bewusstseins­immanenter Subjektivität zu unterscheiden (wäre [37] kosmische Zeit = Ewigkeit?). - Die Untersuchung selbst nun vollzieht sich in fünf Schritten: Kap. II bis VI.

Claudia Wiesemann/Alfred Simon (Hrsg.), Patientenautonomie. Theoretische Grundlagen - Praktische Anwendungen, Münster (Mentis) 2013, 455 Seiten.

Schleidgen, Sebastian

Spätestens seit der Veröffentlichung der Principles of Biomedical Ethics im Jahre 1977 hat sich das Konzept der Patientenautonomie und die Frage nach ihrer angemessenen Berücksichtigung zu einem zentralen Bezugspunkt im medizinethischen, - rechtlichen und - politischen Diskurs entwickelt. Dabei ist die Bedeutung des Autonomiebegriffs schon auf der konzeptionellen Ebene höchst umstritten: Mal wird er mit negativer Freiheit identifiziert, mal mit individueller Selbstbestimmung, Moralfähigkeit oder Authentizität. In Abhängigkeit solcher Begriffsbestimmungen wiederum existiert eine Vielzahl von Positionen bezüglich der Frage nach notwendigen (und ggf. hinreichenden) Bedingungen für die Zuschreibung individueller Autonomie.

Frank Sobiech, Radius in manu Dei. Ethos und Bioethik in Werk und Rezeption des Anatomen Niels Stensen (1638-1686), Münster (Aschendorff) 2013, 242 Seiten.

Bergdolt, Klaus

Der aus Dänemark stammende »Anatom und katholische Bischof« Niels Stensen gab und gibt vielen Medizin- und Wissenschaftshistorikern Rätsel auf. Ein Spitzenvertreter der wissenschaftlichen Medizin des 17. Jahrhunderts, der in der damals boomenden Anatomie, aber auch als paläontologisch interessierter Geologe glänzte, als praktischer Arzt dagegen kaum in Erscheinung trat (der Titel eines »Leibarztes« des Großherzogs der Toskana dürfte eher formaler Art gewesen sein), ein Mann, der knapp 30jährig zum Katholizismus konvertierte, sich dann mit Leidenschaft der Theologie zuwandte und, wie es scheint, ein heiligmäßiges Leben im Sinne der Kirche geführt hat, eine solche Persönlichkeit passt nicht ins Raster der Voraufklärung. Frank Sobiech hat die komplexe Welt des in Deutschland außerhalb Osnabrücks und einiger nach ihm benannten Kliniken und Institutionen leider kaum mehr bekannten Gelehrten in einer ausführlichen, auf seiner Würzburger Dissertation basierenden Studie dargestellt, wobei der Akzent auf ethische und bioethische Fragen sowie die Rezeptionsgeschichte gelegt wurde.

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