Gesundheit in medizinischen Berufen

Ausgabe: 1/2015

61. Jahrgang

Jahrgang: 2015

Inhalt: Ausgabe

Ärztegesundheit als ethische Herausforderung

Mäulen, Bernhard

Ethische Überlegungen in der Medizin begrenzen sich bisher zu oft auf die Verantwortung gegenüber den Patienten, die Pflicht zu helfen und ihre Grenzbereiche. Diese Idealisierung des Helfens war und ist jedoch insofern gefährlich als sie eine Fremd- und Selbstausbeutung im Medizinerberuf begünstigte und (indirekt) eine hohe Zahl ausgebrannter, suchtkranker, depressiver oder suizidgefährdeter Ärzte in Kauf nahm. Ärztegesundheit als neues Fach untersucht die Erkrankungshäufigkeit von Ärzten, krankmachende Arbeitsplatzfaktoren und Möglichkeiten einer gesunden Work-Life-Balance für Ärzte und Ärztinnen. Es ist eine Herausforderung für die medizinische Ethik, neue Positionen zu finden, die die Verantwortung des Arztes für die eigene Gesundheit wie die für seine Patienten angemessen berücksichtigt.

Burnout bei Ärzten

Egle, Ulrich T.

Fast 50 Prozent aller Ärzte leiden unter einer Burnout-Symptomatik, während dies in der Allgemeinbevölkerung auf etwa 25 Prozent zutrifft. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über das Zusammenspiel äußerer und innerer Faktoren, die zu einer neurobiologischen Dysfunktion bei der Stressverarbeitung in verschiedenen Hirnbereichen führen können. Neben frühkindlichen Prägungen, individuellen Konfliktbewältigungsstrategien und beruflichen Gratifikationskrisen bekommt dabei die Diskrepanz zwischen dem Selbstverständnis des Arztes als Helfer des leidenden Menschen und dem nüchternen Umgang mit der »Ware Mensch« als Wirtschaftsfaktor seitens der klassischen Ökonomie eine immer größere Bedeutung als Disstress-Faktor. Am Ende werden praktische Konsequenzen für eine Burnout-Prophylaxe bei Ärzten skizziert.

Medice cura te ipsum: Gesundheit und Krankheit von Ärzten aus historischer Sicht

Schäfer, Daniel

Aus historischer Perspektive sind Gesundheit oder Krankheit des Arztes nicht nur Privatsache; vielmehr wirken sie sich auf seine Beziehung zu Patienten und zur Öffentlichkeit aus. Zwar enthalten Quellen der letzten 2.500 Jahre seit der griechisch-römischen Antike nur verhältnismäßig wenige und sehr heterogene Hinweise. Es lassen sich aber cum grano salis in verschiedenen Zeitabschnitten drei wesentliche Konzepte unterscheiden: In den Epochen bis etwa 1700 werden vom Arzt persönliche Gesundheit und Gesundung als Ausweis seiner Heilkunst erwartet. In den folgenden 250 Jahren stilisiert er sich zunehmend als Opfer im Dienst der Patienten und der Wissenschaft. Nach 1970 erscheinen hilflose Helfer von psychischen Krankheiten bedroht.

Arbeitsbelastungen und Gesundheitsprobleme in der Pflege

Wingenfeld, Klaus

Anforderungen und gesundheitsrelevante Belastungen in der beruflichen Pflege haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt. Die Zahl der Patienten und Heimbewohner mit komplexen Problem- und Bedarfslagen ist angestiegen. Der ökonomische Druck und damit auch die allgemeine Arbeitsbelastung haben sich ebenfalls verstärkt. In verschiedenen Arbeitsfeldern der Pflege ist die Situation so angespannt, dass vorübergehende Erkrankungen von Mitarbeitern zu erheblichen Überlastungen im Versorgungsalltag führen. Der vorliegende Beitrag präsentiert eine Übersicht über die wichtigsten gesundheitsrelevanten Belastungsfaktoren und anhaltende Entwicklungstrends, die zunehmend eine durchgreifende Anpassung der Rahmenbedingungen beruflicher Pflege erforderlich machen.

Resilienz im ärztlichen Berufsalltag fördern

Frick, Eckhard • Schießl, Andreas

»Resilienz« (von lat. resilire – zurückspringen) ist die Fähigkeit eines Materials, auf äußeren Druck widerstandsfähig und flexibel zu reagieren, ohne zu brechen oder sich bleibend zu deformieren. Auf den ärztlichen Beruf angewandt, meint Resilienz einen engagierten, flexiblen und zugleich abgegrenzten Umgang mit Belastungen. Fehlende Resilienz hingegen ist charakterisiert durch Rückzug, Erstarrung, Aufrechterhalten einer funktionierenden und sozial erwünschten Fassade bei wachsender innerer Unausgeglichenheit. Resilienz kann einerseits individuell eingeübt und gestärkt, andererseits systemisch-institutionell anerkannt und gefördert werden. Im beruflichen Alltag braucht die persönliche Resilienz ein kollegiales Klima, in dem Achtsamkeit und Anerkennung von Grenzen als stärkende Ressourcen gelten. Resilienzsteigernde Interventionen zielen sowohl auf das Einüben dementsprechender Fähigkeiten als auch auf eine nachhaltige Einstellungsveränderung ab. Ärzte sind es meist nicht gewohnt, sich eigene Bedürfnisse einzugestehen – in manchen Fällen zum Schaden des Patienten. Damit Ärzte ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen können, bedarf es sowohl der eigenen und kollegialen Akzeptanz als auch der »Erlaubnis von oben« z. B. seitens der Öffentlichkeit, des Trägers, der Leitung usw.

Das Krankenhaus – ein krankes Haus? Der Einfluss von Krankenhausleitungen und Krankenhausträgern auf die Gesundheit der Beschäftigten im Krankenhaus

Ruelius, Peter-Felix • Rethmann, Albert-Peter

Beschäftigte im Gesundheitswesen weisen hohe krankheitsbedingte Fehlzeiten auf. Der ökonomische Druck führt zu Personalknappheit und damit erhöhten Belastungen für Pflegende, Ärztinnen und Ärzte. Arbeitsplatzzufriedenheit ist zu einem wesentlichen Merkmal geworden, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu binden. Die Verantwortung für die Gesundheitsförderung im Krankenhaus muss von allen Beteiligten getragen werden. Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements in einem Krankenhaus müssen Ausdruck einer arbeitnehmerorientierten Führungskultur sein, damit sie wirksam werden können. Christliche Krankenhäuser und Krankenhausträger können durch ihr Proprium dafür Sorge tragen, die Maßnahmen eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements zu unterstützen und in einer Dienstgemeinschaft zu implementieren.

Arzt, heile dich selbst! (Lk 4,23)

Stock, Klaus

Als die Einladung zu diesem geistlichen Impuls auf meinen Schreibtisch kam, hatte ich gerade einen Besuch bei meinem Hausarzt hinter mir. Als Krebspatient bin ich nun schon fast zwei Jahre unterwegs. Die Arztbesuche gehören längst zum unvermeidbaren Ritual der Lebensbegleitung. Ich habe einen »Rollentausch« hinter mir. Beruflich war ich lange Jahre als »Seelsorger für Berufe im Gesundheitswesen« tätig. Mit der Erkrankung änderte sich schlagartig die Perspektive. Mehr als bisher lernte ich Ärzte in ihren spezifischen Berufserfahrungen kennen. [...]

Jan C. Joerden/Eric Hilgendorf/Felix Thiele (Hrsg.), Menschenwürde und Medizin. Ein interdisziplinäres Handbuch, Berlin (Duncker & Humblot) 2013, 1.135 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Menschenwürde und Medizin, vor allem deren Zueinander bzw. Verhältnisbestimmung, bezeichnen bereits vor weiterer Präzisierung eine höchst bedeutsame und herausfordernde interdisziplinäre Thematik. Die Begriffe können zugleich in dieser Allgemeinheit als stichwortartige Charakterisierung einer seit Langem geführten, durchaus kontroversen Diskussion speziell über medizinethische Fragen und Probleme genommen werden. Nicht zuletzt im Bemühen um Klärung inhaltlicher Grundlagen medizinethischer Argumentation und Handlungsorientierung, aber auch einer deskriptiven oder normativen ethischen Kriteriologie, bildet gerade auch der Begriff der Menschenwürde einen besonderen Referenzpunkt – und zwar gleichermaßen in kritischer Distanzierung wie in differenzierter Bezugnahme. [...]

Friedemann Voigt (Hrsg.), Religion in bioethischen Diskursen. Interdisziplinäre, internationale und interreligiöse Perspektiven, Berlin/New York (de Gruyter) 2010, 337 Seiten.

Bormann, Franz-Josef

Der vorliegende Sammelband geht aus der Arbeit einer gleichlautenden Forschergruppe an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU München und einer von ihr organisierten Tagung hervor, die dort mit Unterstützung des Instituts ›Technik-Theologie-Naturwissenschaften‹ 2009 stattgefunden hat. Nach Auskunft des Herausgebers zeigt der Titel des Bandes eine »kulturhermeneutische Herausforderung« an, »für die das analytische Instrumentarium erst ganz am Anfang steht und letztlich nur im Kontext der weiteren Aufgabe der Erschließung der Bedeutung der Religion für die Gegenwartskultur erfolgversprechend ist« (4). [...]

Bénédict Winiger/Paolo Becchi/Philippe Avramov/Mike Bacher (Hrsg.), Ethik und Recht in der Bioethik, Kongress der Schweizerischen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie, 11./12. Mai 2012, Universität Luzern Baden-Baden/Stuttgart (Nomos/Steiner) 2013 (Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie; Beiheft 138), 226 Seiten.

Höver, Gerhard

Der vorliegende Band dokumentiert zu wesentlichen Teilen einen Kongress der Schweizerischen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie (SVRSP), der eine breite Resonanz erfahren hat, weil er sich mit Themen »im rechtsphilosophischen ›Graubereich‹« befasste (7). Es handelt sich um »bioethische Probleme am Lebensanfang«, »während des Lebens« und »am Lebensende«, welche spezifische Grenzsituationen menschlichen Lebens in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellen und an denen Grundbefindlichkeiten menschlicher Existenz sowie Fragen des verantwortungsvollen Umgangs damit zur Sprache kommen. [...]