Güterabwägungen und medizinethische Entscheidungen

Ausgabe: 2/2015

61. Jahrgang

Jahrgang: 2015

Inhalt: Ausgabe

(Kinder-) Ärzte als Pädagogen? Neuorientierungen durch Perspektivenwechsel

Stross, Annette M.

Die Diskurse von Medizinern haben sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert unterschiedlicher pädagogischer Vorstellungen und Metaphern bedient.1 Doch welche Funktionen haben die hier verwendeten pädagogischen Metaphern? Diese Frage soll im Rückgriff auf die in Deutschland medizinhistorisch wichtige Phase zwischen 1890 und 1918 rekonstruiert werden. Vermutet werden kann, dass die Verwendung pädagogischer Metaphern sowohl den Erfolgsdruck auf die Medizin als »technische« Wissenschaft senken als auch – damit zusammenhängend – die Bedeutung der Medizin im Lebenslauf des Einzelnen erhöhen sollte.

Ethische Legitimität der Beschneidung?

Mack, Elke

Die kontroverse Debatte zur Beschneidung von Jungen wird aus der Perspektive einer christlichen Ethik erörtert. Pro Argumente werden aus der Bundestheologie, mit dem Blick auf Zugehörigkeitsriten des Judentum und des Islam und aus der Perspektive der medizinischen Prävention für eine geringere Übertragbarkeit von Keimen und bessere Hygiene vorgebracht. Contra Argumente entstammen der Menschenrechtsethik und bringen die Rechtsgüter der körperlichen Unversehrtheit, der individuellen Selbstbestimmung und der Religionsfreiheit mit der Pflicht einer bewussten Zustimmung durch den Betroffenen in die Debatte. Auch die Möglichkeit psychischer Traumata und der Einschränkung sexueller Selbstentfaltung werden artikuliert, wobei der medizinische Nutzen sehr kontrovers diskutiert wird. In Würdigung aller Argumente soll eine ausgewogene Urteilsbildung angeregt werden, bei der Judentum und Islam für sich entscheiden, jedoch die Beschneidungspraxis in christlichen Gesellschaften angesichts der Würde menschlicher Person in allen ihren Dimensionen aufgeklärt werden soll.

Zur vernachlässigten Schutzpflicht der Rechtsordnung gegenüber ungeborenen »Behinderten«

Duttge, Gunnar

Sowohl die Schwangerenvorsorge im Rahmen der Pränataldiagnostik als auch die mittlerweile gesetzlich zugelassene Präimplantationsdiagnostik zielen auf die Detektion eventueller »Defekte« bzw. Schadensanlagen beim Embryo bzw. Fötus. Die absehbare Folge eines positiven Befundes ist, dass die betroffenen Eltern bzw. die Schwangere sich gegen eine Implantation bzw. Fortsetzung der Schwangerschaft entscheiden. Diese Form der »Selektion« wird überwiegend nicht als »Diskriminierung« angesehen, weil es sich bloß um eine individuelle Disposition im Rahmen der Fortpflanzungsfreiheit handle. Der Beitrag beleuchtet diese Einschätzung im Lichte des Art. 3 Abs. 3 S. 2 GG sowie der UN-Behindertenrechtskonvention kritisch.

Der individuelle Lebensstil als Allokationskriterium

Rubrech, Corinna

Die Frage, ob der individuelle Lebensstil von Personen als Kriterium bei der Verteilung von Gesundheitsleistungen Berücksichtigung finden darf, wird kontrovers diskutiert. Die vorliegende Abhandlung bietet zunächst eine kritische Würdigung der glücksegalitaristischen Position, die eine Benachteiligung der Behandlung selbstverschuldeter gesundheitlicher Beeinträchtigungen begründet. Zudem soll auf der Grundlage der rechtebasierten Gerechtigkeitstheorie Alan Gewirths herausgestellt werden, warum eine Posteriorisierung oder Unterlassung medizinsicher Behandlungen aufgrund des Kriteriums der kausalen Selbstverschuldung problematisch erscheint. Gewirths Ansatz bietet über den kausalen Verantwortungsbegriff des Glücksegalitarismus hinaus ein hinreichend begründetes Kriterium für die Zuschreibung von moralischer Verantwortung und orientiert dadurch einen Ansatz zur Legitimation von Interventionsmaßnahmen gegenüber Selbstschädigern.

Demenz - Härtefall der Würde

Rieger, Hans-Martin

Die Demenz stellt eine Herausforderung für das Verständnis der Menschenwürde dar. Lässt sich diese als ein menschenangemessenes Orientierungskonzept entfalten, das Verluste zu berücksichtigen erlaubt, die wir als Verluste von Personalität zu betrachten gewohnt sind? Für die Definition des Personseins ist dazu beides erforderlich: einerseits das Überschreiten des phänomenal Gegebenen, andererseits der Rückbezug zum Phänomenbereich des Leiblichen. Zur Wahrnehmung dieser leiblichen Gegebenheitsweise sind Differenz und Zusammengehörigkeit der Perspektiven von Erster Person, Zweiter Person und Dritter Person konstitutiv. Personsein erscheint als differenzierte Einheit verschiedener Momente, die sich verändern und einander auch ersetzen können. Achtung der Person heißt so Achtung ihrer Leiblichkeit.

Sind Parthenoten Embryonen? Zur biologischen und normativen Einordnung von menschlichen Parthenoten

Advena-Regnery, Barbara • Böhm, Katharina • Jung, Benjamin • Rottländer, Kathrin • Sgodda, Susan

Wie künstliche humane Parthenoten im Lichte der Embryo-Definitionen im deutschen Embryonenschutzgesetz und Stammzellgesetz zu qualifizieren sind, ist umstritten. Auch der Blick in andere Rechtsordnungen zeigt ein uneinheitliches Bild. Hingegen hat der EuGH für den Bereich der europäischen Biopatentrichtlinie kürzlich zugelassen, dass nationale Behörden und Gerichte Parthenoten von der Embryo-Definition der Biopatentrichtlinie ausnehmen. Vor diesem Hintergrund werden die entwicklungsbiologischen Grundlagen der Parthenogenese bei Säugetieren näher beleuchtet und geprüft, inwieweit menschliche Parthenoten als Embryonen im biologischen Sinne gelten können. Anschließend werden ausgewählte internationale Gesetze vergleichend dargestellt und die Urteile des EuGH zur Einordnung von Parthenoten analysiert und gegenübergestellt. Eine Untersuchung ontologischer Grundannahmen mündet in einen Vergleich von Embryonen und Parthenoten und ethischen Überlegungen zu einem angemessenen Umgang mit menschlichen Parthenoten.

Zum Gebrauch des Verantwortungsbegriffes innerhalb eines Krankenhauses

Schmidt-Wilcke, Heinrich A.

Innerhalb eines Krankenhauses wird der Grundsatz »Verantwortung« auf unterschiedliche Weise umgesetzt. Die individuelle Verantwortung wird von den einzelnen, im jeweiligen Krankenhaus tätigen Ärzten und Pflegenden realisiert. Vom Management als Repräsentant des Krankenhausträgers wird institutionelle Verantwortung getragen. Die retrospektive Verantwortung bezieht sich auf abgeschlossene medizinische Vorgänge, die einer objektiven und moralischen Wertung direkt zugänglich sind. Die prospektive Verantwortung hat in einem Krankenhaus einen besonders hohen Stellenwert, durch sie werden die Möglichkeiten und Intentionen medizinischen Handelns zum Nutzen des Patienten programmatisch vermittelt. Das Netz der verschiedenen Verantwortungsebenen in einem Krankenhaus wird dargestellt anhand dreier Beispiele: dem medizinischen Qualitäts- und Fortschrittsprinzip, der individuellen und institutionellen Hygieneverantwortung und der Krankenhaus-Ökonomie.

Von der Ratlosigkeit zur angemessenen Entscheidung - theologische Ethik und Seelsorge in medizinethischen Fallbesprechungen

Konrad, Hilpert

Im Folgenden wird über ein Hauptseminar mit dem Titel »Die Rolle von Theologischer Ethik und Seelsorge in medizinethischen Fallbesprechungen« berichtet, das 2013 mit etwa 20 Teilnehmern am Lehrstuhl für Moraltheologie der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt wurde. Kooperationspartner waren die Abteilung Krankenpastoral des Erzbischöflichen Ordinariats München, vertreten durch dessen Leiter, Dr. Thomas Hagen, und der Krankenhausseelsorger am Klinikum Rechts der Isar, Dr. Richard Haubenthaler.

Florian Steger (Hrsg.), Bedroht Entscheidungsfreiheit Gesundheit und Nachhaltigkeit? Zwischen notwendigen Grenzen und Bevormundung, Münster (Mentis) 2014, 184 Seiten.

Buch, Alois Joh.

Dieses Buch fügt sich als vierter Band in die Publikationen von Ergebnissen der Arbeitsgruppe »›Ethik in der Praxis‹ der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina«, und zwar näherhin als Dokumentation eines Workshops im Jahr 2013. Die leitende Fragestellung des Titels wird über medizinethische Perspektiven hinaus auch auf ethisch relevante, zumeist konfliktive Auseinandersetzungen über Entwicklungen und Entscheidungen in Biologe, Energie und Klima bezogen.

Lynn Clare Schnigula, Leben schützen - nicht durch Anonymität, sondern vor und aus der Anonymität. Eine ethische Beurteilung von Babyklappe und anonymer Geburt im Kontext von Hilfen für Schwangere und Mütter in Not (Ethik in Forschung und Praxis 12; zugleich Diss. Univ. Heidelberg 2013), Hamburg (Dr. Kova?) 2013, 299 Seiten.

Klinnert, Lars

Seit dem Jahr 2000 sind in Deutschland zahlreiche Einrichtungen zur anonymen Kindesabgabe entstanden, sodass mittlerweile nicht nur an die 100 Babyklappen existieren, sondern auch in rund 130 Krankenhäusern anonyme Geburten durchgeführt werden. Der Sinn solcher Angebote ist - spätestens seit der kritischen Stellungnahme des Deutschen Ethikrates - höchst umstritten: Zum einen lässt sich der beabsichtigte Effekt, von Tötung oder Aussetzung bedrohte Säuglinge zu retten, statistisch nicht nachweisen; zum anderen bleiben durch diese Maßnahmen etwa 30 Kinder pro Jahr unbekannter Herkunft und werden somit der späteren Möglichkeit beraubt, etwas über ihre leiblichen Eltern in Erfahrung zu bringen. Obwohl sich die meisten Babyklappen in konfessioneller Trägerschaft befinden, gibt es bislang »weder eine theologisch-ethische Monographie, noch eine fundierte ethische Beurteilung« (15), stellt Lynn Clare Schnigula mit gewissem Recht fest.

Walser Angelika, Ein Kind um jeden Preis? Unerfüllter Kinderwunsch und künstliche Befruchtung. Eine Orientierung, Innsbruck (Tyrolia) 2014, 144 Seiten.

Lintner, Martin M.

Die an der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Krems-Wien lehrende theologische Ethikerin Angelika Walser weiß, wovon sie schreibt: Im Vorwort schildert die Autorin (A.) ihre persönliche Situation des unerfüllten Kinderwunsches, die ambivalenten Erfahrungen im Kontext der Abklärung der Ursachen hierfür und schließlich die Beweggründe für ihre Entscheidung, die IVF nicht in Anspruch zu nehmen. A. und ihr Mann haben schließlich ein Kind adoptiert und dann doch noch einem eigenen Kind das Leben schenken können. Die Perspektive der persönlichen Betroffenheit zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, wobei dies - um es gleich vorwegzunehmen - der sachlichen Auseinandersetzung mit den komplexen Fragen an keiner Stelle im Wege steht. [...]