Der vorinformierte Patient

Ausgabe: 4/2016

62. Jahrgang

Jahrgang: 2016

Inhalt: Ausgabe

Der vorinformierte Patient

Sahm, Stephan

Die modernen Techniken der Informationsverarbeitung und Speicherung von Daten werden die Praxis der Medizin verändern. Dabei verdient der Aspekt der Vorinformation der Patienten, ihres Vor-Wissens, Beachtung. Die nahezu unbegrenzte Zugänglichkeit von Informationen, denen medizinische Bedeutung zugeschrieben werden kann, berührt Fragen der medizinischen Epistemologie und des Status der Medizin als ein Handeln praktischer Vernunft. Die bloße Verfügbarkeit von Wissen ermöglicht noch keine für die Diagnostik und Therapie notwendige Selbstwirksamkeit der Patienten. Sie muss fast immer in der personalen Begegnung zwischen Patient und Arzt entwickelt werden. Die wünschenswerte Zugänglichkeit großer Mengen akkumulierten Wissens unterliegt der Gefahr der Manipulation von Informationen und geht mit unerwünschten Folgen, etwa einem durch fehlgedeutetes Wissen verursachten Nozebo-Effekt einher. Ungeachtet der Fortschritte im Bereich von E-Health bleibt die personale Kommunikation der zentrale Akt medizinischen Handelns.

Internet-informierte Patienten – Empirische Evidenz für einseitige Informationsverarbeitung und ihre medizinethischen Implikationen

Sassenberg, Kai • Wiesing, Urban

Durch das Internet sind medizinische Informationen jeder Art für Laien leichter zugänglich. Patienten beziehen diese Informationen nicht mehr von Fachleuten und aus deren Schriften, sondern können sich selbst im Internet informieren. In diesem Beitrag wird die empirische Forschung zur Internetsuche von Patienten und deren Auswirkung auf die Arzt-Patienten-Beziehung zusammengefasst. Insgesamt rezipieren Patienten medizinische Information im Internet nicht immer in ausgewogener Weise, gewinnen aber bei der Suche an Selbstbewusstsein und gehen anschließend mit einem höheren Autonomieanspruch in die Interaktion mit dem Arzt. Die medizinethischen Implikationen dieser Forschungsergebnisse werden diskutiert.

Ethische Herausforderungen einer sogenannten Big-Data basierten Medizin

Braun, Matthias • Dabrock, Peter

Big-Data verändert die Medizin, wie wir sie bisher kennen. Das liegt zum einen an den neuen technischen Möglichkeiten von Big-Data, die zum Teil schon jetzt genutzt werden, größtenteils aber noch Versprechen für die Zukunft darstellen. Zum anderen scheint sich aber mit dem Einzug von Big-Data auch ein Paradigmenwechsel von einer primär kurativen hin zu einer primär prädiktiv-digitalisierten Medizin anzudeuten. Ob dem so ist und welche möglichen ethischen, wissenschaftstheoretischen und gesellschaftlichen Konsequenzen sich daraus ergeben können, wird im Rahmen dieses Artikels untersucht, um abschließend Gestaltungsperspektiven für den Umgang mit Big-Data – nicht nur, aber auch – im Gesundheitsbereich zu skizzieren.

Der vorinformierte Patient - zum Umgang mit elektronischen Gesundheitsdaten

Hofmann, Helene • Winkler, Eva C.

Gesundheitsinformationen sind heute elektronisch viel leichter verfügbar als früher. Darin wird ein großes Potenzial für die Aufklärung, Teilhabe und Selbstbestimmung von Patienten in Gesundheitsfragen gesehen. Das gilt für Online-Informationen im Internet, aber auch für die personenbezogenen Gesundheitsdaten in elektronischen Patientenakten. Beide Handlungsfelder werden zunächst anhand der empirischen Studienlage vorgestellt und mit Blick auf die Autonomieermöglichung und Behandlungsqualität diskutiert. Während die Einsichtnahme in die eigenen Krankendaten sowohl die Mit- und Selbstbestimmung der Patienten als auch die Qualität der Behandlung fördern können, zeigt sich am Umgang mit Online-Informationen, dass präferenzsensitive Medizin ohne Evidenzbasis dem Patienten schaden kann. Daher ist eine qualitative Beurteilung von Gesundheitsinformationen im Internet Voraussetzung für deren ethische Unbedenklichkeit und damit zu fordern. Wege hierfür werden vorgeschlagen.

»Aber ich habe im Internet gefunden, …?!« –
Herausforderungen des (vor-)informierten Patienten an die medizinische Ausbildung

Griewatz, Jan • Lammerding-Köppel, Maria

Laien nutzen das Internet zunehmend, um gesundheitsbezogene Informationen zu erhalten oder zu kommunizieren. In der Praxis sind Ärzte immer häufiger mit experten-gleichen oder falsch informierten Patienten oder Ratsuchenden konfrontiert. Dies schafft neue Herausforderungen und Konflikte für Beratung, Aufklärung und Entscheidungsfindung. Ärzte sind nicht genügend darauf vorbereitet, den Patientenerwartungen angemessen zu begegnen. Medizinstudierende und Ärzte sollten sich mit der Problematik des (vor-)informierten Patienten auseinandersetzen, Patienten-Informiertheit und Vertrauenswürdigkeit von Quellen rasch einordnen können, Handlungsmuster für typische Kommunikationssituationen einüben und relevante ethische Konflikte reflektieren. Insbesondere erfahrungsorientierte Veranstaltungen scheinen geeignet, dem neuen Anforderungsprofil entsprechend dem Nationalen Kompetenzorientierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) nachhaltig zu begegnen.

»Ärztliche Seelsorge« – Zum Verständnis des Konzepts »ärztlicher Seelsorge« bei Viktor Frankl und Viktor von Weizsäcker im Vergleich

Enders, Markus

Viktor Frankl (1905–1997) und Viktor von Weizsäcker (1886–1957) vertreten das therapeutische Konzept einer »ärztlichen Seelsorge«, nach dem die Sorge um die seelische Heilung des Patienten (im Unterschied zum Seelenheil wie bei der kirchlichen Seelsorge) zu den Kernaufgaben jedes Arztes gehört. Während Frankl dieses Konzept mit dem therapeutischen Ziel der Erzeugung oder Steigerung der Leidensfähigkeit des Patienten sowie der ärztlichen Leistung einer »letzten Hilfe« für dessen Annahme der Sinnhaftigkeit seines Leidens und Lebens begründet, leitet von Weizsäcker dieses Postulat von seiner Grundbestimmung des Leib-Seele-Verhältnisses im Menschen ab, der zufolge körperliche Krankheiten Ausdruck und Darstellung seelischer Nöte und Defekte sind.

Konrad Hilpert/Jochen Sautermeister (Hrsg.), Organspende – Herausforderung für den Lebensschutz (Quaestiones Disputatae 267), Freiburg (Herder) 2014, 448 Seiten.

Schmidt, Benedikt

Robert Ranisch/Sebastian Schuol/Marcus Rockoff (Hrsg.), Selbstgestaltung des Menschen durch Biotechniken (Tübinger Studien zur Ethik), Tübingen (Francke) 2015, 326 Seiten.

Naumenko-Kühne, Alexander

Giovanni Maio, Den kranken Menschen verstehen. Für eine Medizin der Zuwendung, Freiburg i. Brsg. (Herder) 2015, 223 Seiten.

Buch, Alois Joh.