Medizinethik im Grenzbereich

Ausgabe: 2/2017

63. Jahrgang

Jahrgang: 2017

Inhalt: Ausgabe

Zur Sinnfrage in der Langzeitpflege

Proft, Ingo

Die Frage nach dem »Sinn« ist ein genuin menschliches Phänomen und stellt sich bei einschneidenden Veränderungen mit besonderem Nachdruck. In der Langzeitpflege stehen Pflegebedürftige wie Pflegekräfte zusammen mit Angehörigen immer wieder vor der Frage, welche Maßnahme (noch) Sinn macht, nicht zuletzt wenn die Situation der pflegebedürftigen Person mit Schmerzen und persönlichem Leid verbunden wird. Dabei zeigt sich eine vielfach undifferenzierte Verwendung des Begriffs Sinn. In Bezug auf die Langzeitpflege eröffnen personalisierte und ressourcenorientierte Pflegekonzepte einen wesentlichen Beitrag zur Konturierung des Begriffs. Darüber hinaus werden Faktoren skizziert, die für eine erfahrungsorientierte »Sinngestaltung« in der Langzeitpflege sensibilisieren wollen.

Die Medizinethik: ein Sonderfall der Ethik?

Trampota, Andreas

Der Aufsatz fragt nach der spezifischen Eigenart der Medizinethik. Ausgangspunkt ist die These, dass sie kein Sonderfall der Ethik, sondern eine Ethik für ein Handeln in besonderen Situationen ist. Dann werden Grundzüge der bis heute einflussreichen antiken Konzeption der Medizin als einer praktischen und technischen Wissenschaft mit ihren normativen Implikationen entfaltet. Aus dieser Sicht ist die Medizin keine angewandte Naturwissenschaft, sondern eine Humanwissenschaft. Die ethische Reflexion ist ein integraler Bestandteil davon. Für das ärztliche Ethos ist die feste Ausrichtung auf das Gut der Gesundheit des Einzelnen maßgeblich. Sie weist der durch Erfahrung geschärften Urteilskraft die Richtung. Allerdings stellt sich die alte Frage nach der Natur des Menschen im Zuge der jüngsten biotechnologischen Entwicklungen heute neu.

Sexualität im Alter als ethische Herausforderung

Höllinger, Stephanie • Müller, Sigrid

Sexualität im Alter ist nicht nur im Kontext christlicher Ethik, sondern auch im Bereich der Human- und Sozialwissenschaften nach wie vor ein weitgehendes Tabu. Angesichts des demographischen Wandels scheint es jedoch zunehmend wichtiger zu werden, sich mit dieser Thematik sowohl innerhalb des öffentlichen Diskurses als auch auf wissenschaftlicher Ebene zu beschäftigen. Im vorliegenden Artikel wird daher ausgehend von sexualwissenschaftlichen Ergebnissen zunächst die individuell empfundene Bedeutung von Sexualität für ältere Menschen erörtert. Dies soll ferner den Hintergrund für eine weiterführende theologisch-ethische Reflexion darstellen, innerhalb derer es ein besonderes Anliegen ist, auf dieses bisher überwiegend unberücksichtigte Themenfeld als eine dringliche ethische Herausforderung aufmerksam zu machen und erste Einsichten für eine christliche Sexualmoral darzulegen.

Autonomieverbesserung durch kognitives Neuro-Enhancement?

Friedrich, Orsolya • Pömsl, Johannes

In der philosophisch-ethischen Debatte um Neuro-Enhancement (NE) gibt es Vorschläge, die Autonomie von Personen durch kognitives NE zu steigern. Dieser Aufsatz zeigt, dass eine Verbesserung einzelner, für Autonomie relevanter Fähigkeiten durch kognitives NE vorstellbar ist. Darauf aufbauend, gleichzeitig eine Autonomieverbesserung zu konstatieren, kann jedoch nur gelingen, wenn man eine enge Autonomiekonzeption voraussetzt und für die Analyse der NE Maßnahmen andere wesentliche Aspekte von Autonomie ausblendet. Solche konzeptionellen Engführungen münden in ethischen Analysen darin, dass kognitives NE zur Autonomiesteigerung als wünschenswert beurteilt wird. Dieser Aufsatz bietet eine Begriffsanalyse, anhand derer die Problematik von kognitivem NE zur Autonomieverbesserung aufgezeigt werden soll.

Schmerztherapeutische Konzepte und ihre möglichen Folgen

Frede, Ursula

Im vorliegenden Artikel werden schmerztherapeutische Behandlungskonzepte im Hinblick darauf diskutiert, wie sie sich auf Betroffene auswirken können. Die Überbetonung funktionaler Bewältigung im Rahmen gängiger Ansätze hat nicht selten zur Folge, dass Patienten pathologisiert, ihre Beziehung zu sich selbst und zum Therapeuten gefährdet wird. Einsamkeit wird verstärkt, Akzeptanz der Schmerzen nicht selten erschwert. Als entlastend dagegen könnte sich eine Einstellung erweisen, wonach Schmerz als Bestandteil des Lebens anerkannt wird, der nur begrenzt kontrollierbar ist. Ein solches Verständnis bewahrt vor vorschneller Pathologisierung und überfordernden Ansprüchen an persönliche und therapeutische Einflussmöglichkeiten. Das Selbstwerterleben bleibt erhalten, die therapeutische Beziehung tragfähig. Einsamkeit wird gelindert, Akzeptanz des Unbeeinflussbaren erleichtert.

»Warum denn so ernst?« - Der Joker und die theologische Ethik

Schmidt, Benedikt

Holmer Steinfath/Claudia Wiesemann (Hrsg., zusammen mit R. Anselm/G. Duttge/V. Lipp/F. Nauck/S. Schicktanz), Autonomie und Vertrauen. Schlüsselbegriffe der modernen Medizin, Wiesbaden (Springer VS) 2016, 295 Seiten.

Höver, Gerhard

Walter Schaupp/Wolfgang Kröll (Hrsg.), Medizin - Macht - Zwang. Wie frei sind wir angesichts des medizinischen Fortschritts? (= Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft 1), Baden-Baden (Nomos) 2016, 134 Seiten.

Schmidt, Benedikt

Marco Bonacker/Gunter Geiger (Hrsg.), Menschenrechte und Medizin. Grundfragen der medizinischen Ethik, Opladen (Verlag Barbara Budrich) 2016, 302 Seiten.

Schäfers, Lars