Migranten im Medizinsystem

Ausgabe: 1/2018

64. Jahrgang

Jahrgang: 2018

Inhalt: Ausgabe

Mitteilung an unsere Leserinnen und Leser

Bormann, Franz-Josef

Die Gesundheitsversorgung von Migranten: Ein systematischer problemorientierter Überblick

Kluth, Winfried

Die Gesundheitsversorgung von in Deutschland anwesenden Migranten ist ganz überwiegend durch ihre Einbeziehung in die gesetzliche Krankenversicherung gewährleistet. Abgesenkt ist dagegen das Versorgungsniveau während des Anerkennungsverfahrens und bei einem nur geduldeten oder illegalen Aufenthalt. Damit sind wegen der Unbestimmtheit der gesetzlichen Regelungen weitere Probleme verbunden, die durch eine Reform behoben werden sollten.

Gesundheit für Flüchtlinge: Eine unbestimmte, unübersichtliche und umstrittene Gesundheitsversorgung in Deutschland

Fritz, Alexis

Flüchtlinge und andere Personengruppen können nach dem Asylbewerberleistungsgesetz eine elementare Gesundheitsversorgung beanspruchen, die u. a. auf die Behandlung von Akuterkrankungen und Schmerzzuständen begrenzt ist. Der Zugang zu dieser Versorgung ist länder- und kommunalspezifisch unterschiedlich geregelt und geschieht über Krankenschein oder eine elektronische Gesundheitskarte. Es ist ethisch fragwürdig, ob die aktuelle Reichweite und Durchführung der medizinischen Versorgung nach dem AsylbLG mit dem Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum und auf medizinische Versorgung in Einklang zu bringen ist. Neben den aufgezeigten Entwicklungsbedarfen ist klar ersichtlich, dass die Meldepflicht der Sozialämter von Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus an die Ausländerbehörde aufzuheben ist.

Papierlos und unterversorgt - Die notwendige Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Menschen ohne Papiere in Deutschland

von Manteuffel, Marie

Die derzeitige Regelung zur Gesundheitsversorgung von Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität in Deutschland1 ist aus menschenrechtlicher Sicht unbefriedigend. Auf kommunaler wie auf Landesebene lässt sich seit einigen Jahren ein Umdenken beobachten, das eine ganze Reihe von staatlich finanzierten Pilotprojekten hervorgebracht hat. Auf Bundesebene herrscht jedoch große Zurückhaltung gegenüber der von Teilen der Zivilgesellschaft wie von den Kirchen seit Jahren geforderten gesetzlichen Verbesserung der Gesundheitsversorgung von Menschen ohne Papiere. Ein wesentliches Argument ist dabei die vermeintliche Kollision der Durchsetzung des sozialen Menschenrechts auf Gesundheit mit innen- und sicherheitspolitischen Interessen des Rechtsstaats. Diese Gegenüberstellung geht fehl. Das betrifft in besonderer Weise die Situation von Kindern ohne Papiere. Durch einen minimalen gesetzlichen Eingriff und eine konsequente Umsetzung könnten beide Interessen zwar nicht vollumfänglich befriedigt, aber zumindest in Teilen ausgewogen werden.

Praktische Probleme mit der medizinischen Erstversorgung von Flüchtlingen - ein Erfahrungsbericht aus Frankfurt

Latasch, Leo

Als die deutsche Bundesregierung im Herbst 2015 aus humanitären Gründen innerhalb kürzester Zeit (eines Monats) die Grenzen öffnete, kamen mehrere Hunderttausend Flüchtlinge ins Land. Besonders zu Beginn war keine Kommune auf diese Anzahl von Menschen vorbereitet. Das bedeutete eine große Herausforderung hinsichtlich Unterbringung, Nahrungsmittel, medizinische Versorgung und Tagesaktivitäten, bis die Regierung über den Asylstatus entscheiden würde. Die Hilfe Freiwilliger war in den ersten Wochen nicht wegzudenken. Dieser Artikel beschreibt medizinische Hilfestellungen der Gesundheitsbehörde der Stadt Frankfurt, eine der großen Städte Deutschlands, zur Versorgung der Flüchtlinge. Innerhalb von zwei bis drei Wochen wurde die komplette Gesundheitsversorgung aufgestellt, wobei die Stadt Frankfurt alle Kosten vorschoss, deren Übernahme von der Bundesregierung zugesagt wurde. Nicht alle Städte in Deutschland waren in der Lage, diesen Betrag aufzubringen. Dies war eines der größten Probleme der Erstversorgung der schutzsuchenden Menschen. Obwohl die Flüchtlingszahl in Frankfurt 5.000 niemals überstieg, waren rund um die Uhr fast 90 Ärzte notwendig, um die Versorgung sicherzustellen. Die gestellten Diagnosen unterschieden sich nicht von denen der deutschen Restbevölkerung.

Medizinethische Herausforderungen der Gesundheitsversorgung in der Erstaufnahme für Geflüchtete am Beispiel des Aufbaus eines integrierten Versorgungsmodells in der Erstaufnahme in Freiburg

Lange, Berit • Bockey, Annabelle • Braun, Cornelia • Janda, Ales • Stete, Katarina • Müller, Anne-Maria • Rieg, Siegbert

Der Aufbau und die Arbeit in einer Sprechstunde in der Erstaufnahme für Geflüchtete in Freiburg im Rahmen eines integrierten Versorgungsmodells mit allgemeinärztlicher, allgemeinpädiatrischer, psychosomatischer, gynäkologischer und infektiologischer Beteiligung hat über die letzten zwei Jahre auch immer wieder medizinethische Herausforderungen mit sich gebracht. In diesem Artikel reflektieren wir Herausforderungen, die sich bei der Behandlung von Patienten in zentralisierten Erstaufnahmen in Deutschland auf Grund von a) fehlender Evidenz zum optimalen Aufbau von Gesundheitsmodellen in Erstaufnahmen, b) Barrieren im Zugang zum Gesundheitswesen, c) Hindernissen bei der Aufklärung und Autonomie des Patienten in zentralisierten Einrichtungen sowie bei bestehenden sprachlichen Barrieren, d) noch laufenden Aufenthaltsverfahren während der Behandlung sowie e) einer sehr geringen räumlichen Distanz sowohl zwischen Behandlern und Patienten als auch zwischen verschiedenen Erstaufnahmeeinrichtungen untereinander ergeben.

Patienten ohne Krankenversicherungsschutz in Deutschland - Bericht aus der Sprechstunde der Malteser Migranten Medizin (MMM) in Stuttgart

Fietzek, Michael

Die Krankenversicherungspflicht in Deutschland kann nicht verhindern, dass dennoch viele Menschen hier ohne Versicherungsschutz leben. Die Malteser Migranten Medizin versucht, in vielen deutschen Städten darauf eine Antwort zu geben. Der Autor beschreibt konkret die Arbeit der vor zehn Jahren gegründeten Sprechstunde für Menschen ohne Krankenversicherung in Stuttgart. Dabei beleuchtet er das Spannungsfeld, das sich unter medizinischen, sozialen und ethischen Aspekten ergibt. Neben der komplexen Problematik der einzelnen Patienten geht er ein auf die Interaktionen und Involvierungen der zahlreichen beteiligten Akteure.

Die App iRefugee.de in der Versorgung geflüchteter Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt

Lemberger, Matthias

Der Zustrom von Geflüchteten in den letzten Jahren wirkt sich auch auf den medizinischen Alltag von Ärzten und anderen im Gesundheitssystem tätigen Personen aus. Zum einen werden durch die Sprachbarriere viele Behandlungen erschwert, zum anderen werden uns bestehende Ineffizienzen des Gesundheitssystems vor Augen geführt, die auch für Bürger dieses Landes ein schwerwiegendes Problem darstellen. Dazu gehören z. B. durch das Fehlen eines digitalen Medikamentenplans verursachte Medikamentenwechselwirkungen oder durch eine fehlende digitale Patientenakte verursachte Doppeluntersuchungen. Die Flüchtlingsapp iRefugee.de und die Schwesterapp www.tomatomedical.com versuchen, diese Missstände zu beheben und durch intelligente Anwendung der Digitalisierung die Versorgung von Patienten zu verbessern. Eine Verbesserung der medizinischen Notfallversorgung oder der Versorgung nach Unfällen ist durch die integrierte GPS Notfall­app möglich. Die Multilingualität der App ermöglicht Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg.

Ernst Engelke, Die Wahrheit über das Sterben. Wie wir besser damit umgehen, Reinbek (Rowohlt) 2015, 256 Seiten.

Baumann, Manfred • Kohlen, Helen

Ingo Proft, Epikie. Ein integratives Handlungsprinzip zur Verlebendigung von Leitbildprozessen in konfessionellen Krankenhäusern, Ostfildern (Grünewald) 2017, 442 Seiten.

Reiter, Johannes

Ulrike Busch/Claudia Krell/Anne-­Kathrin Will (Hrsg.), Eltern (vorerst) unbekannt: anonyme und vertrauliche Geburt in Deutschland, Weinheim (Beltz Juventa) 2017, 293 Seiten.

Bauer, Tobias