Zwischen Wirtschaftlichkeit und Ökonomisierung

Ausgabe: 2/2020

66. Jahrgang

Jahrgang: 2020

Inhalt: Ausgabe

Das deutsche Gesundheitssystem: strukturelle Besonderheiten und Leistungsfähigkeit im europäischen Vergleich

Blümel, Miriam • Reichebner, Christoph

Das deutsche Gesundheitssystem bietet seiner Bevölkerung im europäischen Vergleich umfassende Leistungen auf hohem Niveau. Jedoch ist das Gesundheitssystem teurer als das der meisten anderen EU-Länder, während die Gesundheitsergebnisse dagegen häufig nur dem europäischen Durchschnitt entsprechen. Gesetzgebungen verfolgen das Ziel, die Versorgungsqualität bei gleichzeitiger Wirtschaftlichkeit zu steigern. Grundlegende Reformen, die eine Umwälzung historisch gewachsener Strukturen auslösen, gibt es bisher jedoch nicht.

Zur Entwicklung von Kostendämpfungspolitik und Strukturreformen im deutschen Gesundheitswesen

Wasem, Jürgen

Über 30 Jahre hatte die Vermeidung steigender Beitragssätze der Krankenkassen für die Gesundheitspolitik hohe Priorität. Unabhängig von den jeweiligen Regierungskoalitionen sollte dazu die Nachfrage der Versicherten begrenzt werden, insbesondere über Leistungseinschnitte und Ausbau von Zuzahlungen. Zugleich sollten die Zuwächse der Vergütungen der Leistungserbringer gebremst werden. Die gute Wirtschaftsentwicklung der letzten Dekade mit sprudelnden Einnahmen für die Krankenkassen ermöglichte verstärkt die Adressierung vermuteter Versorgungsdefizite. Offen bleibt, wie die Politik angesichts der sich aktuell eintrübenden Konjunktur bei gleichzeitigem Mehrbedarf aufgrund des Corona-Virus reagieren wird.

Digitale Gesundheitsanwendungen in der Gesundheitsversorgung – Spannungsfeld zwischen Ethik und Wirtschaftlichkeit?

Pauge, Sophie • Lampe, David • Greiner, Wolfgang •

Die Mittelknappheit im Gesundheitswesen erfordert eine effiziente Ressourcenallokation zur Maximierung des Gemeinwohls im Sinne des Utilitarismus bei gleichzeitiger Wahrung weiterer ethischer Prinzipien. Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz werden digitale Gesundheitsanwendungen vermehrt in die Regelversorgung gelangen. Trotz Schwierigkeiten der Evidenzgenerierung sind Wirksamkeitsüberprüfungen im Sinne des Patientenwohls unabdingbar. Zusätzlich sollten Kosten-Nutzen-Verhältnisse angesichts der zu erwartenden Ausgabensteigerungen der GKV bestimmt werden. Diese ermöglichen eine evidenzbasierte Entscheidungsgrundlage und garantieren langfristig die Finanzierung eines solidarischen Gesundheitssystems sowie den Zugang zu innovativen Gesundheitsleistungen.

Struktureller Reformbedarf des deutschen Gesundheitswesens am Beispiel des Krankenhauswesens

Wiemeyer, Joachim •

Der Beitrag thematisiert Strukturprobleme des deutschen Gesundheitswesens am Beispiel des Krankenhaussektors. Entgegen wettbewerblich orientierten gesundheitsökonomischen Konzepten, die nicht hinreichend das strukturelle Marktversagen im Gesundheitswesen beachten, tritt er für eine bessere staatliche Regulierung, eine vorrangige öffentliche und freigemeinnützige Trägerschaft von Krankenhäusern und eine Reduzierung von ökonomischen Anreizen für leitende Ärzte ein.

Zulassung, Bewertung und Preisbildung von Arzneimitteln aus Sicht von Evidenz und Ethik

Nass, Elmar •

Das solidarische Gesundheitssystem in Deutschland steht vor der Herausforderung, wie mit der Kostenexplosion auf dem Medikamentenmarkt umzugehen ist. Dabei geht es um Fragen von Effizienz, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Verantwortung. Zulassung, Bewertung und Preisbildung von Medikamenten stehen im Mittelpunkt. Es wird gefragt, ob Stellschrauben neu justiert werden sollten. Dazu erfolgt nach einem Einstieg in die rechtlichen Gegebenheiten eine Sichtung von vorliegenden normativen Problemanzeigen und Reformbedarfen zum Verfahren und zu darüberhinausgehenden Gerechtigkeitsfragen. Ausgehend von einer zu diesem Thema bislang fehlenden Idee christlicher Legitimität werden Anzeigen und Bedarfe einer normativen Bewertung unterzogen.

Zu schön, um wahr zu sein? Plastisch-ästhetische Chirurgie als Herausforderung für die Medizinethik

Schmidt, Benedikt •

Im ersten Argumentationsgang werden mit Hilfe des Principlism Praktiken ästhetischer Chirurgie ethisch analysiert und die Leistungsfähigkeit des Principlism hinterfragt. Die Ergebnisse werden in den Kontext gegenwärtiger Transformationsprozesse der Medizin eingeordnet. Im zweiten Argumentationsgang wird der größere anthropologische Horizont menschlichen Selbstverbesserungsstrebens miteinbezogen. Schließlich erfolgt eine ethische Bewertung ästhetischer Chirurgie, wobei die in ihr liegenden Chancen und die an sie zu stellenden kritischen Anfragen diskutiert werden. Dabei wird herausgestellt, inwiefern ein gemeinhin leitendes Autonomie-Paradigma ergänzungsbedürftig ist.

Ethische Problemlagen durch die Verlegung sterbender Menschen zwischen verschiedenen Versorgungsorten und -einrichtungen

George, Wolfgang M. • Weber, Karsten

Der Beitrag soll auf die Verlegung sterbender Menschen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen aufmerksam und dabei entstehende ethische Problemlagen bzw. Herausforderungen erkennbar machen. Grundlage hierfür sind Studien zur Versorgungspraxis; jeder vierte sterbende Heimbewohner und jeder fünfte sterbende Krankenhauspatient wird in der letzten Lebensphase verlegt. Ursachen hierfür sind vielfältig und betreffen medizinisch-pflegerische, soziale, organisatorische sowie ökonomische Faktoren. Häufig werden Verlegungen notfallähnlich aus überforderten Versorgungsbereichen hin zu Stationen mit erhöhter personeller Ausstattung sowie professioneller und sozialer Versorgungskompetenz vollzogen.

Die Arbeitswelt von Ärzten - früher und heute

Wehkamp, Karl-Heinz

Der Konflikt zwischen Ethik und Ökonomisierung aus Sicht niedergelassener Ärzte

Lipp, Thomas

Wirtschaftliche Zwänge und Auswirkungen von Ökonomisierung in stationären Pflegeeinrichtungen der Altenhilfe. Ein Praxisbericht aus der Trägerperspektive

Maurer, Alfons

Corona-Triage - Ein Kommentar zu den anlässlich der Corona-Krise publizierten Triage-Empfehlungen der italienischen SIAARTI-Mediziner

Lübbe, Weyma

Autonome Selbstbestimmung - und was nun? Kritische Anmerkungen und rechtspolitische Fragen zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu § 217 StGB

Höfling, Wolfram

Michael Fuchs/Dorothea Greiling/Michael Rosenberger (Hg.), Gut versorgt? Ökonomie und Ethik im Gesundheits- und Pflegebereich (Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft 6), Baden-Baden (Nomos) 2019, 225 Seiten.

Mandry, Christof

Jon Leefmann, Zwischen Autonomie und Natürlichkeit – Der Begriff der Authentizität und die bioethische Debatte um das Neuro-Enhancement, Münster (Mentis) 2017, 381 Seiten.

Clausen, Jens

Jonathan Gutmann, Humane Psychiatrie. Psychosoziale Versorgung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Stuttgart (Kohlhammer) 2019, 196 Seiten.

Funer, Florian

Urban Wiesing, Indikation. Theoretische Grundlagen und Konsequenzen für die ärztliche Praxis, Stuttgart (Kohlhammer) 2017, 163 Seiten.

Bormann, Franz-Josef