Medizinische Indikation

Ausgabe: 3/2020

66. Jahrgang

Jahrgang: 2020

Inhalt: Ausgabe

Zum Tode von Eberhard Schockenhoff

Bormann, Franz-Josef • Buch, Alois Joh. • Volkenandt, Matthias

Medizinische Indikation und die Selbstbestimmung des Patienten

Gahl, Klaus

Medizinische Indikation ist das Ergebnis der Beurteilung krankhafter Befunde in Blick auf die Behandlung eines Kranken. Sie ist individuell und situativ, begründungs- und rechtfertigungspflichtig. Die Indikationsstellung vermittelt zwischen medizinischer Empfehlung und einvernehmlicher Selbstbestimmung. Die Umsetzung der Indikation bedarf des informierten Einverständnisses. Sie verlangt nach einer Aufklärung über den Krankheitszustand, die Notwendigkeit der Behandlung inkl. der Risiken und Chancen wie auch der Konsequenzen der Unterlassung.

"Wann muss ich wirklich unters Messer?" - Evidenz als Grundlage einer wissenschaftlich basierten Indikationsstellung

Rüschemeyer, Georg • Bollig, Claudia • Meerpohl, Jörg J.

Die medizinische Indikation gibt an, welche Behandlung angesichts eines bestimmten Krankheitsbildes angezeigt ist. Im Idealfall helfen Evidenzsynthesen und evidenzbasierte Leitlinien, für diese Entscheidung das Wissen aus klinischen Studien zu nutzen. In Kombination mit der Erfahrung der Behandelnden liefert dies die Grundlage für eine evidenzbasierte Indikationsstellung, die zusammen mit den Wünschen des Patienten in eine informierte Therapieentscheidung mündet. Wir diskutieren, welche Hürden diesem Ideal in der Praxis entgegenstehen.

Medizinische Indikation(sregeln) - auch ohne belastbare 'Evidenz'?

Raspe, Heiner

Indikationen sind ein unverzichtbares Werkzeug der klinischen Medizin. Sie sind regelgeleitet zu ‚stellen‘. Klinische Praxisleitlinien stellen Kompendien von Indikationsregeln (IRs) dar; diese bedürfen einer möglichst sicheren Evidenzbasis. Auch außerhalb von Leitlinien finden sich klinisch zu beachtende IRs, und hier wie dort stützen sich nicht alle auf stärkere Evidenz. Der Text beschreibt und bewertet sieben Klassen von IRs mit einer nur schwachen Evidenzbasis. Dazu war eine ausreichend trennscharfe Bestimmung von Indikation(sregel) und Evidenz zu entwickeln.

Die Indikation - Grundbegriff medizinischer Praxis

Sahm, Stephan

Das Recht, eine Indikation stellen zu können, ist verbunden mit der professionellen Identität des Arztseins. Es kann daher als ‚ärztliche Prärogative‘ bezeichnet werden. Medizinisches Handeln ist ohne Indikationsstellung und die daraus resultierenden Verpflichtungen nicht zu rechtfertigen.. Das Konzept der Indikation umfasst wesentlich auch normative Gehalte, die es zu entfalten gilt. Elemente der Indikation sind: ihr Verbindlichkeitscharakter, die Ausrichtung an den Zielen der Medizin, die daraus sich ergebende Verknüpfung mit den definitorisch nicht eindeutigen Konzepten ‚Krankheit‘ bzw. ‚Gesundheit‘, die regulative Idee eines gemeinsamen Guten als Basis der Solidarität medizinischen Handelns, die Verpflichtung, ihre Inhalte im Dialog zu entwickeln u. a. m.
Die Explikation des Konzeptes der Indikation basiert auf der Beachtung spezifischer Merkmale medizinischer Epistemologie und weist die Medizin als praktische Wissenschaft aus, die zudem charakteristische Denkstrukturen einer dogmatischen Wissenschaft aufweist.

Die chirurgische Indikation im Kontext medizinischer, gesellschaftspolitischer und ökonomischer Entwicklungen

Jähne, Joachim

Die korrekte chirurgische Indikation zur Durchführung einer Operation ist eine der wichtigsten Aufgaben in der Chirurgie. Dabei steht der Patientenwille über allem. Die exakte Indikation begründet das Vertrauen des Patienten in die Chirurgie. Durch den gesellschaftspolitischen Wandel und den medizinischen Fortschritt können Änderungen und Ausweitungen der Indikation resultieren. Die chirurgische Indikation darf nicht ökonomischen Zwängen ausgesetzt werden, wobei sich die Chirurgie auch ihrer ökonomischen Verantwortung stellen muss.

Indication in Neonatology - Values and Dialogues

Stanak, Michal

Die Aufgabe der Indikationsstellung erscheint auf den ersten Blick nur als ein klinisches Unterfangen. Blickt man jedoch hinter die Kulissen gemeinsamer Entscheidungsverfahren bei Neugeborenen hinsichtlich der Lebensfähigkeitsgrenze (22. bis 25. Schwangerschaftswoche), erkennt man, dass Wert- und Vorurteile eine wichtige Rolle hierbei spielen. Aus diesem Grund ist es wichtig, die Qualität der Gespräche mit Eltern extrem Frühgeborener zu verbessern und die jeweiligen Werturteile zur Debatte zu stellen.

Deskriptive und evaluative Elemente der Indikation

Wiesing, Urban

Der Artikel untersucht die deskriptiven und normativen Elemente der Indikation und beleuchtet zunächst die Literatur zum Thema. Die Ausführungen basieren auf den Unterschieden zwischen allgemeinen Wertungen der Medizin, Wertungen des Patienten und des Arztes sowie auf der Unterscheidung zwischen Wirksamkeit und Nutzen einer Intervention. Die Indikationsstellung sagt, was die Medizin im Einzelfall an Interventionen anbieten kann, die nach allgemeiner Überzeugung erstrebenswerte Ziele verfolgen: Vorbeugen, Heilen, Lindern von Leiden. Insofern ist sie stets von den Wertungen der Medizin geprägt. Dieses Angebot bedarf dann in einem nachgeschalteten Schritt der Bewertung durch den Patienten. Die Rolle der Indikationsstellung in der ärztlichen Entscheidungsfindung wird daran ausgerichtet.

Indikation - Ethische Überlegungen zur Verteidigung eines medizintheoretischen Grundbegriffs

Bormann, Franz-Josef

Entgegen der Annahme, der Begriff der ‚Indikation‘ bedürfe entweder einer ergänzenden Bezugnahme auf die individuellen Wünsche des Patienten oder sei sogar gänzlich obsolet, versucht dieser Artikel, die Objektivität dieses Begriffs als notwendige Voraussetzung für den Schutz recht verstandener Autonomie und eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung zu verteidigen, die auf einer klaren Arbeitsteilung und Verantwortungszuweisung beider Seiten basiert.

Sozial- und medizinrechtliche Relevanz des Indikations-Konzepts

Huber, Franziska

Die medizinische Indikation beschreibt die fachliche ärztliche Beurteilung der Notwendigkeit einer ärztlichen Intervention. Damit ist die medizinische Indikation eine objektive Größe bei der rechtlichen Beurteilung ärztlicher Behandlungen, die der subjektiven Einwilligung des Patienten gegenübersteht. Diese Komponenten sind in Ausgleich zu bringen. Der Beitrag geht der Frage der sozial- wie medizinrechtlichen Relevanz der medizinischen Indikation nach und macht einen Vorschlag zur Weiterentwicklung des derzeit geltenden Indikationskonzeptes aus rechtlicher Sicht.

Beurteilung der Lebensqualität durch (hoch-)betagte Menschen nach einer Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI)

Huber, Hildegard • Stocker, Reto

Versorgungsbedarf und Nachfrage nach medizinischen, innovativen Möglichkeiten nehmen bei (hoch)betagten Menschen mit chronischen Erkrankungen und Multimorbidität zu. Diese Aspekte wurden anhand der Transkatheter-Aortenklappen-Implantation illustriert (TAVI). Die Datenerfassung zu individuellen Wertvorstellungen erfolgte (1) wenige Tage nach der TAVI bei (hoch)betagten Patienten1 (zwischen 67 und 90 Jahre; n = 20) und (2) neun bis zwölf Monate später (n = 12). Um Selbstbestimmung und Autonomie zurückzugewinnen, gehen Patienten Risiken ein.

Stuart J. Yougner/Robert M. Arnold (Hg.), The Oxford Handbook of Ethics at the End of Life, New York (Oxford University Press) 2016, 470 Seiten.

Zimmermann, Markus

Thomas A. Cavanaugh, Hippocrates’ Oath and Asclepius’ Snake. The Birth of the Medical Profession, Oxford (Oxford University Press) 2018, 208 Seiten.

Steger, Florian

Petra Lenz, Der theoretische Krankheitsbegriff und die Krise der Medizin, Stuttgart (Metzler) 2018, 263 Seiten.

Baltes, Dominik