Notfallmedizin

Ausgabe: 2/2001

47. Jahrgang

Therapiebegrenzung und Therapieabbruch. Ein ethisches und juristisches Dilemma in der Intensivmedizin

Bauer, Axel W.

Therapiebegrenzungen und Therapieabbrüche in der Intensivmedizin unterliegen im klinischen Alltag nicht der autonomen und selbstbestimmten Entscheidung der meist bewusstlosen Patienten, auf die das idealisierte »Gesprächsmodell« der Arzt-Patient-Beziehung nicht passt. Die juristische Frage, ob Entscheidungen über einen zulässigen Therapieabbruch von Vormundschaftsgerichten genehmigt werden dürfen oder ob Angehörige und Ärzte das damit verbundene geringe strafrechtliche Risiko alleine tragen müssen, hat in Deutschland seit 1998 zu teilweise konträren Gerichtsbeschlüssen geführt. Diverse schriftliche Vorausverfügungen des Patienten, die neuerdings gerne als Ausweg genannt werden, erscheinen in der Intensivmedizin als wenig zuverlässige Instrumente, da die spezifische Situation eines Intensivpatienten von diesem in gesunden Tagen kaum zutreffend antizipiert werden kann. Tatsächlich zeigen statistische Erhebungen, dass die paternalistisch gefällten Entscheidungen über Therapiebegrenzungen und Therapieabbrüche einer subjektiven Moraltheorie der Ärzte zu folgen scheinen, die von ihnen jedoch lediglich deskriptiv und nicht – wie es notwendig wäre – unter normativen Aspekten diskutiert wird. Das höchstpersönliche Lebensrecht von Intensivpatienten darf aber auch künftig nicht von Expertenbefragungen abhängen, die ihre ethische Legitimation aus demoskopischen Zirkelschlüssen gewinnen.

Tags: Therapieabbruch Autonomie Patientenverfügung

Withholding and withdrawing treatment in intensive care medicine is usually, i.e. for patients who are unconscious, not a matter of an autonomous decision, because the idealized model of a dialogue within a doctor-patient-relationship is not applicable under these circumstances. Since 1998, different courts in Germany have made contradictory judgments on whether the withdrawal of treatment can be authorized by Guardianship Courts or whether relatives and physicians have to be prepared to take the small risk of criminal proceedings. Advance directives from patients seem to be a rather unreliable aid in intensive care medicine, as the specific situation of the intensive care patient can scarcely be anticipated by the healthy person. Statistical inquiries reveal that real decisions on withholding and withdrawing treatment are made by physicians in a paternalistic manner based on subjective moral convictions. Their justification is usually based on mere descriptions while normative aspects are not discussed. The intensive care patients’ strictly personal right to live, however, must not depend on the results of polls amongst experts, which yield no more than circular arguments for moral justifications.

Tags: Withdrawing Treatment Respect for Autonomy Advance Directives

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