Notfallmedizin

Ausgabe: 2/2001

47. Jahrgang

Nach der Katastrophe: Gegafft und nichts gesehen, geholfen und nichts heil? Zur praktischen Ethik extremen Verhaltens.

Dombrowsky, Wolf R.

Was treibt Menschen um, wenn sie bei Unfällen und Katastrophen den Entblößungen der Opfer bis aufs Kreatürliche beiwohnen und gebannt Maulaffen feilhalten wollen? Sind es Sensationslust und Voyeurismus, oder ist Schauen und Zuschauen ein sozialevolutionärer Mechanismus, der Probehandeln in sicherer Distanz ermöglicht und somit das biologische Muster von Flucht und Kampf überwinden hilft? Zuschauen wird in diesem Sinne analysiert und als Fähigkeit beschrieben, die Welt über Vorstellbarkeit handhabbar und beherrschbar zu machen. Dabei-Sein und »hinter die Dinge schauen können« lässt Welt und in der Differenz dazu überhaupt erst Identität gewinnen. Ob man die Sicherheit des Zuschauens verlässt, um bei der Entblößung anderer von den gewohnten kulturellen Sicherheiten zu einem mitfühlenden und helfenden Mitmenschen zu werden, oder ob man ein bloßstellender Gaffer bleibt, der die Hilflosigkeit anderer missbraucht, um Dinge zu betrachten, die sonst nur mit Einverständnis gezeigt werden, steht heute zunehmend im Belieben des Individuums. Die ehemaligen sozialen Bindekräfte wie Pietät oder Schamgefühl sind durch die Vermarktung des Schauens und Zuschauens bedeutungslos geworden. Weil die Welt bereits auf Distanz ist, konstituiert sich moderne Identität nicht mehr durch distanzierende Vorstellungskraft, sondern durch die distanzlose Nähe medialen Wahrgenommenwerdens. Wer in den Medien ist, ist jemand, ganz gleich, welcher Entblößungen es bedarf, um dorthin zu gelangen. Deshalb birgt modernes Gaffen nichts Entblößendes mehr und scheint Entblößtes keiner sozialen, pietätvollen Bedeckung mehr zu bedürfen. Der moderne mediale Blick sozialisiert Dabeisein ohne Nähe und Gefühle ohne Mitgefühl.

Tags: Medien Mitleid Pietät

Tags: Mass Media Compassion Reverence

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