Medizin und Kunst

Ausgabe: 1/2001
(nur Online verfügbar)

47. Jahrgang

Der schöne Gott und das Chaos

Beinert, Wolfgang

Vor einiger Zeit zeigte mir ein Pathologe zwei Präparate im Lehrmikroskop: Ein normales menschliches Gewebe zuerst, dann ein Stück eines Karzinoms. Für den medizinischen Laien war das ein erschütterndes Erlebnis: Hier der Blick auf den in sich homogenen Zellverband, der ein Bild eigenartiger Harmonie und Schönheit vermittelte, dort die Wahrnehmung wuchernder Ordnungslosigkeit, die schon in sich (auch ohne das explizite Wissen um die malignen, möglicherweise letalen Konsequenzen für das Individuum, dem die Probe entnommen worden war) Beklemmung und kreatürliche Angstgefühle auslöste. Die spontane Erkenntnis leuchtete auf: Hier sucht sich eine böse Kraft durchzusetzen, die auf Kosten des gesamten Zellverbandes die Oberhand zu gewinnen strebt. Ihr Sieg aber besteht notwendig in der Destruktion, in der Disgregation, in der Nichtung, im Chaos. Im gleichen Augenblick aber, wo dieses perfekt ist, im Moment mithin seines Triumphes geht mit dem Organismus auch der Aggressor zugrunde. Der universale Machthaber über jegliches Leben ist der Tod. Er steht auch am Ende der organischen Entfaltung des Zellwachstums, sei es dass dieses an sein natürliches Ende gelangt oder sonst durch irgendeine noxische Ursache an irgendeiner anderen Stelle des Körpers tödlich beeinträchtigt wird. In dieser Einsicht liegt die Tragik des Heilers, wie immer er sich näherhin versteht; er kann, wofür er allen denkbaren Dank verdient, viele Schlachten führen – und vermag nie den Krieg zu gewinnen.

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