Philosophische Aspekte der Medizin

Ausgabe: 2/2011

57. Jahrgang

Medizin in einer Gesellschaft, die kein Schicksal duldet. Eine Kritik des Machbarkeitsdenkens der modernen Medizin

Maio, Giovanni

Am Beispiel der gegenwärtig diskutierten Methode der Präimplantationsdiagnostik wird deutlich: Im Grunde stellt die Präimplantationsdiagnostik nichts anderes dar als die kategorische Ablehnung des Schicksals, sofern man Schicksal als das versteht, was nicht sein müsste, das aber ist. Von Seiten der Medizin wird Schicksal lediglich als das betrachtet, was nicht sein darf. Als Folgeerscheinung eines exzessiven Machbarkeitsdenkens suggeriert die moderne Medizin, dass sich der Mensch mit ihrer Hilfe vom Schicksal ganz verabschieden könne. Dabei übersieht sie, dass das Schicksal als Gesamtheit der Vorgaben nach wie vor das ganze Leben bestimmt und dass die Freiheit des Menschen erst angesichts dieser Vorgaben überhaupt möglich wird. Die Medizin ist aufgefordert, über die fließende Grenze zwischen dem aktiven Gestalten und der Annahme des Gegebenen nachzudenken, wenn sie nicht blind einem Machbarkeitsdenken folgen und damit maßlose Ansprüche generieren will.

Tags: Machbarkeitsglaube philosophische Anthropologie Präimplantationsdiagnostik Krankheit

To comprehend the deep structures of the debate in medical ethics requires philosophical reflection which focuses beyond pragmatics and on the fundamental questions of humanity. This contribution analysizes the relationship between medicine and philosophy by looking at the notion of fate. Essentially, preimplantation genetic diagnosis is nothing less than a categorical rejection of fate understood as that which has come about although it did not have to. Medicine, meanwhile, regards fate merely as that which must not be. As a result of an excessive belief in what is achievable, modern medicine insinuates that, with its help, mankind can do away with fate altogether. However, modern medicine neglects the fact that fate, being the sum of all antecendents,,continues to define our lives. The very concept of human freedom depends on this. Thus, medicine must look at the moving line between that which can be actively shaped and that which must be accepted as given, lest it blindly pursue a belief in what is achievable, thus generating excessive demands on what it does.

Tags: fantasies of what is achievable philosophy preimplantation genetic diagnosis illness

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