Philosophische Aspekte der Medizin

Ausgabe: 2/2011

57. Jahrgang

Klinische Gesten der Anerkennung. Über die Unvermeidbarkeit eines moralischen Anspruchs

Dietl, Barbara;Bleyer, Bernhard

Er ist gebildet, seine Haut bleich, seine Hände unruhig. Höflich und aufmerksam kümmert er sich um seine Nachbarn. Bisweilen redet er ekstatisch; ein Schwarzseher, der den Glauben an das Gute verloren hat. Der Zufall bringt Dr. Ragin eines Tages wieder auf die Krankenstation Nr. 6. Als Gromow die Anwesenheit des Arztes bemerkt, entlädt sich sein Zorn: Warum müsse hier ein geringer Teil der Verrückten eingesperrt herumlungern und die Anderen, die Mehrheit könnten ohne Aufhebens ungeniert herumlaufen? Dr. Ragin sieht keinen Grund zu widersprechen: »Daß ich ein Arzt bin und Sie ein Geisteskranker, hat nichts mit Moral und nichts mit Logik zu tun, das ist eine reine Sache des Zufalls«. Trotz des ruppigen Verlaufs der ersten Begegnung zwischen Dr. Ragin und Gromow bemerkt der Arzt, dass auch in der Aggressivität des Disputs eine grundlegend würdigende Anerkennung zum Ausdruck gekommen war; eine Haltung des Respekts, sich mit der Meinung des Anderen ernsthaft auseinanderzusetzen: »In der ganzen Zeit, solange ich hier lebe, ist das, scheint mir, der erste, mit dem man reden kann.«

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