Medizin und Ökonomie

Ausgabe: 2/2002
(nur Online verfügbar)

48. Jahrgang

Geld – der sichtbare Gott

Honecker, Martin

»Sichtbaren Gott« nennt Shakespeare das Geld. Ob die Überschrift dieses Impulses als Feststellung mit einem Ausrufezeichen oder als Frage mit einem Fragezeichen zu verstehen ist, mag zunächst einmal offen bleiben. Eine Analogie zwischen Gott und Geld besteht in jedem Fall. Wenn nämlich Theologen Gott die »alles bestimmende Wirklichkeit« nennen, dann kann dies vom Geld genauso gesagt werden. Denn Geld trägt einen omnipräsenten und omnipotenten Charakter, und das heißt, es hat göttliche Eigenschaften. Für die Gegenwart mag man sogar überlegen, ob nicht das »liebe« Geld dem »lieben« Gott den Rang abgelaufen hat. Allenthalben ist das Geld in unsere Wirklichkeit hineinverwoben. Ob man an die Debatte um die Globalisierung von Politik und Wirtschaft denkt, ob man die Probleme der Finanzierung des Gesundheitswesens betrachtet, oder ob man über die Finanzen der Kirche diskutiert, überall bildet Geld den entscheidenden Maßstab. Goethe formuliert: »Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles« (Faust). Häufig bedenkt man nur freilich die ökonomische und technische Bedeutung von Geld; aber es lohnt sich, auch einmal über die kulturelle und religiöse Dimension des Geldes nachzudenken. Georg Simmel hat 1900 eine »Philosophie des Geldes« veröffentlicht, von der er im Vorwort schreibt: »Keine Zeile dieser Untersuchung ist nationalökonomisch gemeint. Das will besagen, dass die Erscheinungen von Wertung und Kauf, von Tausch und Tauschmittel, von Produktionsformen und Vermögenswerten, die die Nationalökonomie von einem Standpunkte aus betrachtet, hier (sc. in der Philosophie) von einem anderen aus betrachtet werden.« Man kann es auch so formulieren, dass man dann, wenn man weiß, wie die Menschen zum Gelde stehen, erkennt, wie es um ihre Seele steht. Die Einstellung zum Geld hat Auswirkungen auf die innere Welt, auf das Lebensgefühl von Menschen. Das Geld verkettet das Schicksal von Individuen und prägt die allgemeine Kultur. Aber was ist das überhaupt – Geld?

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