Organspende - Quo vadis?

Ausgabe: 1/2019

65. Jahrgang

Jahrgang: 2019

Inhalt: Ausgabe

Herausforderung Transplantationsmedizin

Schaupp, Walter

Seit der ersten erfolgreichen Nierentransplantation im Jahr 1954 durchlief die moderne Transplantationsmedizin eine spektakuläre Erfolgsgeschichte. Doch stellen die Versuche, den sie begleitenden chronischen Organmangel zu beheben, regelmäßig vor beträchtliche ethische und gesellschaftliche Herausforderungen. Der Beitrag gibt einen Überblick über Entwicklung und gegenwärtigen Stand der Transplantationsmedizin und erläutert die Bedeutung von Netzwerken wie Eurotransplant. Es werden aktuell verfolgte Wege diskutiert, den Organmangel zu lindern. Nur ein mehrdimensionaler Ansatz kann das Problem lösen und es bedarf aus verschiedenen Gründen mehr als in anderen Bereichen einer gemeinsamen und partnerschaftlichen Anstrengung von Medizin, Gesellschaft und Politik.

Paradigmenwechsel zur Widerspruchsregelung?

Schockenhoff, Eberhard

Der Artikel überprüft die Argumente, die von den Befürwortern einer Widerspruchsregelung zugunsten eines Paradigmenwechsels in der Transplantationsmedizin angeführt werden. Durch eine rechtliche Neuregelung lässt sich nur der juristische Status potenzieller Organspender ändern. Ihre Zahl wird sich voraussichtlich stark erhöhen. Die Zahl der tatsächlich realisierten Spenden hängt jedoch von vielen anderen Umständen wie der Organisationsstruktur der Krankenhäuser, der Durchführung ihrer Meldepflicht und einer Verbesserung des atmosphärischen Umfeldes ab. Das stärkste ethische Bedenken gegen eine Widerspruchsregelung richtet sich gegen das Prinzip, das Schweigen als Zustimmung deutet. Eine solche Annahme wäre in der gegenwärtigen Medizinethik und im deutschen Medizinrecht ein Fremdkörper, da sie die Forderung nach informierter Einwilligung aufhebt. Als bessere Alternative zu einer einfachen oder einer erweiterten Widerspruchsregelung empfiehlt der Artikel daher eine obligatorische Erklärungslösung, die allen Krankenversicherten eine Entscheidung darüber abverlangt, ob sie zur Organspende bereit sind oder nicht. Da ein solches Modell auf eine persönliche Entscheidung abzielt, würde es der Patientenautonomie besser gerecht als eine Widerspruchsregelung, die den Menschen erspart, eine selbstbestimmte Option für oder gegen die Organspende treffen zu müssen.

Plädoyer für die (Weiterentwicklung der) Entscheidungslösung

Bormann, Franz-Josef

Im Blick auf die aktuelle Debatte um eine rechtliche Neuordnung der postmortalen Organspende in Deutschland wird für eine Weiterentwicklung des Entscheidungsmodells plädiert, das den Schutz der Autonomie und Selbstbestimmung mit der Verbesserung edukatorischer Elemente kombiniert, um die Bereitschaft zu einer persönlichen Entscheidung in dieser heiklen Angelegenheit zu stimulieren.

Die rechtliche Zulässigkeit der erweiterten (doppelten) Widerspruchslösung in der Organtransplantation

Rosenau, Henning • Knorre, Jonas

Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, ob der Einführung der sog. erweiterten Widerspruchslösung in Deutschland rechtliche Hindernisse entgegenstehen. Das wird anhand der Menschenwürde, der Glaubensfreiheit und insbesondere des Selbstbestimmungsrechts erörtert. Im Ergebnis ist der derzeit debattierte Vorschlag rechtlich unbedenklich und umsetzbar. Es lässt sich zudem anhand von Metastudien und bei Betrachtung des Framing-Effekts eine Steigerung des Grundpotentials an Organspenden um 25–30 % nachweisen. Um die zu erwartende positive Wirkung der Widerspruchslösung zu potenzieren, werden Verbesserungen in der Organisationsstruktur der Organspende in Deutschland aufgezeigt.

Kritische Überlegungen zur Einführung eines Widerspruchsmodells

Höfling, Wolfram

Die derzeitige Debatte zur Einführung eines Widerspruchsmodells ist unterkomplex. Sie vernachlässigt die gravierenden Einwände gegen die Hirntodkonzeption und verkennt, dass die Entscheidung zur Organspende eine Entscheidung über das eigene Sterben ist. Eine Widerspruchslösung bedeutet einen schwerwiegenden Eingriff in das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

Organspende als Option am Lebensende - Herausforderungen in der klinischen Praxis

Schleicher, Christina • Riessen, Reimer

Die moderne Intensivmedizin erfordert die rechtzeitige Erwägung der Option Organspende im Rahmen von Entscheidungen am Lebensende. Die Evaluation kritisch kranker Patienten mit schwerer Hirnschädigung in Bezug auf eine Organspende beginnt daher häufig bereits vor der endgültigen Todesfeststellung mittels Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls. Dies wirft eine Reihe von ethischen und rechtlichen Fragen auf, die zum Teil kontrovers diskutiert werden. Der Umgang mit diesen Fragen und die konkrete Umsetzung in der klinischen Praxis haben maßgeblichen Einfluss auf das in Deutschland vorhandene Potential realisierbarer Organspenden und damit auf Lebenschancen und Lebensqualität von über 10.000 Patienten auf den Wartelisten zur Organtransplantation.

Translation der Systemmedizin - Die Sicht von Experten

Erdmann, Pia • Fischer, Tobias • Thum, Christin • Raths, Susan • Fleßa, Steffen • Langanke, Martin

Die Systemmedizin stellt einen vielversprechenden neuen biomedizinischen Forschungsansatz dar. Umstritten ist jedoch, was diesen Ansatz methodisch auszeichnet, ob er bereits über den Status der Grundlagenforschung hinaus ist und unter welchen normativen sowie ökonomischen Bedingungen seine Translation in die Versorgung verantwortet werden kann. Angesichts dieser Fragen wurde eine Online-Befragung mit Experten durchgeführt, deren Ergebnisse zeigen, dass weder ein homogenes Verständnis der Systemmedizin und ihres Methodenrepertoires zu existieren scheint, noch hinsichtlich normativer und ökonomischer Translationsbarrieren ein einheitliches Meinungsbild festgestellt werden kann.

Jochen Vollmann (Hg.), Ethik in der Psychiatrie. Ein Praxisbuch, Köln (Psychiatrie Verlag) 2017, 236 Seiten.

Müller, Sabine

Manfred Spitzer, Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich, München (Droemer) 2018, 320 Seiten.

Rauh, Raphael

Andreas Kruse, Lebensphase hohes Alter. Verletzlichkeit und Reife, Heidelberg (Springer) 2017, 495 Seiten.

Brandenburg, Hermann