Philosophie in der Medizin

Ausgabe: 2/2019

65. Jahrgang

Jahrgang: 2019

Inhalt: Ausgabe

Medizin gefangen im Stückwerkdenken

Maio, Giovanni

Die moderne Medizin wehrt es ab, etwas mit Philosophie zu tun zu haben. Sie zieht es vor, sich als angewandte Naturwissenschaft zu verstehen. Indem die Medizin aber ohne philosophisches Denken handelt, folgt sie einer bestimmten Denkweise, ohne sich der Beschaffenheit dieser Denkweise bewusst zu sein. Wie sehr die Medizin einem nicht weiter reflektierten Denken folgt, wird am Beispiel der Technisierung entfaltet. Es wird herausgearbeitet, wie die technische Herangehensweise das Denken der Medizin prägt und wie durch sie ein einseitig instrumentelles Weltverhältnis gestiftet wird. Es wird geschlussfolgert, dass Medizin nur dann gut handeln kann, wenn sie die Denkmuster, denen sie folgt, reflektiert und wenn sie sich der implizit vorausgesetzten anthropologischen Annahmen eines technischen Denkens bewusst bleibt, anstatt sie unbewusst zu übernehmen und ihnen blindlings zu folgen.

Philosophie als Therapie? - Perspektiven für die medizinische Versorgung

Manemann, Jürgen • Ehrich, Jochen

Philosophieren kann therapeutische Effekte nach sich ziehen. Deshalb verwundert es nicht, dass Philosophen auf der Basis dieser Erkenntnis Philosophien entwickelt haben, die Patienten helfen, mit ihrer Krankheit umzugehen: philosophische Seelsorge, Klinische Philosophie und Philosophische Praxis. Der Beitrag führt in diese verschiedenen Philosophien ein und befragt sie im Blick auf ihre Potenziale für die klinische Praxis.

Die philosophisch-ethischen Grundlagen der klinischen Ethikberatung

Steger, Florian • Rubeis, Giovanni

Die klinische Ethikberatung ist heute fester Bestandteil des Behandlungsalltags. In unterschiedlichen Formaten ihrer Umsetzung bietet sie Orientierung und Beratung für Behandelnde. Die philosophische Grundlage der klinischen Ethikberatung wird häufig infrage gestellt. In unserem Beitrag widmen wir uns der Frage, welches philosophische Fundament der Klinischen Ethikberatung zugrunde liegt. Die philosophische Grundlage der klinischen Ethikberatung bildet erstens das Konzept der phrón?sis oder praktischen Vernunft und zweitens der philosophische Pragmatismus. Durch die pragmatistische Herangehensweise und die Stärkung des praktischen Urteilsvermögens leistet die klinische Ethikberatung einen wichtigen Beitrag zur Lösung ethischer Konflikte in der klinischen Praxis.

Kohärentistische Rechtfertigung und abduktives Schließen in der angewandten Ethik

Friedrich, Orsolya • Schleidgen, Sebastian

In der sogenannten Prinzipienethik von Beauchamp und Childress wird einerseits auf die Common Morality, andererseits auf eine kohärentistische Rechtfertigungsstrategie moralischer Urteile rekurriert. Die mangelnde Eindeutigkeit dieses Ansatzes wurde bereits mit Blick auf die Lösung konkreter moralisch relevanter Situationen in medizinischen Kontexten kritisiert. Im Aufsatz wird als Ursache für die mangelnde Eindeutigkeit die Form des Schlussfolgerns diskutiert. Zu diesem Zweck werden zunächst die Schlussformen der Induktion, Deduktion und Abduktion skizziert, um anschließend insbesondere die Bedeutung abduktiven Schließens für kohärentistische Rechtfertigungsansätze in der Ethik zu untersuchen. Der Mehrwert der Untersuchung für den medizinethischen Diskurs besteht in einem besseren Verständnis der konzeptionellen Zusammenhänge, die den praktischen Anwendungsproblemen ethischer Prinzipien in der Medizin zugrunde liegen.

Herausforderungen der Freiheit

Bormuth, Matthias

Als Psychiater lernte Karl Jaspers (1883–1969) das Arzt-Patient-Verhältnis in der Psychotherapie konkret kennen. Er beschrieb im Übergang zur Existenzphilosophie 1915 ein sokratisches Modell als Gesprächsideal, das er später in der Philosophie in dem Konzept der ‚existentiellen Kommunikation‘ egrifflich fasste. In der ergänzten Neufassung der Allgemeinen Psychopathologie führte Jaspers anthropologische und ethische Überlegungen zum Arzt-Patient-Verhältnis ein, die individuell verantwortete Spekulationen in finalen Fragen der Lebensführung beinhalten. Gegen führende Vertreter der Psychoanalyse und Psychosomatik vertritt Jaspers eine kantische Position, deren aktuelles Vorbild Max Webers Idee einer wertbezogenen Wissenschaft ist. Dass Weber allerdings die Herausforderungen der Freiheit pluralistischer beantwortet als mit Kant denkbar, ist für Jaspers nur schwer anzuerkennen.

Spiritualität in der Medizin - Mehr als ein Add-On?

Janhsen, Anna • Woopen, Christiane

Aufgrund eines gesteigerten Interesses an Spiritualität im internationalen medizinischen Kontext bei gleichzeitiger Zurückhaltung im deutschsprachigen gesundheitsbezogenen Zusammenhang widmet sich dieser Beitrag der Fragestellung, inwiefern Spiritualität zum Kerngeschäft der Medizin gehört bzw. inwiefern sie überhaupt für medizinische Versorgungskontexte auch jenseits palliativer, seelsorgerischer Versorgung am Lebensende von Relevanz ist. Dazu wird sowohl in einer Begriffsanalyse das Spiritualitätsverständnis im medizinischen Diskurs und im Diskurs um Spiritual Care beleuchtet, als auch darauf aufbauend eine anthropologische Fundierung von Spiritualität präsentiert. Damit wird der grundlegenden Frage nachgegangen, inwiefern Spiritualität ein anthropologisches Existential darstellt und welchen Bezug sie zur (Medizin)Ethik hat. Der Beitrag verfolgt somit die Zielsetzung, sowohl konzeptionell einen Beitrag zur Klärung von Spiritualität und ihren Konstituenten zu leisten als auch für die sich daraus ergebenden Konsequenzen zur Rolle und Relevanz von Spiritualität in medizinischer Versorgung zu sensibilisieren.

Dietrich von Engelhardt, Medizin in der Literatur der Neuzeit, Band I–V, Heidelberg (Mattes Verlag) 2018, 3031 Seiten.

Bergdolt, Klaus

Stefan Buchs, Ärzteethos und Suizidbeihilfe. Theologisch-ethische Untersuchung zur Praxis der ärztlichen Suizidbeihilfe in der Schweiz, Basel/Würzburg (Schwabe/Echter) 2018, 461 Seiten.

Schuster, Josef

David Albert Jones/Chris Gastmans/Calum MacKellar (Hg.), Euthanasia and Assisted Suicide. Lessons from Belgium (Cambridge Bioethics and Law 42), Cambridge (Cambridge University Press) 2017, 378 Seiten.

Bozzaro, Claudia