Sterbefasten

Ausgabe: 3/2019

65. Jahrgang

Jahrgang: 2019

Inhalt: Ausgabe

Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit und die Medizin am Lebensende

Sahm, Stephan

Nach Einführung des § 217 in das Strafgesetzbuch, der geschäftsmäßige Assistenz beim Suizid untersagt, wird derzeit der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) diskutiert als eine Weise, den Tod herbeizuführen. Dabei ergeben sich Schwierigkeiten der normativen Abgrenzung zum Suizid und der Suizidassistenz. Die Mehrzahl der Fälle eines FVNF betrifft Kontexte, in denen schwere Erkrankungen mit begleitendem Versiegen der Bedürfnisse vorliegen. Dann gleicht der FVNF der Rückweisung einer medizinischen Behandlung, die ethisch unbedenklich ist. Auch FVNF ohne Vorliegen einer psychischen und somatischen Erkrankung kann als distinkte Weise des Handelns vom Suizid abgegrenzt werden. Dennoch ergeben sich hier Konflikte für Pflegende und Ärzte wegen des Überwiegens einer suizidalen Intention in diesem Kontext. Sofern für die Person in diesem Fall bereits ein Betreuungsverhältnis besteht, ergibt sich auch dann eine Pflicht zur Begleitung. Die Pflicht zur Linderung von Symptomen als ethische Aufgabe bleibt bestehen und kann nicht als Teilnahme an der intendierten Handlung gewertet werden. Dies gilt vorausgesetzt, dass keine Anreize zum FVNF gegeben werden und die Versorgung in ein lebensbejahendes Umfeld einer palliativen Kultur eingebettet ist.

Der Freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) - aus Sicht der Suizidologie

Schneider,Barbara • Sperling,Uwe

Die Mehrzahl der Fälle eines freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) betrifft Kontexte, in denen schwere Erkrankungen mit begleitendem Versiegen der Bedürfnisse vorliegen. Dann gleicht der FVNF der Rückweisung einer medizinischen Behandlung. Neben diesem Hauptunterschied zum Suizid gibt es jedoch auch beim FVNF Situationen, in denen Aspekte zu berücksichtigen sind, die im Zusammenhang mit der Suizidprävention erarbeitet worden sind. Nach einer Definition der relevanten Begriffe werden Handlungsoptionen für den Umgang mit unterschiedlichen Todeswünschen dargestellt und Empfehlungen gegeben, die auf Möglichkeiten der Prävention im Kontext von FVNF ausgerichtet sind.

Pflegewissenschaftliche Erkenntnisse über die Betroffenen, den Verlauf und die Begleitung beim freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit aus einer standardisierten schweizerischen Gesundheitsbefragung

Stängle,Sabrina • Schnepp,Wilfried • Büche,Daniel • Häuptle,Christian • Fringer,André

Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) rückt zunehmend in das Bewusstsein der Gesellschaft. Insofern ist es wichtig, sich ein Bild machen zu können, welche Personen sich für den FVNF entscheiden und wie sich deren Begleitung gestaltet. In diesem Beitrag werden empirische Daten aus einer schweizerischen Befragung präsentiert. Der FVNF wird in der Schweiz meist durch Patienten mit einer onkologischen Erkrankung (40.5 %) oder durch Personen ohne schwerwiegende Erkrankungen (28.9 %) gewählt. Die zugrunde liegenden Ursachen sind unter anderem Müdigkeit (61 %) und die Angst davor, abhängig zu sein (59.5 %). Der Tod durch FVNF wird durch die Professionellen als würdevoll (57.5 %) beschrieben.

Zur Philosophie der personen- und familienzentrierten Pflege als Ansatz für die Begleitung von Menschen beim freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit

Fringer,André • Stängle,Sabrina • Meichlinger,Jasmin • Schnepp,Wilfried

Während die Entscheidung zum freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) autonom und selbstbestimmt durch eine sterbewillige Person gefällt wird, ist diese im Verlauf des FVNF auf die Unterstützung ihrer Angehörigen sowie auf pflegerische und medizinische Betreuung angewiesen. Mithilfe des personen- und familienzentrierten Pflegeansatzes konnte ein Modell entwickelt werden, das die Begleitung der sterbewilligen Person im Kontext ihrer Familie betrachtet und diese aktiv mit in den Sterbeprozess einbindet. Dieses Modell bildet den Grundstein einer professionellen Begleitung.

Ein moraltheologischer Blick auf das sog. Sterbefasten

Bormann,Franz-Josef

Der vorliegende Beitrag plädiert für eine Deutung des FVNF als spezifische Form suizidalen Handelns, die aus verschiedenen Gründen moralisch zu missbilligen ist. Im Blick auf das Problem einer Mitwirkung kirchlicher Gesundheitseinrichtungen an diesem umstrittenen Handlungstyp werden verschiedene Szenarien unterschieden und im Rückgriff auf die traditionelle Mitwirkungslehre wertungsmäßig gegeneinander abgegrenzt.

Tod durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken (ToFVET)

Heller,Andreas • Kränzle,Susanne

Der Freiwillige Verzicht auf Essen und Trinken wird als eine Möglichkeit gesehen, trotz des gesetzlichen Verbots der geschäftsmäßigen Beihilfe zur Selbsttötung einen 'selbstbestimmten Tod' sterben zu können. Ob es sich dabei um eine 'neue' oder 'andere' Form des Suizids handelt, wird unter Ärzten, Juristen und anderen Berufsgruppen kontrovers diskutiert. Im Wesentlichen spielen Autonomieerwägungen eine Rolle, die nur eine verkürzte Sicht darauf zulassen, was eine solche Entscheidung für den betroffenen Menschen, seine Nahestehenden und auch für die beruflich Helfenden in den unterschiedlichen Versorgungskontexten bedeutet. Autonomie, in Relation gesetzt, ermöglicht eine komplexere ethische Einschätzung. Das 'Selbstbestimmungssterben' ist keineswegs eine qualfreie Todesart und wird jüngeren Menschen nicht 'empfohlen'. In unserem Beitrag begründen wir, warum wir vorschlagen, die gängigen unpräzisen und verschleiernden Terminologien zu ersetzen durch 'Tod durch Freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken (ToFVET)' und diesen für eine Form von (prolongiertem) Suizid halten. Wir argumentieren, welche ethischen, sozialen und rechtlichen Implikationen sich daraus für die handelnden Personen und Organisationen, die Einrichtungen und Träger ergeben. In einer nur individualethischen Perspektive bleiben die sozial- und organisationsethischen Dimensionen unterthematisiert. Ein integriertes Praxisbeispiel aus einem stationären Hospiz illustriert soziale Dynamiken, die ethisch nicht irrelevant sind.

Passiver Suizid oder Einwilligung ins Sterben?

Zimmermann,Mirjam • Zimmermann,Ruben

Im Kontext der Debatte um § 217 StGB zum Thema Beihilfe zum Suizid wurde auch diskutiert, ob eine pflegerische oder ärztliche Hilfe beim so genannten Sterbefasten bzw. Freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) rechtlich und ethisch möglich sei. Eine Beantwortung dieser Fragen hängt wesentlich mit dem Urteil zusammen, ob FVNF als Selbsttötungshandlung betrachtet wird oder nicht. Der Artikel analysiert die Debatte hinsichtlich des Begriffsgebrauchs, der handlungstheoretischen Voraussetzungen und des phänomenologischen Erlebens. Die Autoren kritisieren die teilweise interessegelenkte Engführung des Diskurses um FVNF auf eine Handlung des selbstbestimmten Sterbens bzw. passiven Suizids. Mit unterschiedlichen Rahmentheorien kann FVNF hingegen als eine Form des einwilligenden Sterbens betrachtet werden, mit dem das in absehbarer Zukunft erwartbare Sterben vorzeitig eingeleitet wird.

Juristische Probleme des sog. Sterbefastens

Augsberg,Steffen

Wer einen freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF, ‚Sterbefasten‘) unterstützt, macht sich nicht nach § 217 StGB strafbar. Die die Strafbarkeit ausschließenden Besonderheiten führen jedoch zugleich dazu, dass diese Verhaltensoption nur einen begrenzten Anwendungsbereich besitzt und den Grundkonflikt über die Zulässigkeit von assistiertem Suizid und Sterbehilfe nicht entschärfen kann.

Ein Fallbericht

Eine Patientin, Mitte 80, verwitwet, keine Kinder, möchte nicht mehr leben. Ich habe die Patientin als evangelischer Krankenhausseelsorger besucht. Sie ist aufgrund ihres nicht so guten Allgemeinzustandes ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dort ist eine Krebserkrankung (Darmkrebs) festgestellt worden.

Rechtlicher Kommentar

Rostalski,Frauke

Aus rechtlicher Perspektive unterscheiden sich die beiden Fallberichte in relevanter Weise. Der maßgebliche Unterschied, der insbesondere eine abweichende rechtliche Bewertung des Verhaltens der jeweiligen Akteure nach sich zieht, liegt im Kern darin, dass wir es allein in einem Fall mit einer einwilligungsfähigen Person zu tun haben, die sich freiverantwortlich mit dem Ziel der Herbeiführung des eigenen Todes gegen eine weitere Nahrungsaufnahme entscheidet. Dies ist im Hinblick auf die 80-jährige Patientin (P) im ersten Fallbericht grundsätzlich anzunehmen. Zwar ließe sich gegen die Ernsthaftigkeit ihres Sterbewunsches die Tatsache anführen, dass sie verwitwet und kinderlos ist und daher unter Umständen an Einsamkeit leidet, die ihre Entscheidungsfreiheit beeinträchtigt. Allerdings fehlt es an für diese Einschätzung erforderlichen, zusätzlichen Angaben im Fallbericht, weshalb im Weiteren davon ausgegangen werden sollte, dass wir es insoweit mit einer freiverantwortlichen Entscheidung der P zu tun haben, während B im zweiten Fallbericht aufgrund ihrer Demenz zu einer freien Willensbildung nicht in der Lage ist.

Ethischer Kommentar

Brantl,Johannes

Mit dem Essen und Trinken aufzuhören, ist zumal bei alten Menschen in der Situation von Krankheit, Schwäche und 'Lebenssattheit' keine seltene Form, das Sterben einzuleiten und den Tod herbeizuführen. Aus ethischer Perspektive stellen sich dabei nicht wenige Fragen, deren Beantwortung wesentlich von der jeweiligen Grundauffassung über die Würde des Menschen sowie den Wert und Sinn des menschlichen Lebens abhängt: Wie weit reicht die Entscheidungskompetenz in Bezug auf das eigene Leben? Welche Hintergründe und Motive sind für den Nahrungsverzicht oder die Nahrungsverweigerung ausschlaggebend? Was bedeutet der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit ganz konkret für die betroffenen Personen, deren Angehörige sowie die begleitenden bzw. behandelnden Ärzte und Pflegekräfte?

Michael Coors/Alfred Simon/Bernd Alt-Epping (Hg.), Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Medizinische und pflegerische Grundlagen - ethische und rechtliche Bewertungen, Stuttgart (Kohlhammer) 2019, 177 Seiten.

Schlögel,Herbert

Rainer Maria Woelki/Christian Hillgruber/Giovanni Maio/Christoph von Ritter/Manfred Spieker, Wie wollen wir sterben? Beiträge zur Debatte um Sterbehilfe und Sterbebegleitung (Veröffentlichungen der Joseph-Höffner-Gesellschaft 5), Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2017, 112 Seiten.

Hofmann,Stefan

Sigrid Sterckx/Kasper Raus/Freddy Mortier (Hg.), Continuous Sedation at the End of Life. Ethical, Clinical and Legal Perspectives, Cambridge (Cambridge University Press) 2013, 306 Seiten.

Müller-Busch,H. Christof

Erich Rösch, Hospiz- und Palliativversorgungsnetzwerke gestalten. Ein Leitfaden, Stuttgart (Kohlhammer) 2016, 103 Seiten.

Heller,Andreas