COVID-19-Pandemie

Ausgabe: 2/2021

67. Jahrgang

Jahrgang: 2021

Inhalt: Ausgabe

Die Corona-Pandemie verstehen

Schaupp, Walter

Der Umgang mit der COVID-19-Pandemie war bislang von starken erkenntnistheoretischen Dissonanzen begleitet. Es wurde die Herrschaft von Daten und wissenschaftlichen Experten kritisiert und divergierende Meinungen wurden zu einander bekämpfenden 'Wahrheiten'. Der vorliegende Beitrag plädiert für die Möglichkeit, die Krise und ihre Herausforderungen in einer gemeinsamen Anstrengung immer besser zu verstehen. Aber die involvierten Verstehensprozesse sind komplex und Ergebnis einer epistemischen Anstrengung. Es braucht die Bereitschaft, eigene Standpunkte immer wieder zu 'transzendieren'.

Der vulnerable Mensch. Menschsein zwischen Autonomie und Angewiesenheit

Gräb-Schmidt, Elisabeth

Die Pandemie und die zu ihrer Bekämpfung geforderten sozialen Einschränkungen sowie die politischen Herausforderungen haben das Nachdenken über den Menschen, seine Verletzlichkeit, seine Freiheit und Selbstbestimmung in vielfältiger Weise befördert. Der Beitrag unternimmt den Versuch, dieses Nachdenken in den Horizont der Leiblichkeit des Menschen zu stellen. Er folgt damit Ansätzen der philosophischen Anthropologie und Phänomenologie, die auch in der Medizin für eine an realistischer Selbstbestimmung des Patienten orientierte Gesprächsführung von Bedeutung sind.

Alter und COVID-19

Kruse, Andreas

Auch mit Blick auf das Alter ist grundsätzlich nach Ressourcen und Vulnerabilitäten zu fragen, die in ihrer Gesamtheit das Infektionsrisiko, die Schwere des Krankheitsverlaufs wie auch die Art der Verarbeitung und Bewältigung bestehender Aufgaben und Belastungen bestimmen. Besonderer Schutz alter Menschen muss durch Angebote begleitet werden, die auf Erhaltung von Kompetenz und Teilhabe zielen. Alte Menschen wollen und sollten auch in Zeiten der Pandemie in ihrer Verantwortung für sich selbst wie auch für andere Menschen angesprochen werden.

Pandemien als Herausforderung für die Gerechtigkeit

Bormann, Franz-Josef

Im Kontext der gegenwärtigen COVID-19-Pandemie stellen sich zahlreiche Fragen, die unterschiedliche Aspekte der Gerechtigkeit betreffen. Der vorliegende Text analysiert exemplarisch die Sachgerechtigkeit der Zielbestimmung staatlichen Handelns zur Bekämpfung der Pandemie und fragt nach der Relevanz der Verteilungsgerechtigkeit für die Problembereiche der Triage und einer überzeugenden Impfstrategie.

Impfen in der Pandemie als moralische Duldungs- und Handlungspflicht

Henn, Wolfram

Im Diskurs über Wege aus der Pandemie wird der Begriff einer 'Impfpflicht' weithin lediglich als individuelle Pflicht verstanden, sich selbst einer lokal angebotenen Impfung zu unterziehen. Zur Semantik des Begriffes gehört aber ebenso eine kollektive Pflicht, die Verfügbarkeit von Impfstoffen global sicherzustellen. Die Impfstrategien können nur dann erfolgreich sein, wenn beide Aspekte gleichermaßen berücksichtigt werden, was durch die Konkordanz ethischer und pragmatischer Argumente für das Impfen begünstigt wird.

"Vaccine for all" - Prüfstein globaler Bioethik

Sahm, Stephan

Die Pandemie des SARS-COV-2-Virus gefährdet insbesondere Personen in prekären Lebensverhältnissen und in Ländern mit niedrigem Lebensstandard. Im Dokument Vaccine for All. 20 Points für a fairer and healthier world haben die vatikanische COVID-19-Kommission und die Pontifical Academy for Life Prinzipien für eine ethisch grundierte Verteilung von Impfstoffen vorgestellt. Darin werden etablierte Prinzipien der Bioethik universalisiert und ergänzt durch das Prinzip Beachtung der Vulnerabilität als humanes Wesensmerkmal.

Die Regulierung der Pandemie als Grundrechtsproblem

Rixen, Stephan

Die COVID-19-Pandemie ist eine Ausnahmesituation, die in einem Rechtsstaat nur in den Grenzen des Rechts bewältigt werden darf. In erster Linie sind es effektiv umgesetzte Grundrechte, die sicherstellen, dass aus der regulierten Ausnahmesituation kein Ausnahmezustand wird, der sich jenseits des Rechts bewegt. Mit Blick auf das deutsche Infektionsschutzgesetz wird die Struktur grundrechtlicher Machtbegrenzung veranschaulicht. Hierbei spielt das Verhältnismäßigkeitsprinzip eine zentrale Rolle. Es wird durch einen Einschätzungs- und Gestaltungspielraum des Gesetzgebers und der Verwaltung ergänzt.

Besuchsverbote in Pflegeeinrichtungen während der Corona-Pandemie. Infektionsschutz und Persönlichkeit

Opolony, Bernhard

Zum Schutz sog. vulnerabler Personengruppen haben die deutschen Länder die Besuchsmöglichkeiten in Pflegeeinrichtungen während der Corona-Pandemie zum Teil drastisch beschränkt. Diese Besuchsbeschränkungen treffen die Bewohner der Einrichtungen in ihrer Persönlichkeit, da sie Sorgebeziehungen unterbinden. Sie fördern zudem Tendenzen der Externalisierung und zu totalen Institutionen. Der Infektionsschutz sollte künftig stärker auf kollektiven Entscheidungsprozessen der Bewohner beruhen und Sorgebeziehungen schützen.

Medizin und ärztliche Kunst

Knaup, M.

Dieser Beitrag erörtert die Frage, was Medizin in ihrem Kern eigentlich ist resp. sein sollte und was daraus für ärztliches Handeln folgt. Wir diskutieren dies in sieben Schritten, in denen systematische und historische Perspektiven aus Philosophie- und Medizingeschichte verknüpft sind.

Das Konzept eines partizipativen Biomedizinrechts aus verfassungsrechtlicher Sicht

Lindner, Josef Franz

Das Biomedizinrecht ist ein neuer, durch den lebenswissenschaftlichen Fortschritt dynamisierter Rechtsbereich, der bislang fragmentarischen Charakter aufweist. Seine Paradigmata sind die auch medizinethisch fundierten Prinzipien der Freiwilligkeit, des informed consent sowie der Legitimation durch Verfahren. In jüngster Zeit werden aus ethischer wie rechtlicher Sicht stärker partizipative Regelungsmodelle für die biomedizinische Forschung diskutiert, die im geltenden Recht noch nicht abgebildet sind. Der Beitrag geht der Frage nach, ob und wie sich stärkere Partizipation insbesondere von Probanden und Spendern von Körpermaterialien am Prozess der biomedizinischen Forschung in rechtskonformer Weise ermöglichen ließe. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit das Grundrecht der Forschungsfreiheit (Art. 5 Abs. 3 GG) offen für die Beteiligung Dritter am Forschungsprozess ist. Im Ergebnis lässt das Verfassungsrecht weiten Raum für die Etablierung von ethisch begründeten Partizipationsmodellen.

Florian Steger (Hg.), Diversität im Gesundheitswesen, Freiburg i. Br. (Alber) 2019, 156 Seiten.

Schmidt, Marion

Martin Tulaszewski/Klaus Hock/Thomas Klie (Hg.), Was Heilung bringt. Krankheitsdeutung zwischen Religion, Medizin und Heilkunde, Bielefeld (Transcript) 2019, 218 Seiten.

Frick, Eckhard

Matthias Braun, Zwang und Anerkennung. Sozialanthropologische Herausforderungen und theologisch-ethische Implikationen im Umgang mit psychischer Devianz, Tübingen (Mohr Siebeck) 2017, 372 Seiten.

Ruiner, Andreas

Alberto Giubilini, The Ethics of Vaccination (Palgrave Studies in Ethics and Public Policy), London (Palgrave Macmillan) 2019, 141 Seiten.

Henn, Wolfram

Gunnar Duttge/Christian Lenk (Hg.), Das sogenannte Recht auf Nichtwissen. Normatives Fundament und anwendungspraktische Geltungskraft, Paderborn (mentis) 2019, 270 Seiten.

Rixen, Stephan