Neuregelung der Suizidassistenz

Ausgabe: 4/2021

67. Jahrgang

Jahrgang: 2021

Inhalt: Ausgabe

Beihilfe zum Suizid - Entwicklungen und Debatten in der Schweiz

Zimmermann, Markus

Auf Grundlage einiger Informationen zur Entwicklung der Suizidhilfe in der Schweiz wird zunächst auf öffentliche Wahrnehmungen und Einschätzungen derselben eingegangen. Gegenwärtig zeichnet sich eine breite gesellschaftliche Akzeptanz der ursprünglich umstrittenen Praxis ab. Trotzdem bleiben schwierige Fragen zu klären, welche insbesondere Sterbeorte, Zulassungskriterien, Verfahren sowie die Lebensende-Forschung betreffen. Regulierungsbemühungen sind bisher weitgehend gescheitert, ein zentrales Problem besteht dabei in der Bestimmung der ärztlichen Rolle bei der Suizidhilfe.

Die Herausforderungen des Lebensendes in Frankreich

Thiel, Marie-Jo

Der Beitrag erörtert die Debatten rund um die Fragen des Lebensendes (Tötung auf Verlangen, assistierter Suizid) in Frankreich, die laufende Gesetzgebung (Claeys-Leonetti-Gesetz) und die möglichen Entwicklungen in den kommenden Monaten oder Jahren. Es werden die dabei relevanten individuellen und kollektiven Fragen herausgestellt – nicht nur hinsichtlich der Behandlung und Begleitung von Patienten, sondern auch der Forderungen im Namen der Autonomie und der Menschenwürde. Zudem bleibt ein gewisses schlechtes Sterben, das man wahrnehmen muss. Eine gelassene Debatte stellt sich als sehr schwierig heraus aufgrund der emotionalen Aufgeladenheit der aufgeworfenen Fragen und der Versuche der pro-choice-Vertreter alle nur erdenklichen Mittel einzusetzen, um zu einem Gesetz zu gelangen, welches das Lebensende juristisch regelt. Dies, obwohl die Suizidassistenz nach Auskunft gewisser Strafrechtler bereits jetzt nicht illegal ist.

Erfahrungsbericht aus Holland: Entwicklungen, Probleme, aktuelle Debattenlage

Boer, Theo

Die Niederländer sind weltweit bekannt für ihre vergleichsweise frühe und liberale Sterbehilfepraxis. In diesem Beitrag betrachten wir die heutige Debattenlage in den Niederlanden anhand der drei wichtigsten Argumente der 1990er Jahre zugunsten einer Legalisierung: Mitleid mit Patienten in unerträglichem Leiden, Rechtssicherheit für Ärzte und Transparenz und Vorbeugung von Missbrauch. In wieweit hat die Legalisierung zum erwünschten Resultat geführt? Ich schließe die Ausführungen mit einigen Ratschlägen in Hinblick auf die derzeitige Debatte in Deutschland.

Assistierter Suizid in Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft?

Körtner, Ulrich H. J. • Will-Armstrong, Johanna

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Februar 2020 zum assistierten Suizid hat die Debatte zur Sterbehilfe in Diakonie und Kirche neu entfacht. Für Kontroversen sorgt der Vorschlag, den assistierten Suizid auch in diakonischen Einrichtungen zu ermöglichen. Der vorliegende Beitrag bezieht zu den Argumenten der Befürworter kritisch Stellung und erläutert die Position der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Anhand konkreter Fallbeispiele wird deutlich, dass die Problematik des assistierten Suizids nicht nur auf der individual- und der personalethischen Ebene, sondern auch professions-, organisations- und trägerethisch zu diskutieren ist.

Ein 'Nein' ist nicht genug - Desiderate einer gesetzlichen Neuregelung aus der Perspektive kirchlicher Träger von Gesundheitseinrichtungen

Kostka, Ulrike

Die katholische Kirche und ihre Caritas lehnen den ärztlich assistierten Suizid ab. Krankenhäuser dürfen nicht gezwungen werden, diesen anbieten zu müssen. Die vorgesehenen Beratungsstellen müssen auch auf Hilfsangebote der Kirche hinweisen. Die Kirche muss überprüfen, ob ihre seelsorglichen und caritativen Angebote zugänglich sind. Eine umfassende Suizidprävention muss vom Gesetzgeber gesichert werden. Eine präventiv wirkende Gesundheits- und Sozialpolitik trägt zur Suizidprävention bei.

Der Gewissensvorbehalt von Akteuren im Gesundheitswesen. Chancen und Grenzen eines Konzepts medizinischer Ethik

Hofmann, Stefan

In pluralistischen Gesellschaften ist es zu erwarten, dass in verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Gewissensvorbehalte geltend gemacht werden. In Deutschland ist der bekannteste Fall eines staatlich akzeptierten Gewissensvorbehalts die Kriegsdienstverweigerung. Im medizinethischen Kontext finden Gewissensklauseln international v. a. bei der Regelung des Schwangerschaftsabbruchs und in Fragen von lebensbeendenden Maßnahmen am Lebensende Anwendung. Der Beitrag fragt nach den Chancen und Grenzen einer Ermöglichung von Gewissensvorbehalten. Er stellt die gegenwärtig in der medizinischen Ethik vorgeschlagenen Modelle zur Regelung von Gewissensvorbehalten vor und erörtert sie kritisch.

Desiderate einer gesetzlichen Neuregelung der Suizidassistenz - Ein moraltheologischer Blick auf ein schwieriges Unterfangen

Bormann, Franz-Josef

Bei der gesetzlichen Neuregelung der Suizidassistenz in Deutschland sollten der Ausbau der Suizidprävention und die Vermeidung einer Normalisierungstendenz, die zwangsläufig aus der Implementierung der Suizidassistenz im Gesundheitssystem resultieren würde, oberste Priorität haben. Entgegen Konzepten einer niederschwelligen ärztlichen Suizidhilfe wird hier dafür plädiert, ein prozedurales Schutzkonzept mit Pflichtberatung, psychiatrischer Überprüfung der Willensfreiheit und zentraler Genehmigungsinstanz zu entwickeln, um einen transparenten Zugang zu tödlichen Substanzen zu schaffen. Verstöße gegen die in diesem Konzept enthaltenen Sorgfaltspflichten sollten unabhängig davon, ob sie von Einzelpersonen oder Sterbehilfevereinen begangen werden, strafrechtlich geahndet werden.

Legislative Folgeprobleme der Suizidhilfeentscheidung

Augsberg, Steffen

Der Beitrag rekapituliert und analysiert die Begründung des Suizidhilfeurteils des BVerfG und nimmt Stellung dazu, welche Folgerungen für eine mögliche gesetzgeberische Handhabung des Problems zu ziehen sind. Er argumentiert, dass namentlich die besondere Bezugnahme auf den Menschenwürdeaspekt und die umfangreichen Ausführungen zu den Voraussetzungen freiverantwortlicher Entscheidungsfindung dagegen sprechen, das Urteil schlicht im Sinne einer weitgehenden Liberalisierungslogik zu verstehen.

Überlegungen zur gesetzlichen Regelung der Suizidassistenz in Deutschland

Frister, Helmut

Der Beitrag befasst sich mit der Regelung der Suizidassistenz nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Nichtigkeit des Straftatbestands der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung. Er legt dar, dass die Rechtsordnung den Ursachen für Suizidentscheidungen so weit wie möglich entgegenzuwirken und die Menschen vor unfreien oder nicht auf einer persönlichen Überzeugung beruhenden Suizidentscheidungen zu schützen hat, dabei aber die Ausübung des Rechts auf ein selbstbestimmtes Sterben nicht in unzumutbarer Weise erschweren darf.

Fallbericht mit psychologischem und ethischem Kommentar

Kruse, Andreas

Todesangst und Sterbekunst. Corona und die ars moriendi (nova)

Arnold-Krüger, Dorothee

Das Spätmittelalter bildete eine ars moriendi aus. Aufgrund der neuzeitlichen Prozesse und des religiös-kulturellen Pluralismus in der Gegenwart ist diese ars moriendi überholt. Zugleich entsteht ein neues Bewusstsein für den Umgang mit dem Sterben, das sich in einer ars moriendi nova ausdrücken kann. Mit der Corona-Pandemie gerät diese scheinbar an ihre Grenzen. Zugleich verweist die ars moriendi nova auf die notwendigen Reflexionen des Sterbens wie auch der Bedingungen, in denen sich dieses vollzieht.

Héctor Wittwer, Das Leben beenden. Über die Ethik der Selbsttötung, Paderborn (mentis) 2020, 281 Seiten.

Schaupp, Walter

Willibald J. Stronegger/Kristin Attems (Hg.), Das Lebensende zwischen Ökonomie und Ethik. 2. Goldegger Dialogforum Mensch und Endlichkeit (Bioethik in Wissenschaft und Gesellschaft, Bd. 7), Baden-Baden (Nomos) 2019, 189 Seiten.

Manzeschke, Arne

Maria Wasner/Josef Raischl (Hg.), Kultursensibilität am Lebensende: Identität – Kommunikation – Begleitung, Stuttgart (Kohlhammer) 2019, 288 Seiten.

Ilkilic, Ilhan